Lehrer und Schüler

 

Krabbeln, Brabbeln, Kritzeln, Klimpern

Lehrer und Schüler

 

von

Herbert Henck

 

 

Der surrealistische Film „Entr’acte“ von René Clair mit der Musik von Erik Satie, der 1924 entstand und in dem Berühmtheiten wie Marcel Duchamp, Man Ray, Georges Auric, Francis Picabia und nicht zuletzt, sondern gleich am Anfang Satie selbst auftreten, endet mit einer wilden Verfolgungsjagd. Eine Trauergemeinde versucht zunächst mit einem immer mehr sich verselbständigenden und beschleunigenden Leichenwagen Schritt zu halten. Doch der Wagen steigert sein Tempo unaufhörlich, lässt bald alle hinter sich und saust mit atemberaubender Geschwindigkeit durch die Straßen von Paris. Plötzlich purzelt der Sarg vom Wagen, kullert aufs freie Feld, wird von den Menschen wieder eingeholt und umringt. Da öffnet sich der Sarg, ein tot geglaubter Herr im Frack entsteigt ihm in sichtlich guter Laune und stellt sich in Positur, zückt einen langen Zauberstab, deutet damit auf diesen und jenen der verblüfften Umstehenden und lässt einen nach dem anderen verschwinden. Als nur er allein noch übrig ist, nimmt er erneut Haltung an, richtet den Zauberstab mit großer Geste nun auf die eigene Brust und – löst sich in Luft auf.

Ohne solch schöne Bilder vereinnahmen zu wollen und ohne jeden Anspruch, ihre unnachahmliche Mischung von Spiel und Ernst entschlüsseln zu können, scheint mir in der Figur des sich am Ende selbst verschwinden lassenden Magiers ein Merkmal dessen enthalten zu sein, was man als guten Lehrer bezeichnet. Natürlich ist das nur ein Bild, ein Gleichnis und ganz persönlicher Eindruck. Doch immerhin: Was ist ein guter Lehrer? So viel ist darüber schon gedacht, gesagt und geschrieben worden. Dreihundert Jahre müsste man mindestens leben, um alles zu studieren. Aber solche Zeit hat ja niemand, und selbst Einstein klagte, die ersten hundert Jahre seien die schwersten. Hätte man aber so viel Zeit, wie man wollte, stünde man am Ende vielleicht noch ebenso dumm oder klug da wie zu Beginn, und was dann?

So muss man sich wohl oder übel seine eigene Philosophie basteln und zusammenschustern, auch wenn das oft nach Flickschusterei aussieht und mit der Haute Couture kaum mithalten kann. Verächtlich ist dies aber nicht, mag es einem selbst oft auch lächerlich genug erscheinen oder als Anlass zum Ärger gereichen. Nur den größten Geistern ist es gegeben, alles unter einen Hut und in ein dickes Buch zu quetschen. Im Leben dagegen gibt es immer wieder neue Fälle, die sich nicht vorhersagen lassen, für die kein Arzt Rezepte ausstellt und die in Handbüchern nicht nachschlagbar sind – Fälle, die zum Umdenken, zum Einlenken, zur Überarbeitung zwingen. Denn jeder Fall ist gleich jedem Sandkorn am Meer ein klein wenig anders, und die kleinen Unterschiede sind mitunter wichtiger als die großen Gemeinsamkeiten. Manchmal endet man gar im Gegenteil dessen, von dem man ausgegangen war, und was kurz zuvor noch stichhaltig schien, wird nachgerade unhaltbar. Dieser Vorgang ständiger Prüfung und Bewertung ist gleichwohl unentbehrlich, fast möchte ich sagen lebensnotwendig, denn am Ende spitzt sich alles auf die eigene Person zu, ist auf diese abzustimmen und bedarf der immerwährenden Anpassung, Aktualisierung und, ob man will oder nicht, des Kompromisses.

Lehrer gibt es viele im Leben eines jeden Menschen, und sie prägen und begleiten uns in all unserem Tun und Denken nicht nur durch das, was sie uns sagen und zeigen, sondern ebenso das, was sie uns – warum auch immer – nicht sagen und nicht zeigen. Durch Vorbild, Beispiel und Nachahmung gelangen wir, beflügelt von einem uns innewohnenden und kaum jemandem völlig erklärlichen Drang zur Selbständigkeit, vom Krabbeln zum Gehen, vom Brabbeln zum Sprechen, vom Kritzeln zum Zeichnen, vom Klimpern zum Klavierspielen, von einer mehr absichtslosen und ungerichteten zu einer eher vorsätzlichen, geordneten und zielstrebigen Tätigkeit, in welche die erworbenen Erfahrungen spürbar münden. Selbsttätigkeit und Eigenständigkeit, Erkenntnis der eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten, Versuch und Irrtum sind hier die Schlüssel- und Zauberworte der Entwicklung. Nachahmung, Gehorsam oder Folgsamkeit sind dagegen Tugenden, die für den Anfang zwar taugen, später aber nur noch von bedingtem, zeitweiligem und selbst zweifelhaftem Wert sind. Wer sich ein Leben lang allein auf sie verlassen möchte, wird mehr als nötig abhängig bleiben, in gewisser Weise nie erwachsen und selten ein Künstler werden, denn sie bedeuten Stillstand, treten jeder Erneuerung entgegen und hindern die Entfaltung des Eigenen.

Parallel hierzu ist das Wesen des Lehrertums die Fähigkeit, sich überflüssig zu machen und schließlich nur noch durch das Vorbild zu wirken, das darin besteht, die eigenen Probleme recht und schlecht, mit Freude oder Verdruss selbst zu lösen. Dies setzt das Selbstbewusstsein voraus, im Schüler den Wunsch zu erwecken und ihm das Rüstzeug geben zu wollen, auf eigenen Beinen zu stehen und mit jedem Schritt in eine selbst gewählte und verantwortete Zukunft zu gehen. Hierzu gehört auch der Mut zur Unvollkommenheit und zum Versagen. Jeder hat sein eigenes Recht auf Fehler und Irrtum, Schüler wie Lehrer, doch haben beide auch ihr je eigenes Recht auf Geduld, Nachsicht und Verzeihung. Erst die Auseinandersetzung mit Fehlern, mit Unvollkommenheiten führt hüben wie drüben, auf Schüler- wie Lehrerseite, weiter zu Klarheit, Freiheit, Bewusstsein, Lösung und Fortschritt. Und falls solch erstrebenswerte Güter nicht unverzüglich greifbar werden, wusste man schon in der Antike mit der Sentenz sich zu trösten: Fehlt es an Kraft, ist doch der Wille zu loben. Jahrhunderte später schreibt Raabe nur noch: Wille ist Werk.

Zu bedenken ist auch, dass die Grenzen zwischen Lehrer- und Schülersein ja fließend sind. Jeder Lehrer, der nicht völlig blind durch die Welt stolpert, lernt von seinen Schülern, ob man dies Unterricht nennt oder nicht; und ein lernbegieriger Mensch wird kaum auf die Fragestellungen unbefangener junger Menschen, seien es auch „nur“ Kinder, verzichten wollen. Eltern werden durch ihre Kinder andere Menschen, denn nicht allein werden die Kinder von den Eltern erzogen, auch das Umgekehrte findet statt. Schönberg meinte im Vorwort seiner „Harmonielehre“, er habe dieses Buch von seinen Schülern gelernt. Die „schlechten“ Schüler sind oft die eigentlichen Herausforderungen, die Wetzsteine der Pädagogik, an denen ein Lehrer die Richtigkeit seiner Überzeugungen und Behauptungen und die Stimmigkeit der Methoden ihrer Vermittlung ablesen kann. Die „guten“ dagegen sind meist jene, die stets folgsam sind, die dem Lehrer gehorchen, die Artigen, Braven, Angepassten.

Kommt es trotz beiderseitigen Bemühens zu keiner fruchtbaren Verständigung, geht besser jeder seiner Wege, zückt (um im Bild zu bleiben) seinen Zauberstab, den die Natur einem jeden mit in sein Reisegepäck schob, und macht sich – unsichtbar. Hokus, pokus, verschwindibus, dreimal schwarzer Kater.

 

 

Erstdruck als Krabbeln, Brabbeln, Kritzeln, Klimpern. Lehrer und Schüler (Kolumne), in: Piano NEWS. Magazin für Klavier und Flügel, Heft 2/2005, Düsseldorf: Staccato-Verlag, März/April 2005, S. 76 f. – Durchgesehene und überarbeitete Fassung. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.

 

Erste Eingabe ins Internet:  Donnerstag,  27. April 2006
Letzte Änderung:  Mittwoch,  28. Dezember  2016

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