Else Thalheimer  (Teil 1)

 

Else Thalheimer

Ein Lebensweg von Köln nach Tel Aviv


Teil 1

 

von
Herbert Henck

 

 


Teil 1

              Einleitung
Kap. 1    Herkunft und Familienverhältnisse
                       
Else Thalheimer
                       Salo B. Lewertoff
Kap. 2    Gymnasium. Studien in Bonn, München und Köln
Kap. 3    Die Kölner „Gesellschaft für neue Musik“
              Anmerkungen zu Teil 1


Teil 2

Kap. 4    Das Buch VON NEUER MUSIK
                       
Die Entstehung des Buchs
                       Zur Geschichte und Arbeit des Marcan-Verlags
                       Die drei Herausgeber und der Verleger
                       Der Briefwechsel mit Ferruccio Busoni
                       Die Veröffentlichung, ein Verlagskatalog und ein Inserat
Kap. 5    Fritz Jacob Marcan
              Anmerkungen zu Teil 2


Teil 3

Kap. 6    „Jüdischer Kulturbund Rhein-Ruhr“ und „Jüdische Kunstgemeinschaft“
                       
Paul Hindemith
Kap. 7    Auswanderung, Leben in Palästina, Israel und den USA
                       
Emigration. Hubermans „Palestine Symphony Orchestra“
                       Europareise
                       Amerika, erster Aufenthalt
                       Ein letzter Besuch in Köln
                       Rückkehr nach Israel
                       Amerika, zweiter Aufenthalt
                       Letzte Jahre in Israel
Kap. 8    Else Thalheimers Publikationen
Kap. 9    Chronologie Else Thalheimer (Else Lewertoff)
Kap.10   Chronologie Fritz Jacob Marcan
              Anmerkungen zu Teil 3


Abbildungen

Abb. 1    Else Thalheimer
Abb. 2    Shlomo Baruch Lewertoff
Abb. 3    Aus dem Katalog des Verlags von F. J. Marcan
Abb. 4    Inserat des Buches VON NEUER MUSIK
Abb. 5    VON NEUER MUSIK (Köln 1925). Äußeres des Buchs
Abb. 6    Inserat des Porzellangeschäftes von Jacob Marcan


Ausführlichere Informationen über einzelne Personen

               Busoni, Ferruccio (Briefwechsel 1924 mit Marcan-Verlag)
               Grues, Heinrich Franz
               Hindemith, Paul
               
Kruttge, Franz Erich Gerhard Eigel
               Lemacher, Heinrich, passim
               
Lewertoff, Gad Menahem
               Leyendecker, Herbert Wilhelm Georg
               Schönberg, Arnold (Briefwechsel 1923–24 mit Marcan-Verlag)
               Wedig, Hans Josef


Dank

Bibliografischer Nachtrag April 2015

 

 

 

Einleitung

Nachstehende Mitteilungen über Else Thalheimer und ihren Ehemann Salomon Bernhard (S. B.) Lewertoff sind nicht abgeschlossen, uneinheitlich und weniger ein Porträt als eine Zusammenführung von Erkenntnissen zu nennen. Nur in einigen Kapiteln kann der Versuch eines genaueren Überblicks unternommen werden, doch vereint das Verfahren weder alles Bekannte noch überhebt es der Sichtung ungenannter und vielleicht übersehener Quellen.

Gegen Ende Oktober 2009 erfuhr ich im Rahmen einer Internet-Recherche, dass sich an der „Yale University Library“ in New Haven (Connecticut, USA) zwei Archivboxen unter der Bezeichnung „Lewertoff papers“ (1925–1965) mit Dingen aus dem Nachlass Else Thalheimers befänden. Dazu muss man wissen, dass Else Thalheimer in den Jahren nach ihrer Heirat (1935) stets den Namen ihres Ehemannes Lewertoff, zum Teil auch in Form eines Doppelnamens trug. Diese Dokumente, die manches hier Gesagte bestätigen, ergänzen oder in Frage stellen könnten, ähnlich den eingesehenen Quellen auszubreiten, entzog sich meinen Möglichkeiten, denn es würde nicht nur einen Aufenthalt in den USA, sondern auch eine Arbeit an der besitzenden Institution voraussetzen. Im Online-Katalog der Bibliothek sind die Archivalien mit der Anmerkung versehen: „Call Number: Osborn Shelves Lewertoff | Chiefly in German. Some material in Hebrew, English, and French. | Gift of James Marshall and Marie-Louise Osborn.“ [1]

Somit musste ich meinen ursprünglichen Plan fallenlassen, Leben und Werk Else Thalheimers in geschlossener Form zu behandeln, und ich hatte meine Untersuchungen auf das zu begrenzen, was mir leichter zugänglich war. Dass ich mich hierbei der Unterstützung von Prof. Gad Lewertoff in Tel Aviv, Israel, dem Sohn von Else Lewertoff-Thalheimer und S. B. Lewertoff, erfreuen durfte, glich gewiss viele Nachteile wieder aus und erwies sich in mancherlei Hinsicht sogar als außerordentlicher Vorzug, doch kann dies die Kenntnis des wo immer als Quelle Vorliegenden natürlich nicht überflüssig machen. Auf die Frage, wie die Dokumente seiner Mutter nach Yale gelangten, schrieb mir Gad Lewertoff am 6. November 2009 in einer E-Mail: „Soviel ich mich erinnere, hat meine Mutter mehrere Dokumente und einige Briefwechsel der Yale School of Music hinterlassen.“ Da Else Lewertoff zweimal in oder nahe bei New Haven wohnte und ihr Sohn hier studierte, ist diese Erklärung verständlich.

Die Entstehung, Gestaltung und Hintergründe des Buchs VON NEUER MUSIK, das Else Thalheimer mitherausgegeben hatte, rückten damit ebenso in den Vordergrund wie zahlreiche Dinge über den Kölner Verleger Fritz Jacob Marcan, dessen Wege infolge seiner Emigration zur Zeit des Nationalsozialismus über England in die Niederlande führten. Else und S. B. Lewertoff emigrierten aus Deutschland kurz nach ihrer Heirat noch einige Jahre früher als Marcan, und die Geschichte ihres gemeinsamen Lebens setzte sich nach Anfängen in den zwanziger Jahren in Köln seit Mitte der dreißiger Jahre in Palästina und später dem Staate Israel fort, hierauf in den USA und wieder in Israel, wo Shlomo Lewertoff 1965 starb. Else Lewertoff (geb. Thalheimer) kehrte nach dem Tod ihres Mannes in die USA zurück, wohnte erneut bei New Haven in der Nähe ihrer Schwester und nahm nach etwa fünf Jahren ihren Wohnsitz endgültig in Israel.

Über die in Yale befindlichen Dokumente hinaus wurde mir freilich im Laufe der Zeit klar, dass weit mehr Quellen in die nun vorliegende Untersuchung einzubeziehen waren, als ich anfangs geglaubt hatte. In den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts scheint Else Lewertoff eine rege publizistische Arbeit sowohl für amerikanische wie israelische Zeitungen und Zeitschriften entfaltet zu haben, die jedoch nur ausnahmsweise zu meiner Lektüre gelangte. Trotz des Verfolgens mancher Spur und der Vorteile des Internets bin ich mir bewusst, dass vieles Mitgeteilte nicht mehr als ein Ansatz, ein Gerüst oder eine Art europäischer Hälfte sein kann, die nicht viel über die Emigration hinausreicht. Späteres ist somit in gröberen Zügen festgehalten als die Jahre bis 1935, und ich hoffe, dass das jetzt Vorgelegte eines Tages durch die in Israel oder den Vereinigten Staaten befindlichen Quellen vervollständigt werden kann.

Verschiedenes ist über die Kölner „Gesellschaft für neue Musik“, den „Jüdischen Kulturbund“ oder das „Palestine Symphony Orchestra“ inzwischen erforscht, beschrieben, im Druck erschienen und nachlesbar, worauf in den jeweiligen Kapiteln nach Möglichkeit hingewiesen wird. Auch hatte ich hier den Vorteil, Else Lewertoffs Erinnerungen in den Lauf des Geschehens einbeziehen zu können, die bisher nicht ausgewertet waren, so dass sich das Zitieren dieses Typoskripts als eine Art von rotem Faden durch alles Gesagte ziehen wird. Mancher Zusammenhang scheint mir erst durch diesen Umstand hergestellt zu werden, leichter verständlich oder belegbar zu sein, und zahlreiche Einzelheiten dieser Erinnerungen dürften den Weg zu weiterer Erschließung des Vorgefallenen ebnen. [2]

 

 

Kapitel 1
Herkunft und Familienverhältnisse

 

Else Thalheimer

Schon gleich zu Beginn ist auf die Erinnerungen von Else Lewertoff, geborene Thalheimer, als Quelle für die unmittelbar anstehende Thematik hinzuweisen. Die Autorin empfiehlt zwar, die ersten drei Kapitel ihrer Schrift „zu überschlagen“, falls man als Leser kein Interesse an einer „Familienchronik“ habe (S. 3), doch werden gerade am Anfang ihres Buchs, das bis heute unveröffentlicht blieb, Namen und konfessionelle Bindungen, Berufe, Zu- und Abneigungen sowie andere Merkmale in der großen, verzweigten Verwandtschaft genannt, die sonst nur selten auffindbar sind und in vielerlei Hinsicht die Grundlage dieser Erinnerungen bilden.

Else Thalheimer [3] wurde am 4. November 1898 in Köln geboren und sie starb am 27. Mai 1987 in Tel Aviv, Israel. [4] Die Familie wohnte bei ihrer Geburt in Köln in der Triererstraße 16 [4a]. Else Thalheimers Vater war Jakob (Jacob) Thalheimer, 1866 in Niederstetten geboren (ca. 50 km südlich von Würzburg), gestorben 1943 in Raanana (ca. 20 km nördlich von Tel Aviv). [5] Er war von Beruf „Fabrikant“, der dank seiner Tüchtigkeit nach der kaufmännischen Ausbildung alsbald Reisender, dann Mitbesitzer und schließlich Alleinbesitzer einer Kölner Kleiderfabrik wurde („älteste Berufskleiderfabrik ihrer Branche“). [6] Über seinen Werdegang bemerkte Jacob Thalheimers Tochter: „Diese Leistungen sind umso anerkennenswerter[,] als mein Vater nur schwer seine Schüchternheit überwand.“ [7]

Else Thalheimers Mutter war Sofie (Sophie) Thalheimer, deren Familienname vor ihrer Heirat Guttmann (selten Guthmann oder Gutmann) lautete. [8] Sie wurde am 10. Dezember 1874 in Mannheim geboren und verstarb im Dezember 1953, wie ihr Ehemann nach ihrem 79. Geburtstag und ebenfalls in Raanana bei Tel Aviv. [9] Else Thalheimer schrieb im Jahre 1974 über sie: „My mother was very musical and an accomplished singer […]“, [10] und über die musikalische Ausbildung und Betätigung ihrer beider Eltern überliefert sie:

    „Mein Vater hatte zwar keinerlei praktische Erziehung in dieser Kunst erfahren, aber dafür erschien er uns allen immer als der rührendste Musikliebhaber. Den höchsten Genuss bedeutete es für ihn, meine Mutter singen zu hören, was jeder ihm ohne weiteres anmerkte. Bei solchen Gelegenheiten war sein gutmütiges Vollmondgesicht so verklärt von einem seligen Lächeln, dass es zu einer Herausforderung wurde, ihm den Spitznamen ,Der musikalische Jacob‘ zu geben. Aber teilten wir nicht alle seine Begeisterung? Nie habe ich eine Stimme mit einem reizvolleren Timbre vernommen als die meiner Mutter. Sie war mit ihrem natürlichen Temperament und ihrer gewinnenden Erscheinung geradezu für die Bühnenkarriere prädestiniert. Jedoch diese Welt war ihr durch die damals herrschenden Vorurteile verschlossen. Auf Grund dieser Engstirnigkeit gab es nur eine Alternative: Respektabilität oder Theaterlaufbahn.“ [11]

 

 


Abb. 1
Else Thalheimer (etwa 1932)
Foto von Salo B. Lewertoff. Aus dem Privatbesitz von Gad Lewertoff, Tel Aviv
Reproduktion mit freundlicher Genehmigung des Eigentümers. Alle Rechte vorbehalten. [12]

 

Beide Eltern, die am 19. Dezember 1896 in Köln geheiratet hatten, [13] waren gläubige Juden, und Else Lewertoff stellte 1974 fest: „Both my parents have always been observant Jews and have been so well accepted by their many gentile friends that they were almost incapable to realise the upcoming Holocaust.“ [14] Und in ihren Erinnerungen heißt es: „Bei all ihrer Assimiliertheit waren meine Eltern immer gute und bewusste Juden. Sie hielten die Feiertage, gingen regelmässig in die Synagoge, und wir alle fasteten am Jom Kippur [höchster Feiertag der Juden]. Wir Kinder taten dies freiwillig, sie hätten uns nie dazu gezwungen.“ [15]

Das einzige Geschwister Else Thalheimers war Margaretha Isabella (zumeist Grete, seltener Margarete, Margret oder Gretel) Thalheimer, geboren am 21. September 1897 in Köln, verstorben vermutlich nach 1979, [16] verheiratet mit Jules Löwenthal (in den USA beide auch mit Nachnamen „Lowe“). [17] Sie lebte, der vorausgehenden Anmerkung zufolge, nach ihrer 1940 erfolgten Emigration mit ihrer Familie in New Haven, Connecticut, wo später auch Else Lewertoff zweimal wohnte. [18] Über die musikalische Tätigkeit ihrer Schwester teilt Else Thalheimer mit: „she was also active in the field of music as singer and teacher“. [19] Die in Cöln geborene Margarete Thalheimer studierte hier am Städtischen Konservatorium bei Martha Fischer-Beines Sologesang, 1915/1916 im 1. Jahr. [19a]

Zwei Angehörige der Familie Thalheimer wurden in unterschiedlichen Bereichen international bekannt. Ein Cousin des Vaters war der gebürtige Kölner Alfred Breitenbach (1875–1942), der nach seiner Emigration in die USA im Jahre 1900 den Namen Fred Fisher trug und dort als Songwriter populär wurde. [20] – Und ein Großonkel der Mutter, und somit Urgroßonkel von Else Thalheimer, war der im neunzehnten Jahrhundert berühmte Schriftsteller Berthold Auerbach (1812–1882) aus Nordstetten [nicht zu verwechseln mit Niederstetten] bei Horb am Neckar, der zunächst Mo(y)ses Baruch Auerbacher mit Namen hieß. Seine Schwarzwälder Dorfgeschichten (anfangs 1843–1854), die seinen Ruhm begründeten, wurden nicht nur von Iwan Sergejewitsch Turgenew oder Leo Tolstoi, die beide Auerbach besuchten, geschätzt, sondern fanden auch die Bewunderung von Jakob Grimm, Ludwig Uhland, George Sand, Friedrich Theodor Vischer, David Friedrich Strauß, Gottfried Keller und vielen anderen Literaten und Philosophen des neunzehnten Jahrhunderts. [21]

Wohl noch in die Zeit vor den Ersten Weltkrieg fallen die Erinnerungen Else Thalheimers, die sie ihrer privaten Musiklehrerin namens Kriege auf den Seiten 40–43 ihres Buchs widmete. Diese vielfach negativen Aspekte ihres privaten Musikunterrichts seien nicht wiederholt, sondern nur durch eine Anmerkung ergänzt, da sie in der Vorlage schon vergleichsweise breiten Raum einnehmen und doch damit zu rechnen ist, dass das Buch Erinnerungen von Else Lewertoff eines Tages veröffentlicht sein wird und man selbst nachlesen kann, wovon hier die Rede ist. [21a] Da Else Lewertoff in ihrem Buch auf S. 38 schrieb: „Als ich mein sechstes Lebensjahr erreicht hatte [am 4. November 1904], schien es meiner Mutter angebracht, mit meiner Schwester und meiner musikalischen Ausbildung zu beginnen.“, könnte die zeitliche Abfolge an etwa stimmen.

 

Salo B. Lewertoff

Auf Salo B. Lewertoff, seit 1935 der Ehemann von Else Thalheimer, dessen musikbezogene Arbeit sowohl in der Kölner „Gesellschaft für neue Musik“, im „Jüdischen Kulturbund Rhein-Ruhr“, in der „Jüdischen Kunstgemeinschaft“ Kölns wie auch später beim „Palestine Symphony Orchestra“ weitgehend parallel zu der Arbeit Else Thalheimers verlief, wird im Laufe dieses Aufsatzes verschiedentlich eingegangen. Seine Frau nannte ihn in ihren Erinnerungen fast immer „Töff“ (nur selten „Shlomo“) und führte diesen Namen, der sich offenbar schnell einbürgerte, auf Hans Wilhelm Steinberg (1899–1978) und die zwanziger Jahre in Köln zurück. [22] In den Erinnerungen widmete Else Lewertoff ihrem Mann besonders das Kapitel Das war Töff, beschrieb seine Eltern, ging im Kapitel In memoriam Kurt Joseph Lewertoff auch auf seinen Bruder ein und gab im Kapitel Keine goldene Mazewe einen längeren Brief im Wortlaut wieder, den ihr Mann 1947 an den Geiger Bronislaw Huberman gerichtet hatte. Darüber hinaus gibt es noch zahlreiche Bemerkungen, die das Bild von Salo B. Lewertoff vervollständigen. Einige grundsätzliche Informationen seien jedoch noch vorausgeschickt. [23]

Salo(mon) Bernhard Lewertoff, der in Palästina bzw. Israel seine Vornamen (nicht aber seine Initialen) in Shlomo Baruch änderte, wurde am 22. September 1901 in Höxter in Westfalen geboren [24] und starb am 2. Februar 1965 im Alter von 63 Jahren in Tel Aviv. [25] Seine Eltern waren Bernhard Salomon Lewertoff und Zerline Lewertoff, geborene Schiff. [26] In Köln war S. B. Lewertoff immatrikuliert und studierte als „Nichtabiturient“ vom Wintersemester (WS) 1921/22 bis zum WS 1922/23 Wirtschaftswissenschaften (auch „Ökonomie“ genannt); eine Prüfung legte er wegen der Kürze des Studiums hier aber nicht ab. [27]

Für die Kölner „Gesellschaft für neue Musik“, in deren Vorstand Lewertoff als Schatzmeister wirkte, betreute er früher oder später auch organisatorische Fragen. In dem Aufsatz von Heinrich Lemacher Besondere Ziele der Rheinzentrale (1923) wird Lewertoff als „Kaufmann“ von Beruf und als „Kassierer“ der „Gesellschaft für neue Musik“ bezeichnet, [28] im Juni 1928 als Vorstandsmitglied [29] und in einem Inserat von 1931 unter anderem für „Organisationsfragen“ zuständig genannt. [30] Lemachers Überblick (1956) führt ihn zudem als „Schriftführer“ der „Gesellschaft für neue Musik“ auf. [31]

 

 


Abb. 2
Shlomo Baruch Lewertoff (etwa 1950)
Unbekannter Fotograf. Aus dem Privatbesitz von Gad Lewertoff, Tel Aviv
Reproduktion mit freundlicher Genehmigung des Eigentümers. Alle Rechte vorbehalten. [32]

 

Lewertoff gehörte nach 1933, ebenso wie Else Thalheimer, zum Vorstand des „Jüdischen Kulturbundes Rhein-Ruhr“. [33] Ist über beider Arbeit in diesem Gremium auch nur wenig bekannt, so stellte Lewertoff doch den Mitteilungen des „Jüdischen Kulturbunds Rhein-Ruhr“ einige Fotos zur Verfügung, welche das Geschehen auf der Bühne in Semen Juschkewitschs Theaterstück Sonkin und der Haupttreffer festhielten und 1934 zum Abdruck kamen. [34] Lewertoff inszenierte im Dezember 1934 Paul Hindemiths Bühnenspiel für Kinder Wir bauen eine Stadt in der „Jüdischen Kunstgemeinschaft“ Kölns und verfasste etliche Zwischentexte, welche die Rahmenhandlung verbanden (vgl. Kap. 6).

Salo B. Lewertoff nahm, etwa im Jahre 1932, auch das Porträtfoto von Else Thalheimer auf, das hier als Abb. 1 reproduziert wurde. Sein Sohn bemerkte hierzu: „ […] mein Vater hat sehr viel, und vor allem, sehr gut fotografiert.“ [35]

Das einzige Kind der Ehe von Else Thalheimer und S. B. Lewertoff ist der 1938 in Tel Aviv geborene Gad Menahem Lewertoff, der nach mehrjährigen Aufenthalten in den USA und der Schweiz seit 1966 wieder in seiner Geburtsstadt lebt, in Tel Aviv an der dortigen Universität unterrichtet und als einer der besten Bratschisten seines Landes gilt. Ihm ist für die Unterstützung vorliegender Forschungen sehr herzlich zu danken. [36]

 

 

Kapitel 2
Gymnasium. Studien in Bonn, München und Köln

In welchem „Lyzeum“ [37] Else Thalheimer ihr Abitur ablegte, ging aus keiner der Quellen hervor, und nur das Jahr 1918 wurde in dem Bonner „Promotionsalbum“ einmal als Zeitpunkt diese Abschluss-Prüfung genannt. [38] Da im Zusammenhang mit dem Reifeprüfungsjahr hier aber auch die Wendung „Studienanstalt der gymnasialen Richtung“ fiel und es in Köln nur eine Schule mit dieser Bezeichnung gab, kann man annehmen, dass Thalheimer jenes „Cölner Mädchengymnasium“ (Lyzeum) besuchte, welches von Mathilde von Mevissen 1903 als erstes Mädchen-Gymnasium in Preußen und zweites in ganz Deutschland eröffnet worden war. [39] Dieses Kölner Gymnasium hatte zur Grundlage eine humanistische (altsprachliche) Ausbildung, und da in Else Thalheimers Münchener Studenten-Karteikarte ebenfalls ein humanistisches Gymnasium angegeben war, wird diese Annahme bekräftigt. [40] In ihren Erinnerungen verwendet Else Lewertoff zwar nur den allgemeinen Ausdruck „Höhere Töchterschule“, was keine genauere Bestimmung erlaubt, [41] erwähnt bei der Behandlung ihres Bonner Studiums aber einmal ihre „humanistische Erziehung“ [42]. In demselben Typoskript schreibt sie über ihre Ausbildung: „ich studierte nach meinem Abitur an der Bonner Universität Musikwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte“, wobei sie nichts von einem vorausgehenden Wechsel oder Umzug nach München erwähnt. [43] Somit gibt es zumindest einige Anhaltspunkte, dass Else Thalheimer ihre Reifeprüfung 1918 in Köln an dem genannten Gymnasium Mathilde von Mevissens ablegte.

Nach ihrem Abitur studierte Thalheimer zunächst zwei Semester an der Bonner Universität (Sommersemester 1919 und Wintersemester 1919/20) und anschließend ein Semester lang in München (Sommersemester 1920). Ab dem Wintersemester 1920/21 setzte sie ihr Studium in Bonn fort, wo sie am 29. November 1922 die mündliche Prüfung ablegte und am 1. März 1924 schließlich promoviert wurde. [44] Die im Bonner „Promotionsalbum“ genannte Abfolge der Studienorte „Bonn, München, Bonn“ ließ sich damit bestätigen. [45]

Über das geistige Klima ihres Studiums in Bonn bemerkt Else Lewertoff:

    „In Bonn hatten wir ein sehr fortschrittliches und leistungsfähiges Musik-Seminar. Zwischen Studenten und Professoren war ein ständiger Rapport. So lag es auf dieser Linie, dass ich, wie meine besten Kollegen, mein Doktorexamen mit Magna cum Laude bestand. Wir hielten alle sehr zusammen, und es hatte sich als eine Gewohnheit ergeben, dass wir stets in einer Gruppe die nationalen und die internationalen Musikfeste besuchten. Unsere Reisen finanzierten wir mehr oder weniger mit dem Verfassen von Artikeln und Kritiken. – Der moderne Geist zeigte sich erfreulicherweise sowohl bei den Dozenten als auch bei den Studenten. Damals schon hatten wir Vorlesungen und Diskussionen über Arnold Schönberg. –“ [46]

Doch hielt Else Lewertoff auch Erfahrungen anderer Art fest:

    „Später [nach dem 1. Weltkrieg], als ich die Bonner Universität besuchte, sah ich in den Hörsälen viele schwer verwundete Studenten, darunter auch einige mit Gesichtern, die keine mehr waren. Damals hatten die plastische Chirurgie und die kosmetischen Operationen noch nicht die hohe Entwicklungsstufe erreicht, die nur eine zu selbstverständliche Folge der in der Zukunft nie ablassenden Kriegsereignisse war. Die meisten meiner Studienkollegen waren Zurückgekehrte aus dem Krieg, daher wesentlich älter und gereifter als ich. Dies führte zu einem anspornenden Wettbewerb, und ich habe von ihnen manchmal mehr gelernt als von den Professoren.“ [47]

Über die in München verbrachte Zeit ließ sich durch meldeamtliche Unterlagen im Stadtarchiv von München in Erfahrung bringen, dass Else Thalheimer hier vom 28. April bis zum 29. Juli 1920 in der Reichenbachstraße 12/1 wohnte („bei Schlüsselblum“). [48] Dieser Aufenthalt diente offenbar ihrem Studium, da der Meldebogen mit dem Hinweis auf eine Ausweiskarte der Universität München versehen war. [49] Bestätigen ließen sich diese Angaben anhand einer Karteikarte mit der Signatur „Stud.-Kart. I, Thalheimer, Else“, die sich im Archiv der Ludwig-Maximilians-Universität München befindet. Diesem Dokument zufolge war Else Thalheimer nur im Sommersemester 1920 in München eingeschrieben. Der Tag ihrer Immatrikulation war Freitag, der 30. April 1920; ihre Exmatrikulation fand am Montag, dem 26. Juli 1920 statt. Anmeldenummer war die Nr. 336, als Studienfach wurde „Phil[osophische Fakultät] (Musik)“ angegeben. Das „H“ in einer Gruppe von Abkürzungen wurde unterstrichen und ist als „Humanistisches Gymnasium“ zu lesen, [50] während „isr.“ die gängige Abkürzung für „israelitische Konfession“ sein dürfte. Unter „Wohnung“ lautet der Eintrag „Reitmor= 12/1“ (Reitmorstraße 12, erster Stock), [51] unter „Bemerkungen“ steht: „532/1040 Exm[atrikulation am] 26.7.1920“. Auf der Karte ist ein passbildartiges Foto von Else Thalheimer aufgeklebt (ca. 27 × 35 mm), das somit spätestens aus dem Jahre 1920 stammt.

Als weiteres Dokument verwahrt das Münchener Universitätsarchiv unter der Signatur UAM, Stub.-BB-617 [sic; vermutliche Abkürzung von: Universitätsarchiv München, Studenten-Belegbogen] ein Belegblatt. Auf diesem Blatt notierte Else Thalheimer die von ihr besuchten Vorlesungen, wobei sie, in alphabetischer Folge, folgende Hochschullehrer und Themen verzeichnete:

    „Frankl, Die neueren Theorien über Verskunst und Wesen der      mittelalterlichen Kunst; [52]
    Geiger, Geschichte der neueren Philosophie seit Descartes; [53]
    Sandberger, Geschichte der Instrumentalmusik nach Beethoven; [54]
    Sandberger, Beethovens Leben und Werke 1817–1821 (3. Periode);
    Sandberger, Musikwissenschaftliche Übungen für Anfänger und      Fort
    geschrittene;
    Wölfflin, Italien und seine Kunst; [55]
    Wölfflin, Erklärung der Alten Pinakothek im Zusammenhang einer
         allgemeinen Entwicklungsgeschichte der neueren Malerei“ [56]

 

Zu der Zeit von Else Thalheimers Studium in München überliefert sie eine der „typischen Bemerkungen“ ihres Vaters Jacob:

    „Als ich längere Zeit in München studierte, fragte ihn [den Vater] einmal meine Mutter, die sich sehr nach mir sehnte: ,Wie mag jetzt nur unsere Else aussehen?‘ – ,Braun und dürr‘, war die Antwort.“ [57]

Natürlich ist diese Entgegnung gleich anderem nur im Zusammenhang zu verstehen, und man muss zufügen, dass Else Thalheimer ihre Eltern außerordentlich verehrte und sie nach der eigenen Emigration bewog, ihr nach Palästina zu folgen: „Meine Eltern kamen gerade noch vor Torschluss.“ [58]

Über die Gründe für Thalheimers Wechsel nach München ist mir nichts bekannt, doch wäre vielleicht auch der Einfluss des späteren Kölner Verlegers Fritz Marcan zu bedenken, der, mit Unterbrechung durch den Heeresdienst, zwischen 1916 und 1920 an der Münchener Universität studierte und der mit den Verhältnissen in der bayerischen Metropole vertraut gewesen sein dürfte. [59] Nach dem nur etwa dreimonatigen Studium an der Münchener Universität [60] setzte Thalheimer den Hauptteil ihres Studiums an der Universität Bonn mit Belegung der Fächer Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie fort. Die Prüfung im Rahmen der Erlangung des Titels „Dr. phil.“ (Doktor der Philosophie) fand am Mittwoch, dem 29. November 1922 statt. [61] Doktorvater (Berichterstatter, Referent) war Prof. Dr. Ludwig Schiedermair. [62] Die Promotion, zu der nicht eine anfangs geplante Arbeit über Gustav Mahler [63], sondern die Dissertation Johanna Kinkel als Musikerin gehörte, erfolgte am 1. März 1924. [64] Später (1974) bezeichnete Thalheimer als ihre Bonner Hochschullehrer den Musikwissenschaftler Ludwig Schiedermair (1878–1957), den Kunstwissenschaftler Paul Clemen (1866–1947) sowie den Psychologen und Philosophen Gustav Wilhelm Störring (1860 bis 1946). [65]

In Zusammenhang mit Hans Wedig (1898–1978 [66]), mit dem sie sich in Bonn auf das Examen in Kunstgeschichte vorbereitete, [67] sagt sie über ihre damaligen Wohnverhältnisse: „Ich hatte immer ein Zimmer in Bonn, obschon ich viele Nächte in Köln bei meinen Eltern verbrachte.“ [68] Thalheimer hatte Wedig in ihrem ersten Bonner Semester – durch die Vermittlung von Wölfi Seligmann – kennengelernt und widmete ihm, der sie im Jahr vor seinem Tode noch in Tel Aviv besucht hatte, in ihren Erinnerungen das Kapitel Ein Freund fürs Leben (S. 91–100).

Außer an der Bonner Universität nahm Thalheimer auch Unterricht am „Cölner Conservatorium“, das erst 1925 die Anerkennung als Staatliche Hochschule erhielt. Sie schreibt darüber: „Gleichzeitig [zu dem ersten Studienabschnitt in Bonn] war ich Schülerin der Kölner Hochschule für Musik. Meine Fächer: Klavier, Theorie, Partiturspiel und Instrumentation.“ [69] Thalheimers Lehrer waren hier Hermann Abendroth (1883–1956), der seit 1915 Direktor des Kölner Konservatoriums, Generalmusikdirektor der Stadt Köln und bis 1934 Dirigent des Kölner Gürzenich- Orchesters war, sowie der Klavierpädagoge Lazzaro Uzielli (1861–1943), der seit 1907 eine Klavier-Professur in Köln innehatte. [70] Abendroth und Uzielli waren auch die Lehrer des in Köln geborenen und später berühmten Dirigenten Hans Wilhelm Steinberg (William Steinberg), mit dem Thalheimer seit ihrer Kinderzeit befreundet war und den sie 1936 in Palästina wiedersah. [71] Ebenso waren Abendroth und Uzielli Lehrer des Komponisten und Chorleiters Hans Wedig. [72]

 

 

Kapitel 3
Die Kölner „Gesellschaft für neue Musik“

Über die Kölner „Gesellschaft für neue Musik“ berichtete Else Thalheimer in ihrem Zeitschriften-Beitrag Pionierarbeit in Köln, der in der Mai-Juni-Ausgabe 1927 der Wiener Musikblätter des Anbruch erschien. Einleitend hieß es hierüber: „Die Gesellschaft für neue Musik (Köln) wurde auf Anregung des Philosophen Dr. H[erbert] Leyendecker am 12. Jänner [Januar] 1921 von einem Kreise junger Musiker gegründet.“ [73]

Der aus Köln stammende und an der Münchener Universität promovierte Philosoph, Kunstwissenschaftler, Kunsthändler und Psychotherapeut Herbert Wilhelm Georg Leyendecker (geboren am 24. Juni 1885 in Köln, gestorben am 29. Juni 1958 in Wiesbaden) wird zur Gruppe der „Münchener Phänomenologen“ gerechnet, auf die noch mehrfach zurückzukommen ist. [74]  Im Augenblick sei nur festgehalten, dass einerseits Else Thalheimer den Phänomenologen Moritz Geiger während ihres Münchener Studiums (1920) schätzen lernte, und andererseits auch der Kölner Fritz Jacob Marcan, von dem das 1925 von Thalheimer mitherausgegebene Buch VON NEUER MUSIK verlegt wurde, zumindest zu den Anhängern oder Bewunderern dieser auf Edmund Husserl zurückgehenden Philosophie gehörte. [75]

Die Ähnlichkeit der neuen Kölner Gesellschaft mit Schönbergs 1918 in Wien gegründetem „Verein für musikalische Privataufführungen“, in dem man das Verständnis der Musik unter anderem durch mehrfaches Hören wie die Vermeidung von allzu großer „Öffentlichkeit“ der Veranstaltungen fördern wollte, wurde auch in dem Aufsatz Thalheimers hervorgehoben, und sie verwies darauf, dass die Kölner Gesellschaft in den ersten Jahren ihres Bestehens im In- und Ausland so bekannt geworden sei, „daß sie heute [um 1926] als die bedeutendste ihrer Art in Westdeutschland gelten darf.“ Im Hinblick auf die absolute Größe der Gesellschaft sprach sie von „annähernd dreihundert“ Mitgliedern. [76]

Zwar scheint die Kölner „Gesellschaft für neue Musik“ bald als Unter- oder Ortsgruppe der „Internationalen Gesellschaft für neue Musik“ (IGNM) betrachtet worden zu sein, doch da als Gründungstag der IGNM der 11. August 1922 und als Gründungsort das renommierte Salzburger „Café Bazar“ gelten, [77] ging die Gründung der Kölner Gesellschaft dem internationalen Zusammenschluss offenbar um mehr als anderthalb Jahre voraus. Später scheint eine Vereinigung jedoch offiziell erfolgt zu sein (etwa 1923–1928), denn in einem Inserat, welches wohl noch vor dem 18. Mai 1931 erschienen ist, hieß es: „INTERNATIONALE GESELLSCHAFT FÜR NEUE MUSIK | SEKTION DEUTSCHLAND, ORTSGRUPPE KÖLN“. [78]

Natürlich überschnitten sich die Interessen der beiden Gesellschaften, und eine Vereinigung mit nachfolgendem Austausch von Informationen, Programmen und Musikern war nicht allein wirtschaftlich, sondern auch ästhetisch sinnvoll für alle Beteiligten. Auch verdichtet sich der Wunsch nach Bildung einer Gesellschaft gewöhnlich nicht abstrakt in nur einem Kopf, sondern ist zumeist von den Bedürfnissen mehrerer Gleichgesinnter getragen. Man spricht dann davon, eine Idee habe „in der Luft gelegen“, wobei man oft auch nicht mehr anzugeben weiß, wer eigentlich zuerst auf einen Gedanken kam und ein inzwischen verbreitetes Anliegen ursprünglich zur Sprache brachte.

Walter (Walther) Jacobs (1881–1958), viele Jahre Kritiker und Beobachter des Kölner Musiklebens, [79]  berichtete 1923 in seinem Porträt Musikstadt Köln:

    „Neben dem Tonkünstlerverein [80], dessen Vorsitz Karl Wolf [81] inne hat, besteht jetzt auch hier eine Gesellschaft für neue Musik, die nach Schönbergs Muster in Wien durch private Aufführungen den Boden für das Verständnis neuer Musik bereiten will und die sich unter der Führung von Dr. Heinrich Lemacher keineswegs nur der radikalsten Moderne verschrieben hat. Das Wachstum dieser Musikgemeinde ist ein Zeichen dafür, daß sich viele Gebildete mehr und mehr von dem öffentlichen Konzertbetrieb abwenden.“ [82]

In demselben Deutschen Musikjahrbuch (1923) von Rolf Cunz, dem vorstehendes Zitat entnommen ist, war jedoch auch ein längerer Bericht über die neue Kölner Gesellschaft zu lesen, der von ihrem ersten Vorsitzenden Dr. Heinrich Lemacher (1891–1966) stammte. [83]  Aus diesem Aufsatz, der den Titel Besondere Ziele der Rheinzentrale trug, ging zunächst das „energische Betreiben des Philosophen Dr. H. Leyendecker (Berlin)“ hervor, das zur Gründung der Gesellschaft führte. Dass hier Berlin als Wohnort genannt war, erklärt sich aus Leyendeckers Umzug von Köln nach Berlin im Juni 1922. [84] Als Leiter der Gesellschaft nannte Lemacher neben seiner eigenen Person („Programmaufstellung“) den Rechtsanwalt Dr. L[udwig] Gerl („Mitgliederkorrespondenz“) [85] sowie den Kaufmann („Kassierer“) Salo Lewertoff. Lemacher zählte in seinem Bericht viele der Veranstaltungen und die hierbei berücksichtigten Komponisten auf, so dass man eine gute Vorstellung über die Anfangsphase der Gesellschaft aus erster Hand gewinnt. Über alle nationalen, konfessionellen oder stilistischen Schranken hinweg waren lediglich einheimische Komponisten von den Veranstaltungen ausgenommen, da diese von dem „Kölner Tonkünstlerverein“ vertreten wurden und man nicht beabsichtigte, Vorhandenes zu verdoppeln. [86]

Eine zum Teil kommentierte Zusammenstellung der in der „Gesellschaft für neue Musik“ aufgeführten Werke, die „im Hinblick auf Else Thalheimer und ihr späteres Wirken im Jüdischen Kulturbund wesentlich sind“, befindet sich in dem Aufsatz von Klaus Wolfgang Niemöller Die Musikwissenschaftlerin Dr. Else Thalheimer-Lewertoff[87]

Else Thalheimer wurde die Nachfolgerin von Heinrich Lemacher und damit Vorsitzende der „Gesellschaft für neue Musik“, welche die Programme maßgeblich gestaltete. In ihrem Aufsatz Pionierarbeit in Köln geht sie zwar nirgends auf sich selbst ein und spricht auch nur von den ersten fünf Jahren „intensiver Arbeit unter Führung des jetzigen Ehrenvorsitzenden Dr. Heinrich Lemacher“ [88]; gleichwohl schreibt sie in einer autobiografischen Skizze von 1974: „Ab 1924 Nachfolgerin des Musikhochschulprofessor Dr. Heinrich Lemachers als Programmleiterin der Gesellschaft für Neue Musik, Köln.“ [89] Lemacher, der nach eigenen Worten bis „Oktober 1925“ [90] Vorsitzender war, benennt Thalheimer freilich nicht als seine Nachfolgerin in dem erst 1956 von ihm veröffentlichten Überblick über die Jahre 1922/25, sondern erwähnt nur die Auswertung des vollständigen Programm-Materials der frühen Jahre, das er „Salo Lewertoff und seiner Frau Else, geb. Thalheimer“ verdanke. [91] Über das Buch VON NEUER MUSIK (Januar1925) und seine Beziehung zur Kölner „Gesellschaft für neue Musik“ wird im folgenden Kapitel 4 berichtet.

Paul Mies (1889–1976), der später für die Enzyklopädie Die Musik in Geschichte und Gegenwart den Artikel über Heinrich Lemacher verfasste und der Lemacher durch mehrere gemeinsame Publikationen seit 1920 verbunden war, erwähnte den Namen Else Thalheimers wie den ihrer Schwester Grete Löwenthal, geborene Thalheimer, lediglich im Zusammenhang mit Sängerinnen, die in Konzerten der „Gesellschaft für neue Musik“ aufgetreten waren. Damit kam selbst dreißig Jahre nach den Ereignissen weder bei Mies noch bei Lemacher (beide 1956) wenigstens ansatzweise zur Sprache, mit welchen Namen sich der zweite Abschnitt der Kölner „Gesellschaft für neue Musik“ verband und ob und in welchem Ausmaß dieser die vorangegangene Zeit nur fortsetzte oder auch Veränderungen brachte. [92] Zur weiteren Datierung und Vervollständigung der Ereignisse sei auch auf das bei Niemöller benannte Mitteilungsblatt der IGNM verwiesen, welches im Juni 1928 Else Thalheimer, Heinrich Grues und Salo Lewertoff als Vorstand und Eugen Szenkar als Künstlerischen Beirat benannte. [93]

Im Kapitel Hauptsache: MUSIK ihrer Erinnerungen berichtet Else Lewertoff über ihre Aufnahme in den Vorstand der „Gesellschaft für neue Musik“ und die weiteren Entwicklungen:

    „Nachdem ich so viele Erfahrungen im zeitgenössischen Musikleben gewonnen hatte, war es keine Ueberraschung für mich, dass Professor Heinrich Lemacher, ein Alumnus meiner Alma Mater und der damalige Leiter der Kölner Gesellschaft für Neue Musik, sich für meine Mitarbeit interessierte. Ich kannte ihn als früheren Schiedermair-Schüler schon lange, und pflegte stets die von ihm arrangierten Konzerte zu besuchen. Er hatte auch wiederholt seine [sic] Schwester engagiert, u. a. für den Vortrag von Arnold Schönbergs ,Buch der hängenden Gärten‘.

    Bevor Lemacher an mich herantrat, hatte er sich mit seinem jungen Kollegen und Organisationsfachmann, Shlomo Lewertoff, beraten: ..... ,Wäre es nicht eine gute Idee, diese Schiedermair-Schülerin, Else Thalheimer, mit in die Leitung zu nehmen?‘ Töff, der mich bisher nur vom Sehen kannte, war Feuer und Flamme! und blieb dies auch, wie die späteren Ereignisse bewiesen. [94]

    Unser Freund Lemacher zog sich bald ganz von der praktischen Arbeit ins Ehrenpräsidium zurück, da er sich auf seine kompositorischen Aufgaben konzentrieren wollte. Nun lenkten Töff und ich allein die Geschicke unserer Ortsgruppe. Er war für die Organisation, und ich war für das Programm verantwortlich, doch oft gingen die Grenzen unserer Arbeitsgebiete ineinander über.“ [95]

Vom September 1930 existiert eine Stellungnahme Else Thalheimers in Bezug zu der Umfrage Was bedeutet uns Musik, und was hören wir gern?, wobei ihr Porträtfoto die Unterschrift trägt: „Dr. Else Thalheimer, Vorsitzende der Ortsgruppe Köln der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik“. [96]

Vermutlich blieb Else Thalheimer bis kurz nach der „Machtergreifung“ Hitlers im Januar 1933 Vorsitzende der Gesellschaft, denn es ist ein Antwortschreiben von Arnold Schönberg erhalten, den Thalheimer nach Köln zu einem Gastvortrag eingeladen hatte. [97] In seinem Brief vom 8. Januar 1933 benennt Schönberg die sonstigen Verpflichtungen, die ihm während der anstehenden kurzen Reise nach London, Frankfurt am Main (Rundfunk), Köln und Wien oblagen, spricht aber auch von der Thematik seines Vortrags. [98] Aus der Adressangabe seines Schreibens geht der Bezug zur „Gesellschaft für Neue Musik“ in Köln deutlich hervor, und dass er sich an Else Thalheimer wandte, weist darauf hin, dass sie für die Programmgestaltung zuständig war. Der Vortrag Schönbergs mit dem Thema Stil und Gedanke oder neue und veraltete Musik [99] am 10. Februar 1933 ging offenbar auf die Initiative des an der Kölner Musikhochschule seit 1927 unterrichtenden Komponisten Philipp Jarnach (1892–1982) zurück, da dieser in dem Aufsatz Das Beispiel Busoni schrieb: „Ich hatte es noch einrichten können, daß er [Schönberg] in der Ortsgruppe [Köln] der ,Internationalen Gesellschaft für neue Musik‘ einen Vortrag hält. Zwei Monate später musste er Berlin und Deutschland verlassen.“ [100]

Dieser Vortrag Schönbergs am 10. Februar 1933 war jedenfalls die letzte Veranstaltung der Kölner „Gesellschaft für neue Musik“, und Else Lewertoff berichtet:

    „Dann kam der Moment heran, in dem wir unsere Tore schliessen mussten. Wir verzichteten jedoch nicht auf ein grosses Finale. Schon längere Zeit hatte ich mit Arnold Schönberg eine Korrespondenz geführt, deren Zweck war, ihn für einen Vortrag zu gewinnen. Der Meister hatte zugesagt. Aber nun erhielten wir von allen Seiten Mahnungen, unter keinen Umständen in diesen schon von Nazi-Drohungen erfüllten Tagen eine solche herausfordernde Veranstaltung anzusetzen. Jedoch wir blieben fest. Natürlich hatten wir Schönberg von den Gefahren verständigt, aber er zögerte nicht zu kommen. Unsere Tätigkeit auf dieser Linie beenden zu können, hatte für uns einen tiefen symbolischen Sinn. Es wurde ein denkwürdiger und ...... ungestörter Abend. Der Saal war bis zum letzten Platz gefüllt, und es herrschte eine allgemeine Spannung und Erregung. Jeder schien diesen geschichtlichen Moment zu spüren. Schönberg, der es wie kein Zweiter verstand, die schwierigsten Gedanken auf die einfachste Formel zu bringen, riss die Hörer zur Begeisterung hin, der Applaus nahm kein Ende und wuchs zu einer Demonstration aus. Aber wir täuschten uns nicht, es war zwar eine einzigartige, aber auch eine einzelne. Für uns bedeutete dieser Abend den Abschluss einer Aera. Von nun an hatten wir unsere ,zersetzende Tätigkeit‘ hinter den Mauern des Jüdischen Kulturbundes auszuüben.“ [101]

Über die Beendigung ihrer Arbeit in der „Gesellschaft für neue Musik“, an die sich unter Hitlers Regierung in Köln jene für den „Jüdischen Kulturbund“ und die „Jüdische Kunstgemeinschaft“ anschlossen, schreibt Else Thalheimer ferner: „Since we left Germany in time [1935], we have been spared the persecutions which so many people had to experience. It was only the ,Westdeutscher Beobachter‘ which published an article condemning my and my husband’s cultural activities.“ [102]

Unklar ist, ob es sich bei dem folgenden Artikel des Westdeutschen Beobachters um jenen Artikel handelte, von dem Else Lewertoff sprach, denn die Veranstalter werden darin nicht namentlich genannt. Andererseits ließen sich in der zeitlichen Umgebung des Schönberg-Vortrags am 10. Februar 1933 keine sonstigen Beiträge in dem in Köln erscheinenden Westdeutschen Beobachter auffinden, auf den Else Lewertoffs Worte zuträfen. [103] „Schriftleiter“ für Musik war damals Walter Trienes, von dem zahlreiche antisemitische Texte stammen und der über Jahre hinweg als Propagandist des Nationalsozialismus für diese Zeitung arbeitete. [104] Aus der Wendung vom „zersetzenden Einfluß“ Schönbergs am Ende ließe sich zwar ein Zusammenhang mit der Äußerung Else Lewertoffs herstellen, doch gehörte die Wendung von der „Zersetzung“ – durch Juden, „Novemberverbrecher“, Marxisten, Bolschewisten, Kommunisten, Sozialdemokraten und andere – zum häufig wiederholten Vokabular der damaligen nationalsozialistischen deutschen Presse und Kulturpolitik, so dass ein konkreter Bezug nahezu unmöglich ist. Der Artikel sei jedoch vollständig wiedergegeben, da er im Hinblick auf Schönberg recht gut die rigoros, ja rüde ablehnende Haltung und die Art der verwendeten Argumentation zeigt. Es ist kaum verwunderlich, dass eine Veranstaltung wie jene mit Schönberg zugleich das Ende der Kölner „Gesellschaft für neue Musik“ bedeutete, und das Gegenteil wäre überraschender, denn Schönberg, der in Köln nur knapp zwei Wochen nach Hitlers Wahl zum Reichskanzler und seiner „Machtergreifung“ auftrat, war nicht nur Jude, sondern vielen zugleich Inbegriff der den Nationalsozialisten verhassten Atonalität und Zwölftönigkeit.

Unter der Überschrift Arnold Schönberg, der Zerstörer abendländischer Musik in der Gesellschaft für Neue Musik schrieb ein mit „L.“ [105] unterzeichneter Verfasser in der Ausgabe vom 15. Februar 1933:

    „Schon Schönbergs Einleitungssatz, in dem er darauf hinweist, daß dieser Vortrag bereits 2 ½ Jahre zurückläge, manche Ansichten daher inzwischen veraltet oder überholt gelten könnten, fordert unbedingt zur Kritik heraus. Was ist nun dabei größer zu nennen, das mangelnde Pflichtbewußtsein den Veranstaltern gegenüber, die für ihre Hörergemeinde ein so aktuelles Thema von ihrem (scheinbaren) Propheten behandelt wissen wollten, ein diesjähriges Engagement also, zu dessen Entledigung es der Referent für unnötig hält, einen vor Jahren verfaßten Vortrag zu überarbeiten – oder die Zeichen einer solchen Geistesarmut, die ihn nichts mehr ,erdenken‘ läßt, und mit der er sich selbst ad absurdum führt?

    Das krank- und krampfhafte Bemühen, sich selbst wichtig zu nehmen, die Zuhörer mit Geistreicheleien der typisch jüdischen Dialektik einzulullen, die mit großem Wortschwall innere Hohlheit und Haltlosigkeit der Ideen zu übertünchen sucht, muß einen gesund empfindenden Menschen abstoßen. Seine Auslassungen zum Thema – nebenbei immer wieder unterbrochen durch zusammenhanglose Sophistereien über andere Dinge, ,neue‘ Musik sei nur als solche anzusprechen, wenn sie noch nicht Gesagtes ausdrücke, bedeuteten sowieso nichts Besonderes; wenn er aber stattdessen später die mit sicherem Instinkt begabten, aus größter Selbstverständlichkeit und ursprünglicher Musikalität schöpfenden Komponisten ins Lächerliche zu ziehen versucht, sich im Gegensatz zu deren angeblich mangelndem Denkvermögen als ,Hirnbesitzer‘ glücklich preist, so ist das schon eine bodenlose Unverschämtheit. Der Inhalt seines Diktates soll hier nicht fehlen: ,was es denn dem Menschen schon nütze, wenn er als Meister vom Himmel gefallen sei, aber gleich auf den Kopf!‘ Einerseits hält er es in seiner Anschauung dabei mit Paul Bekker, der in diesem Sinne die Meister des gesamten 19. Jahrhundert herabwürdigt, andrerseits ist ihm gerade Beethoven gut genug, sich in Anlehnung an dessen aus Verärgerung und Scherz gleicherweise herzuleitende Briefunterzeichnung in ein entsprechendes Licht zu rücken und sich – bescheiden, wie er ist – auf ein und dieselbe Stufe mit ihm zu stellen. [106] Haben wir nicht schon einmal eine solch ähnliche unerhörte Selbstüberheblichkeit erlebt, als Klemperer sich seinerzeit mit Gluck, Weber und Mozart verglich?

    Seine schiefe Ansicht, Kunstmusik habe nicht die Aufgabe, für jedermann verständlich zu sein, entspringt zweifellos seinem Stolz, ,Konstrukteur‘ zu sein, wie er sich selbst nannte. Und wenn er glaubt, ,Gebrauchsmusik‘ mit der ironischen Bemerkung abtun zu können, sie hieße so, weil man ,keinen Gebrauch von ihr machen könne‘, so ist das ebenfalls keine allgemein gültige Erklärung und Auffassung. Erfüllt z. B. Haas mit seinen Volks- und Gebrauchsmusiken nicht voll und ganz die ihr zugedachte Bestimmung? Zum Schluß betonte er ausdrücklich noch einmal seinen l’art pour l’art-Standpunkt, den wir unbedingt ablehnen.

    Wenn Schönberg nur noch etwas dazu tun konnte, das negative Bild seiner persönlichen und musikalischen Erscheinung zu vervollständigen, so ist es mit diesem Vortrag geschehen. Nur läßt die augenblicklich zum Durchbruch gelangende geistige Strömung erhoffen, daß die heutige Musikgeneration nicht mehr allzu lang unter seinem zersetzenden Einfluß stehen wird.“ [107]

Eine weitere negative Stellungnahme zu diesem Vortrag Schönbergs schrieb Gerhard Tischer (1877–1959), der Herausgeber und Verleger der Kölner Deutschen Musik-Zeitung. [107a].

 

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Zwei briefliche Äußerungen von Else Thalheimer sowie ihre Tätigkeit für den Musical Courier und den Rundfunk sind zu ergänzen. Sie alle fallen in die Jahre ihrer Arbeit für die Kölner „Gesellschaft für neue Musik“ und nehmen mehr oder minder deutlich Bezug auf diese oder das Engagement für zeitgenössische Musik.

Zum einen ist ein Brief Thalheimers aus Köln vom 13. Juni 1925 an den tschechischen Komponisten Alois Hába (1893–1973) erhalten; dieser Brief wurde 2009 erstmals von Dr. Vlasta Reittererová (Wien) veröffentlicht. [108] Der Zusammenhang des Briefes soll hier nicht ausgebreitet und im Grunde wiederholt werden, da er komplex ist und Anlass wie Inhalt aus den genannten Quellen hinreichend hervorgehen.

Über Hába schrieb Else Lewertoff im Hinblick auf die Kölner „Gesellschaft für neue Musik“ in ihren Erinnerungen: „Selbstverständlich vernachlässigten wir in unseren Veranstaltungen keinen der zeitgenössischen Meister, wie Darius Milhaud, Serge Prokofieff, Kurt Weill und viele andere. Alois Hába war als Gast bei uns als Interpret seiner Vierteltonmusik.“ [109] Thalheimer erwähnte vermutlich dasselbe Konzert in ihrem Aufsatz Pionierarbeit in Köln: „So fanden in diesem Winter [1926/27] […] ein Vierteltonkonzert statt mit einem einleitenden Vortrag von Alois Hába und Viertelton-Klaviervorträgen von Erwin Schulhoff.“ [110] Zu Erwin Schulhoff vgl. den gleichnamigen Artikel der Wikipedia. Von Hába war auch ein Beitrag unter der Überschrift Grundlagen der Tondifferenzierung und der neuen Stilmöglichkeiten in der Musik in dem Buch VON NEUER MUSIK abgedruckt (S. 53–58). Haba erwähnte das Buch VON NEUER MUSIK in seiner 1927 veröffentlichten Neuen Harmonielehre auf S. 3, oben. Vgl. auch hier unter Kallenbach-Greller, Abs. 2, et passim unter „Hába“.

Ein zweites Dokument ist eine Postkarte an den Pianisten und Komponisten Eduard Erdmann (1896–1958), die sich heute im Musikarchiv der „Akademie der Künste“ in Berlin befindet. [111]  Sie wurde wahrscheinlich am Abend des 19. Juni 1932 nach einem Konzert geschrieben, denn sie ist an Prof. Eduard Erdmann in Langballigau (an der Flensburger Förde, nahe der dänischen Grenze) gerichtet. Der Rahmen war ein vorangehendes Konzert des 10. Internationalen Musikfestes der IGNM in Wien mit dem „Wiener Sinfonie-Orchester“, das Thalheimer unter anderem besucht haben dürfte, um Erdmanns Ständchen für kleines Orchester (op. 16) zu hören. Diese Komposition war von dem in Köln ansässigen Dirigenten Heinrich Jalowetz (1882–1946) im Jahr zuvor in Köln uraufgeführt worden und wurde nun mit demselben Dirigenten in Österreich wiederholt. Erdmann unterrichtete damals (1925–1935) an der Kölner Musikhochschule, und auch die Uraufführung seines Konzerts für Klavier und Orchester op. 15 (mit Erdmann als Solist und Hermann Abendroth als Dirigent des Gürzenich-Orchesters) war in Köln vorausgegangen. [112] Else Lewertoff schreibt über den Besuch solcher Musikfeste: „Die Programmleitung [der Kölner „Gesellschaft für neue Musik“] wurde hieraufhin [nach Heinrich Lemachers Rücktritt] mir übertragen, und nun wurde es für mich noch wichtiger, mich ständig auf dem Laufenden zu halten, und neue Werke, ihre Verfasser und Interpreten kennen zu lernen. Hierzu war die reichste Gelegenheit auf den Musikfesten geboten.“ [113]

Der Wiener Poststempel der ansonsten undatierten Postkarte zeigt den 20. Juni 1932, und die Karte wurde vermutlich von Else Thalheimer angeregt, da ihre Handschrift zu Beginn steht und sie als erste unterschrieb. Dann folgen, zum Teil mit kurzen Grüßen und Gratulationen versehen: Heinrich Jalowetz, Else C. Kraus („die weibliche Klavierpranke“, Solistin im Klavierkonzert des Norbert von Hannenheim), Joachim Stutschevsky [114] sowie von Hannenheim. Der Text zuvor gibt mit wenigen Worten dem Bedauern Ausdruck, dass Erdmann, dessen Ständchen ebenso wie das zweite Klavierkonzert von Hannenheims von Jalowetz dirigiert worden war, nicht bei der Aufführung hatte anwesend sein können.

 

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In dieselbe Zeit der zweiten Hälfte der 1920er Jahre und hier vermutlich um das Jahr 1927 fällt eine Tätigkeit Else Thalheimers, die sie sowohl in ihren Erinnerungen wie in einer im März 1974 verfassten kurzen Autobiografie erwähnt. Es handelt sich dabei um eine Arbeit als „ständige westdeutsche Korrespondentin des ,Musical-Courier‘“. [115] Diese Zeitschrift konnte bisher jedoch nicht ausgewertet werden.

Schließlich schreibt Else Lewertoff (zwar ohne Datierung, doch unmittelbar nach der Erwähnung ihrer Tätigkeit für die Kölner „Gesellschaft für neue Musik“) in einer Kurzbiografie über sich selbst: „Zahlreiche Rundfunk-Vorträge“. [116]  Diese Betätigung fällt meiner Einschätzung nach in die späteren Jahre der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre und reicht vermutlich allenfalls bis zur Beendigung Ihrer Vorstandsarbeit im Februar 1933. [117]

Hinzuweisen ist noch auf eine derzeit verschollene Aufnahme des Westdeutschen Rundfunks in Köln mit dem Titel Die Gesellschaft für Neue Musik in Köln 1921–1933. Über diese Sendung aus dem Jahre 1963, an der neben Else und Shlomo Lewertoff auch Heinrich Lemacher und Eigel Kruttge teilnahmen, befinden sich verschiedene Informationen im Abschnitt Ein letzter Besuch in Köln (1963) von Kapitel 7. Auf die Parallelität und die Notwendigkeit einer genaueren Untersuchung zwischen der Kölner „Gesellschaft für neue Musik“ und der in Berlin etwa gleichzeitig entstandenen Melos-Bewegung wird in Anm. [154] (nach dem Sternchen) verwiesen.

 

 

Fortsetzung in Teil 2

 

 

 

 

Anmerkungen zu Teil 1
 

[1]  Vgl. die Information im „Orbis – Yale University Library Catalog“ (Suchergebnis). Zur Sammlung „James Marshall and Marie-Louise Osborn“ vgl. Diane Boito, Manuscript Music in the James Marshall and Marie-Louise Osborn Collection, in: Notes, Second Series, Bd. 27, Nr. 2, Dezember 1970, S. 237–244.

[2]  Else Lewertoff, Erinnerungen (ca. 1968–1979). – Dieses nur selten handschriftlich korrigierte Typoskript von 218 Seiten, das den Eindruck einer Reinschrift vermittelt, wurde mir von Prof. Gad Lewertoff, Tel Aviv, am 18. Dezember 2009 als Scan (pdf-Datei) auf CD-ROM dankenswerterweise zugänglich gemacht.

Nach der Titelseite (S. [I]) und dem Inhaltsverzeichnis (S. [II]) sind die folgenden, im Original unnummerierten Kapitel genannt, die jeweils auf einer neuen Seite beginnen: Vorwort (S. 1); [1.] Porträt meiner Eltern (S. 4); [2.] Unser Familienkreis (S. 18); [3.] Unsere beliebtesten Sprichwörter (S. 31); [4.] Allerlei Kindheitserlebnisse (S. 36); [5.] Bekoweter Antisemitismus (S. 44); [6.] Hauptthema: MUSIK (S. 52); [7.] Während des ersten Weltkrieges und der Nachkriegszeit (S. 65); [8.] Frühe Erinnerungen an Paul Hindemith (S. 77); [9.] Ein Freund fürs Leben (S. 91); [10.] Das war Töff (S. 101); [11.] Ein Rundschreiben, Tel Aviv, den 4. Januar 1936 (S. 111); [12.] Unvergessliche Reisen (Aegypten) (S. 118); [13.] Unvergessliche Reisen (Europa) (S. 125); [14.] Von Schildkröten, Katzen und Hunden (S. 129); [15.] Keine goldene Mazewe (S. 139); [16.] Viele Kriege, Siege und kein Frieden (S. 146); [17.] Langer Aufenthalt in Amerika (S. 151); [18.] In memoriam Kurt Joseph Lewertoff (S. 162); [19.] Brief an Gad (S. 175); [20.] Immer wieder hin und zurück (S. 181); [21.] Kriegstagebuch 1973 (S. 187); Epilog (S. 207).

Eine Transkription der erhaltenen Datei des Originals nahm ich von Dezember 2009 bis Februar 2010 vor, um den Text im WORD-Format benutzen zu können. Dieser Transkription geht ein dreiseitiger Teil voraus, in welchem Herkunfts- und Umfangsfragen, Datierungen, Richtlinien der Transkription und anderes mehr beschrieben werden. Einige wenige Korrekturen von Tippfehlern konnten vorgenommen und Fußnoten zur Erläuterung des Gesagten eingebracht werden. Zitiert wurde in vorliegendem Aufsatz stets nach der Seitenzählung des Originals, nicht nach jener der Transkription. Eine Datierung wurde am Ende des Unterkapitels Letzte Jahre in Israel, 1971–1987 versucht, wobei der Anfang der Erinnerungen hier genauer bezeichnet ist.

Eine Kopie des Typoskripts (pdf-Datei) sowie der eingeleiteten, mit Anmerkungen und einem Index versehenen Transkription wurde am 20. April 2010 dem Stadtarchiv Höxter in Westfalen (Herrn Michael Koch) für die Verwendung in Wissenschaft und Forschung zur Verfügung gestellt. Vgl. Anm. [24].

Zwar ist Frühe Erinnerungen an Paul Hindemith (Kapitel [8] der Erinnerungen) im Wesentlichen im Hindemith-Jahrbuch von 1990 postum abgedruckt (19. Jg., Mainz: Schott, S. 100–110), doch da der Text, wie ein Vergleich zeigte, hierbei mitunter etwas anders lautet oder auch gekürzt ist und ich nicht zwischen redaktionellen Maßnahmen und einer vielleicht nachträglichen Änderung durch die Verfasserin unterscheiden kann, bevorzuge ich zum Zitieren ausschließlich das Original-Typoskript.

[3]  Besonders in angelsächsischer und gelegentlich in deutschsprachiger Literatur begegnet man der Schreibweise des Vornamens „Elsa“; ansonsten waren auch die Formen „Lewertoff-Thalheimer“ (vgl. Anm. [64]), „Thalheimer-Lewertoff“ (siehe Hindemith-Jahrbuch 1990), vereinzelt auch „Levertoff“ oder „Lewerthoff“ in Gebrauch. Von ihr selbst wurde in höherem Alter die Form „Else Lewertoff“ bevorzugt, unter der sie auch ihre Erinnerungen verfasste (zu den Schreibweisen von „Lewertoff“ vgl. auch Anm. [25]).

[4]  Zu Thalheimers Geburtsjahr liegen verschiedene Daten vor: 1898, 1899 und 1901. Da das erstgenannte Jahr als 4. November 1898 sowohl im „Jahrbuch der Philosophischen Fakultät“ der Universität Bonn (vgl. Anm. [61]) wie auch viele Jahre später im „Family Search - U.S. Social Security Death Index“, Number 048-28-7532 (vgl. Familysearch unter „Else Lewertoff“) zusammen mit dem korrekten Todeszeitpunkt „May 1987“ erscheint, wird ihm hier der Vorzug gegeben. Der Geburtstag ließ sich zudem standesamtlich bestätigen, denn aus dem in Brühl ansässigen Landesarchiv in Nordrhein-Westfalen erhielt ich von Ulrich Bartels am 16. März 2010 die schriftliche Nachricht, dass aus der Zweitschrift der Geburtsurkunde (Geburtenregister des Standesamts Köln-Süd, Nr. 3805/1898) der Geburtseintrag von Else Thalheimer unter dem „4. November 1898“ ersichtlich sei. Als Eltern, die in der Triererstraße 16 wohnhaft waren, seien hier der Kaufmann Jakob [sic] Thalheimer und dessen Ehefrau Sophie Thalheimer, geb. Guthmann [sic] angegeben. Geprüft wurde im Hinblick auf die verschiedenen in der Literatur anzutreffenden Geburtsjahre auch die Möglichkeit, dass ein 1898 geborenes Kind früh verstarb und 1901 ein neugeborenes Kind einen gleichen oder abgewandelten Namen erhielt. Die Konsultation des Geburtenregisters des Jahres 1901 in den Standesämtern Köln I–III, Köln-Deutz, Köln-Ehrenfeld, Köln-Kalk, Köln-Lindenthal, Köln-Nippes und Mülheim am Rhein war jedoch negativ; zwar ließ sich ein Kind namens Thalheimer nachweisen, doch hatte dieses andere Eltern. Für seine freundlichen und sorgfältigen Auskünfte ist Ulrich Bartels, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, vielmals zu danken.

Andererseits ist das von Else Lewertoff selbst mitgeteilte Geburtsjahr 1901 verwirrend, welches sich 1974 in ihren Answers to the Questionnaire (wie Anm. [64]) befindet (Ziffer I.1.: „Personal Data“). Hier mag jedoch eine Verwechslung mit dem Geburtsjahr des verstorbenen Ehemannes vorgelegen haben, und hingewiesen sei auf eine andere Verwechslung nur wenige Zeilen später in demselben Dokument, welche Else Lewertoffs Vater betrifft: Hier ist sein Geburtsjahr mit „1965“ (das Todesjahr ihres Ehemannes) angegeben, wobei es sich nun offensichtlich um einen Schreibfehler handeln muss. Freilich ließ sich auch das Jahr 1865 als Geburtsjahr des Vaters nicht nachweisen, sondern nur das Jahr 1866 (vgl. das Ende der folgenden Anm. [5]).

Den Todestag Else Thalheimers erhielt ich in einer Sprachnachricht von ihrem Sohn am 18. August 2009.

[4a] Greven's Adreßbuch für die Stadtgemeinde Köln […], Köln 1899, 45. Jg., Theil II, Buchseite 490 (Bildseite 634), linke Sp. – Buch- und Bildseite unterscheiden sich nicht nur in den Kölner Adressbüchern voneinander, indem die Bildseiten die ungezählten Buchseiten mitzählen und damit stets größer sind als jene. Die Bildseiten befinden sich in einem eigenen Verzeichnis parallel zu den nicht eigens nochmals gezeigten Buchseiten, sind jedoch vollständig angegeben und erleichtern daher das Suchen einer bestimmten Buchseite (= „Gehe zu Seite“) beträchtlich. – Die Adresse „Triererstr. 16“, welche auch die Geburtsadresse von Else Thalheimer ist, steht in demselben Kölner Adressbuch von 1899 bei der Leimgr[o]ßh[andlung] von Heinrich Thalheimer sowie bei Jos. (Rosalie) geb. Breidenbach Ww. o. G. [ohne Gewerbe (?)] – Da es aber weit abseits auch eine Trierer Straße in Köln-Müngersdorf gibt, ist hier vermutlich jene Trierer Straße der Kölner Innenstadt in der Nähe von Barbarossaplatz und der Kirche St. Pantaleon gemeint.

[5]  In der in New York erscheinenden Wochenzeitung Aufbau. Reconstruction. An American Weekly erschien eine deutschsprachige Todesanzeige auf Jacob Thalheimer in der Ausgabe Vol. XII, No. 3 vom Freitag, dem 18. Januar 1946, S. 18, Sp. [6], dritte Anzeige von oben (Online-Ausgabe). Zwar ist hier kein Todestag angegeben, sondern nur das 79jährige Alter des Verstorbenen; gleichwohl dürfte Jacob Thalheimer bereits 1943 gestorben sein, da seine Tochter Else in ihren Erinnerungen auf S. 4 im Kapitel Porträt meiner Eltern schreibt: „Meine Eltern haben mit Ausnahme ihrer letzten Jahre in voller Gesundheit ein hohes Alter erreicht. Beide konnten noch ihren 79sten Geburtstag feiern. […] Mein Vater war ihr [der Mutter] genau 10 Jahre im Tod vorausgegangen.“ Da die Mutter 1953 starb, lässt sich aus dieser Angabe der Tochter schließen, dass der Vater 1943 verstarb; dieser Angabe entspricht die wiederholte Äußerung Else Lewertoffs in ihren Erinnerungen (S. 118): „mein Vater war inzwischen[,] 79 Jahre alt, verstorben“. Schließlich schreibt Else Lewertoff in ihren Answers to the Questionnaire – „II. Family Background“ (wie Anm. [64]): „My father died 1943 in Raanana, Israel.“ Der mehrjährige Abstand zwischen dem Tod und dem Erscheinen der Todesanzeige im Aufbau ist auf derselben Zeitungsseite mehrfach zu beobachten, wobei vor allem Nachrufe auf KZ-Opfer des Nationalsozialismus veröffentlicht wurden, deren Tod erst nach Kriegsende mitteilbar wurde. – Eine telefonische Anfrage zum Geburtsjahr und -tag von Jacob Thalheimer in Niederstetten vergrößerte die Schwierigkeiten gar noch, da in dem dortigen „Familienregister“ (Standesämter wurden erst später eingerichtet) zwar mehrere Personen namens Thalheimer verzeichnet sind, jedoch nur ein Eintrag für einen „Jakob Thalheimer“ zu finden war, der am „22. März 1866“ in Niederstetten geboren wurde (und somit erst am 22. März 1945 sein 79. Lebensjahr vollendet hätte). Für die Recherchen habe ich Susanne Waldmann, Bürgermeisteramt der Stadt Niederstetten, vielmals zu danken. Dies erlaubt die Vermutung, dass entweder ein Irrtum in den Jahres- und Altersangaben, der Frage des Geburtsortes oder gar beidem vorliegt. Dass Else Lewertoff in ihren Erinnerungen (S. 6) vom „Familienhaus der Thalheimer in Niederstetten“ spricht, muss natürlich nicht notwendig heißen, dass ihr Vater hier auch geboren wurde.

Legt man die Datierungen der genannten Quellen zugrunde, so lässt sich einstweilen nur sagen, dass Jacob Thalheimer 1943 im Alter von 79 Jahren starb. Diese Angabe ist im Hinblick auf sein Geburtsjahr jedoch wie üblich zweideutig, denn rechnet man von 1943 aus zurück, kommt man auf das Geburtsjahr 1864; falls Jacob Thalheimer seinen 79. Geburtstag jedoch schon 1942 beging und 1943 noch vor Erreichung seines 80. Geburtstages verstarb, wäre 1863 sein Geburtsjahr gewesen.

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Blieben zunächst hinsichtlich des Geburtstages von Jakob Thalheimer gleich mehrere Fragen offen, so machte Dr. Joachim Hahn von Alemannia Judaica, der „Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum“, mich am 5. September 2010 darauf aufmerksam, dass das „Familien-Register“ von Niederstetten im Internet zugänglich sei. Die Jahre 1863 und 1864 dieses Registers hatte er auf den gesuchten Namen hin vergeblich überprüft, doch sandte er mir eine Bilddatei aus dem Registerbuch, in welchem die zahlreichen Kinder von Josua Thalheimer (1819–1875), dem Vater Jakob Thalheimers und Großvater Else Thalheimers, verzeichnet wurden. Von diesen Einträgen ausgehend ergab sich nun eine andere und, wie mir scheint, auch bessere Erklärung, und Herrn Dr. Joachim Hahn, Plochingen, ist für seine wertvollen Bemühungen und Hinweise vielmals zu danken.

Nachdem ich die neue Quelle eingesehen hatte, kam ich zu dem Ergebnis, dass ein „Jakob [Thalheimer]“ am „22. März 1866“ in Niederstetten geboren wurde. Dieses Datum stimmte zwar mit jenem Datum überein, das mir früher schon Susanne Waldmann aus dem Bürgermeisteramt in Niederstetten genannt hatte (siehe oben), doch gab es jetzt noch eine Reihe zusätzlicher Anhaltspunkte, die nicht nur den Tag bestätigten, sondern auch den familiären Zusammenhang mit den Erinnerungen Else Lewertoffs (geb. Thalheimer) herstellten. So wurden in dem „Familien-Register“ die Kinder und ihre Geburtstage aufgeführt, wobei die Mehrzahl von ihnen gleichermaßen in den Erinnerungen als Stiefbruder, Brüder oder Schwester des Vaters Jakob in Erscheinung traten: Max (S. 19), Wilhelm (S. 20), Louis (S. 21), Gustav (S. 21), Karl (S. 21), Heinrich (S. 6, 20, 34), Albert (S. 7, 21) und Julius (S. 21) sowie Rosa [5a], die einzige Schwester des Vaters (S. 21, 34). Ferner sind, trotz oftmals schwerer Leserlichkeit der handschriftlichen Einträge, nicht weniger als elf Kinder in dem „Familien-Register“ genannt, wodurch ebenso wie durch die Berufsbezeichnung „Gerbermeister“ und die Bemerkung, dass die Großeltern eine „Gerberei“ hatten, noch andere Gemeinsamkeiten zwischen dem Register und den Erinnerungen entstanden (beides auf S. 6 der Erinnerungen). Schließlich wurde unter „Hausmutter“ (Ehefrau des „Hausvaters“) – nach einer ersten, 1854 im Alter von 25 Jahren bei der Geburt des Sohnes Max verstorbenen Frau – als zweite Ehefrau Rosalie, geb. Breitenbach genannt, Einzelheiten, die Else Lewertoff in ihren Erinnerungen unter Verweis auf „zehn Kinder“ der Großmutter Rosalie wie auf den Stiefbruder des Vaters gleichermaßen erwähnte (S. 6 bzw. 19). Eine Verwechslung scheint angesichts der Menge von Übereinstimmungen so gut wie ausgeschlossen. Vgl. dazu das als Faksimile reproduzierte „Bild 100“ mit den Einträgen des „Familien-Registers“ (unten links die Kinder aus den beiden Ehen von Josua Thalheimer; unter Nr. 7 der Eintrag für Jakob Thalheimer). Dokument des Hauptstaatsarchivs Stuttgart, Signatur: J 386 Bü 430 („Bild 100“). – Da in „Bild 100“ in der ersten Zeile („Hausmutter“) auch eine „geb. Breitenbach“ (vgl. Anm. [4a]) unter „Josua Thalheimer“ („Hausvater“) in Erscheinung tritt, ist die Lesart der flüchtigen handschriftlichen Einträge nicht zweifelsfrei.

Das Geburtsdatum „22. März 1866“ ließ sich durch den Eintrag im „Geburts-Register“ (die Bezeichnung wurde in dem vorgedruckten Buchtitel aus „Tauf-Register“ handschriftlich geändert) der Israelitischen Gemeinde Niederstetten bestätigen. Vgl. auf den zusammengehörigen Seiten von „Bild 102“ und „Bild 103“ [links oben anwählbar] jeweils die erste Zeile unter dem Kolumnentitel. Das Datum der Geburt steht auf „Bild 103“ in der ersten Spalte; die letzte Spalte derselben Zeile zeigt einen Querverweis zur Seite 125 des oben erwähnten „Familien-Registers“. Der Zusammenhang ist ebenfalls zweifelsfrei, da erneut beide Eltern von Jakob Thalheimer namentlich genannt wurden. Dokumente aus dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Signatur: J 386 Bü 424, 136 („Bild 102“ und „103“). Die Bilddateien des „Geburts-Registers“ und „Familien-Registers“ von Niederstetten wurden vom Landesarchiv Baden-Württemberg (Stuttgart) im Internet zugänglich gemacht.

Die Angabe Else Lewertoffs in den Erinnerungen, dass ihre Eltern „beide noch ihren 79. Geburtstag“ feiern konnten (S. 4), müsste daher im Hinblick auf ihren Vater Jakob auf einem Irrtum beruhen, der auch in die Todesanzeige von 1946 den Aufbau in New York einging (siehe oben), denn dieser Geburtstag hätte, wie erwähnt, erst am 22. März 1945 stattfinden können.

[5a]  Zu Rosa Thalheimer und ihrem Mann fand ich in der wertvollen und überaus reichhaltigen Datenbank http://www.familienbuch-euregio.de/ (Familienbuch-Euregio, private Webseite von Iris Gedig, Gladbacherstraße 16, 50374 Erftstadt) aufgrund der Vermittlung durch Herrn Stefan Kahlen einige wichtige Hinweise, die im Folgenden genannt seien. Danach wurde, übereinstimmend mit dem Niederstettener  Familienregister, Rosa Thalheimer am 5. Januar 1872 geboren. Ihr späterer Ehemann – Heirat 1896 in Poppelsdorf bei Bonn – war der am 22. September 1867 in Duisdorf in der Nähe von Bonn geborene Bern(h)ard Benjamin, von Beruf Metzger. (Else Thalheimer erwähnte die Eheleute in ihren Erinnerungen auf S. 21 und 34.) Sowohl Bern(h)ard Benjamin wie seine Frau, Rosa Benjamin geb. Thalheimer, wurden Opfer der Shoa, denn er verstarb am 5. August 1942 in Theresienstadt an Kreislaufschwäche (Enteritis, Darmkatarrh), seine Ehefrau zu unbekanntem Zeitpunkt in Treblinka, wohin sie am 19. September 1942 deportiert worden war. Beide wurden von Köln-Müngersdorf aus mit der Reichsbahn verschickt. Vgl. hier (ggf. auf der Startseite unter „Volltextsuche“ neue Eingabe: „Thalheimer“) die Webseiten, wo die Informationen auch durch Literatur belegt werden (zu Rosa Thalheimer siehe auch „Benjamin-Thalheimer“). Für alles Entgegenkommen sei Herrn Stefan Kahlen und Frau Iris Gedig herzlich gedankt (Nachtrag vom 17. März 2013).

[6]  Zum beruflichem Werdegang des Vaters vgl. Else Lewertoff, Erinnerungen, Seite 7 u. 67 (Verpflichtung zur Umstellung auf Truppenbekleidung im Kriegsfall). Vgl. auch „L. W.  H e l l w i t z  S ö h n e (Jak[ob] Thalheimer) Arbeiterkleiderf[a]br[ik] Antwerpener Str. 35 [Telefon:] A1579 PSK 5905“, in: Greven's Adreßbuch 1918 für Köln und Umgegend, 64. Jg., Köln, Buchseite 213 (entsprechend Bildseite 324), Sp. [3]. Zu dieser Adresse, die sowohl von Grete wie Else Thalheimer genutzt wurde, vgl. auch in Teil 1, Anm. [19], Absätze 3–5 sowie in Teil 2 das Ende von Anm. [193].

[7]  Else Lewertoff, Erinnerungen, S. 7. Auf derselben Seite der Erinnerungen ist noch ein zweitesmal davon die Rede, wie „schüchtern“ ihr Vater gewesen sei.

[8]  Else Lewertoff schreibt in ihren Erinnerungen zweimal „Guttmann“ (S. 8 bzw. S. 22) und nennt als Vornamen einmal „Sophie“ (S. 8).

[9]  Laut dem im Stadtarchiv Mannheim befindlichen „Familienbogen“ des Vaters wurde Sofie Guttmann am 10. Dezember 1874 in Mannheim geboren. Ihr Vater war der Kaufmann Adolf Löbel Guttmann, geb. am 12. November 1840 in Halle an der Saale, ihre Mutter Rosalie die am 7. März 1842 geborene Tochter des Mannheimer Bürgers August Oppenheimer. Beide Eltern waren israelitischer Konfession, ebenso der Kaufmann Jakob Thalheimer, den Sofie Guttmann am 19. Dezember 1896 in Köln ehelichte. Nach ihrer Heirat ist Sofie Guttmann in Mannheim nicht mehr aktenkundig geworden. (Freundliche Auskünfte von Hans-Joachim Hirsch, Stadtarchiv Mannheim, am 6. April 2010.)

Der Todestag der Mutter ist in Else Lewertoffs Erinnerungen (S. 151) nur indirekt bestimmt, da es dort heißt „Tragischer Weise ereilte 3 Tage vor unserer geplanten Abfahrt [in die USA] meine Mutter der Tod.“ Ebenso geht aus ihren Answers to the Questionnaire (1974), wie Anm. [64], „II. Family Background“, hervor: „She died also in Raanana, in 1953.“ Nimmt man unter Einbeziehung der Bemerkung, dass beide Eltern noch ihren 79sten Geburtstag feiern konnten (siehe Anm. [5], erster Absatz), die Angaben wörtlich, müssten Sofie Guttmanns Todestag sowie die erwähnte Abfahrt in den Dezember 1953 gefallen sein, da sie erst am 10. Dezember 1953 ihren 79. Geburtstag feierte.

[10]  Else Lewertoff, Answers to the Questionnaire (1974), wie Anm. [64].

[11]  Else Lewertoff, Erinnerungen, S. 52.

[12]  Den Original-Abzug des Fotos erhielt ich von Gad Lewertoff postalisch am 4. September 2009.

[13]  Vgl. Anm. [9].

[14]  Else Lewertoff, Answers to the Questionnaire (1974), wie Anm. [64].

[15]  Else Lewertoff, Erinnerungen, S. 11.

[16]  Ebd., S. 38: „Grete war dreizehn Monate älter als ich“; ähnlich auf S. 52: „Meine über ein Jahr ältere Schwester Grete und ich wurden wie Zwillinge erzogen.“ Noch genauer ließ sich der Fall durch eine Anfrage beim Landesarchiv Nordrhein-Westfalen in Brühl klären: In den Zweitschriften des Geburtenregisters des Standesamtes Köln-Süd waren hier unter der Nummer 5151/1897 das Geburtsdatum „21. September 1897“ sowie als Name „Margaretha Isabella Thalheimer“ nachzuweisen. Beigefügt war dieser Beurkundung ein Randvermerk vom 19. Dezember 1938, welcher der Jüdin den Zwangsvornamen „Sara“ erteilte. Der Geburtsname der Mutter wurde in dem Eintrag als „Guttmann“ wiedergegeben. Nochmals ist Ulrich Bartels, Brühl, zu danken für seine Auskünfte (vgl. Anm. [4], Ende des ersten Absatzes). Hiernach wäre die Information zu berichtigen, dass es sich bei Margret (Gretel Löwenthal) um Else Thalheimers „jüngere“ Schwester gehandelt habe; vgl. Paul Hindemith, »Das private Logbuch«. Briefe an seine Frau Gertrud, hg. von Friedericke Becker und Giselher Schubert, Mainz: Schott und München: Piper, Juni 1995, Reihe: Serie Musik Piper · Schott, Bd. 8355, S. 33, Fußnote 27 sowie S. 437, Fußnote 1291.

Der Todeszeitpunkt ihrer Schwester Grete („nach 1979“) ist durch den Umstand bestimmbar, dass Else Lewertoff das Ableben ihrer Schwester (im Unterschied zu dem ihres Schwagers auf S. 27) nirgends in den 1979 abgeschlossenen Erinnerungen erwähnt und noch auf S. 189 von den regelmäßigen Anrufen ihrer Schwester und ihres Schwagers aus Amerika während des Jom-Kippur-Krieges (Oktober 1973) spricht. Ihre Schwester sei noch „1977“ [Lesart nicht unzweifelhaft (siehe das Folgende)] nach Israel gereist, um sie, Else Lewertoff, zu besuchen (ebd., S. 27). Die Schreibweise der letzten „7“ in „1977“ weicht, vielleicht infolge eines Tippfehlers oder einer (handschriftlichen?) Korrektur, freilich ab von der vorausgehenden „7“, und die Lesart ist daher nicht zweifelsfrei.

[17]  Else Lewertoff nennt ihre Schwester in Absatz II. ihrer Answers to the Questionnaire (vgl. Anm. [64]) mit dem Familiennamen „Lowe“, was eine spätere Bezeichnung sein mag, die der amerikanischen Schreibweise des deutschen Namens „Löwenthal“ weniger Hindernisse entgegenstellt. Die Bezeichnung „Lowe“ erscheint auch in der Todesanzeige von Jacob Thalheimer (vgl. Anm. [5]). Vgl. ferner S. 437, Fußnote 1291 in Paul Hindemith, »Das private Logbuch« (wie Anm. [16]), wo auch „1940“ als Jahr der Emigration von Grete Löwenthal, ihrem Mann und ihrer Tochter sowie die Niederlassung der Familie in New Haven genannt werden. – Else Lewertoff erwähnt in ihren Erinnerungen häufiger ihre Schwester, doch auch ihren Schwager Jules. Auf S. 26 schreibt sie über den Ehemann ihrer Schwester: „Mein Schwager, Jules Loewenthal, war das siebente von elf Kindern, die alle in Linnich, einer rheinischen Kleinstadt, aufgewachsen waren.“ (Linnich liegt etwa 70 km östlich von Köln.) – Durch die auf den 19. Dezember 1938 datierte Beischrift hinsichtlich des zu tragenden Vornamens „Sara“ ist zu vermuten, dass das oben genannte Jahr 1940 als Jahr der Emigration korrekt ist (vgl. Anm. [16]).

[18]  Über das zweimalige Wohnen der Lewertoffs in den USA siehe Kapitel 7.

[19]  Else Lewertoff, Answers to the Questionnaire (1974), wie Anm. [64]. – Vgl. auch die Widmung Paul Hindemiths in dem Skizzenheft zu seiner Klaviermusik op. 37 (1925–26): „Sammlung frisch gelegter Klavier-Eier. Gerade vor Weihnachten herausgedrückt | by | Paul Hindemith, | Gertrud [Hindemiths Frau] hat drücken | geholfen. | Für Löwenthalheimers zur | eventuellen Herstellung musikalischer | Rühreier. – Weihnachten 1926 | Bühler Höhe“; vgl. hierzu die Webseite der „Foundation Hindemith“ in Blonay, Schweiz Das Originalheft des Hindemithschen Skizzenheftes befindet sich im Besitz von Gad Lewertoff, Tel Aviv. Vgl. auch Bühlerhöhe.

Über eine Aufführung von sechs Liedern Max Regers am 10. März 1923 (Sopran: Margarete Löwenthal, Klavier: Prof. [Arnold] Krögel [1857–1923]) erschien unter der Überschrift Musikalische Gesellschaft ein unsignierter Bericht in der Zeitschrift Die Gegenwart. Organ für Handel, Industrie und Gewerbe. Kölner Theater- und Konzert-Anzeiger, hg. von Hermann Moses, Köln, 22. Jg., Nr. 14, 6. April 1923, S. 2, linke Spalte; Online-Ausgabe. Einen weiteren, aber ebenso knappen Bericht über dasselbe Konzert veröffentlichte die Rheinische Musik- und Theater-Zeitung (hg. von Dr. Gerhard Tischer, 24. Jg., Nr. 11–12, Köln: Tischer & Jagenberg, 24. März 1923, S. 56, rechte Spalte; Online-Ausgabe).

Im Jahr 1924 stand eine gleichlautende Anzeige von Grete Loewenthal dreimal auf der Adressentafel der Zeitschrift Pult und Taktstock, in der es hieß: „GRETE LOEWENTHAL | Sopran | Oratorien, Lieder, Moderne Gesänge | Köln a[m] Rh[ein], Antwerpenerstraße Nr. 35, | Telephon A 1579“. Vgl. Pult und Taktstock. Fachzeitschrift für Dirigenten, Schriftleiter: Erwin Stein, [1. Jg.], Heft 1, Wien: Universal-Edition A.-G., April 1924, nächste Seite nach S. 15, linke Spalte. Dass. Inserat ebd., in: Heft 2, Mai 1924, nächste Seite nach S. 34, linke Spalte. Dass. Inserat ebd., in: Heft 3, Juni 1924, zwei Seiten nach S. 54, linke Spalte.

Ebenfalls in der Rheinischen Musik- und Theater-Zeitung erschienen fünf Kleinanzeigen, die unmittelbar auf Margarete Löwenthal zurückgehen müssten. Die erste befindet sich im Jg. 1925 (S. 471, Spalte 3), und die folgenden haben denselben Text: „Grete Loewenthal | Lieder – Sopran – Oratorien | Köln, Antwerpenerstraße 35 Tel. A 1579”. Dies ist dieselbe Adresse, die für Else Thalheimer am Ende von Anm. [193] genannt ist. Identische Anzeigen erschienen im Jg. 1925 auf S. 499, 527, 563 und 583, so dass alle in den Zeitraum von September bis November 1925 fielen.

Hinsichtlich der Adresse Antwerpenerstraße 35 ließ sich noch durch eine Internetrecherche feststellen, dass als Eigentümer der Wohnung im 3. Stockwerk der Fabrikant „Jak[ob] Thalheimer“, also der Vater von Grete und Else Thalheimer, eingetragen war. Vgl. Greven’s Adreßbuch von Köln und Umgebung, 52. Jg., Zweiter Band, IV. Tl., Köln: Greven & Bechtold / M. DuMont Schauberg, 1930, S. 33, Sp. [1] (S. 201/1216 im djvu-Format). Möglicherweise teilten sich die Schwestern diese Wohnung aber nicht, denn im selben Adreßbuch steht, durch einen anderen Eintrag getrennt,  im  2. Stock unter derselben Anschrift: „Löwenthal, J. F[a]br[i]k[an]t“. Hier nun könnte es sich um Jules Löwenthal gehandelt haben, der mit Grete Thalheimer verheiratet war.

Schließlich erscheint eine „Frau Loewenthal, Köln 2/1“ im ungedruckten Gäste- Verzeichnis der „Donaueschinger Musiktage 1924“ unter „Hotel Schützen“ auf S. [4] der maschinenschriftlichen, handschriftlich korrigierten und ergänzten 7-seitigen Liste. (Die gesamte Liste erhielt ich freundlicherweise als Fotokopie am 18. Februar 1998 von Herrn Dr. Andreas Wilts, dem Leiter des „Fürstlich Fürstenbergischen Archivs“ in Donaueschingen.)

[19a] Vgl. Jahresbericht des Konservatoriums der Musik in Cöln. Veröffentlicht am Schlusse des Schuljahres 1915/1916. Cöln 1916 | DRUCK VON M. DUMONT SCHAUBERG. 2163, S. 16. – Vermutlich kann diese Ausbildung noch weiter erschlossen werden durch andere Jahresberichte der Institution, welche die Kölner Universitäts- und Stadtbibliothek digitalisiert und ins Internet gestellt hat.

[20]  Geb. am 30. September 1875 in Köln, gest. am 14. Januar 1942 in New York, NY. Vgl. seine Biografie sowie Jack Burtons Porträt The Honor Role of Popular Songwriters – No. 13 Fred Fisher, in: The Billboard. The World’s Foremost Amusement Weekly, Vol. 61, No. 12, March 19, 1949, S. 46, Sp. 1–2 (Online- Ausgabe [Browser-Bild ggf. aktualisieren]). – Else Lewertoff schreibt in ihren Erinnerungen (S. 38) „Einige seiner Hits: ,Chicago‘, ,Peg of my heart, I love you‘, ,Dardanella‘“.

[21]  Berthold Auerbach, geboren am 28. Februar 1812 in Nordstetten (Horb am Neckar), gestorben am 8. Februar 1882 in Cannes (Südfrankreich) in einer Privatklinik. In Nordstetten gibt es ein Berthold-Auerbach-Museum; Auerbachs Werke, die bis heute gelesen werden, wurden in 22 Bänden herausgegeben (vgl. Gesammelte Schriften, 2. Auflage, Stuttgart: Cotta, 1864). Texte von Auerbach im Projekt Gutenberg. Vgl. auch die Webseiten Literaturland Württemberg. Download älterer Drucke als Dateien im Internet Archive. Vgl. Anton Bettelheim, Berthold Auerbach. Sein Werk – Sein Nachlaß, Stuttgart und Berlin: J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, 1907; im „Internet Archive“ komplett als download.

[21a] Vermutlich ist die Witwe Frau Emilie Kriege gemeint, die „Musiklehrerin“ war und in Köln am „Zülpicherplatz 71“ wohnte (siehe 1906 Greven's Adreßbuch für Köln, 52. Jg., Teil II, Buchseite 385, Bildseite 556, Sp. [1]). Dann zog sie in den nächsten Jahren um, so dass sie im Kölner Adressbuch 1910 unter der Anschrift „Brüsselerstraße 6“ erschien (56. Jg., Buchseite 255, Bildseite 379, Sp. [1]). Seit der Ausgabe des Kölner Adressbuchs von 1915 war sie jedoch, ebenso wie in der Zeit vor 1906, nicht mehr nachweisbar, wobei zu berücksichtigen ist, dass die Reihe der Kölner Adressbücher noch nicht ganz vollständig digitalisiert und im Internet zugänglich ist. Die beiden Kölner Adressen „Zülpicherplatz 71“ sowie „Brüsselerstraße 6“ sind jedoch belegbar. Über eine andere Person des Familiennamens „Kriege“ war in diesen Adressbüchern der infrage kommenden Zeit kein Eintrag vorhanden. Möglicherweise verstarb damals Frau Kriege (laut den Erinnerungen Else Thalheimers auf S. 43, erster Absatz).

[22]  Vgl. Anm. [94]. – Der Vorname „Shlomo“ steht auch auf einem Stempel auf der Rückseite des als Abb. 2 reproduzierten Porträt-Fotos. Der Stempel zeigt neben dem Namen „Shlomo B. Lewertoff“ unter anderem eine Adresse in „New Haven II, Conn.“ an, und es hat den Anschein, als ob das Foto, von dem mir ein originaler Abzug zur Verfügung stand, bereits früher einmal abgedruckt und danach an den auf dem Stempel angegebenen Absender zurückgeschickt wurde.

Salo Lewertoff, Prokurist, lebte zuammen unter derselben Kölner Adresse mit Bernhard Lewertoff (Papiergroßhandlung) in der Kölner Innenstadt, Jülicher Str. 31; vgl. Adressbuch von Köln 1927, 69. Jg., Buchseite 571 (Bildseite 732), Sp. [3], unten. Er hatte seinen Vornamen „Bernhard“ von seinem Vater übernommen, mit dem oder einem anderen Verwandten er möglicherweise zu dieser Zeit auch im selben Haus in Köln wohnte; vgl. zu seinem Vornamen den vorliegenden Aufsatz, Teil 1, Anm. [24] (1. Absatz) und Anm. [25]. Siehe auch das Kölner Adressbuch 1925, 67. Jg., Buchseite 515 (Bildseite 671), mittl. Spalte, und Hinweis darunter: (Siehe Anzeige im Gewerbeverzeichnis unter „Papiergroßhandlungen“.), der sich wohl auf Teil IV, Buchseite 256 (Bildseite 2114), Spalte [3], bezieht. – Der Bruder Adolf (Abraham) Lewertoff von Salo Lewertoffs Vater (also Salo's Onkel) hatte jedenfalls in Höxter eine Papierfabrik, so dass eine Verbindung nahezuliegen scheint; vgl. Ernst Würzburger: Juden in Höxter. Von der Gleichstellung im Königreich Westphalen bis zum Holocaust. Höxter: Selbstverlag, 1998, S. 14 (Freundlicher Hinweis von Fritz Ostkämper, Höxter.)

[23]  Über S. B. Lewertoff ist im Israel Honorarium, Vol. 4 (ca. 1968) ein postumer Artikel enthalten, den Else Lewertoff im März 1974 erwähnte, der aber trotz wiederholter Bemühungen nicht heranzuziehen war. Vgl. zu dieser Quelle den Brief Else Lewertoffs vom 10. März 1974 an P. Leshem (Jerusalem) in Anm. [64]. Ein publiziertes Foto zeigt S. B. Lewertoff als Sekretär des Palestine Orchestra unten rechts neben dem aus Köln stammenden Dirigenten Wilhelm Steinberg, vgl. Monatsblätter des Jüdischen Kulturbundes Hamburg, Jg. 2, Nr. 4, April 1937, nach S. 2 (Online-Ausgabe).

[24]  Das Geburtsdatum von „Salomon Lewertoff“ wurde mir vom Stadtarchiv Höxter nach einer Rückfrage im Standesamt Höxter bestätigt. Die Geburtsmeldung stammte von dem Kaufmann Bernhard Salomon Lewertoff in Höxter („Am Rathaus 13“), dessen beide Vornamen sein Sohn später übernahm, wobei er jedoch die Reihenfolge der Vornamen änderte, sie verkürzte oder auch abkürzte („Salo“ bzw. „S. B.“, vgl. dazu Anm. [25]). Nach der Emigration nach Palästina (1935) nahm er die hebräischen Vornamen „Shlomo Baruch“ an, die er im Schriftverkehr jedoch ebenfalls zumeist mit „S. B.“ abkürzte, so dass die Initialen im Deutschen oder Hebräischen dieselben Buchstaben waren. Den genannten Unterlagen zufolge brachte die Ehefrau Zerline Lewertoff, geborene Schiff, ihren Sohn zu Hause zur Welt. Der Rand des Dokuments trägt einen Heiratsvermerk des Standesamts Köln III, Nr. 513/1935. Letzterer Vermerk müsste sich auf die Heirat von Salomon Lewertoff mit Else Thalheimer beziehen, welche 1935 in Köln kurz vor der Emigration stattfand (vgl. die von Anm. [269] belegten Informationen).

Neben diesen standesamtlichen Einzelheiten teilte mir Michael Koch, der Archivar des Stadtarchivs Höxter, das Folgende mit: „Im Einwohnermelderegister hat sich übrigens mit der Registerkarte für den Kaufmann Abraham Salomon Lewertoff, geboren am 12. März 1863 in Höxter, nur eine einzige Person dieses Familiennamens erhalten. Vor der Adresse Am Rathaus 13 wohnte er 1886–88 in Ovenhausen (heute Stadt Höxter), Hauptstraße 31 bei Uhlmann, und 1888–1932 in Höxter, Stummrigestraße [Nr.] 29, 1932–38 Am Rathaus 13. Am 15. November 1938 wurde er abgemeldet nach Frankfurt/Main, Rechneigraben 18/20. Wegen der identischen Adresse „Am Rathaus 13“ handelt es sich vielleicht um einen Bruder oder den Vater von Bernhard Salomon Lewertoff.“ Für seine ausführlichen Auskünfte (E-Mail am 20. April 2010) ist Michael Koch vielmals zu danken.

Über die Lewertoffs machte mich der Geschichtsforscher Fritz Ostkämper, der die Geschichte der Juden in seiner Arbeit über Höxter besonders berücksichtigt, noch auf folgende Quellen dankenswerterweise aufmerksam: http://www.luebeck-teatime.de/?rubrik=17&artikel=717 (Dr. Peter Guttkuhn) und http://www.jacob-pins.de/?article_id=326&clang=0 (Fritz Ostkämper). Zudem brachte mir Herr Ostkämper Folgendes zu Kenntnis: „Außerdem scheint unserem von Ihnen zitierten Stadtarchivar Michael Koch bei seinen Mitteilungen über Abraham Lewertoff ein Irrtum unterlaufen zu sein. Die offiziellen Daten können Sie aus der angehängten Meldekarte [2-seitiger Scan der Karte vom „Einwohner-Meldeamt der Stadt Höxter“] entnehmen. Allerdings bleiben Unklarheiten, denn auch für 1937 ist durch Akten ein zeitweiser Umzug nach Ovenhausen belegt (siehe weiteren Anhang). Möglicherweise zog Abraham Lewertoff sowohl 1937 wie 1938 für einige Monate zur Familie Uhlmann nach Ovenhausen.“  (E-Mail am 30. September 2014). Dazu kann ich weiter nichts sagen, da mir die Verzweigungen der Familie Lewertoff weitgehend unbekannt sind.

Die Gegend des Weserberglandes, das hier eine Rolle spielt, kommt auch in Annette von Droste-Hülshoffs (1797–1848) Novelle Die Judenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westphalen (entstanden 1837–1841, veröffentlicht 1842 in Stuttgart und Tübingen: Cotta) zur Darstellung.

Ob eine familiäre Verbindung angesichts des folgenden Drucks besteht, der auf das zweiteilige Gebetbuch von Heinemann Vogelstein (1841–1911) Bezug nimmt, ist mir nicht bekannt, doch ist infolge der Gleichheit des (seltenen) Namens, der Thematik des Drucks sowie des Druckorts eine solche keineswegs unwahrscheinlich: vgl. A. Lewertoff (Hg.), 50 Gutachten über: das neue „westfälische Gebetbuch“ von Rabbiner Dr. [Heinemann] Vogelstein, unter Subventionirung der „Freien Vereinigung“ zu Frankfurt a[m] M[ain], herausgegeben von A. Lewertoff, Höxter a/W.: Lewertoff, [ca. 1895], Umfang: [24] Bl.; vgl. den Zitierlink sowie http://search works. stanford.edu/view/2942738

[25]  Gad Lewertoff, E-Mail an den Verfasser vom 20. September 2009. – Aus demselben Schreiben geht Folgendes hervor: In Deutschland wurde sein Vater unter dem Namen Salo(mon) Bernhard Lewertoff bekannt, kürzte seine Vornamen aber gewöhnlich mit „Salo B.“ ab. In Palästina und später Israel nahm er die hebräischen Vornamen „Shlomo“ (aus Salomon) und „Baruch“ [statt Bernhard, was der Vorname seines Vaters war] an, unterzeichnete seine Briefe jedoch zumeist mit den Abkürzungen „S. B. Lewertoff“. – Die Schreibweise „Lewertoff“ ist verbindlich, da es sich um den Namen eines in Deutschland Gebürtigen mit deutscher Muttersprache handelt. Da Schreibweisen wie Levertoff, Levertov, Lewertov usw. jedoch ebenfalls vorkommen, finden häufiger Verwechslungen statt, die wohl oder übel bei jeder Recherche zu berücksichtigen sind. Zudem wurde der Name „Lewertoff“ zumindest in den USA, um ihn im Englischen leichter auszusprechen und schreiben zu können, bisweilen abweichend übertragen, so dass unter diesen Namen bisweilen auch Dokumente auffindbar sind, die den ursprünglichen Namen Lewertoff betreffen; vgl. vor allem die Dichterin Denise Levertov (1923–1997), deren Vater aus Deutschland emigriert war; siehe „Box 15, Folder 20, Lewertoff, Else and Shlomo to Denise Levertov, 1962–1968“ auf der Webseite Guide to the Denise Levertov Papers der Stanford University in Kalifornien. Vgl. zur Schreibweise von „Else Thalheimer“ Anm. [3]. – Zur Biografie des Sohns Gad Lewertoff vgl. Anm. [36] et passim.

[26]  Auf beide kommt Else Lewertoff in ihren Erinnerungen zu sprechen: vgl. zu Bernhard Lewertoff auf S. 28–29 und 165, zu Zerline Lewertoff auf S. 28–29, 163 und 165.

[27]  Datierungen laut der Matrikelkarte im Universitätsarchiv Köln. Dass Lewertoff in Köln keine Prüfung ablegte, geht aus der „Kartei zu Zug. 4“ hervor. Da die sogenannten Kolleggeldrechnungen der Universitätskasse („Zug 604“) erst 1926 eingeführt wurden, ist aus den Dokumenten nicht ersichtlich, welche Fächer Lewertoff belegt hatte. Freundliche Mitteilungen von Dr. Andreas Freitäger, Universitätsarchiv Köln, am 3. Mai 2010 (E-Mail).

[28]  Vgl. Anm. [86]. Die Bezeichnung „Kaufmann“ erscheint auch in Else Lewertoffs Erinnerungen, die hier zitiert sind.

[29]  Vgl. die von Anm. [93] belegten Hinweise.

[30]  Vgl. zu dem Inserat, das kurz vor dem 31. Mai 1931 erschienen sein müsste, Anm. [78].

[31]  H. Lemacher (wie Anm. [119]), S. 73.

[32]  Den Original-Abzug des Fotos stellte mir Gad Lewertoff postalisch am 29. April 2010 freundlicherweise zur Verfügung. Vgl. auch Anm. [22]

[33]  Vgl. E. Pracht in Anm. [233] und [234].

[34]  Vgl. die Bühnenaufnahmen (Fotos) von S[alo] Lewertoff in: Jüdischer Kulturbund Rhein-Ruhr. Gemeinschaft der Freunde des Theaters und der Musik e. V. [Köln, Dischhaus], 1. Jg., Nr. 3, Köln am Rhein, Januar 1934, S. 4: „Sonkin und der Haupttreffer“ auf der Kulturbundbühne Rhein-Ruhr (Online-Ausgabe). Vgl. ebd., Jg., Nr. 9, S. 5, Bühnenbildfoto aus „Sonkin“ (Nachdruck) [von Lewertoff aufgenommen?] (Online-Ausgabe).

[35]  Gad Lewertoff, E-Mail an den Verfasser vom 20. September 2009. – Vgl. auch die Filmaufnahmen beim Besuch Toscaninis (1936) in Anm. [284].

[36]  Gad Menahem Lewertoff lebte, nach Aufenthalten mit seinen Eltern in Ägypten und in Europa, seit 1953 in den USA. Bereits 1948 wurde er in Amsterdam Schüler des berühmten Geigers Szymon Goldberg (1909–1993), später in Yale von Howard Boatwright (1918–1999). Er studierte von 1956 bis 1962 Musik und Literatur in New Haven, Conn. an der Yale University. Seine Thesis (Examensarbeit) verfasste er über biblische Themen bei Thomas Mann: vgl. Gad Lewertoff, Leitgedanken in Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ und ihre Beziehung zur Bibel, New Haven, 1960, 85 S. [005147892]; ETH-TMA (Zürich), Signatur: TML-q 9 (Fotokopie des Typoskripts). Nach dem Examen in Yale wohnte er mehrere Jahre in Genf. Seinen Eltern, die 1964 nach Israel zurückgekehrt waren, folgte Gad Lewertoff 1966 und wurde später Erster Bratschist am „Israel Chamber Orchestra“ sowie am „Jerusalem Symphony Orchestra“. Gegenwärtig unterrichtet er an der Tel Aviv University (Samuel Rubin Israel Academy of Music), wo er eine Professur hat und als Lehrer für Viola und Kammermusik die Streicher-Abteilung des Hauses leitet; vgl. die Homepage der Universität. Im Jahre 2000 erschien seine Doppel-CD mit den sechs Solosuiten von J. S. Bach in einer Fassung für Viola (IMA Records, „The Moritz and Miriam Gertler Collection“, Katalog-Nr. GC 10008, © 2000); darüber hinaus spielte er unter anderem Werke von Frank Martin, Mozart und Beethoven auf CD ein. – In ihren Erinnerungen erwähnt Else Lewertoff vielfach Ereignisse in Zusammenhang mit ihrem Sohn: vgl. dort (S. 175–180) unter anderem den Brief vom 21. April 1968 aus Hamden [ca. 6,6 Meilen nördlich von New Haven], Conn., USA an Gad Lewertoff zu seinem dreißigsten Geburtstag. Auch das Kriegstagebuch 1973, das in die Erinnerungen einging, handelt vielfach vom Schicksal ihres Sohnes, der damals als Soldat eingezogen war. Else Lewertoff ergänzte handschriftlich zu ihrem Sohn die Answers to the Questionnaire (März 1974, wie Anm. [64]): „he is now the First Viola player of the Israel Chamber Orchestra and Music teacher in Givat Brenner.“ Gad Lewertoff war mit der inzwischen verstorbenen Schweizerin Muriel Lewertoff (geb. Hayman) verheiratet; aus der Ehe gingen die drei Kinder Arieh, Michal und Ruben hervor. Alle Personen werden in den Erinnerungen genannt; vgl. Anm. [306].

[37]  Der Begriff „Lyzeum“ wurde in dem Jahrbuch der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn gebraucht (vgl. Anm. [61], erste Hälfte).

[38]  Das Jahr des Abiturs geht aus den Angaben im „Promotionsalbum“ der Universität in Bonn hervor; vgl. Anm. [61], zweite Hälfte.

[39]  Die Adresse war „Apostelnkloster 5“ in zentraler Lage, nahe dem Neumarkt. Vgl. auch Jahresbericht der Städtischen Merlo-Mevissen-Schule, Lyzeum mit Studienanstalt der Gymnasialen Richtung in Köln am Rhein: Städtische Merlo-Mevissen-Schule <Köln>, Köln 1927/28 (1928) nachgewiesen; lag nicht vor, doch vgl. den Titel. Die Stadt Köln hatte die zuvor private Schule 1909 übernommen; 1923 wurde die Schule mit dem „Merlo-Lyzeum“ zusammengelegt und erhielt fortan den Namen „Merlo-Mevissen-Schule“; 1934 wurde die Einrichtung von den Nationalsozialisten aufgelöst. Vorstehende Informationen stammen aus der Webseite von Angela Berlis Die Frauenfrage als Lebensaufgabe. Mathilde von Mevissen (1848–1924); ein Artikel der Wikipedia unterrichtet über die in Köln geborene und hier auch verstorbene Schulgründerin Mathilde von Mevissen (1848–1924).

[40]  Vgl. die für Else Thalheimer ausgestellte Studentenkarte der Münchener Universität, wie Anm. [50].

[41]  Else Lewertoff, Erinnerungen (wie Anm. [2]), S. 46. – Ob es sich bei dem  Gymnasium, das als nächstes genannt ist, um eine humanistische Einrichtung handelte, ist mir nicht bekannt, doch möglicherweise besuchte Else Thalheimer zwei verschiedene Gymnasien; vgl. 1910 Greven's Adreßbuch für Köln und Umgegend, 1910, 56. Jg., Buchseite 41, Bildseite 75, Sp. [1]: Studienanstalt für Mädchen (Städtisches Mädchen-Gymnasium), Marienplatz 28, hierin Lehrkörper: u. a. „Dr. Hupperz“ – bei Else Thalheimer wiederholt: „Huppertz“ (er wohnte damals in Köln in der Schillingstr. 10, siehe im selben Adressbuch von 1910, Teil II, Buchseite 201, Bildseite 325, Sp. [3]). Else Thalheimer beschreibt jedenfalls in ihren Erinnerungen (S. 67–70), dass sie bei Hupperz Unterricht hatte und wie sie von seinem Tod [ca. 1918] erfuhr; er starb im Ersten Weltkrieg und war „auf dem Felde der Ehre gefallen“. In seiner veröffentlichten Dissertation schrieb Dr. phil. Robert Wilhelm Hupperz in der eigenen Biografie, dass er am 5. September 1883 in Rheydt im Bezirk Düsseldorf geboren wurde. Sein Talent als Lehrer für Mathematik rühmte Else Thalheimer außerordentlich. Er promovierte 1907 in Straßburg an der Kaiser-Wilhelms-Universität mit der Arbeit Analytische Untersuchung der allgemeinen Schraubenregelfläche: eine monographische Studie (31 Seiten Umfang, Leipzig: B[enedictus] G[otthelf] Teubner [1907]).

[42]  Ebd., S. 92.

[43]  Ebd., S. 57. Nimmt man freilich bereits München als Ort des Abiturs an (was vorerst zwar weniger wahrscheinlich, doch nicht ganz auszuschließen ist), so ging Thalheimer hier vermutlich in das heutige Städtische Luisengymnasium München in München-Maxvorstadt. Dieses Gymnasium, früher „Lyzeum“ geheißen, war „von nicht wenigen jüdischen Schülerinnen besucht“ worden und wurde bis etwa 1945 als reine Mädchenschule geführt. Freundliche Auskünfte (E-Mail) von Dr. Andreas Heusler, Stadtarchiv München, am 18. November 2009. Der Versuch, diese allgemeineren Hinweise auf den anstehenden Einzelfall zu beziehen, scheiterte, denn die überlieferten Schülerakten wurden aus Platzgründen an den Studiengenossenschaftsverband abgegeben. Und da sich die Akten in ungeordnetem Zustand befinden, sind sie der Forschung derzeit nicht zugänglich. Nach einem Hinweis des Stadtarchivs München, der sich auf das Luisengymnasium bezog. Auskünfte über die Schülerakten erhielt ich dankenswerterweise von Herrn Rudi Enterrottacher aus dem Luisengymnasium.

Gleichwohl erscheint München noch mehrfach in den Erinnerungen: „Ein späteres Jahr verbrachte ich in München. Die dortige leichte Luft hatte es jedoch zur Folge, dass man sich häufiger in der herrlichen Umgebung als in den dumpfen Hörsälen der Universität aufhielt.“ (S. 57) oder: „Nach einem anregenden, aber nicht sehr lehrreichen Aufenthalt in München kehrte ich nach Köln und Bonn zurück.“ (S. 58).

[44]  Das erste Bonner Studium Else Thalheimers ließ sich aufgrund von Nachforschungen durch Jennifer Striewski nachweisen. Zwar war Thalheimer weder im Studentenverzeichnis noch in dem Immatrikulationsalbum oder in den Exmatrikelakten zu finden, stand jedoch in den „Belegbögen“ der Universität. Im Hinblick auf ein fehlendes Immatrikulationsdatum sei jedoch nicht auszuschließen, dass Thalheimer zunächst nur als Gasthörerin und nicht als ordentliche Studentin eingeschrieben war. (Freundliche Mitteilungen von Jennifer Striewski, Archiv der Universität Bonn, E-Mail am 9. Dezember 2009.)

[45]  Vgl. die zweite Hälfte von Anm. [61].

[46]  Else Lewertoff, Erinnerungen, S. 60.

[47]  Else Lewertoff, Erinnerungen, S. 72. – Wenig zuvor hatte die Verfasserin auf derselben Seite geschrieben: „Meine Schwester und ich unterhielten regelmässig die verwundeten Soldaten mit Klaviervorträgen. Oft traten wir auch mit unseren Freunden Wilhelm und Walter Steinberg als Trio auf. – Die Brüder mit Geige und Cello. (Der Aeltere machte bekanntlich nach dem Kriege in Deutschland als Kapellmeister eine grosse Karriere und nach seiner Auswanderung eine noch grössere in Amerika.)“ Vgl. auch Anm. [71].

[48]  In München wohnte auch, zumindest in früherer Zeit, Else Thalheimers Onkel Julius Thalheimer, über den sie in ihren Erinnerungen auf S. 21 sagt: „Wir Kinder hatten eine besondere Vorliebe für den in München lebenden Bruder [des Vaters] Julius, der häufig zu Besuch bei uns erschien. Er galt als der Bohemien der Familie, war immer zu Spässen aufgelegt, hatte starke künstlerische Interessen und war im Besitz einer respektablen Gemäldesammlung.“ Ein Kontakt mit ihrem Münchener Onkel Julius während Else Thalheimers Studium ließ sich aber nicht belegen.

[49]  Meldeamtliche Erfassung auf dem Meldebogen PMB D 11, auf dem Elsa [sic] Thalheimer, Reichenbachstraße 12/I, bei Schlüsselblum, genannt ist. Freundliche Auskünfte (E-Mail) von Dr. Andreas Heusler, Stadtarchiv München, am 18. November 2009.

[50]  Auskunft von Dr. Claudius Stein aus dem Archiv der Ludwig-Maximilians- Universität in München (E-Mail vom 6. April 2010) bezeichnen die drei Abkürzungen: H = Humanistisches Gymnasium, R = Realgymnasium und O = Oberrealschule. Vgl. auch Anm. [56].

[51]  Als Möglichkeit seit angedeutet, dass es sich hier um dieselbe Adresse wie in den Meldeunterlagen handeln könnte, denn beide Anschriften stimmen in Hausnummer und Stockwerk überein (12/1), wobei auch beide Straßennamen (Reitmorstraße bzw. Reichenbachstraße) mit denselben Anfangsbuchstaben beginnen. Die Auflösung einer Abkürzung oder schlechte Leserlichkeit könnten daher einen Irrtum verursacht haben, zumal beide Straßennamen in München in nur etwa 2 km Entfernung voneinander vorkommen und mehr oder minder nahe an der Universität liegen, was ein Missverständnis begünstigt haben mag.

[52]  Paul Frankl, wie Anm. [142].

[53]  Moritz Geiger, wie Anm. [157].

[54]  Adolf Wilhelm August Sandberger (1864–1943), vgl. Hans Engel, Artikel Sandberger, Adolf, in: MGG 11 (1963), Sp. 1355–1358 mit Foto. – Sandberger, der als Musikwissenschaftler und Komponist hervortrat, wurde 1904 in München ordentlicher Professor und emeritierte 1930.

[55]  Heinrich Wölfflin (1864–1945), Schweizer Kunsthistoriker. Wölfflin hatte in München von 1912 bis 1924 eine Professur für Kunstgeschichte.

[56]  Zu danken habe ich Dr. phil. Claudius Stein, M. A., Universitätsarchiv München, sowohl für Recherchen und Auskünfte, besonders aber für die Abschrift von Thalheimers Belegblatt der von ihr besuchten Vorlesungen (E-Mail vom 1. Dezember 2009).

[57]  Else Lewertoff, Erinnerungen, S. 13 im Kapitel Meine Eltern (S. 4–18).

[58]  Ebd., S. 16.

[59]  Vgl. die durch Anm. [159] bis [164] belegten Teile des Haupttextes.

[60]  Gad Lewertoff schrieb mir am 1. Dezember 2009 in einer E-Mail: „Soviel ich mich erinnern kann, hat meine Mutter davon gesprochen, dass sie ein Semester in München als Studentin verbracht hatte.“ Dieses eine Semester müsste demnach das Sommersemester 1920 gewesen sein.

[61]  Vgl. das Jahrbuch der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, 2. Jg., 1. Halbband: Winterhalbjahr 1923/24, S. 62–64, wo sich auch eine Inhaltsangabe und kurze Beschreibung von Else Thalheimers Dissertation befinden (Promotionsakten sind nicht erhalten, da sie beim einem Bombenangriff am 18. Oktober 1944 vernichtet wurden); ferner die Answers to the Questionnaire (1974), die in Anm. [64] genauer bezeichnet sind. – Das Vorwort der Dissertation ist mit „im Oktober 1922“ datiert (vgl. Niemöller, wie Anm. [193], Ms-S . 2), und so dürfte der genannte 29. November 1922 der Tag des Rigorosums (mündliche Prüfung) gewesen sein. Das Tragen des Titels „Dr.“ wird von der Universität gewöhnlich erst mit der Publikation der schriftlichen Arbeit gestattet. – Im „Promotionsalbum“ der Philosophischen Fakultät der Universität zu Bonn (Album B, 30. Juni 1921–10. Juli 1933) findet sich am 1. März 1924 der Eintrag: „Else Thalheimer, geboren am 4.11.1899 [sic] in Köln, Wohnort in Köln, Staatsangehörigkeit: Preussen, Vorbildung: Studienanstalt der gymnasialen Richtung (Reifezeugnis 1918), Studium in Bonn, München, Bonn, Dissertationsthema: Johanna Kinkel als Musikerin, Referent: Schiedermair, Prädikat der schriftlichen Arbeit: gut, Prüfungsdatum: 29.11. 1922, Fächer: Musikwissenschaft, Philosophie, Kunstgeschichte, Gesamtprädikat: sehr gut.“ (Freundliche Auskunft von Jennifer Striewski, Archiv der Universität zu Bonn, am 27. November 2009.)

[62]  Vgl. auch Anm. [61]. Ludwig Schiedermair war ab März 1915 außerordentlicher Professor, ab Juli 1915 persönlicher Ordinarius in Bonn, wo er von 1920 bis 1945 an der Universität unterrichtete. Er betreute als Doktorvater Thalheimers Dissertation über Johanna Kinkel. Zu Schiedermair als Doktorvater von Heinrich Lemacher vgl. das letzte Drittel von Anm. [83];  als Doktorvater von Eigel Kruttge Anm. [181], zweiter Absatz (Kruttge wurde am selben Tag wie Thalheimer in Bonn promoviert).

Schiedermair hielt bei der „Gesellschaft für neue Musik“ am 26. März 1924 einen Vortrag im Kölner Kunstverein am Friesenplatz, wo seit Juni 1923 die Veranstaltungen der Gesellschaft stattfanden. Das Thema seines Vortrags war Über das rheinische Musikleben in Vergangenheit und Gegenwart; vgl. H. Lemacher, Ein Überblick etc. (wie Anm. [119]), S. 75 und Niemöller, wie Anm. [193], Ms-S. 5. – Schiedermair nennt in den Literaturnachweisen seines Buchs Musik am Rheinstrom. Entwicklungen und Wesenheiten. Gestalten und Schicksale (Köln: Staufen-Verlag, 1947) sowohl Kruttges wie Thalheimers Dissertation, die er beide auf „1922“ datiert und als „Manuscript“ bezeichnet (S. 259 bzw. 261).

[63]  Else Lewertoff kommt auf ihre Bewunderung für Gustav Mahler in ihren Erinnerungen zu sprechen, als sie über das vierhändige Klavierspiel seiner Symphonien (zusammen mit Hans Wedig), das bei ihrem Bonner Professor für Kunstgeschichte Paul Clemen stattfand, schreibt (S. 95): „Damals hatte ich jedoch diesen Komponisten [Gustav Mahler] für mich entdeckt und beabsichtigte, trotz des Widerspruchs meines musikwissenschaftlichen Professors, meine Doktorarbeit über ihn zu verfassen. Umso dankbarer musste ich Hans [Wedig] sein, dass er mir in das neue Feld folgte, und auch den Hörern, die in ihrer leicht trunkenen und romantischen Stimmung eine unersättliche Aufnahmewilligkeit bewiesen.“

[64]  Erste Quelle in Anm. [61] sowie maschinenschriftliche Angaben in dem Text Answers to the Questionnaire (Datierung mit [Eingangs-]Stempel: „12 Mar[ch] 1974“, 1 Seite), die von Else Lewertoff-Thalheimer verfasst und aus Tel Aviv an Mr. P. Leshem, Resident Research Associate, nach Jerusalem geschickt wurden. Sind diese Answers auf Englisch verfasst, so enthält ein weiteres Blatt unter der Überschrift Dr. Else Lewertoff-Thalheimer eine deutschsprachige autobiografische Skizze (1 S., maschinenschriftlich, Datumstempel wie oben). Kopien dieser Dokumente, zu denen noch ein englischsprachiger Begleitbrief an P. Leshem vom 10. März 1974 sowie eine handschriftliche Postkarte vom 21. April 1974 (mit einer Antwort auf die Bitte, die im März bereits abgegebenen Informationen zu schicken) gehören, erhielt ich im November 2009 über das „Zentrum für Antisemitismusforschung“ der TU Berlin. (Dr. Marion Neiss sei für ihre Vermittlung vielmals gedankt.) Aufmerksam geworden war ich auf diesen Bestand durch das wertvolle Buch von Barbara von der Lühe Musik war unsere Rettung. Die deutschsprachigen Gründungsmitglieder des Palestine Orchestra. Mit einem Geleitwort von Ignatz Bubis, Tübingen: Mohr Siebeck, 1998, Reihe: Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck Instituts, Bd. 58, passim (vgl. „Google Bücher“ mit Online-Auszügen), in welchem Else Thalheimer und Salo B. Lewertoff mehrfach unter Verweis auf das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU in Berlin genannt sind (vgl. dort S. 72, Anm. 21). Ferner wird in diesem Buch dem Schicksal des „Palestine Orchestra“ ausführlich nachgegangen.

Zur Dissertation von Else Thalheimer vgl. ihre Publikationen unter 1924; über Johanna Kinkel und den Maikäferbund vgl. die angegebenen Artikel der Wikipedia. Die Komponistin Johanna Kinkel war 1820 in Bonn geboren und tötete sich 1858 in London wahrscheinlich selbst. – In Riemanns Musiklexikon, 11. Aufl., bearbeitet von Alfred Einstein, lautet die Datierung von Thalheimers Dissertation „1922“ und nicht 1924 (vgl. Bd. 1, Artikel Kinkel, Johanna, Berlin: Hesse, 1929, S. 822). Der Unterschied, der durch das Datum der mündlichen Prüfung bedingt sein könnte (vgl. Anm. [61]), findet sich erneut im Riemann Musiklexikon, 12. Aufl., hg. von Wilibald Gurlitt, Personenteil A–K, Mainz: B. Schott’s Sohne, 1959, S. 923. Weitere Literatur zu Kinkel bei Niemöller, wie Anm. [193], Ms-S. 2, Fußnote 10.

Die beiden Exemplare der Bonner Universitätsbibliothek sowie des Bonner Musikwissenschaftlichen Instituts enthalten kein Curriculum vitae Thalheimers. (Freundlicher Hinweis von Claudia Berg, Universitätsbibliothek Bonn, am 4. Dezember 2009.)

[65]  Zu Schiedermair Anm. [62]. – Paul Clemen war von 1893 bis 1936 an der Universität zu Bonn tätig. Zu Paul Clemen, in dessen Haus Thalheimer auch verkehrte, vgl. Else Lewertoffs Erinnerungen, S. 95. – Gustav Wilhelm Störring wurde 1914 Ordinarius für Philosophie und Psychologie an der Bonner Universität. Störrings Schriften sind zum Teil online verfügbar. Die Namen sind in der autobiografischen Skizze Dr. Else Lewertoff-Thalheimer (wie Anm. [64]) erwähnt.

[66]  Der Todeszeitpunkt von Hans Wedig („Anfang 1978“) wird auf S. 99 in Else Lewertoffs Erinnerungen genannt.

[67]  Zu Hans Wedig vgl. Erich H[ermann] Müller, Deutsches Musiker-Lexikon, Dresden: Limpert, 1929, Artikel in Sp. 1531 sowie Artikel Wedig, Hans-Josef, in: Hedwig und E. H. Mueller von Asow (Hg.), Kürschners Deutscher Musiker-Kalender 1954, Berlin: Walter de Gruyter, 1954, Sp. 1432 f. – Vgl. auch die Artikel in den Musiklexika von H. J. Moser (zuerst in 2. Aufl., 1943, S. 1041 f.) oder H. Riemann (1961, S. 900) und Ergänzungsband (1975, S. 898). – Ferner: W. Lunemann, Hans J. Wedig feiert seinen 70. Geburtstag, in: Lied und Chor, 60. Jg., 1968, S. 137. Siehe auch die Informationen des Haupttexts vor Anm. [72]. Else Lewertoff widmete Hans Wedig in ihren Erinnerungen das neunte Kapitel: Ein Freund fürs Leben (S. 91–100). Eine live-Aufnahme von Hans Josef Wedigs Chaconne durch das NOVAorchestra (Akkordeonorchester) vom 4. Juli 2009 in Puchheim (westlich von München) ist im Internet als Videofilm zugänglich.

[68]  Else Lewertoff, Erinnerungen, S. 94. – Wedig hatte Else Lewertoff noch in Tel Aviv besucht (ebd., S. 100).

[69]  Else Lewertoff, Erinnerungen, S. 57. – Dass das Studium bei Abendroth und Uzielli mit dem ersten (und nicht dem zweiten) Aufenthalt an der Bonner Universität zusammenfällt, wird aus der Bemerkung in den Erinnerungen ersichtlich, wo es unmittelbar nach der Erwähnung des Unterrichts an dem Konservatorium in Köln heißt: „Ein späteres Jahr verbrachte ich in München.“ Da dieses Münchener Studium im Sommersemester 1920 stattfand, müsste die am Kölner Konservatorium verbrachte Zeit vorausgegangen sein, was natürlich nicht ausschließt, dass Thalheimer ihren Unterricht am Konservatorium nach ihrer Rückkehr aus München fortsetzte.

[70]  Zu Hermann Abendroth vgl. Hugo Riemanns Musiklexikon, 11. Auflage, bearbeitet von Alfred Einstein, Berlin 1929, Bd. 1, S. 3 sowie Erich H[ermann] Müller, Deutsches Musiker-Lexikon, Dresden 1929, Sp. 1. – Zu Lazzaro Uzielli siehe Riemanns Musiklexikon (1929, s. o.), Bd. 2, S. 1905 sowie Müllers Deutsches Musiker-Lexikon (1929, s. o.), Sp. 1486. – Einen Überblick über die „Hochschule für Musik, Köln“ gibt ein ganzseitiges Inserat der Institution in Hugo Riemanns Musiklexikon (ebd.), Bd. 2, Blattlage 132a im Buch-Anhang, wo die damaligen Dozenten (unter anderem die hier interessierenden Lehrer Abendroth, Erdmann, Jarnach, Lemacher und Uzielli) namentlich genannt werden.

[71]  Vgl. Lily E. Hirsch, Artikel William Steinberg in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit (Online-Ausgabe; 2008, aktualisiert am 16. Dezember 2009). Vgl. an neuester Literatur Claudia Valder-Knechtges, Schimmernde Sterne in dunklem Nebel – die deutsche Erstaufführung der „Katja Kabanowa“ 1922 in Köln mit einem Exkurs über die Kölner Zeit des jungen William Steinberg, „Anhang“: Aus den ,Erinnerungen‘ der Else Lewertoff, geb. Thalheimer (1898–1987), in: Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft für rheinische Musikgeschichte, Nr. 92, Februar 2010, S. 29–59. Der Verfasserin Frau Dr. Claudia Valder-Knechtges, Frechen, ist vielmals zu danken für die Vorablektüre ihres inzwischen veröffentlichten Aufsatzes.

[72]  Zu Hans Wedig vgl. Anm. [67].

[73]  Else Thalheimer, Pionierarbeit in Köln, in: Musikblätter des Anbruch, 9. Jg., Heft 5–6 (Themenheft: „Musik am Rhein“), Wien, Mai–Juni 1927, S. 239–240. In dieser Wiener Zeitschrift erschien im Dezember 1922 eine Mitteilung über die neue Gesellschaft in Köln unter der Überschrift Aus aller Welt (in: Musikblätter des Anbruch. Monatsschrift für moderne Musik, Leitung: Paul Stefan, 4. Jg., Nr. 19–20, Wien, Dezember 1922, S. 313). – Zu Leyendeckers Dissertation siehe Anm. [156].

Vorab sei für dieses Kapitel besonders hingewiesen auf den Aufsatz von Wolfgang Klaus Niemöller Die Musikwissenschaftlerin Dr. Else Thalheimer-Lewertoff, in dem noch weitere, zum Teil an vorliegender Stelle nicht einbezogene Quellen benannt werden. Das Erscheinen der Arbeit ist für 2010 angekündigt; vgl. den in Anm. [193] eingangs genannten Aufsatz. Herrn Prof. Dr. Klaus Wolfgang Niemöller, Köln, habe ich zu danken, dass er mir im Januar 2010 seinen Aufsatz noch vor seiner Publikation zugänglich machte.

[74]  Die Verbindung Leyendeckers zu den Münchener Phänomenologen geht aus den folgenden veröffentlichten Briefwechseln hervor: Vgl. Edmund Husserl, Briefwechsel, Bd. II: Die Münchener Phänomenologen, hg. von Karl und Elisabeth Schuhmann, Dordrecht (NL): Kluwer Academic Publishers, 1994, S. 144: Brief Alexander Pfänders an Husserl vom 13. Mai 1913 (Online-Teilausgabe). Siehe auch den Online-Katalog Kallias, „Deutsches Literaturarchiv Marbach“: Briefe Leyendeckers an Karl Jaspers und Karl Wolfskehl bzw. den Online-Katalog Kalliope (Sucheinstieg: Autographen: Briefwechsel mit Max Scheler). Ferner Eberhard Avé-Lallemant, Die Nachlässe der Münchener Phänomenologen in der Bayerischen Staatsbibliothek (Catalogus codicum manu scriptorum Bibliothecae Monacensis, Bd. 10, Teil 1), Wiesbaden: O. Harrassowitz, 1975, VIII + 258 S.

Biografische Angaben (Herbert Leyendecker – Lebensdaten) erhielt ich in Form von zwei maschinenschriftlichen Seiten aus der Handschriftenabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek in München im Dezember 2009, wo Leyendeckers Nachlass aufbewahrt wird. Drei weitere Seiten tragen den Titel Zum Nachlass Herbert Leyendeckers, wobei die dritte Seite eine Übersicht des Nachlasses gibt (Signatur: ANA 375). Für diese Informationen sowie weitere Auskünfte habe ich Dr. Nino Nodia, München, vielmals zu danken. Will man die Beziehung Leyendeckers zur Kölner „Gesellschaft für neue Musik“ weiter erschließen, wäre vor allem eine Sichtung seines Nachlasses vorzunehmen, wobei den auf Musik bezogenen Schriften um 1921 besondere Aufmerksamkeit zu schenken wäre.

In den genannten Lebensdaten Leyendeckers findet sich auf der ersten Seite unter den Jahren 1919–1922 der Hinweis, dass Leyendecker in dieser Zeit in Köln „zur Vorbereitung einer Habilitation bei Max Scheler“ war und dass er Schelers „Vorlesungen, Seminare und Vorträge jener Zeit“ besuchte und aufzeichnete. Nach dem Wintersemester 1921/22 unterbrach er sein Habilitationsvorhaben und arbeitete erst nach Schelers Tod (1928) die Aufzeichnungen über Schelers Lehren aus. Durch einen „ausgedehnten Briefwechsel“ sammelte er darüber hinaus in den Jahren 1931 und 1932 biografisches Material über Scheler.

Leyendecker wird zwar von Paul Mies (1889–1976) nur als „Kunstwissenschaftler und Kunsthändler“ beschrieben (Die Gründung etc., wie Anm. [119], S. 70), doch sind diese Berufsbezeichnungen insofern unvollständig, als weder die Dissertation Leyendeckers noch seine reiche philosophische Betätigung oder der Bezug auf Max Scheler erwähnt werden. Die Betätigung Leyendeckers als Philosoph stand zur Zeit der Gründung der Kölner „Gesellschaft für neue Musik“ wahrscheinlich so sehr im Vordergrund, dass sie sowohl Lemacher wie Thalheimer benennen, von einem Kunstwissenschaftler oder Kunsthändler aber nichts verlauten lassen; vgl. Lemacher (1923) in Anm. [86] und hiermit übereinstimmend Thalheimer zu Beginn des in Anm. [73] zitierten Aufsatzes Pionierarbeit in Köln.

Aus den genannten Lebensdaten Leyendeckers geht gleichwohl für die Jahre 1919–1922 hervor, dass er in dieser Zeit nicht nur eine „Gesellschaft für moderne Musik“ in Köln gründete, sondern hier auch eine „Ausstellung abstrakter Kunst“ bewirkte. Derselben Quelle ist zu entnehmen, dass Leyendecker 1922 zusammen mit seinen Freunden Dr. Eduard Plietzsch und Dr. Kurt Benedikt in die Leitung der (Berliner) Gemäldegalerie van Diemen eintrat. Unter 1935 (S. 2) findet man den Hinweis: „Seit 1935 selbständig in eigener Galerie als Kunsthändler und Kunsthistoriker“. Nach seiner Ausbombung in Berlin (1943) und dem Umzug nach Wiesbaden eröffnete Leyendecker in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hier eine „Galerie für moderne Kunst“. In Wiesbaden, wo er 1958 starb, arbeitete Leyendecker zudem von 1948 bis 1952 als Psychotherapeut in der Stiftstraße. Leyendecker ist auf dem Melaten-Friedhof in Köln im „Erbbegräbnis Leyendecker“ beigesetzt.

Vgl. auch Anm. [156] sowie das dort erwähnte Thema von Herbert Leyendeckers Dissertation im Jahre 1913. – Im Berliner Adressbuch 1937 (online unter http://adressbuch. zlb.de/) findet sich in Teil I, S. 1610, Spalte [4] der Eintrag: Leyendecker – Herbert Dr Kunsth[än]dl[er] SW 11  Hafenplatz 8 T[elefon]. – Zu Paul Mies vgl. MGG 9 (1961), Sp. 280; Nachtrag von Gerhard Heldt, in: MGG 16 (1976), Spalte 1277–1278. Ferner den Artikel in: Frank/Altmann, Kurzgefaßtes Tonkünstler-Lexikon, 15. Aufl., Teil 2, Bd. 2, Wilhelmshaven 1978, S. 94.

Von Leyendecker ist auch ein Brief an Alban Berg vom 9. April 1921 aus Köln (Gilbachstraße 5) vorhanden, der teilweise (?) transkribiert ist. Das Schreiben mit Bergs Antwort (vom 18. April 1921) ist auf der Rückseite von Leyendeckers Brief von Berg handschriftlich skizziert. Gerichtet hatte Berg seine Anwort mit Programmen und einem Prospekt über Schoenbergs Verein für musikalische Privataufführungen an „Herrn cand. Grues“. Das Original befindet sich unter der Signatur: „F21.Berg.1030 Mus“ in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien (Zitierlink; diese Webseite enthält auch eine Inhaltsangabe).

Vom Tag zuvor (8. April 1921) ist ein Brief Leyendecker an die Donaueschinger Kammermusiktage (Heinrich Burkhard) vorhanden, der unter der Signatur 21/1-037 ebenfalls Einzelheiten des Kölner Musiklebens festhält (mit Inhaltsangabe). Noch fünf weitere Dokumente, die Leyendeckers Namen nennen, sind hier, rechts zuoberst, über die „Suche“, im Jahrgang 1921 (1922–1926: negativ) recherchierbar.

[75]  Vgl. den Abschnitt Zur Geschichte des Marcan-Verlags in Kapitel 4: Das Buch VON NEUER MUSIK. In diesem Abschnitt werden sowohl der Studienaufenthalt Marcans in München in den Jahren 1916–1920 als auch die Autoren beschrieben, die den Münchener Phänomenologen nahestanden und von Marcan in den zwanziger Jahren zum Teil verlegt wurden.

[76]  Vgl. Else Thalheimer, Pionierarbeit in Köln (wie Anm. [73]), S. 239 bzw. die Anzahl der Mitglieder auf S. 240. – In ihren Erinnerungen (S. 64) sagt dieselbe Verfasserin: „Unsere Ortsgruppe galt bald in Deutschland als die fortschrittlichste und bestgeleitete.“

[77]  Vgl. http://www.ignm.at/ueberuns.htm – Vgl. auch den Artikel Internationale Gesellschaft für zeitgenössische Musik [sic], in: Hugo Riemanns Musiklexikon, 11. Auflage, bearbeitet von Alfred Einstein, Berlin: Max Hesse, 1929, Bd. 1, S. 809. Hans Joachim Moser schreibt in seinem Musiklexikon, 2. Auflage, Berlin: Max Hesse, 1943, S. 399 im Artikel Internationale Gesellschaft für Neue Musik: „Seit 1933 durch das Ausscheiden der d[eu]t[schen] Sektion in den Hintergrund getreten u[nd] abgelöst durch den *Ständigen Rat.“ (* = Verweis auf den Artikel „Ständiger Rat“ auf S. 890 desselben Lexikons.)

Die Kenntnis von Schoenbergs Ansatz der Privataufführungen lässt sich dem Brief von Alban Berg an Leyendecker (vom 18. April 1921) entnehmen, da Berg auf dem Weg über Grues einen Prospekt von den Wiener Privataufführungen beifügte. Siehe den vorletzten Absatz von Anm. [74].

[78]  Natürlich dürfte der Zusammenschluss der beiden Gesellschaften bereits vor 1931 erfolgt sein, vgl. etwa Anm. [96], wo ein Beleg für den September 1930 genannt ist, oder das durch Anm. [93] belegte Zitat, aus dem Mitteilungsblatt der IGNM vom Juni 1928; das Programm für Janáčeks Oper Katja Kabanova am 29. November 1922 (vgl. Anm. [94]) enthält aber noch keinen Hinweis auf die IGNM. Das Inserat, dessen Publikationsort nicht bekannt ist, lädt zu einem Chor- und Orchester-Konzert ein, das Eugen Szenkar (1891–1977) leitete und das in Köln im Großen Saal der Bürgergesellschaft am 18. Mai 1931 stattfinden sollte. Vgl. zum Ort der Veranstaltung auch Anm. [238]. – Zu Eugen Szenkar vgl. den Artikel Szenkar, […] Eugen in: Riemanns Musiklexikon, 11. Auflage, hg. von Alfred Einstein, Berlin: Hesse, 1929, Bd. 2, S. 1801 sowie Stengel/Gerigk, Lexikon der Juden in der Musik (wie Anm. [171]), Sp. 272. Siehe auich hier.

[79]  Vgl. die Artikel über Jacobs in: Kürschner Deutscher Musiker-Kalender 1954, Berlin: Walter de Gruyter, 1954, Sp. 545; in: Riemann Musiklexikon, Personenteil, A–K, Mainz: B. Schott’s Söhne, 1959, S. 861 sowie in: [Paul] Frank / [Wilhelm] Altmann, Kurzgefaßtes Tonkünstler-Lexikon, 15. Aufl., 2. Teil, Bd. 1, Wilhelmshaven: Heinrichhofen’s 1974, S. 321.

[80]  Vgl. zum Tonkünstlerverein in Köln Anm. [129] und [131a].

[81]  Wahrscheinlich Karl Wolff (auch „Wolf“), der 1857 in Essen geboren wurde und 1928 in Vitznau (Schweiz) am Vierwaldstättersee starb; er war bis 1926 lange Jahre Musikredakteur des Kölner Tageblatts, und von ihm stammt das Buch Hundert Jahre musikalische Gesellschaft (Festschrift), hg. im Auftrag der Musikalischen Gesellschaft in Cöln am Rhein von Karl Wolff, Cöln 1912, 113 S. Vgl. Frank-Altmann (wie Anmerkung [79]), 15. Auflage, 1. Teil (unveränderter Neudruck der Ausgabe von 1936), Wilhelmshaven: Heinrichshofen’s Verlag, 1971, S. 699 den Artikel WOLFF, Karl.

[82]  Dr. Walther Jacobs, Die Musikstadt Köln, in: Rolf Cunz (Hg.), Deutsches Musikjahrbuch, 1. Bd., Essen: Rheinischer Musikverlag Otto Schlingloff, 1923 (Datierung des Vorworts: „Sommer 1923“), S. 106–110; hier S. 108.

[83]  Vgl. Karl Laux, Musik und Musiker der Gegenwart, Erster Band: Deutschland. Mit 15 Porträtzeichnungen von Kurt Weinhold, Essen: Verlag Dr. Wilhelm Spael K.G., © 1949, S. 153–162: Kapitel Heinrich Lemacher mit Notenbeispielen und Auswahl-Werkverzeichnis. Ferner Paul Mies, Lemacher, Heinrich, in: MGG 8 (1960), Sp. 598–599 sowie den Nachtrag in: MGG 16 (1976), Sp. 1111. Ferner Karl Gustav Fellerer, Lemacher, Heinrich, in: Allgemeine deutsche Biographie, Bd. 14, Berlin 1985, S. 180–181 (Online-Ausgabe). Fast alle deutschsprachigen Musiklexika ab den zwanziger Jahren wie die von E. H. Müller (1929), Riemann, Einstein, Frank/Altmann oder Moser (ab 1935) enthalten Artikel über Lemacher, wobei auffällt, dass die Zeit seiner Leitung der Kölner „Gesellschaft für neue Musik“ öfters mit „1921–1925“ angegeben wird, was mit seiner eigenen Datierung übereinstimmt, da er seinen Rücktritt mit „Oktober 1925“ angibt (vgl. Anm. [90]). Lemacher, der wie Thalheimer und Kruttge bei Ludwig Schiedermair in Bonn promoviert hatte, war neben seinen vielfältigen organisatorischen Tätigkeiten auch als Komponist tätig, und Müller nennt in seinem 1929 erschienenen Lexikon bereits 64 mit Opuszahlen versehene Werke, vgl. E. H. Müller, Deutsches Musiker-Lexikon, Dresden 1929, Sp. 829–830. Zu einem vom WDR 1963 aufgezeichneten Gespräch zwischen Lemacher, Else und Shlomo Lewertoff sowie Eigel Kruttge vgl. hier. – Ein Porträt-Foto Lemachers ist hier nachgewiesen.

[84]  Vgl. die biografischen Daten Leyendeckers unter 1922; Quelle wie Anm. [74], zweiter Absatz.

[85]  Vermutlich ist hier Ludwig Maria Gerl gemeint, der zur Zeit der Abfassung seiner Doktorarbeit „Referendar in Cöln“ war. Seine Dissertation trägt den Titel Die Matrikularbeiträge. Eine Studie aus dem Reichsfinanzrecht, Dissertation, 30. Juli 1907, Universität Leipzig; Druck in Borna-Leipzig: Robert Noske, 1907.

[86]  Heinrich Lemacher, Besondere Ziele der Rheinzentrale, in: Rolf Cunz (Hg.), Deutsches Musikjahrbuch (wie Anm. [82]), S. 137–143; hier zur „Gesellschaft für neue Musik“ in Köln S. 139–141; die im Haupttext erwähnten Informationen stammen von S. 139 f. Vgl. auch Anm. [129].

[87]  Vgl. Klaus Wolfgang Niemöller, Die Musikwissenschaftlerin Dr. Else Thalheimer-Lewertoff, wie Anm. [193], Ms-S. 5 ff. In diesem Aufsatz bedankt sich Niemöller unter anderem bei Dr. Claudia Valder-Knechtges für die Einsicht in Kopien der Programmzettel (Ms-S. 4, Fußnote 23).

[88]  Wie Anm. [73], S. 238, rechte Spalte. – Dass hier nur von „fünf“ Jahren die Rede ist, mag dafür sprechen, dass der Aufsatz zwar im Jahre 1926 verfasst, aber erst im Mai-Juni 1927 veröffentlicht wurde. Gelegentlich werden in diesem Aufsatz Teile einer Mitteilung an die Vereinsmitglieder aus der Konzert-Saison 1925/26 übernommen, die Heinrich Lemacher 1956 genauer bezeichnete und aus der er auch wörtlich zitierte. Vgl. Anm. [119], Ein Überblick etc., S. 76.

[89]  Zitat aus dem autobiografischen Text Dr. Else Lewertoff-Thalheimer (1974), wie Anm. [64].

[90]  Vgl. H. Lemacher, Ein Überblick etc. (wie Anm. [119]), S. 74. – Die zeitliche Abweichung von Heinrich Lemachers Rücktritt („Oktober 1925“) und Else Thalheimers Vorsitz („ab 1924 Nachfolgerin“) könnte durch eine länger dauernde Übergangszeit bedingt sein, in der Thalheimer bereits als designierte Vorsitzende galt, und Lemachers Rücktritt könnte erst zu Beginn der Saison 1925/26 offiziell in Kraft getreten sein. Zur Bezeichnung Lemachers als Professor vgl. auch das Ende von Anm. [95].

[91]  Wie Anm. [119], S. 73–74. – Wünschenswert wäre, sämtliche Programme eines Tages im Internet als Dateien und auch in Form einer Transkription wiederzufinden, so dass man sich nicht auf zum Teil schwer zugängliche Daten stützen muss. Hierdurch wäre die Grundlage eines Vergleich der beiden Phasen geschaffen, welche sich bei der Kölner „Gesellschaft für neue Musik“ durch ihre Vorsitzenden Heinrich Lemacher und Else Thalheimer beobachten lassen.

[92]  Paul Mies, Die Gründung etc. (wie Anm. [119]), S. 73. Vgl. das Zitat von Else Thalheimer über die „viele[n] neue[n] Namen“ in Anm. [95]. – Dass Mies eine stärkere Beziehung zu Heinrich Lemacher als zu Else Thalheimer hatte, ist durch seine Veröffentlichungen deutlich, doch ist dies im Rahmen einer geschichtlichen Abhandlung selbstverständlich als Gegebenheit hinzunehmen. Vgl. etwa den Aufsatz: Paul Mies (Köln), Heinrich Lemacher. Über das Verhältnis von Wort und Ton in seinen Werken, in: Zeitschrift für Musik. Monatsschrift für eine geistige Erneuerung der deutschen Musik, Hauptschriftleiter: Dr. Alfred Heuss, 95. Jg., Heft 3, Leipzig: Steingräber-Verlag, März 1928. S. 146–148. (Die zu dem Aufsatz gehörige Musikbeilage Nr. 86, Hymne aus der Violinsonate. W[erk] 25, lag mir nicht vor; siehe S. 155.)

Ein Porträt (Foto) Lemachers wurde in der Zeitschrift für Musik [ZFM] im Januar 1933 abgedruckt, wo es auf der siebten ungezählten Foto-Seite nach S. 24 (Reihe 2, drittes Bild) oberhalb der Unterschrift „Bilder aus dem gegenwärtigen Mitarbeiterkreis der ZFM“ steht. Das Foto hat als Legende: „Prof. Dr. Heinrich Lemacher | Köln Rh.“ (vgl. 100. Jg., Heft 1, hg. von Gustav Bosse, Regensburg [u. a.], Januar 1933). Die Zeitschrift feierte damals ihr hundertjähriges Bestehen, und die Abbildungen scheinen mir nichts mit Hitlers „Machtergreifung“ im Januar 1933 zu tun zu haben. – Lemacher wurde mehrfach, ja vielfach in dieser Zeitschrift für Musik bis zu ihrem Ende mit Heft 3 im März 1943 erwähnt. Auch in der aus vier Musikzeitschriften zusammengelegten Zeitschrift Musik im Kriege. Organ des Amtes Musik (2 Jge., 1943 und 1944), wozu die Zeitschrift für Musik fortan gehörte, wurde Lemachers gedacht, doch verschafft man sich besser einen eigenen Eindruck. Da die Zeitschriften alle als Download zur Verfügung stehen (hier) und eine elektronische Textsuche in allen erwähnten Periodika möglich ist, scheint mir diese geringe Mühe zumutbar, will man sich ein eigenes Urteil über das Verhältnis zum Nationalsozialismus bilden.

[93]  Vgl. Niemöller (wie Anm. [193]), Ms-S. 7 mit Fußnote 37.

[94]  „Töff“ war der Spitz- oder Kosename für Salo [Shlomo] Lewertoff. Else Thalheimer schreibt in den Erinnerungen (S. 61): „Es verdient hier erwähnt zu werden, dass [Hans Wilhelm] Steinberg es war, der den Namen Töff geprägt hatte. Shlomo, in seinem Drang zur äussersten Beweglichkeit, war in unserem Kreis einer der Ersten, der ein Auto besass. Mit seinem kleinen Opel schien er für die Augen und Ohren seiner Umgebung allgegenwärtig zu sein. Und das Töff, Töff seiner Hupe war ein Klang, den alle bereitwilligst mit seiner Person verbanden.“ – Dass Salo B. Lewertoff schon sehr früh für die Kölner „Gesellschaft für neue Musik“ tätig war, bezeugt ein Programm, das für Mittwoch, den 29. November 1922 im „26. Vortragsabend: Julius Wolfssohn“ einen Vortrag über Leoš Janáčeks Oper Katja Kabanova ankündigte. Am Ende dieser gedruckten Einladung werden Zahlungen erbeten an „S[alo] Lewertoff, Köln, Jülicherstr. 31, Postscheckkonto Köln 109 223.“ Für eine Übersendung des Programms habe ich Dr. Claudia Valder-Knechtges, Frechen, zu danken.

[95]  Else Thalheimer, Erinnerungen, S. 61; ähnlich auf S. 79 im Kapitel Frühe Erinnerungen an Paul Hindemith: „Inzwischen hatte Prof. Heinrich Lemacher, der Mitbegründer und Präsident der Kölner Gesellschaft für Neue Musik, sich von der praktischen Arbeit zurückgezogen, da er mehr Zeit für seine vielfachen anderen Verpflichtungen finden wollte. Die Programmleitung wurde hieraufhin mir übertragen, und nun wurde es für mich noch wichtiger, mich ständig auf dem Laufenden zu halten, und neue Werke, ihre Verfasser und Interpreten kennen zu lernen. Hierzu war die reichste Gelegenheit auf den Musikfesten geboten. Und viele neue Namen erschienen hierauf in unseren Kölner Programmen.“ – Lemacher wurde zwar erst 1928 Professor, doch ist zu berücksichtigen, dass Else Thalheimer ihre Erinnerungen 1979, ein halbes Jahrhundert später, in Israel abschloss und Lemacher bereits 1966 verstorben war.

[96]  Abgedruckt in: DIE SENDUNG. Rundfunkwoche, 7. Jg., Nr. 38, Berlin: Verlag Hermann Reckendorf, 19. September 1930, S. 611. Die Fotokopie einer Fotokopie, bei der die bibliografischen Informationen teilweise fehlten oder abgeschnitten waren, erhielt ich am 3. Dezember 2009 über das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln von Dr. Barbara Becker-Jákli (siehe Ende von Anm. [248]); für die bibliografische Identifizierung ist Ingrid Surger, Universitätsbibliothek Heidelberg, vielmals zu danken.

[97]  In ihren Erinnerungen (S. 62–63) berichtet Thalheimer über ihre persönliche Bekanntschaft mit Schönberg, den sie in Venedig anlässlich des dort stattfindenden Musikfestes der IGNM im September 1925 kennengelernt hatte (3. Internationales Kammermusikfest, vom 3. bis 8. September). Da beide im „Hotel am Lido“ untergebracht waren, traf sie den Komponisten gelegentlich bei den Mahlzeiten. Weiterhin spricht sie ausführlicher über die am 2. November 1924 stattgefundene Kölner Aufführung von Schönbergs Kammersymphonie zum 50. Geburtstag des Komponisten, die im Kölner Schauspielhaus stattfand und von Wilhelm Steinberg dirigiert wurde. Schönberg, der nicht anwesend war, wurde von dem Erfolg des Konzertes sofort telegrafisch unterrichtet und bedankte sich noch in derselben Nacht in einem Telegramm an Steinberg, der unverzüglich Else Thalheimer anrief. Vgl. E. Thalheimer, Erinnerungen, S. 62; Valder-Knechtges (wie Anm. [71]), S. 59 sowie Niemöller (wie Anm. [193]), Ms-S. 5. – Eine mit „S.“ signierte Meldung über das Konzert erschien in der Rheinischen Musik- und Theater-Zeitung (25. Jg., Nr. 39/40, Köln, 8. November 1924, S. 366, linke Spalte).

[98]  Online-Ausgabe von Schönbergs Brief. – Über diese Veranstaltungen mit Schönberg erschien eine Notiz im Anbruch. Monatsschrift für moderne Musik, geleitet von Paul Stefan, 15. Jg., Heft 2–3, Wien: Universal-Edition, Februar-März 1933, S. 46, rechte Spalte.

Else Thalheimer hatte im Kölner Adreßbuch 1933 (75. Jg., Bd. 1, Teil 1, Buchseite 1027 [Bildseite 1036], mittlere Spalte) einen eigenen Eintrag: „T h a l h e i m e r – Else, Dr. phil., Musikschriftstellerin, Braunsf[eld] Monschauer Platz 9, [Telefon:] 50614.“ Unter dieser Adresse und mit dieser Telefonnummer lebte damals auch Thalheimers Vater, wie aus dem dritten Eintrag unterhalb von „Else Thalheimer“ hervorgeht, und A. Schönberg verwendete Thalheimers oben angegebene Adresse (Braunsfeld) in seiner Korrespondenz mit ihr.

Zu dem Vortrag Schönbergs am Mittwoch, dem 15. Februar 1933 im Wiener „mittleren Konzerthaussaale“ vgl. zunächst einen Artikel in der Neuen Freie Presse, der zwar Teile eines mit Schönberg geführten Gesprächs enthält, in dem er aber in den veröffentlichten Auszügen nicht auf das Geschehen in Köln, wo er denselben Vortrag hielt, eingeht. Vgl. den unsignierten Artikel Arnold Schönberg in Wien (unter der Überschrift Theater- und Kunstnachrichten), in: Neue Freie Presse, Nr. 24579, Wien, Mittwoch, den 15. Februar 1933, Morgenblatt, S. 7, Sp. [1]. Zu den abgedruckten Interview-Auszügen ergänzte Schönberg die Bemerkung, dass außer Alban Berg auch Anton Webern zu seinen Wiener Freunden zu rechnen sei, die sich für seine Musik einsetzen; die Zeitung reichte diese Information ihren Lesern drei Tage später unter der Überschrift Theater- und Kunstnachrichten in sechs Zeilen nach: vgl. Neue Freie Presse Nr. 24582, Wien, Samstag, den 18. Februar 1933, Morgenblatt, S. 9, Sp. [1]. Über Schönbergs Vortrag berichtete dieselbe Zeitung am Donnerstag, dem 16. Februar 1933 in dem wiederum unsignierten und Schönberg grundsätzlich beipflichtenden, doch etwas reservierteren Artikel Arnold Schönberg am Vortragstisch (unter der Überschrift Theater- und Kunstnachrichten), in: Neue Freie Presse, Nr. 24580, Morgenblatt, S. 6.

Ferner erschienen der etwas abfällige Beitrag Arnold Schönberg im Kulturbund (signiert: „A. W.“), in: Reichspost. Unabhängiges Tagblatt für das christliche Volk, 40. Jg., Nr. 50, Wien, 19. Februar 1933, S. 14, Sp. [1]–[2] sowie der zustimmende Artikel Vortrag des Komponisten Arnold Schönberg von H[ans] E[wald] Heller, in: Wiener Zeitung, 230. Jg., Nr. 42, Wien, 19. Februar 1933, S. 7, Spalte [2]–[3] (alle genannten Zeitungsartikel sind bei Anno online einzusehen).

[99]  Der Aufsatz findet sich in einer ersten sowie einer späteren Fassung abgedruckt unter dem Titel Neue und veraltete Musik, oder Stil und Gedanke in folgendem Band: Arnold Schönberg, Stil und Gedanke, hg. von Ivan Vojtech, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag (Katalognr. 3616), 5.–6. Tausend, September 1995 (zuerst September 1992), S. (40)–53 (spätere, mehrfach korrigierte Fassung) bzw. S. (215)–231 („Erste Fassung“, auch „Urfassung“ genannt). Im selben Buch ein weiterer Kommentar auf S. 236, nach dem Schönberg die Urfassung des Aufsatzes zuerst am 12. Oktober 1930 in Prag vorgetragen habe. Vgl. [Max Brod] (signiert: „M. B.“), Arnold Schönberg doziert, in: Prager Tagblatt, Nr. 250 vom 23. Oktober 1930, S. 6, Spalte [1]. Am Tag zuvor wurde in derselben Zeitung auf S. 6 in Spalte [1] Schönbergs Aufsatz Moderne Musik abgedruckt, während in Spalte [4] auf Schönbergs anstehenden Vortrag in der Börse hingewiesen wurde. (Online-Ausgabe bei Anno).

[100] Philipp Jarnach, Das Beispiel Busoni, in: Josef Müller-Marein und Hannes Reinhardt (Hg.), Das musikalische Selbstportrait von Komponisten, Instrumentalisten, Sängerinnen und Sängern unserer Zeit, Hamburg: Nannen- Verlag GmbH, © 1963, S. 255–264; hier S. 263. Vgl. auch Niemöller, wie Anm. [193], Ms-S. 9 mit Fußnote 46. – Schönberg emigrierte freilich erst Mitte Mai 1933, also genau genommen etwas mehr als drei Monate nach seinem Vortrag in Köln.

[101]  Vgl. Else Lewertoff, Erinnerungen, S. 64. Vgl. auch K. W. Niemöller (wie Anm. [193], Ms-S. 9) mit Verweisen auf die gedruckten Äußerungen von Hermann Unger und Herbert Eimert über diesen Vortrag in Fußnote 47. – Leider scheint aus der Korrespondenz mit Schönberg, die Thalheimer zu Anfang des Zitates nennt, nur der Brief Schönbergs vom 8. Januar 1933 (vgl. Anm. [98]) erhalten zu sein.

[102]  Else Lewertoff, Answers to the Questionnaire (1974), wie Anm. [64], Abschnitt IV.

[103]  Durchgesehen wurde der Zeitraum vom 1. Oktober 1932 bis zum 15. Mai 1933, wobei aufgrund der Fülle des Materials stets die Möglichkeit besteht, etwas übersehen zu haben.

[104]  Vgl. dazu das Handbuch der deutschen Tagespresse, 5. Auflage, hg. vom Deutschen Institut für Zeitungskunde, Berlin: Carl Duncker Verlag, 1934, S. 164, rechte Spalte, wo „Walter Trines“ [recte: Trienes] für das Ressort „Musik“ genannt ist  (Nennung in derselben Orthografie im Personenverzeichnis des Buchs auf S. 402). Dass hier „Walter Trienes“ gemeint ist und keine Namensähnlichkeit, sondern ein Druckfehler vorliegt, geht aus verschiedenen Artikeln des Westdeutschen Beobachters über Musik hervor, die um 1933 erschienen und alle deutlich mit „Trienes“ oder „Walter Trienes“ signiert sind. Vgl. beispielsweise die beiden größeren Aufsätze: Walter Trienes, Musikgeschichte im Lichte der Rassenforschung. Ein Beitrag zur Neuorientierung der Musikwissenschaft, in: Westdeutscher Beobachter, 8. Jg., Nr. 244, Köln, Samstag/Sonntag, 29./30. Oktober 1932, S. [24] (= Seite [4] der Sonntagsbeilage), fast ganzseitig; ferner Walter Trienes, Die jüdische Musik-Internationale, in: Westdeutscher Beobachter, Dienstag, 3. November 1936, Abendausgabe. In dem Artikel von 1932 heißt es in der redaktionellen Einleitung, dass der abgedruckte Aufsatz aus der umfangreichen Arbeit Das Wesensgefüge der deutschen Musik stamme. Da sich ein solcher Titel nicht auffinden ließ, erschien das Buch vermutlich nicht unter unter ihm. Von Walter Trienes wurde nur als Buch veröffentlicht: Musik in Gefahr. Selbstzeugnisse aus der Verfallszeit, Regensburg: Gustav Bosse Verlag, 1940 (Reihe: Von deutscher Musik, Bd. 53/54). – Ein Porträtfoto und biografische Notizen über Trienes befinden sich in der derselben Zeitung (9. Jg., Nr. 87 vom 15. April 1933, S. [10], Ausgabe Köln) bei dem Artikel Die Musikerziehung in Händen deutscher Künstler [|] Prof. [Richard] Trunk und Schriftleiter Walter Trienes bevollmächtigt. Weiteres über Trienes in dem Buch von Michael Custodis, Die soziale Isolation der neuen Musik. Zum Kölner Musikleben nach 1945, Wiesbaden: Steiner, 2004 (Reihe: Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaft, Band 54), S. 30–31, 40 (Online-Ausgabe).

[105]  Die Lesart der Abkürzung war in dem Mikrofilm-Negativ nicht zweifelsfrei.

[106]  Wen der Verfasser mit Paul Bekker (1882–1937) meint, von dem der Begriff der „Neuen Musik“ (1919) stammt, ist klar. Die Anspielung auf Beethoven wird durch Schönbergs eigene Worte jedoch noch deutlicher: „Ich bin in meiner eigenen Haltung durch Beethovens Beispiel bestärkt worden, der seine Antwort auf einen mit »Gutsbesitzer« unterschriebenen Brief seines Bruders Johann mit »Hirnbesitzer« unterzeichnete.“ Vgl. A. Schönberg, Stil und Gedanke, Frankfurt am Main 1985 (wie Anm. [99]), S. 50.

[107]  L. (zur Kürzel siehe Anm. [105]), Arnold Schönberg, der Zerstörer abendländischer Musik in der Gesellschaft für Neue Musik, in: Westdeutscher Beobachter, hg. von Dr. Robert Lev, 9. Jg., Nr. 30, Köln, Mittwoch, den 15. Februar 1933, S. [9], Sp. [1]–[2].

[107a]  T[ischer, Gerhard], (Musik- und Theaterberichte, hier Abschnitt Konzerte – Köln), in: Deutsche Musik-Zeitung (Rheinische Musik- und Theater-Zeitung), hg. von Dr. Gerhard Tischer, 34. Jg., Nr. 4, Köln: Tischer & Jagenberg, 25. Febr. 1933, hier S. 29–30 (Online-Ausgabe).

Die Erwähnung Thalheimers oder Lewertoffs erfolgte kein einziges Mal in den seit 1920 durchgesehenen Ausgaben der fast durchgängig konservativen Zeitschrift, die von Dr. Gerhard  Tischer, dem Inhaber des Musikverlages „Tischer & Jagenberg“, in Köln-Bayenthal herausgegeben wurde. Die Zeitschrift begann im Jahre 1900 als Rheinische Musikzeitung, wurde dann von 1901 bis 1930 als Rheinische Musik- und Theater-Zeitung fortgesetzt und benannte sich in den letzten Jahren ihres Bestehens (von 1931 bis 1937) Deutsche Musik-Zeitung. Die Veranstaltungen der „Gesellschaft für Neue Musik“ wurden zwar mit einiger Regelmäßigkeit besprochen oder wenigstens erwähnt, doch besteht kaum ein Zweifel, dass man sich davon absetzte, was hier zur Aufführung kam. Allenfalls begegnete man den Darbietungen der Gesellschaft mit Skepsis.

In einem Konzertbericht hieß es 1927: „Leider war der Pianist verhindert, so daß der rührige Vorsitzende der Gesellschaft für Neue Musik den Vorschlag machte[,] entweder den Hindemith oder Zemlinsky des Programms zweimal zu spielen.“ (aus: Rheinische Musik- und Theater-Zeitung, 28. Jg., Nr. 11/12, Köln, 19. März 1927, S. 106, rechte Spalte). Dass mit diesem „rührigen Vorsitzenden“ Else Thalheimer gemeint war, die spätestens seit Oktober 1925 die Vorsitzende der Gesellschaft war, konnte damals nur wissen, wer mit den Kölner Verhältnissen einigermaßen vertraut war, und ein Stück lokaler Musikpolitik und Ausklammerung wird hier sichtbar, denn Gedankenlosigkeit und Uninformiertheit könnten ebenso gut wie Absicht der Grund dieser Formulierung sein.

[108]  Vlasta Reittererová, „Jsem z onĕch vzácnĕ se vyskytujících typů mužů, kteří radĕji slouží, chrání …“ [„Ich bin einer der nicht allzu häufigen Männer-Typen, die lieber dienen, beschützen ...“ (Übersetzung der Verfasserin)], Teil 1, in: OPUS MUSICUM. Hudební revue, 41. Jg., Nr. 1, Brno [Brünn], 2009, S. 15–29; Teil 2 (Fortsetzung und Ende) unter derselben Überschrift mit der Ergänzung „II. díl“, ebd., 41. Jg., Nr. 2, Brno 2009, S. 4–22. Der Brief Thalheimers befindet sich in Teil 2, Příloha III, Seite 14–15. – Auf dieses Dokument wurde ich freundlicherweise von Dr. Vlasta Reittererová (Wien) aufmerksam gemacht, worauf ich es in meinen Aufsatz über Lotte Kallenbach-Greller einbezogen habe; vgl. dort das durch Anm. 48 auf der ersten der drei Webseiten belegte Zitat. Der Brief Else Thalheimers befindet sich im Nachlass von Alois Hába am Tschechischen Museum der Musik, Prag.

[109]  Else Lewertoff, Erinnerungen, S. 63.

[110]  Else Thalheimer, Pionierarbeit in Köln (wie Anm. [73]), S. 239.

[111]  Die Postkarte ließ sich im Oktober 2009 über eine Webseite des Eduard-Erdmann-Archivs im Musikarchiv der Akademie der Künste in Berlin (Nr. 374, Titel: „Eingegangene Postkarten“) nachweisen. (Für die freundliche Vermittlung einer Fotokopie danke ich Dr. Heribert Henrich, Berlin.) – Vgl. auch den Nachtrag zu meinem Buch Norbert von Hannenheim. Die Suche nach dem siebenbürgischen Komponisten und seinem Werk, Deinstedt: Kompost-Verlag, 2007, S. 73.

[112]  Über Erdmanns Klavierkonzert berichtete Else Thalheimer unter der Überschrift Zur Uraufführung des Klavierkonzerts von Eduard Erdmann in Köln, in: Musikblätter des Anbruch, 11. Jg., Heft 2, Wien, Februar 1929, S. 93. – Erdmanns Klavierkonzert op. 15 (1928) war kompositorisch seinem Ständchen op. 16 (1930) unmittelbar vorangegangen. Vgl. das Werkverzeichnis, in: Christof Bitter und Manfred Schlösser (Hg.), Begegnungen mit Eduard Erdmann, Darmstadt: Agora, © 1968 (Schriftenreihe „Agora“, Bd. 26), S. 355; die Angabe bei dem Ständchen muss richtig „1932“ (Wiederholung des Werkes in Wien) lauten.

[113]  Else Lewertoff, Erinnerungen, S. 79; vgl. auch Anm. [95].

[114]  Vgl. die Erwähnung eines Briefwechsels zwischen Joachim Stutschewsky und Else Thalheimer (1933/1934), der Niemöller (wie Anm. [193]) vorlag und auf den er ausführlicher eingeht (Ms-S. 15–Ms-S. 16 mit Fußnoten 93 und 94). Neben anderen Dokumenten sind genannt die Briefe Thalheimers vom 6. und 25. November 1933 sowie 16. April 1934; von Stutschewsky die Briefe vom 13. November 1933 und 23. April 1934. Dabei handelt es sich um einen mehr privaten und einen mehr offiziellen Teil der Korrespondenz, die sich über der Frage nach einer „jüdischen Musik“ entwickelte und zur Bitte eines Beitrages für die Mitteilungen des „Jüdischen Kulturbundes Rhein-Ruhr“ führte. Stutschewsky entsprach dieser Bitte Thalheimers. Einbezogen sind die Briefe des Wuppertaler Oberkantors Hermann Zivi und Dr. Trude Rosenthal (mit Dr. Heinrich Levinger zusammen „künstlerische Leitung“ der Kulturbundes Rhein-Ruhr [vgl. Pracht (wie Anm. [233]), S. 143] und verantwortlich für den redaktionellen Teil der Mitteilungen des „Jüdischen Kulturbunds Rhein-Ruhr“) sowie diverse Artikel in den Mitteilungen. Die Korrespondenz befindet sich heute im Felicja Blumental Music Center and Library, Tel Aviv, Archiv Joachim Stutschewsky 3/2/2 (196/1-9). Da diese Briefe vom Verfasser bisher nicht ausgewertet werden konnten, mag der Hinweis auf Niemöllers Arbeit genügen. – Von Hermann Zivi kamen in dem genannten Periodikum ein Aufsatz mit dem Titel Gibt es eine jüdische Musik in Nr. 7 (5/1934, S . 3–4), von Joachim Stutschewsky ein Aufsatz unter demselben Titel in Nr. 8 (Juni 1934, S. 3–4) zum Abdruck.

[115]  Vgl. unter der Überschrift Dr. Else Lewertoff-Thalheimer (wie Anm. [64]). Ähnlich in ihren Erinnerungen auf S. 85: „Ich war damals Korrespondentin der Wochenschrift MUSICAL COURIER (London) und musste meine Berichte pünktlich abliefern.“ Vgl. das Kapitel Frühe Erinnerungen an Paul Hindemith mit der Beschreibung der Verhältnisse in Baden-Baden (zuvor Donaueschingen) im Jahr der „Kurzoper“ im Juli 1927. Siehe Anm. [2], letzter (= 5.) Absatz.

[116]  Die hier genannten „Rundfunk-Vorträge“ sind im Deutschen Rundfunkarchiv weder unter „Thalheimer“ noch „Lewertoff“ nachweisbar und wurden vermutlich nicht archiviert. Sendetermine sind allenfalls mit Hilfe einer Durchsicht der in Frage kommenden Programmzeitschriften zu ermitteln, wobei eine Eingrenzung der Sender wie der Sendetermine den Aufwand natürlich senken könnte. Für ihre Bemühungen sei Isabel Hartmann von der Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv (Sammlungen und Informationsvermittlung) in Frankfurt am Main vielmals gedankt (E-Mail am 6. April 2010).

[117]  Vgl. die autobiografische Notiz vom März 1974: Dr. Else Lewertoff- Thalheimer (wie Anm. [64]).

 

Fortsetzung in Teil 2

 

 

 

Erste Eingabe ins Internet: Mittwoch,  25. August 2010
Letzte Änderung: Dienstag, 27. Dezember 2016


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