Treysa  (Teil 2)

 

Treysa, heute Schwalmstadt

Kindheit in einer kurhessischen Kleinstadt

Autobiographische Studien VI

Teil 2

 

von

Herbert Henck

 

 

 

                    Teil 1
                    
                    Kapitel   1      Vom Himmel hoch
                    Kapitel   2      Am Bahnhof
                    Kapitel   3      Am Bahnhof (Forts.)
                    Kapitel   4      Die Kanonenbahn
                    Kapitel   5      Haus und Garten
                    Kapitel   6      Haus und Garten (Forts.)
                    
                    
                    Teil 2
                    
                    Kapitel   7      Die Familie meiner Mutter – ├änne Christel
                    Kapitel   8      Karl Christel
                    Kapitel   9      Karl Christel (Forts.)
                    Kapitel  10     Karl Christel (Ende)
                    Kapitel  11     Das Labor
                    Kapitel  12     Onkel Noll
                    Kapitel  13     Die Generalprobe
 

 

 

 

 

Siebentes Kapitel
Die Familie meiner Mutter – ├änne Christel

├ťber die Eltern meiner Mutter, Karl und ├änne Christel, die schon mehrfach erw├Ąhnt wurden, sei noch einiges berichtet, das mir erinnerlich ist. F├╝r meine Familie waren sie, mehr als die entfernter wohnenden ÔÇ×Schrecksbacher“, immer pr├Ąsent und bildeten gleichsam einen verwandtschaftlichen Hintergrund erster Ordnung, der durch die ebenfalls in Treysa lebenden Eltern meiner Gro├čmutter ├änne und andere Verwandte noch betont wurde. Ich bin weit entfernt davon zu glauben, hiermit ein auch nur einigerma├čen gerechtes Bild von den beschriebenen Personen zu entwerfen, und m├Âchte nochmals hervorheben, dass dies nichts als Erinnerungen aus lange zur├╝ck liegenden Zeiten sind, die sich gelegentlich wohl vermischen mit der Wirklichkeit und bei denen ich vor Missverst├Ąndnissen keineswegs gefeit bin.

Zwar lernte ich meine beiden Urgro├čeltern m├╝tterlicherseits, Johann Valentin und Anna Elisabeth Linker (die ihrerseits aus Hatzbach, ca 16 km westlich bzw. Waldeck, ca. 52 km n├Ârdlich von Treysa stammten) noch kennen, doch waren beide damals schon recht alt und gebrechlich, hatten sich aus dem Berufsleben zur├╝ckgezogen und das Gesch├Ąft und die Werkstatt an ihre Kinder weitergegeben. (├ťber die Hatzbacher Verwandtschaft hat ein Angeh├Âriger der Familie, Konrad Weckesser in Karlsruhe, inzwischen geforscht und mir in den Jahren 2010 und 2011 auch verschiedene Unterlagen zug├Ąnglich gemacht, doch beziehe ich seine Ergebnisse hier nur am Rande ein, soweit sie f├╝r den Gang der Geschehnisse wichtig sind. Erinnern kann ich mich jedoch weder an eine Hatzbacher noch eine Waldecker Verwandtschaft.)

Mein Urgro├čvater Valentin, der ein ausgebildeter Schmied war und in seiner Jugend als Hufschmied manches Pferd beschlagen hatte, hatte es sich gleichwohl nicht nehmen lassen, f├╝r mich, den Urenkel, einen kleinen, meiner Gr├Â├če angemessenen, blau, grau und rot lackierten Schubkarren aus Holz zu bauen, mit dem ich auf den Wegen zwischen den Beeten auf meine Weise an dem Geschehen im Garten teilnehmen konnte. Und in fr├╝heren Jahren hatte der Urgro├čvater f├╝r meinen Vater, um dessen Vergn├╝gen am Fischen in der Schwalm er wusste, einen Angelrutenhalter geschmiedet und schlie├člich mit dunkelgr├╝nem Lack ├╝berzogen. Man konnte ihn mit einer speerartigen Spitze in den Boden stecken und dann seine Angel in verschiedenen Winkeln mit Hilfe eines an einer Kette baumelnden Metallstiftes einh├Ąngen, so dass die Schn├╝re frei liefen und sich nicht im Gras oder Schilf verhedderten. Es war ein gut ├╝berlegtes Ger├Ąt, das v├Âllig den W├╝nschen eines Anglers entsprochen h├Ątte, w├Ąre es auf Grund seiner massiven Ausf├╝hrung nicht ├╝beraus schwer geraten. Im Rucksack des Anglers bedeutete es ein erhebliches Gewicht, so dass man sich seine Mitnahme stets zweimal ├╝berlegte.

Meine Gro├čmutter ├änne habe ich indes kaum mehr n├Ąher kennen gelernt, wenn sie auch eine meiner ersten bewussten Eindr├╝cke von dieser Welt ├╝berhaupt ist, die ich mit einiger Sicherheit datieren kann. Sie starb im Jahre 1951, in ihrem siebenundvierzigsten Lebensjahr, und somit geht meine Erinnerung etwa auf mein drittes Lebensjahr zur├╝ck. Ich sehe sie in unserer Treysaer K├╝che sitzen, vor unserem langen, wei├čen Schiebeschrank, in dem gro├če T├Âpfe und seltener benutztes Geschirr untergebracht waren. Ich machte mir damals ├Âfters unter dem K├╝chentisch zu schaffen, um den G├Ąsten in die Schuhe zu bei├čen, und aus jener Perspektive sehe ich sie oben am Tisch sitzen. Mehr ist mir nicht geblieben als dieses zwar blasse und schemenhafte, gleichwohl aber stets vorhanden gewesene Bild und dieser Eindruck von ihrer Anwesenheit. Ich m├Âchte und kann dem auch nichts mehr hinzuf├╝gen an Einzelheiten, die ich vielleicht erst sp├Ąter auf Fotos gesehen habe. Von ihrem bald erfolgten Tod oder anderen Umst├Ąnden wei├č ich nichts mehr au├čer dem, was mir sp├Ąter erz├Ąhlt wurde.

├änne galt fast als Heilige in unserer Familie, und nur Gutes kam mir zu Ohren. Sie war ein Arbeitstier und schmiss den Laden, wie man so sagt. Sowohl die K├╝che wie der Garten lagen in ihrer Obhut, und sie scheint in ihren vielf├Ąltigen, t├Ąglich neu sich stellenden Aufgaben v├Âllig aufgegangen zu sein. Leben und Arbeit waren ihr wohl gleichbedeutend, und ich denke, dass mein Gro├čvater sich ihr gew├Âhnlich und gerne unterordnete. Von eigenen Interessen, Liebhabereien und anderem Pers├Ânlichem habe ich nie reden h├Âren. Vielleicht war diese starke Zur├╝cknahme ihrer eigenen Person eine der Folgen, dass sie in einer gro├čen Schar von Geschwistern aufgewachsen war, die alle noch in Treysa oder der n├Ąheren Umgebung lebten. Denn h├Ąufiger kommt es in gro├čen Familien ja vor, dass hier die Kinder schon in Jahren, die ansonsten dem Spiel und der Unbeschwertheit vorbehalten sind, Pflichten und Verantwortlichkeiten f├╝r ihre j├╝ngeren Geschwister zu ├╝bernehmen haben.

Wie ├änne altersm├Ą├čig in diese Familie geh├Ârte, wei├č ich nicht, auch wenn ich die n├Ąheren Verwandten fr├╝her oder sp├Ąter kennen lernte. Sehr wohl k├Ânnte sie die ├älteste gewesen sein (was sich sp├Ąter als Irrtum erwies): Ihre Br├╝der Gustav und Ernst arbeiteten in der elterlichen Autoschlosserei und Tankstelle, unweit des alten Bahnhofs in der Friedrich-Ebert-Stra├če. Gustav war zugleich Fahrlehrer, Ernst gl├Ąnzte durch besondere Leidenschaft f├╝r Motorr├Ąder, auf deren Pflege er h├Âchsten Wert legte. Ein dritter Bruder namens Karl lebte in Ziegenhain, doch hielt er sich etwas abseits von der Familie; ich wei├č kaum etwas ├╝ber ihn und kann mich nicht erinnern, ihn einmal gesehen zu haben. Sein Sohn Karlheinz besuchte uns jedoch in Mannheim einmal in der Zeit, als meine Mutter im Krankenhaus lag.

An Schwestern von ├änne gab es zun├Ąchst Else Mihm in Malsfeld, deren Mann fr├╝h gestorben sein muss und deren Sohn, Karl Mihm, schon fr├╝h als Kommunalpolitiker und CDU-Abgeordneter t├Ątig wurde und heute noch lebt. Luise, die lange in Eschwege und Hildesheim wohnte, war mit Willi Ernst, einem Vertreter der Firma Hauboldt, die Eintrittskarten herstellte, verheiratet. Onkel Willi war eine Kategorie f├╝r sich. Nie wieder, au├čer vielleicht im Fernsehen, habe ich jemanden so schnell und ausdauernd reden h├Âren wie ihn. Es sprudelte nur so heraus aus ihm, und er glich einem Wasserfall, der niemals still stehen wollte und konnte. Und er hatte beachtliches Talent zu ├╝berzeugen und die richtigen Argumente zur richtigen Zeit vorzubringen, was ihm in seinem Beruf sicher von einigem Vorteil war. Luise, seine Frau, war dagegen ruhig und introvertiert, ja sogar etwas depressiv veranlagt. Sie zog meinen Vater des ├Âfters zu Rate, der ihren tr├╝ben Stimmungen durch Gespr├Ąche, aber auch aufhellende Medikamente beizukommen suchte. Sie war ebenso wie ihr fast schon erwachsener Sohn G├╝nter, den wir Kinder sehr mochten, einmal l├Ąngere Zeit bei uns zu Gast in Sinsheim.

Das einzige, das ich aus ├ännes Zeit im Krankenhaus in Erinnerung habe, das aber auf den sp├Ąteren Bericht meiner Mutter zur├╝ckgeht, war eine Rippenfell-Entz├╝ndung und ihr Wunsch nach einem gebratenen T├Ąubchen. Ich wei├č nicht, ob man ihr diesen Wunsch erf├╝llen konnte, doch kann man Todkranken, glaube ich, kaum einen Wunsch abschlagen, so ausgefallen und unverst├Ąndlich dieser allen anderen auch sein mag.

├ännes Grab befindet sich auf dem Treysaer Friedhof, und mein Gro├čvater Karl und meine Mutter sind unmittelbar neben ihr bestattet, so dass Eltern und Tochter hier wieder vereint sind.

 

 

Achtes Kapitel
Karl Christel

Karl Christel, der Vater meiner Mutter, verlie├č Treysa fast nie. Reisen war seiner Natur fremd, und meines Wissens hat er auch nie ein Auto oder Motorrad, ja nicht einmal ein Fahrrad besessen. Er ging zu Fu├č oder nahm die Eisenbahn. In jungen Jahren hatte er zwar gedient und war im Ersten Weltkrieg als Soldat sogar in Russland gewesen, in sp├Ąteren Jahren scheint jedoch Kassel der fernste Ort von Treysa gewesen zu sein, zu dem er aus freien St├╝cken fuhr.

Wir kannten durchaus diese Eigenheit, und so trauten wir unseren Augen nicht, als er zu jener Zeit, da meine Mutter bereits l├Ąngere Zeit im Krankenhaus lag, pl├Âtzlich vor unserer Mannheimer Wohnungst├╝r stand (unangemeldet, versteht sich), um seine Tochter, von deren schwerem Leiden er durch meinen Vater wusste, das erste und letzte Mal zu besuchen. Er weinte viel, sprach nur von Nebens├Ąchlichem, schn├Ąuzte sich immer wieder ausgiebig und besch├Ąftigte sich sofort mit unserer Katze, als diese ins Zimmer kam. Nach dem Besuch im Krankenhaus fuhr er noch am selben Tag wieder zur├╝ck nach Treysa. Jeder von uns wusste, wie ernst die Lage war, wenn er sich einmal ├╝ber Kassel hinaus auf den Weg machte, und so dr├╝ckte sein Besuch zus├Ątzlich auf unsere Stimmung.

Karl Christel war mittelgro├č und sehr schlank, ja hager und knochig, hatte eingefallene Wangen und schon fr├╝h eine kahle Stelle in seinem d├╝nnen Haar. Er rauchte au├čerordentlich viel, so dass von seinen Zigaretten, die er w├Ąhrend der Bedienung der Kundschaft ablegte, viele kleine Brandflecke an den Kanten der Buffets in der Bahnhofsgastst├Ątte entstanden waren. Zugleich trank er st├Ąndig Kaffee, Pulverkaffee, der in gro├čen B├╝chsen gleich hei├čem Wasser immer bereit stand und den er sich tassenweise selbst aufgoss, der aber ebenso oft wie die glimmenden Zigaretten in der Hektik des Betriebs in Vergessenheit geriet und irgendwo erkaltete, bevor er getrunken wurde.

Er trug meist dunkle, unauff├Ąllige Anz├╝ge und Krawatte, manchmal mit einer Weste unter dem Jackett, was er seinem Beruf schuldig zu sein glaubte. Zu Hause hatte er eine dunkle Hose und eine einfache Strickjacke ├╝ber einem wei├čen Hemd an. Frische, leuchtende Farben oder gemusterte Stoffe mochte er nicht. In fr├╝heren Jahren zog er jedoch, wenn er das Haus verlie├č, oft einen langen dunkelgr├╝nen Lodenmantel an und setzte einen Hut mit Eichelh├Ąherfeder und einem Rasierpinsel gleichenden Gamsbart auf, beides wohl als Erinnerung an seinen Vater, der gerne zur Jagd gegangen war. Sich selbst betrachtete er f├╝r die Jagd als v├Âllig ungeeignet und konnte auch der Angelleidenschaft meines Vaters nicht das Geringste abgewinnen. Er begr├╝ndete dies zwar mit seiner Unf├Ąhigkeit, lange still sitzen und warten zu k├Ânnen, vielleicht war aber auch seine gro├če Tierliebe mit hierf├╝r verantwortlich. Solange ich mich erinnern kann, hielt er sich einen Hund (in meiner Kindheit einen recht freundlichen Irischen Setter, ÔÇ×Treff“ genannt), und in h├Âherem Alter nahm er sich mehrfach verhungerter oder kranker Katzen an, die in seinem Garten umherstreunten. Mit rohem Ei und Sahne p├Ąppelte er sie so lange, bis sie wieder zu Kr├Ąften gekommen waren.

Wegen eines Hundes gab es auch einmal ├ärger mit der ├Ârtlichen Obrigkeit. Denn der Hund meines Gro├čvaters hatte nichts Besseres zu tun, als allmorgendlich zur Polizeiwache am Marktplatz zu laufen und vor deren T├╝r sein Gesch├Ąft zu verrichten. Da der Zustand von Dauer war, zog man Erkundigungen ein, wem das Tier geh├Âre, und beschwerte sich bei meinem Gro├čvater. Dieser verleumdete seinen Hund freilich nicht, nahm ihn vielmehr in Schutz und erwiderte, dass er hier machtlos sei; er k├Ânne dem Hund ja schlecht ein T├Âpfchen unter den Schwanz binden oder hinterhertragen. Die Polizei half sich schlie├člich selbst, indem sie den Wiederholungst├Ąter mit einem Eimer kalten Wassers vergr├Ąmte.

Trotz der vielen Zigaretten, Unmengen von Kaffee und der verr├Ąucherten R├Ąume, in denen er sich fast den ganzen Tag ├╝ber aufhielt, war Karl Christel selten krank. Vielleicht kam ihm zugute, dass er durch seinen Beruf st├Ąndig in Bewegung war, fast nie alkoholische Getr├Ąnke zu sich nahm, gewiss kein ├ťber-, sondern eher Untergewicht hatte und aufs Ganze gesehen ein sehr geregeltes Leben f├╝hrte. Gegen ├ärzte und ihre Ratschl├Ąge hegte er eine unwiderrufliche Abneigung, und dass mein Vater, sein einziger Schwiegersohn, ausgerechnet Arzt war, begr├╝ndete sicherlich manche Spannung, auch wenn mein Vater die Unbelehrbarkeit seines Schwiegervaters wohl schnell erkannt und sich mit ihr abgefunden hatte.

Erst in h├Âherem Alter erkrankte Karl Christel ernstlich an der Lunge, so dass er sich nach Marburg in die Universit├Ątsklinik begeben musste und operiert werden sollte. Doch nach wenigen Tagen ertrug er seine Umgebung nicht l├Ąnger. Er stand noch vor der Operation auf, zog sich wieder an, packte seinen Koffer und verlie├č die Klinik auf eigene Faust, um zur├╝ck nach Hause zu fahren. Danach erholte er sich, obgleich die Diagnose der ├ärzte alles andere als g├╝nstig gewesen sein soll. (Mein Vater erkundigte sich sp├Ąter bei den Marburger Kollegen.) Er glaubte fest an seine F├Ąhigkeit, sich ohne die ganze Quacksalberei aus eigenem Willen und eigener Kraft heraus helfen zu k├Ânnen, und verf├╝ge ├╝ber eine gesundheitliche Robustheit und Z├Ąhigkeit, der nichts etwas anhaben k├Ânne. Krankheit war ihm fast schon eine Art von charakterlicher Schw├Ąche, die er sich nicht durchgehen lie├č und gegen die er sich stolz und erfolgreich behauptete. Und wenn ich es auch nicht beweisen kann, so bin ich mir zumindest gef├╝hlsm├Ą├čig doch recht sicher, dass dieser Widerstand von innen heraus, der auf der festen ├ťberzeugung von seiner F├Ąhigkeit zur Selbstheilung gr├╝ndete, ihn immunisierte und manche Krankheit nicht aufkommen, ausbrechen oder so verlaufen lie├č, wie es die Schulmedizin erwartete. Einer der Spr├╝che, die ich von ihm in Erinnerung habe und die seine Meinung ├╝ber die ├ärzteschaft deutlich genug zum Ausdruck brachte, war der Anfang des Liedes vom Doktor Eisenbart:

                                    Ich bin der Doktor Eisenbart,
                                    Kurier’ die Leut’ auf meine Art,
                                    Kann machen, dass die Blinden geh’n,
                                    und dass die Lahmen wieder seh’n.

Auch gegen Zahn├Ąrzte richtete sich sein Misstrauen und seine entschiedene Abwehr (es gab ja gleich mehrere von ihnen in der Familie meines Vaters), und selbst als er im Alter schlie├člich alle Z├Ąhne verloren hatte, lehnte er es strikt ab, sich ein k├╝nstliches Gebiss anfertigen zu lassen. So kaute er ohne Z├Ąhne, so gut es eben ging, und versicherte, dass es ihm so lieber sei und nichts ausmache. Als ich ihn einmal fragte, ob er irgend etwas nicht kauen k├Ânne, meinte er, dass er, von N├╝ssen abgesehen, alles zu essen imstande sei.

Neben ├ärzten waren ihm auch Geistliche oder allgemeiner die Kirche sowie alle Politiker schlechthin zuwider, und ich h├Ârte ihn manches Mal ├╝ber alle diese schimpfen, am h├Ąufigsten aber ├╝ber den materiellen Reichtum des Papstes, der seinen Vorstellungen vom Christentum v├Âllig zuwider lief. Indem er mich aufforderte, mir das Wort doch einmal genau anzusehen, erkl├Ąrte er mir eines Tages den Sinn des Gebetes. Das Gebet sei n├Ąmlich nicht auf der zweiten Silbe, sondern auf der ersten zu betonen und sei als Aufforderung ÔÇ×Gebet!“ zu verstehen. Dieses sei die eigentliche Bedeutung und Botschaft des Wortes. Ich hatte Bedenken, wollte ihm aber nicht widersprechen, zumal die Erkl├Ąrung auch ihre guten Seiten, ja sogar etwas Lustiges hatte.

Da er regelm├Ą├čig auf dem Friedhof das Grab seiner ersten Frau besuchte, entr├╝stete er sich au├čerordentlich, als er auf dem Grabstein eines Mannes, den ein Unfall seiner sechsk├Âpfigen Familie beraubt hatte, die Inschrift las: ÔÇ×Was Gott tut, das ist wohl getan!“ F├╝r solch ein ├ťberma├č an Schicksalsergebenheit, das f├╝r ihn an Dummheit grenzte, fehlte ihm jedes Verst├Ąndnis. Ihm bei diesen Diskussionen indes nicht das letzte Wort zu lassen, hatte keinen Zweck. Es h├Ątte ihn allzu sehr aufgebracht und verletzt. Mein Vater, dem eher an Ausgleich und Harmonie gelegen war, fand seinen Schwiegervater daher immer etwas zu fanatisch in seinen Anschauungen, worin ich ihm nicht Unrecht geben kann. Denn Streit in Fragen wie den genannten artete zu schnell in Rechthabereien mit erhobener Stimme und geballter Faust aus, so dass man manchmal sehr auf der Hut sein musste, nicht allzu Herausforderndes zu ├Ąu├čern. Man ging diesen Diskussionen besser ganz aus dem Wege, lenkte ab oder pflichtete ihm notfalls bei, bis die Klippe umschifft war und die Wogen sich wieder gegl├Ąttet hatten. Denn auch wenn die Dinge, um die es ging, einen selbst gar nicht betrafen, geriet man doch schnell in den Verdacht, auf der falschen Seite zu stehen.

 

 

Neuntes Kapitel
Karl Christel (Forts.)

Als ich noch ein kleines Kind war, zu klein, um irgend etwas von dem nachstehend Geschilderten wahrzunehmen und zu verstehen, hatte sich zudem etwas zugetragen, das mir auch heute noch sehr eigent├╝mlich erscheint und von dem ich hier, da es das mitunter sehr j├Ąhzornige und aufbrausende Wesen meines Gro├čvaters etwas n├Ąher beleuchtet und etwas ├╝ber seinen Charakter aussagt, kurz berichten m├Âchte.

Nach dem Tod von ├änne hatte Karl Christel wieder eine Frau gefunden, die mit ihm gemeinsam die Bahnhofsgastst├Ątte bewirtschaftete und in erster Linie nat├╝rlich auch wieder f├╝r die K├╝che zust├Ąndig war. Als jedoch von einer Heirat und damit einer zweiten Ehe die Rede war, kam es zu erheblichen Streitigkeiten mit meinen Eltern, nicht zuletzt wegen des Erbes meiner Gro├čmutter. Da tat Karl Christel nach einer heftigen und anscheinend ganz au├čer Kontrolle geratenen Auseinandersetzung etwas sehr Ungew├Âhnliches, ja Ma├čloses. In ├Ąu├čerster Wut suchte er sich die Photoalben, in die man viele Jahre hindurch die Familienbilder eingeklebt hatte, selbst aufgenommene oder von anderen erhaltene, und riss sein eigenes Bild, wo immer es in Erscheinung trat, mit roher Gewalt heraus. Klebte ein Photo zu fest an der Pappe, bediente er sich eines Messers oder anderen scharfen Gegenstandes, um sein Gesicht auf dem Papier zu zerkratzen und unkenntlich zu machen. Es war eine Art des Bildersturms, eines Mordes an der Vergangenheit, auch eine Art der Selbstzerst├Ârung, die sich stellvertretend an den Photos entlud, halb sich selbst, halb die anderen strafend. Vielleicht betrachtete er sich in seinem tiefsten Inneren als nicht mehr zur Familie geh├Ârig und wollte in seinem gekr├Ąnkten Stolz die Erinnerung an seine Person f├╝r den Rest der Familie ausl├Âschen. Gleichviel war klar, dass er sich gerade durch diese Handlungsweise und die unwiderrufliche Zerst├Ârung der Photos in besonderem Grad unvergesslich machte, was aber auch ein unbewusster Gedanke seines Tuns gewesen mochte. Es war etwas sehr Symbolisches an seinem Handeln, ein Sich-Aufb├Ąumen gegen das Schicksal und In-den-Schmutz-Treten des Gl├╝cks von einst, eine Art des Amoklaufs gegen die eigene Vergangenheit, eine Form der Selbstverst├╝mmelung. Ich habe diese Photoalben in fr├╝heren Jahren mehrfach in der Hand gehabt und meine Eltern nach der Herkunft der Besch├Ądigungen befragt, und dies war jedenfalls ihre stets etwas verlegene und ausweichende Erkl├Ąrung, auf die ich mir meinen eigenen Reim zu machen hatte. Genauere Hintergr├╝nde und Einzelheiten enthielten sie mir vor; vielleicht war dies auch besser so.

Die Ehe, die sich unter so dramatischen Umst├Ąnden angebahnt hatte, kam zwar nicht zustande, doch heiratete Karl Christel sp├Ąter, ich sch├Ątze 1953, eine andere Frau, die mit ihrem Sohn aus dem Osten hatte fliehen m├╝ssen und welcher hiermit der damals nicht ungew├Âhnliche Makel anhing, ÔÇ×Fl├╝chtling“ zu hei├čen und st├Ąndig nur auf Wiedergutmachung, Reparationen und Ausgleichszahlungen erpicht zu sein. Diese Frau, deren Namen nichts zur Sache tut und die sich meinen Eltern und uns Kindern gegen├╝ber stets korrekt und freundlich verhielt, nahm sich in sp├Ąteren Jahren in dem Haus in der Burggasse, wo mein Gro├čvater mit ihr zusammen die mittlere Etage bewohnte, das Leben. Mein Gro├čvater erz├Ąhlte nach ihrem Tod zum Teil haarstr├Ąubende, entsetzliche Dinge ├╝ber sie, von denen ich aber nicht wei├č, ob sie sich wirklich so zugetragen haben, wie er sie schilderte. Er steigerte sich in solchem Ma├če in Anklagen und Beschuldigungen und gab die Ereignisse mit solcher Heftigkeit wieder, dass es schwer war, sich vorzustellen, er schm├╝cke sie nicht mitunter aus und ├╝bertreibe ein wenig, um selbst besser dazustehen und eine wom├Âglich vorhandene Mitschuld, die er zu Recht oder nicht empfand, zu schm├Ąlern. Vielleicht musste er gelegentlich auch alles das herauslassen und loswerden, was er Fremden gegen├╝ber gew├Âhnlich nicht aussprechen konnte, zumal er auch als Wirt st├Ąndig so vieles mitanh├Âren, einstecken und schlucken musste an Meinungen und Ansichten, Wahrem und Erdichtetem.

Manche Menschen, besonders wenn sie ein Glas ├╝ber den Durst getrunken haben, betrachten die Wirte der Gastst├Ątten ja als eine Art von Beichtv├Ątern. Dann weinen sie sich ihr Leid und ihren Jammer aus der Seele und meinen, endlich jemanden gefunden zu haben, der sie verst├╝nde und ihnen Trost spenden k├Ânne. Dabei vergessen sie in ihrer Not, die man ihnen ja nicht absprechen kann und m├Âchte, dass auch dieser Wirt ein Mensch mit eigenen N├Âten und Sorgen ist und dass seine Anwesenheit und seine Abneigung, ihnen zu widersprechen, ganz professionelle, gesch├Ąftliche, aber kaum je seelsorgerische Gr├╝nde hat. Man bezahlt ihn nicht daf├╝r, dem Kunden sein Ohr zu leihen und ihm die Tr├Ąnen zu trocknen, sondern f├╝r das Glas Bier, den Kartoffelsalat, die Frikadelle und den Verdauungsschnaps, die er auf Bestellung herbeibringt. Dennoch muss er auch alles Elende, Gemeine, Interne, ja Intime unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitanh├Âren, sobald man es ihm angeheitert oder melancholisch lallelnd anvertraut, und das Mitgeteilte wird, ohne dass er sich ihm g├Ąnzlich entziehen k├Ânnte, ein winziges St├╝ckchen seiner selbst, auch wenn er es scheinbar sofort wieder vergisst und es f├╝r ihn keine ├Ąu├čere, sichtbare Bedeutung haben mag.

Loyalit├Ąt und Geduld gegen├╝ber dem zahlenden Kunden hatten freilich auch bei Karl Christel ihre Grenzen, und er lie├č sich nicht alles und jedes gefallen, besonders wenn er sich pers├Ânlich angegriffen f├╝hlte. Zumindest eine Begebenheit wurde mir erz├Ąhlt, in der er sich zur Wehr setzte. Ein Gast hatte sich beschwert, dass die Tasse Fleischbr├╝he, die er bestellt und serviert bekommen hatte, nicht hei├č genug sei. Ob dies nun stimmte oder nicht, ist gleichg├╝ltig. Karl Christel war jedenfalls gekr├Ąnkt – vielleicht in seiner Berufsehre, vielleicht auch durch die Art, in der die Beschwerde vorgebracht wurde, vielleicht beides – und sann auf Vergeltung. Er nahm die Tasse mit der Br├╝he wieder mit und setzte sie samt Untertasse und L├Âffel auf eine Elektroplatte. Dann erhitzte er das Ganze auf h├Âchster Stufe, bis es in der Tasse zu sieden begann, und brachte sie, mit einem Topflappen haltend, unverz├╝glich dem Gast zur├╝ck, f├╝r den sie bestimmt war. Die erste Ber├╝hrung der Tasse, der Br├╝he oder des L├Âffels d├╝rfte diesen schnell belehrt haben, dass der Grund seiner Beanstandung nunmehr behoben sei. Ob er freilich seinen Zug noch erreichte, ehe die Br├╝he trinkbar wurde, steht auf einem anderen Blatt.

 

 

Zehntes Kapitel
Karl Christel (Ende)

Karl Christel war in fr├╝heren Jahren durchaus wohlhabend gewesen, wenngleich er nie hiervon viel Aufhebens machte und bescheiden, ja anspruchslos lebte. Er hatte nicht nur Einiges an Grund und Boden, darunter einige verpachtete ├äcker besessen, sondern neben dem Haus in der Burggasse geh├Ârte ihm auch ein Gesch├Ąftspavillon gleich am Bahnhof, den ein Juwelier von ihm gemietet hatte. Seinem Stiefsohn baute er eine riesige elektrische Spielzeugeisenbahn auf, die das ganze Vorzimmer des einstigen Labors meines Vaters so ausf├╝llte, dass man sich kaum mehr darin bewegen konnte, und in sp├Ąterer Zeit gab es im Treysaer Bahnhof ein Zimmer voller kleiner, untereinander verbundener K├Ąfige, in denen er zeitweilig Chinchillas z├╝chtete. All dieses zeigte, dass es ihm an Geld kaum mangelte, denn es handelte sich hier um kostspielige Liebhabereien, selbst wenn man die Chinchillas als eine Form der Kapital-Anlage gelten lassen k├Ânnte, die sich mit der Vermehrung der Tiere verzinste.

Allerdings will es mir gerade bei seiner Chinchilla-Zucht nicht in den Kopf, dass man ihm hier nicht etwas eingeredet habe, dessen Folgen er nicht genau ├╝bersah. Die Sache war zu ausgefallen, als dass er aus freien St├╝cken und eigenem Antrieb darauf verfallen w├Ąre, und ich halte es f├╝r wahrscheinlicher, dass ein redegewandter Vertreter ihm von den hohen zu erwartenden Gewinnen bei nur geringen Investitionen etwas vorgeschw├Ąrmt und -gerechnet und dabei das Blaue vom Himmel heruntergelogen hatte, um selbst in den Genuss irgendwelcher Provisionen und Beteiligungen zu gelangen. Chinchillas im ersten Stock des Treysaer Bahnhofs zu z├╝chten, damit man den putzigen Tierchen eines sch├Ânen Tages den Garaus macht, das Fell ├╝ber die Ohren zieht und Frau Dummchen-Neureich sich dann bei dem K├╝rschner ihres Vertrauens einen f├╝nften Pelzmantel zum Wechseln ma├čschneidern lassen kann, das passte alles nicht zusammen. Eher scheint mir all dies, wenn ├╝berhaupt etwas, dann allenfalls die Naivit├Ąt meines Gro├čvaters zu bezeugen, die sicher etwas von Gutm├╝tigkeit, aber auch von Leichtgl├Ąubigkeit hatte. Er geh├Ârte zu den Menschen, die sich mitunter gut und gerne hintergehen lie├čen und die nicht nein sagen konnten, wenn der Richtige kam und ihnen eine offensichtlich schwachsinnige, daf├╝r um so teurere Idee aufschwatzte und sie dabei auch noch glauben machte, sie lie├čen sich auf ein besonders kluges Gesch├Ąft ein. Und anschlie├čend besa├č Karl Christel nicht den Mut, Farbe zu bekennen und sich und den anderen einzugestehen, dass seine Tr├Ąume einer nach dem andern wie Seifenblasen zerplatzten, und lange dauerte es, bevor er, l├Ąngst von den Ereignissen ├╝berholt, dem Spuk ein Ende machte. Aber Lehrgeld zu zahlen, bleibt nun einmal keinem erspart, und fr├╝her oder sp├Ąter begehen die meisten von uns (ich kann mich leider nicht ausnehmen) ganz ├Ąhnliche oder andere, wenn nicht schlimmere Dummheiten. Wie anders sollten wir lernen, den Wert von Worten und Dingen einzusch├Ątzen, wenn nicht durch unsere eigenen Torheiten und Verluste? Was heute Gewinn erbringt, kann morgen zum Ruin f├╝hren. Gute Reden und wohlgemeinter Rat helfen da bekanntlich wenig, und das schlechte Beispiel anderer fordert eher noch heraus, im Stillen bei sich zu denken, man selbst h├Ątte die Sache schon anders anzupacken gewusst.

Einen ├Ąhnlichen, wenn auch nicht ganz so kostspieligen Fall hatte es gegeben, als mein Gro├čvater Mitglied eines B├╝cherclubs wurde, obwohl ich ihn nie etwas anderes als die Zeitung, den Schwalm-Boten oder auch die Bildzeitung habe lesen sehen; mit einem Buch in den H├Ąnden w├Ąre er mir fremd erschienen, und ich h├Ątte mich gefragt, ob etwas nicht stimme. Ich fand dies erst in sp├Ąteren Jahren heraus, als ich gegen Ende der Gymnasialzeit in den Ferien einmal zwei Wochen bei ihm wohnte und hierbei einen ganzen Schrank voller Bestseller und anderer ÔÇ×Hauptvorschlagsb├Ąnde“ fand. Diese hatte ihm ein B├╝cherclub viertelj├Ąhrlich mit Rechnung ins Haus geschickt, da er vers├Ąumt hatte, sich rechtzeitig, wie es sich geh├Ârte, in jedem Quartal einen Titel aus dem Angebot des Clubs zu bestellen oder eben seine Mitgliedschaft nach Ablauf eines Jahres wieder zu k├╝ndigen. So f├╝llte sich der verf├╝gbare Raum des Schranks bis in die zweite Reihe mit einer Auswahl der g├Ąngigen Trivialliteratur, mit Liebes-, Heimat- und Kriegsromanen, denen man heute auf jedem Flohmarkt kartonweise wiederbegegnen kann. Mein Gro├čvater schenkte mir sogar mehrmals B├╝cher hiervon, ohne dass ich jemals ein Interesse f├╝r sie bezeugt h├Ątte, und ich erinnere mich besonders an die dickleibigen ÔÇ×Angelique“-Romane und sonstigen K├Ąse, den ich in Mannheim in einem heruntergekommenen Antiquariat gleich wieder f├╝r wenige Mark verkaufte und das Geld verwendete, um mir eine vierb├Ąndige Schopenhauer-Ausgabe zuzulegen, auf die ich schon lange ein Auge geworfen hatte. Ich kann es heute nur als eine Art von Willensschw├Ąche und Torheit verstehen, sich so leicht hinters Licht f├╝hren zu lassen und so verschwenderisch mit seinem sauer verdienten Geld zu haushalten. Aber vielleicht kam es Karl Christel auf die paar Mark nicht an, und der Anblick seines sich f├╝llenden B├╝cherschranks erf├╝llte ihn mit Genugtuung, ja sogar einem gewissen Stolz, dass auch er ein gebildeter, belesener Mann sei und diese Sammlung von B├╝chern der beste, weil sichtbare Beweis hierf├╝r war.

Gro├čz├╝gigkeit verband sich einem Wohlstand, der sich seiner sicher war und der sich gegebenenfalls etwas g├Ânnen und leisten durfte; es sich auch leisten konnte, Geschenke, zum Teil teure Geschenke zu machen. Andererseits lie├č sich diese Gro├čz├╝gigkeit ausnutzen, wenn es darauf angelegt wurde, und so schmolz der einstige Reichtum Karl Christels, je ├Ąlter er wurde, immer mehr dahin. Teuer Erworbenes, wie etwa die Modelleisenbahn, wurde billig wieder verkauft; dann, nachdem er sich im Alter aus dem Gesch├Ąft zur├╝ckgezogen hatte und die Einnahmen bis auf eine Rente ausfielen, war zwar nie Mangel vorhanden, aber es reichte zu nicht viel mehr als zu einem Leben in bescheidenen Verh├Ąltnissen, was ihm aber vielleicht auch reichte, denn er war, wie gesagt, sehr gen├╝gsam. Zwar gab es R├╝cklagen, aber diese waren f├╝r die schlechten Zeiten bestimmt und wurden nat├╝rlich nur im Notfall angegriffen.

Karl Christel wohnte in seinen letzten Jahre in der oberen Burggasse zusammen mit einer etwas j├╝ngeren Frau, die er auf dem Friedhof an ├ännes Grab kennen gelernt hatte. Auf diesen Umstand wies er immer wieder hin, als habe es sich hier um eine besondere F├╝gung des Schicksals, ja der Vorsehung gehandelt, dass sie einander begegnet waren. Ich lernte diese Frau kennen, und mein Eindruck war, dass die beiden im Grunde gut zueinander passten, sich verstanden und erg├Ąnzten. Sein Haus, die Burggasse 8, hatte Karl Christel an die Stadt verkaufen m├╝ssen, da es einer geplanten Stra├čenf├╝hrung im Wege stand. Mehrfach wurde eingebrochen, als er noch im Umzug begriffen war, und man stahl den alten Leuten so manches, einiges sozusagen unter ihren Augen, was sie sehr erbitterte.

Dann war endlich ausger├Ąumt, und man riss das Haus ab. Die Wohnung, die man ihm als Ersatz geboten hatte, war nicht viel kleiner als seine alte, doch war es nat├╝rlich kein eigenes Haus mit eigenem Garten mehr, sondern ein Mietshaus mit drei oder vier Parteien. Die t├Ągliche Zeitung, ein Spaziergang hin├╝ber zum Friedhof, um auf den Gr├Ąbern die Blumen zu gie├čen, das Wasser der Schnittblumen zu wechseln oder etwas Unkraut zu j├Ąten, das Einkaufen, die Abende vor dem Fernsehapparat (am liebsten mit ÔÇ×Wetten, dass ...?“ und Thomas Gottschalk), viel Abwechslung gab es nicht. Aber vielleicht suchte er die Abwechslung auch nicht und war zufrieden mit dem Leben, das er nun f├╝hrte. Zwei Ehefrauen und das einzige Kind waren ihm gestorben, sein Haus war abgerissen. Wer k├Ânnte sagen, wie es in seinem Inneren aussah, welche Gef├╝hle ihn bewegten und was f├╝r Gedanken sich in seiner Seele und seinem Herzen regten?

 

 

Elftes Kapitel
Das Labor

Auf das Labor in Treysa m├Âchte ich aus verschiedenen Gr├╝nden zur├╝ckkommen. Seine m├Âgliche Bestimmung wurde mir aber erst viel sp├Ąter klar, und ich habe meine Vermutungen im zweiten Absatz des sechsten Kapitels dar├╝ber ge├Ąu├čert.

Zumeist spielte sich f├╝r uns Kinder die eigentliche ├Ąrztliche T├Ątigkeit meines Vaters ja im Unsichtbaren, hinter verschlossenen T├╝ren ab. Er ging fr├╝hmorgens nach Hephata zur Arbeit – zun├Ąchst tats├Ąchlich zu Fu├č, sp├Ąter nahm er f├╝r den recht weiten Weg sein Motorrad der Marke NSU –, kam mittags zum Essen zur├╝ck und verlie├č dann abermals das Haus, um erst am fr├╝hen Abend wiederzukehren. Von dem, was er in der fernen Anstalt tat, wussten wir fast nichts oder erfuhren allenfalls das ein oder andere aus dem, was er uns erz├Ąhlte. Gleichwohl erf├╝llte es uns mit Stolz, einen Arzt als Vater zu haben, den alle achteten und der seinen Beruf, weithin sichtbar, mit einem Schild schwarz auf wei├č an unsere Haust├╝re schrieb.

Hier in seinem Labor jedoch, in dem es so eigent├╝mlich s├Ąuerlich roch wie sonst nirgendwo, sahen wir ihn, in einen wei├čen Kittel gekleidet, mit eigenen Augen vor uns irgendwelchen Arbeiten nachgehen, die nat├╝rlich mit seinem ├Ąrztlichen Beruf in Verbindung standen und bei denen es, soviel war klar, darum ging, die Art einer Erkrankung mit verschiedenen Verfahren ausfindig zu machen. Auch wurde dieses eindrucksvolle Labor beinahe bestimmend f├╝r meinen sp├Ąteren Lebensweg, denn, wie erw├Ąhnt, schwankte ich l├Ąngere Zeit zwischen der Entscheidung, den Beruf eines Chemikers oder Musikers zu ergreifen, und selbstverst├Ąndlich eiferte ich hier in gewisser Weise dem Vorbild meines Vaters nach.

Mein Vater zeigte mir zwar den gro├čen silbernen Brutschrank, eines der gr├Â├čten und auff├Ąlligsten seiner technischen Hilfsmittel, in dem in sogenannten Petrischalen Kulturen bei genau einzuhaltenden Temperaturen gez├╝chtet und dann unter dem Mikroskop betrachtet wurden. Doch wozu dies alles gut war, was sich im Einzelnen daraus f├╝r Schlussfolgerungen ziehen lie├čen und was f├╝r Ma├čnahmen und welche Behandlung ein Arzt auf Grund dieser Befunde zu ergreifen hatte, dies alles war mir nat├╝rlich noch unverst├Ąndlich und nur schwer erkl├Ąrbar. Au├čer einem sehr allgemeinen Eindruck dessen, was hier geschah, pr├Ągten sich mir daher nicht viele Einzelheiten ein. Allein dass der freundliche Besitzer des ÔÇ×Hotels zur Burg“, wenige Schritte die Burggasse hinauf, ebenfalls Petri hie├č, warf Fragen auf, verwirrte und lie├č mich eine Verbindung zwischen ihm und diesen gl├Ąsernen Tellerchen in dem Brutschrank mutma├čen. Doch welcher Art mochte dieser Zusammenhang sein? Und hing dies beides vielleicht mit jenem ÔÇ×Petri Heil!“ zusammen, mit dem sich mein Vater und andere Angler oft gr├╝├čten? War ich auch noch zu jung, um etwas vom Sinn der Apparaturen und Ger├Ątschaften, den vielen Flaschen und Gl├Ąsern oder gar ihrem Inhalt zu verstehen, so nahm ich aber doch etwas wahr von dem Ernst, der hier bestimmend war, von der Ordnung, Sauberkeit und Zweckm├Ą├čigkeit der Aufbauten und Einrichtungen, die alle besonderen Zielen dienten und zu deren Benutzung es gewisslich weitreichender, achtunggebietender Kenntnisse bedurfte.

Das Labor meines Vaters sei f├╝r kurze Zeit verlassen, denn ├Ąhnliche Fragen wie die, welche um die Petrischalen kreisten, entsprangen meiner kindlichen Vorstellung mehrfach. Bekanntes und Unbekanntes, Vertrautes und Befremdliches gerieten dabei in enge Nachbarschaft, was zu teilweise recht seltsamen Schl├╝ssen f├╝hrte. So verdankte sich eine Reihe von Fragen jenen ÔÇ×Schuldigern“, die in jedem Vaterunser am Ende der f├╝nften Bitte vorkamen: ÔÇ×und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern“. Zwar wusste ich, wie schlecht man sich f├╝hlt, sobald man etwas Verbotenes tat, selbst schuldig wurde und das Geschehene bereute; doch was eigentlich Schuldiger seien, wie man ihnen zu begegnen habe und auf welche Weise ihnen zu vergeben sei, wusste ich damals nicht. Um aber m├Âglichst viel von dem Gesagten zu begreifen, schlug ich das mir gel├Ąufige ÔÇ×gern“ am Wortende, auch wenn es eigentlich ein Dativ Plural war, dem ÔÇ×vergeben“ zu, wodurch sich nun freilich alle Unkenntnis in dem Wort ÔÇ×Schuldi“ sammelte. Ich belie├č es jedoch dabei, ├╝bersprang oder unterschlug den Sinn des mir Unklaren und gebrauchte, da ich mich zwar nicht ganz, aber doch wenigstens ein St├╝ckchen n├Ąher an der Wahrheit w├Ąhnte, fortan die Wendung: ÔÇ×wie wir vergeben unsern Schuldi gern.“ Wer oder was diese ÔÇ×Schuldi“ waren, blieb offen. Doch wir vergaben ihnen gern, und das war ja wohl die Hauptsache.

Auch der Name des Polizisten Martin Ross, der eine Weile ein Zimmer in dem von meiner Familie bewohnten Erdgeschoss des Hauses gemietet hatte, wurde Anlass zu solchen Vermutungen, denn es gab gleich vor unserer Haust├╝r einige alte Kastanienb├Ąume im unteren Teil der Burggasse. Und wenn man im Herbst die sch├Ânen braunen Kastanien vom Boden auflesen konnte, sprach man manchmal von den Rosskastanien. Wie sollte ich da nicht an einen Zusammenhang mit Martin Ross denken? Und dass Martin Ross gelegentlich mit einem Eimer, einer kleinen Schaufel und einem Kehrbesen durch die Stra├čen zog, um sp├Ąter sein Erdbeerbeet mit frischem D├╝nger zu versorgen, schuf meine eigene Ross├Ąpfeltheorie. Denn es war bekannt, dass Martin Ross die gr├Â├čten und besten Erdbeeren in der Umgebung erntete und er sich hierf├╝r der leicht auffindbaren und von ihm eigenh├Ąndig unter den Pflanzen zerkr├╝melten Hinterlassenschaften der Pferde bediente.

Das Labor bestand aus zwei aneinanderschlie├čenden Zimmern. Im ersten, dem kleineren, waren eine mit schwarzem Leder bezogene Liege, eine Personenwaage, eine H├Âhensonne, ein R├Ântgenger├Ąt und ein wei├čer Metallschrank mit verglasten T├╝ren f├╝r verschiedene ├Ąrztliche Instrumente aufgestellt, und vermutlich war dieses Zimmer vor allem zur Untersuchung von Patienten vorgesehen. In dem eigentlichen Labor bildete ein langer Arbeitstisch das Zentrum und gleichsam eine Insel. Er war von beiden Seiten benutzbar und so hoch, dass man nur im Stehen daran t├Ątig werden konnte. ├ťber seiner Mitte befand sich auf ganzer L├Ąnge ein schmaleres mehrstufiges Regal mit Reagenzien, so dass auch sie beidseitig zug├Ąnglich waren. Die Arbeitsfl├Ąche war mit wei├čen Fliesen belegt. Zum Erhitzen gab es einen Spiritusbrenner aus Glas, den sich meine Mutter vor den Festtagen oftmals zum Sengen der Weihnachtsgans auslieh. Der Unterbau des Tisches enthielt mehrere Schubladen und Schr├Ąnkchen, in denen gr├Â├čere Ger├Ąte und alles, was man nicht st├Ąndig brauchte, aufbewahrt wurden. Rings um diesen Mittelpunkt waren entlang der W├Ąnde verschiedene Tische und Apparate angeordnet wie der schon erw├Ąhnte Brutschrank, eine elektrische Zentrifuge oder ein Mikroskop in der N├Ąhe des Fensters.

Unmittelbar in Zusammenhang mit diesem Laboratorium stand eine Erfindung meines Vaters, die er in den ersten Nachkriegsjahren entwickelt hatte. Hierbei handelte es sich um ein Ger├Ąt, das bei der mikroskopischen Diagnostik einsetzbar war und das er ÔÇ×F├Ąrbebr├╝cke“ getauft hatte. Man konnte in ein Metallgestell eine ganze Reihe von gl├Ąsernen Objekttr├Ągern mit den zu untersuchenden Pr├Ąparaten einspannen und mit Hilfe einer Kippvorrichtung gemeinsam durch eine f├Ąrbende Fl├╝ssigkeit f├╝hren, die sich in einer Wanne im unteren Teil des Ger├Ątes befand. Eine Schr├Ąglage der Br├╝cke lie├č die ├╝bersch├╝ssige Fl├╝ssigkeit zur├╝ck in die Wanne tropfen. Dieses Verfahren ersetzte das individuelle Eintauchen der Objekttr├Ąger in eine Farbl├Âsung und rationalisierte die Arbeitsschritte, sobald eine gr├Â├čere Anzahl von Proben zu untersuchen war. Nahmen die Pr├Ąparate auf den Objekttr├Ągern die Farbe der L├Âsung an oder stie├čen sie ab, lie├čen sich, grob gesprochen, hieraus bestimmte R├╝ckschl├╝sse auf Erkrankungen ziehen. Mein Vater reichte die Erfindung beim Patentamt ein und erhielt alsbald eine Urkunde. An einem Sonntag, bald nach der W├Ąhrungsreform von 1948, soll fr├╝h morgens der Geldbrieftr├Ąger an das Fenster des Schlafzimmers meiner Eltern geklopft und, so unerwartet wie freudig begr├╝├čt, eine Verg├╝tung von eintausend Mark, gebracht haben, da sich eine Firma f├╝r die Auswertung des Patents gefunden hatte. Wie viel Geld dies war, l├Ąsst sich vielleicht daran ermessen, dass mein Vater zu Beginn der f├╝nfziger Jahre in Hephata einen Monatsgehalt von einhundertundachtzig Mark erhielt.

F├╝r kurze Zeit besch├Ąftigte mein Vater in dem Labor einen recht freundlichen jungen Mann, der aus altem Adel stammen sollte und den wir gew├Âhnlich den Herrn von Kerzenbrock nannten, der vielleicht aber richtiger von Kerssenbrock hie├č. Er hielt sich zumeist in dem Labor auf und packte hier auch seine Fr├╝hst├╝cksbrote aus. Manchmal nahm er uns auf seinen Scho├č und lie├č uns bei seinen Arbeiten, die er an einem Tisch sitzend verrichtete, zusehen. Dann erlaubte er uns, auf den ein oder anderen Knopf zu dr├╝cken oder einen Schalter zu bet├Ątigen, ohne dass hierdurch weiter Aufregendes geschah. Aber wir hatten kaum mit mehr gerechnet und waren auch so schon sehr zufrieden, an dem wichtigen Geschehen irgendwie beteiligt zu sein und nicht nur Fragen stellen zu d├╝rfen und Erkl├Ąrungen zu h├Âren, die unser Fassungsverm├Âgen oft ├╝berstiegen. Mit Helmut Christiani, einem in Treysa lebenden Erfinder, der in einer Garage st├Ąndig am Bauen und Basteln war, war mein Vater zudem befreundet. Auf welches Gebiet sich seine Erfindungen aber bezogen, ist mir nicht bekannt. Christiani wanderte bald nach Australien aus, unterhielt aber von dort immer noch als Amateurfunker Verbindung zu der Heimat.

Das Labor wurde auch der Schauplatz einer kleinen Geschichte, die mein Vater in sp├Ąteren Jahren erz├Ąhlte. Er hatte kurz nach dem Krieg einmal einen Kollegen bei sich zu Gast, der offenbar sehr gerne trank, sicherlich allzu gerne und allzu viel. Doch es waren Zeiten der Knappheit, und kaum jemand hatte die Mittel, sich Spirituosen zu leisten, abgesehen davon, dass sie nur schwer zu beschaffen waren. Mancher Gartenbesitzer betrachtete sein Obst jetzt mit anderen Augen und verlegte sich im Herbst auf die Schwarzbrennerei. Mein Vater verf├╝gte freilich f├╝r sein zugelassenes Labor ├╝ber einen Bezugsschein, da er des Alkohols f├╝r bestimmte chemische Reaktionen bedurfte, und so besa├č er eine ganze Flasche hiervon in hoher Konzentration. Da er seinem Kollegen nun gerne etwas zum Trinken anbieten wollte, um den Gebr├Ąuchen der Gastlichkeit nachzukommen, verwies er auf diese eine Flasche in seinem Labor als die leider einzige M├Âglichkeit; anderes war nicht im Haus. Doch der Kollege machte keine Umst├Ąnde, begleitete meinen Vater erfreut sogleich ans Ziel seiner W├╝nsche und meinte, als mein Vater noch nach einem Gl├Ąschen zum Einschenken suchte, das gehe auch so. Dann nahm er kurzerhand den eingeschliffenen, innen hohlen Glasst├Âpsel von der Flasche, kehrte ihn um, goss sich ein und trank, ohne mit der Wimper zu zucken, diesen chemisch reinen, hochprozentigen Alkohol.

Von einem Besuch anderer Art erfuhr ich, gleich dem vorausgegangenen, erst in h├Âherem Alter, doch ging es auch hier um das Labor. Einmal kam es n├Ąmlich zu einer amtlichen ├ťberpr├╝fung, einer Visitation oder Kontrolle, die dazu diente, meines Vaters schriftliche Angaben zu best├Ątigen. Da der Besuch des Kontrolleurs nach dem Mittagessen stattfand, traf er meinen Vater aber bei seinem gewohnten Schl├Ąfchen in einem der Sessel des Wohnzimmers an. Und da der Mann meinen Vater nicht wecken wollte und selbst eine gewisse M├╝digkeit versp├╝rte, setzte er sich zwanglos in einen anderen Sessel, um hier zu warten, bis mein Vater wieder aufwache. Mein Vater wurde zwar halb munter, doch beschwichtigte ihn der Kontrolleur sogleich und bedeutete ihm, ruhig weiterzuschlafen, denn er sei ebenfalls m├╝de und k├Ânne etwas Schlaf gebrauchen. Danach nickte er ein. Auch mein Vater war wieder eingeschlafen, doch war er nicht wenig erstaunt, sich bei seinem endg├╝ltigen Erwachen einem wildfremden schlafenden Mann in seinem Wohnzimmer gegen├╝bersitzen zu sehen, bis ihm das Geschehene allm├Ąhlich wieder zu Bewusstsein kam.

Ebenso m├╝sste sich die folgende Begebenheit auf die Treysaer Zeit beziehen. Und k├Ąme auch Sinsheim in Betracht, wohin mein Vater sein Labor sp├Ąter bei einem Umzug mitnahm, wiederaufbaute und endlich vor dem n├Ąchsten Umzug verkaufte, so war ich doch in jener Zeit bereits zu alt und m├╝sste auf die ein oder andere Weise erfahren haben, dass sich das Beschriebene in Treysa zugetragen hatte. In diesem Labor suchte mein Vater eines Tages einen Liebigk├╝hler, ein einfaches, aber keineswegs sehr kleines, durchsichtiges Destillationsrohr aus feuerfestem Glas, in dessen Mitte ein zweites, ebenfalls gerades und von K├╝hlwasser umsp├╝ltes Rohr verlief. Die aus einem erhitzten Kolben steigenden D├Ąmpfe wurden durch das mittlere Rohr geleitet und schlugen sich hier an den gek├╝hlten und schr├Ąggestellten W├Ąnden nieder. Das Kondensat sammelte sich und tropfte in eine sogenannte Vorlage unter dem Auslauf des K├╝hlers. – Dieses Ger├Ąt, das bereits vor Liebig benutzt, von ihm aber verbreitet wurde und daher seinen Namen trug, konnte mein Vater jedoch nicht finden, so sehr er auch danach suchte. Gleichwohl wusste er nat├╝rlich, dass ein solches in seinem Besitz war. Und da er nun l├Ąngere Zeit vergeblich gesucht hatte, wendete er eine neue Technik an, sich zu erinnern, eine Technik, von der er im Rahmen seines Studiums geh├Ârt haben mag oder die er anderweitig in Erfahrung gebracht hatte. Er dachte nicht l├Ąnger an den gesuchten Gegenstand und entspannte sich, als ob er in einem ganz anderen Raum sei und vielleicht im Bett oder auf einer Couch liege. In diesem Zustande blieb eine Weile und verga├č den gesuchten Gegenstand v├Âllig. Pl├Âtzlich st├╝rzte er zu einer Schublade in seinem Labor, zog sie auf, und vor ihm lag der gesuchte K├╝hler. Die Bewertung dieser Geschichte, die sich vermutlich wirklich ereignet hat und mit der ich auch nichts zu beweisen versuche, sei freilich jedem Leser anheimgestellt.

Auf eine vorletzte Begebenheit, die mit dem Labor oder seiner Bestimmung in gewisser Weise zusammenh├Ąngen mag, m├Âchte ich aufmerksam machen. Es handelte sich dabei um ein Kunstwort, das mein Vater erfunden hatte, ein Wort, das sich gleicherma├čen durch seine L├Ąnge wie seine Pseudowissenschaftlichkeit auszeichnete. Wahrscheinlich konstruierte er es nach seinem gymnasialen Lateinunterricht im Rahmen seines Marburger Medizinstudiums, denn diese Einfl├╝sse sowie eine Art von studentischem Schabernack, der mit Worten nur spielt, anstatt sie mit Sinn zu erf├╝llen, sind unverkennbar. Es lautete: Kontrasubzentrifugalregulatorengleichheitswiderstand – ein Unget├╝m von Wort, das ich w├Ąhrend meiner Schulzeit in etwas halbherzigem Scherz gelegentlich am Ende um eine ÔÇ×Gesetzbuchseite“ erweiterte, um selbst einen Teil beigetragen und das Wort so noch l├Ąnger und vielsilbiger gemacht zu haben. Zwar verbarg sich dahinter nichts Konkretes, sondern stellte nur etwas vor, das es nirgendwo gab; doch wenn es auch reines Papierwissen war, h├Ârte ich das Wort h├Ąufig genug, um sich mir einzupr├Ągen. Und da der Ausdruck ÔÇ×zentrifugal“ in dem Kunstwort vorkam, nehme ich an, dass ein Bezug zu einem medizinischen Labor bestand, in dem auch eine Zentrifuge zum Inventar geh├Ârte.

Beschlie├čen m├Âchte ich dieses Kapitel mit einem Blick auf die H├Ąnde meines Vaters, genauer gesagt: auf seine rechte Hand, die neben einer m├Ąchtigen Schreibschwiele, die auf seine handschriftlichen Arbeiten mit dem F├╝llfederhalter zur├╝ckging, auf dem ├Ąu├čeren Teil des Mittelfingers eine gro├če Narbe zeigte. Diese Narbe bestand aber nicht in einer Vertiefung der Haut, sondern umgekehrt in einer reliefartigen Erh├Âhung. Wie dies Kinder gerne tun, untersuchte ich auch die H├Ąnde meines Vaters, erblickte diese Narbe mit ihrer ungew├Âhnlichen Form und fragte ihn sogleich, was das sei. Nun, seine Antwort war etwa, dass es eine Narbe sei, die er sich einst im Labor mit kochender Salzs├Ąure zugezogen habe, als ein Spritzer davon auf seine Hand gekommen sei. Sp├Ąter, nachdem die Wunde verheilt war, habe er sie fast vergessen, da sie ihm keine weiteren Schmerzen verursacht habe. Gleichwohl wurde diese Narbe in seinen Personalausweis einst als ÔÇ×besonderes Kennzeichen“ eingetragen.

 

 

Zw├Âlftes Kapitel
Onkel Noll

Kam ich aus unserem Haus und nahm den gew├Âhnlichen Weg durch das alte schmiedeeiserne Tor, stieg kurz die Burggasse hinauf und bog nach wenigen Schritten links in die Heidengasse, gelangte ich nach den Umfriedungsmauern und Treppen des ÔÇ×Hotels zur Burg“ auf der rechten sowie der Feuerwache und dem umz├Ąunten obersten Abschnitt unseres Gartens auf der linken Seite sehr bald zur Alten Postgasse, die zur Mainzergasse und damit zum Marktplatz hin abzweigte. An dieser Abzweigung hatten Ferdinand Noll und sein Sohn Otto eine kleine Werkstatt, in der sie aus Natur- und Kunststeinen Grabsteine entstehen lie├čen. Diese Werkstatt war h├Ąufig mein Ziel, denn Ferdinand, der ÔÇ×Onkel Noll“ oder der ÔÇ×alte Noll“, wie wir ihn im Unterschied zu Otto, dem ÔÇ×jungen Noll“, nannten, war mein Freund, lie├č mich bei den vielf├Ąltigen Arbeiten seines Berufs zusehen und ├╝bertrug mir auch manch kleine Aufgabe, deren Ausf├╝hrung bereits in meinen Kr├Ąften lag.

Ich war mit meinen f├╝nf oder sechs Jahren l├Ąngst in dem Alter, die Gegend um unser Haus und die umliegende Nachbarschaft selbst├Ąndig auszukundschaften, und neben unserem Garten geh├Ârte das von breiten Mauern umringte Gel├Ąnde der Totenkirche ebenso zu meinen Spielpl├Ątzen wie die Werkstatt der Nolls oder die Bahnhofsgastst├Ątte meines Gro├čvaters. Kinderspielpl├Ątze geh├Ârten noch der Zukunft an und h├Ątten wohl auch kaum mithalten k├Ânnen mit dem, was sich hier ├╝berall an aufregenden Eindr├╝cken und Erfahrungen bot. ├ľfters lief ich auch das enge kleine, bei unserem H├╝hnerstall beginnende Rahmg├Ąsschen hinab zu den Schwalmwiesen, wo es eine F├Ąrberei gab, aus der es meistens m├Ąchtig dampfte, oder nahm den Schwarzen Weg zur gro├čen Eisenbahnbr├╝cke, wo im Winter riesige Eiszapfen in schwindelnder H├Âhe an den Gew├Âlben hingen.

├ťberall stie├č ich auf bekannte Gesichter oder selbst auf Verwandtschaft, und nie hatte ich das Gef├╝hl, mich verirren oder verloren gehen zu k├Ânnen. Gr├Â├čere Entfernungen mied ich jedoch, da meine Beine noch kurz waren und ich stets den R├╝ckweg zu bedenken hatte, ich gewiss aber auch gef├╝hlsm├Ą├čig nicht allzu weit abkommen wollte von unserer Wohnung als sicherem Hort. Der Schwalmberg, die Lehmkaute oder Hephata lagen damit stets au├čerhalb meiner Reichweite, wie ├╝berhaupt fast alles jenseits der Schwalm und Wiera und damit au├čerhalb des Treysaer Stadtkerns Befindliche. Jenseits der Bahnlinie beschr├Ąnkte ich mich auf das Gebiet des Friedhofs und der Ascher├Âder Stra├če, in der auch der gro├čelterliche Garten, die Haa├čsche Brauerei, das Haus des Lehrers Wetzel und des B├╝rgermeisters Hohmeyer oder die Oberschule gelegen waren und f├╝r Abwechslung sorgten. Die Steinmetze Noll wohnten dagegen fast schon um die Ecke, und man kam, wollte man keinen Umweg machen, stets an ihnen vorbei, sobald man zum Bahnhof oder zu Billecke, unserem Lebensmittelgesch├Ąft in der Mainzergasse gehen wollte.

Mag es auch schaurig anmuten, hier immer wieder vom Friedhof, der Totenkirche mit ihrer Knochenkammer und jetzt auch noch der Nollschen Grabsteinwerkstatt zu h├Âren, so ber├╝hrten mich diese Dinge als Kind keineswegs wie einen Erwachsenen, da ich gar nicht recht wusste, was es bedeutete, wenn ein Mensch stirbt. Die Sache war zu abstrakt, zu entfernt und gleichg├╝ltig, da doch ├╝berwiegend die alten Leute starben und der Vorgang, wie ich sp├Ąter bemerkte, selbst den Erwachsenen gr├Â├čtenteils unverst├Ąndlich war. Von Toten hatte ich immer nur geh├Ârt und wusste vor allem, wo und wie sie begraben wurden, hatte aber nie einen aus der N├Ąhe gesehen – oder nur einmal kurz, als ich zuf├Ąllig auf der Ziegenhainer Landstra├če einen toten Mann als Opfer eines Verkehrsunfalls am Stra├čenrand liegen sah. Man f├╝hrte mich jedoch schnell weg vom Ort des Geschehens, was aber meine Neugierde verst├Ąndlicherweise nur steigerte. Trauer, Schmerz oder das Gef├╝hl eines Verlustes konnten jedenfalls nicht aufkommen, denn das Gesehene hatte ja eigentlich nichts mit mir zu tun.

Auch bei den Nolls wurde kein Wort dar├╝ber verloren, wer gestorben war und wessen Name auf die Grabsteine zu stehen kam. Das Behauen der Steine und ihre Beschriftung, die Werkzeuge und Materialien, die anzuwendenden Techniken und notwendigen Vorbereitungen sowie das Bem├╝hen, die Arbeiten sauber und gem├Ą├č den W├╝nschen der Kundschaft auszuf├╝hren, waren das Einzige, das interessierte. Nat├╝rlich kann ich mich nicht mehr an die Namen auf den Steinen entsinnen, doch auch heute noch m├╝ssten manche dieser Grabmale aus Nolls Werkstatt auf dem Treysaer Friedhof zu finden sein.

Nicht entfallen ist mir, dass es zwei grunds├Ątzlich verschiedene Verfahren gab, um die Namen und Daten, Kreuze, Palmwedel und anderes dauerhaft auf die zumeist schwarzen oder grauen und spiegelglatt polierten Steine zu schreiben. Das eine bestand darin, die vorgezeichneten Schriften und Verzierungen mit kleinen Mei├čeln als Vertiefungen in den Stein zu graben und anschlie├čend mit einem feinen Pinsel und Goldfarbe auszumalen. (Einmal stie├č ich in meinem Eifer des Zusehens die Goldfarbe um und entfloh schnell nach Hause, da mir das Gold ja als so wertvoll erschien und ich nicht wusste, wie ich den angerichteten Schaden wiedergutmachen sollte. Mehrere Tage lie├č ich mich nicht in der Werkstatt blicken. Doch als ich mich zur├╝ckwagte, sprach schon niemand mehr von dem Malheur, und alle taten, als sei nichts geschehen.) Eine Variante der genannten Technik mei├čelte nicht die Schrift, sondern die sie umgebenden Fl├Ąchen heraus, so dass die Buchstaben freigestellt wurden und dieselbe glatte Oberfl├Ąche wie die gro├čen Fl├Ąchen des Steines erhielten.

Das zweite Verfahren bestand darin, bronzene Buchstaben, die mit Haltestiften an der Unterseite versehen waren, auf dem Stein zu anzubringen, so dass sie sich abhoben. Auch hier waren genaue Vorzeichnungen notwendig, und h├Ąufiger sah ich Otto Noll mit ernstem Gesicht sich ├╝ber die flach liegenden Steine beugen und mit Schablonen, Linealen und gro├čen Papierbogen darauf hantieren, um diese ihm vorbehaltenen Arbeiten auszuf├╝hren. Dann bohrte er mit einem besonderen Handbohrer kleine L├Âcher in den Stein, in welchen die Buchstabenstifte versenkt und schlie├člich mit einem speziellen Zement oder Kitt befestigt wurden.

Neben der Herstellung der eigentlichen Grabsteine mussten f├╝r diese, da man sie nicht auf die blo├če Erde stellen konnte, auch Fundamente oder Sockel angefertigt werden. Und ebenso w├╝nschten manche Kunden, das Grab ihrer Angeh├Ârigen mit einer festen steinernen Einfassung zu versehen, so dass auch hierf├╝r verschieden gro├če Quader und Platten in eigens verfertigten Formen zu gie├čen waren. Vieles darunter d├╝rfte aus mit Kies vermischtem M├Ârtel bestanden haben, denn noch immer habe ich die gro├če Wanne vor Augen, in welcher, unter Zuhilfenahme einer langstieligen Gartenhacke, das zuvor hergestellte Gemisch von Sand und Zement kr├Ąftig mit Wasser verr├╝hrt wurde, bis ein z├Ąher grauer Brei entstanden war.

Die Sandhaufen, die um die Werkstatt herum lagerten und immer wieder aufgef├╝llt wurden, waren mir eine willkommene Erg├Ąnzung unseres eigenen Sandkastens am Rande des Hauses, aber mehr noch zogen mich die Kiesh├╝gel an, denn hier fand ich manch sch├Ânen, durch F├Ąrbung oder Zeichnung auffallenden Stein. Wie glatt und rund sie alle waren, wie weich sie trotz ihrer gro├čen H├Ąrte in der Hand lagen und wie ihre Farben auflebten, sobald es regnete oder man sie ins Wasser tauchte! Selbst heute, mehr ein halbes Jahrhundert sp├Ąter, besitze ich noch einen kleinen Achat, den ich einst in einem solchen Kieshaufen bei den Nolls fand, als eines der alten Andenken aus dieser Zeit und der, sieht man von meinen Kinderzeichnungen ab, vielleicht sogar mein ├Ąltestes Erinnerungsst├╝ck ├╝berhaupt ist.

Die Transportfrage, die bei Werkst├Ątten dieser Art und dem erheblichen Gewicht der darin verwendeten Materialien eine gro├če Rolle spielt, war durch ein kleines Pritschenauto gel├Âst, das wohl nur ein mitleidiges oder nostalgisches L├Ącheln hervorrufen w├╝rde, w├╝rde man heute eines solchen Gef├Ąhrts auf einer Stra├če ansichtig. Jedermann w├╝rde sich nach ihm als einer Besonderheit und einem Relikt aus alten Tagen umdrehen, und lange w├╝rde man noch den bl├Ąulichen Qualm riechen, den sein Auspuff entlie├č. Es hatte damals seine besten Tage wohl lange schon hinter sich, aber es fuhr und erf├╝llte brav seine Aufgaben. Sein herausragendes Merkmal war, dass es nur auf drei R├Ądern fuhr – vorne mit einem unter der Motorhaube, hinten zweien unter der Ladefl├Ąche. Wer einmal ein Bild des Goliath-Dreiradwagens von Borgward gesehen hat, kann sich eine ungef├Ąhre Vorstellung machen, um welche Art von Fahrzeug es sich gehandelt hatte. Die Gangschaltung war ein abgewinkeltes Rohr, das recht abenteuerlich zu bewegen war, und nach dem Kippen eines Schalters am Armaturenbrett schnellte seitlich an den T├╝ren ein kleiner orangefarbener Winker aus dem Auto, um das Abbiegen anzuk├╝ndigen. In diesem Auto durfte ich offiziell mitfahren, wenn es galt, neue Zements├Ącke oder anderes Baumaterial aus einer der umliegenden Ortschaften wie Gilserberg oder Allendorf zu holen oder etwas Bestelltes abzuliefern, und da wir selbst noch kein Auto besa├čen, sondern eben nur ein Motorrad mit Beiwagen, waren solche Fahrten nat├╝rlich besondere H├Âhepunkte.

Der alte Noll war zu dieser Zeit vielleicht um die sechzig Jahre, m├Âglicherweise auch schon etwas ├Ąlter – als Kind tut man sich schwer mit dem Sch├Ątzen des Alters. Er war nicht sehr gro├č und trug fast immer eine alte blaue Jacke, ausgebeulte Hosen und eine Schieberm├╝tze, und man sah ihm den Handwerker und Arbeiter schon von weitem an, denn alles an ihm war grau und staubig. Da ein fr├Âhliches Gesicht in alten Kleidern jedoch mehr Sch├Ânheit zu haben vermag als ein gr├Ąmliches in neuen, war allein die Zweckm├Ą├čigkeit dieser Kleidung wichtig. Seine Augen schienen freilich st├Ąndig etwas zu blinzeln, was eine Folge des vielen Stein- und Zementstaubs gewesen sein mag, in dem er sich stets bewegte. Dieses Blinzeln verlieh seinem faltigen Gesicht zugleich aber etwas Freundliches und Gutm├╝tiges.

Freundlich und gutm├╝tig empfand ich auch sein Verhalten zu mir, denn er lie├č mich nicht nur an den Arbeiten teilnehmen, sondern nahm mich gleichsam in seine Familie auf, wenn wir am Vormittag ein gemeinsames Fr├╝hst├╝ck in seiner K├╝che verzehrten (er wohnte gegen├╝ber von seiner Werkstatt). Dieses Vesper, das seine Frau hergerichtet hatte, war nichts Gro├čartiges, sondern ganz einfaches Essen, das man auch in die Hand nehmen durfte – sauer eingelegte Gurken, Karotten und Zwiebeln, Handk├Ąse und Schwartenmagen, und ein St├╝ckchen Brot dazu. Aber Onkel Noll hatte eine Art, diese Kost mit neuen Namen zu belegen, die aus ihr etwas ungew├Âhnlich Schmackhaftes, uns allein Vorbehaltenes machte, und so wurden die Gurken zu ÔÇ×Teufelsg├╝rkchen“, der Schwartenmagen zur ÔÇ×bullerigen Wurst vom Elefanten“ und wieder etwas anderes zum ÔÇ×Kribbel-di-krabbel-die-Wand-rauf“. Solches Spiel vergn├╝gte mich sehr, und ich sah dem Fr├╝hst├╝ck immer voller Erwartung entgegen, auch wenn ich noch gar keinen Hunger hatte.

Ob Onkel Noll an irgendwelche sozialistischen oder andere Ideen aus der Arbeiterbewegung glaubte, wei├č ich nicht; doch er nannte uns, halb im Scherz und halb im Ernst gerne ÔÇ×die Proleten“, die, geh├Ârte man zu ihnen, zusammenhielten und die ihrem Beruf Ehre machen mussten. Nicht das ├äu├čere, das Aussehen, die von der Arbeit bestimmte und oft hart in Mitleidenschaft gezogene Kleidung waren entscheidend, sondern das Gef├╝hl der Verbundenheit, der Wunsch, f├╝reinander dazusein, und die Bereitschaft, sich gegenseitig zu achten, ob man nun alt oder jung, dick oder d├╝nn, h├╝bsch oder h├Ąsslich, arm oder reich war. Diese Haltung verstand ich als Kind bereits, zumal sie mir nicht theoretisch auseinandergesetzt wurde, sondern sich ganz in ihrer praktischen Anwendung zeigte.

Als wir schon in Mannheim wohnten, aber noch immer durch den ÔÇ×Schwalmboten“ ├╝ber das Geschehen in Treysa auf dem Laufenden blieben, lasen eines Tages, es mag in der ersten H├Ąlfte der sechziger Jahre gewesen sein, mein Vater oder meine Mutter beim Durchsehen der Todesanzeigen aus der Zeitung vor, dass der Onkel Noll gestorben sei. Ich konnte nichts dazu sagen, doch ging ich aus dem Zimmer und vergoss hei├če und bittere Tr├Ąnen.

 

 

Dreizehntes Kapitel
Die Generalprobe

Noch in die Treysaer Zeit f├Ąllt ein Ereignis, das wir im Familienkreis sp├Ąter nur die Generalprobe nannten und das sich mir besonders einpr├Ągte. Es muss kurz vor einem Jahreswechsel stattgefunden haben, und vermutlich war ich f├╝nf oder sechs, meine Schwester entsprechend acht oder neun Jahre alt.

Meinem Vater bereitete es damals gro├čen Spa├č, mit allerlei Silvesterknallern, B├Âllern, kubanischen Donnerschl├Ągen, speienden Vulkanen, Raketen und anderem Feuerwerk zu hantieren und einige von ihnen auch vor dem eigentlichen Zeitpunkt, f├╝r den sie bestimmt waren, zu z├╝nden, um sich und die anderen – Familie und Hausbewohner, Nachbarn und Passanten – auf die Silvesternacht einzustimmen. Zu solchen Vergn├╝gen, bei denen er zuweilen ein recht forsches Vorgehen an den Tag legte und die, aus sicherem Abstand betrachtet, nicht ganz ungef├Ąhrlich waren, geh├Ârte etwa, dass er einmal in unserer K├╝che mehrere Knallfr├Âsche ansteckte, zu F├╝├čen von Henner Deist, einem Kollegen aus Hephata, der im Krieg ein Bein verloren hatte. Dieser verdarb uns die Freude jedoch nicht, sondern h├╝pfte und humpelte nach Verm├Âgen mit seinem Stock zwischen den zerfetzenden Knallk├Ârpern umher und spielte den zutiefst Erschrockenen.

Bedenken, dass hier bei dem zun├Ąchst Betroffenen an alte Wunden ger├╝hrt werden k├Ânnte, kamen meinem Vater anscheinend nicht oder wurden ├╝berspielt. Der Schabernack, mehr leichtsinnig als b├Âsartig, erg├Âtzte ihn, und er erfreute sich der allgemeinen Zustimmung, des Lachens und der guten Laune wie seiner eigenen Rolle als Veranstalter und Mittelpunkt dieses frohen Aufruhrs. Selbst in Mannheim noch kaufte er in n├Ąrrischen Zeiten, wenn ihn der Hafer stach, immer wieder einmal sogenannte Scherzartikel, etwa eine watte├Ąhnliche Substanz, die man unauff├Ąllig in einem Aschenbecher platzierte und aus der beim Abstreifen der Zigarettenasche eine Stichflamme emporschoss; oder eine besondere Art von W├╝rfelzucker, die alsbald auf dem Kaffee oder Tee eine t├Ąuschend echt aussehende Fliege schwimmen lie├č. Und da gab es ein Fl├Ąschchen mit k├Ânigsblauer Spezialtinte, die mein Vater dem evangelischen Pfarrer des Gef├Ąngnisses in Mannheim nach dem Beiseiteschieben der Krawatte auf seine wei├če Hemdbrust kleckerte, die unter Einwirkung der Luft aber nach wenigen Minuten wieder restlos verschwand. Der Pfarrer, ein ├Ąlterer Herr, der im Krieg Major gewesen war, war ob solcher Dreistigkeit zuv├Ârderst bass erstaunt, und das einzige, was er zu sagen imstande war, war ein so vorwurfsvoll betretenes wie leidvolles ÔÇ×Aber Herr Doktor Henck ...!“ Als die Tinte dann aber verblasste, erkannte er bald den Scherz und erholte sich von seinem Schrecken. Einem Nervenarzt, auf den wom├Âglich das ein oder andere seiner Patienten schon abgef├Ąrbt hatte, lie├č sich ein solch befremdliches Benehmen leichter nachsehen, zumal Nachsicht, Hinnahme und Geduld zu den standesgem├Ą├čen Tugenden eines Geistlichen gleich welcher Konfession geh├Âren.

Die Treysaer Generalprobe fand zu vorabendlicher Stunde in unserem Mittelzimmer statt, das der L├Ąnge nach zu dem ausgebauten Zimmerchen unter dem Balkon von Hilde Ferber f├╝hrte und von dem nach rechts das Wohnzimmer, nach links das Schlafzimmer der Eltern abzweigten. In diesem schmalen Durchgangsraum, baulich das ÔÇ×Hauptschiff“ und der Dreh- wie Angelpunkt der Wohnung, in dem wir uns gleichwohl sehr viel seltener als in der K├╝che aufhielten, stand auch unser Klavier. Runde Kerzenhalter aus Messing hingen an der Wand und versprachen Feierlichkeit bei gegebenem Anlass, ein Flickenteppich bedeckte den Boden. Die Mitte nahm ein gro├čer rechteckiger Ausziehtisch ein, an dem sonntags gegessen, ansonsten gelegentlich gespielt oder gebastelt wurde.

Mein Vater hatte eine ganze Reihe von Scherzartikeln eingekauft, von den Knallerbsen angefangen, die auf den Boden zu schmettern waren, bis zu einigen Raketen, die sich, aus leeren Weinflaschen gestartet, hoch in die L├╝fte der Dezembernacht erheben und dort das neue Jahr mit buntem Feuerregen und Funkenschweif begr├╝├čen sollten. Doch sei es, dass das Wetter zu st├╝rmisch und regnerisch war, um etwas im Freien zu testen, es vielleicht auch stark schneite und kalt war, oder er nur dem Drang nicht widerstehen konnte, die Wirkung wenigstens einiger dieser Freudenspender unverz├╝glich zu erproben – jedenfalls trommelte mein Vater die Familie als kleines, aber dankbares Publikum zusammen, damit es die neuen Errungenschaften bestaune und teilnehme an ihren Effekten, die er vorzuf├╝hren gedachte.

Wie es so oft geschieht, bereitete das g├Ąnzlich unvorbereitete Unternehmen, das der Lust und Laune des Augenblicks entsprang, viel mehr Vergn├╝gen als manche durch hoch gesch├╝rte Erwartungen belastete Festlichkeit, die kalendarisch angesagt war, bei der jede Unvorhergesehenheit und Abweichung vom Protokoll den sorgf├Ąltig bedachten Ablauf ins Wanken bringen konnte und daher oft genug Anlass zu Gereiztheit, Ungeduld oder ├ärger war – zumal wenn sich G├Ąste angesagt hatten und die Zeit bis zu ihrem Eintreffen knapp wurde. So h├Ârte man als Kind schon wochenlang vor dem eigentlichen Ereignis von dem immer n├Ąher r├╝ckenden Ostern reden. War der Tag des Festes aber gekommen, stellte allenfalls noch das Suchen der Ostereier im Garten unter den aufmunternden Blicken und heimlich richtungweisenden Gesten der Erwachsenen eine Abwechslung dar. Die festliche Mittagstafel, um deretwillen man bereits so fr├╝h hatte aufstehen m├╝ssen, war nur f├╝r die Erwachsenen ein H├Âhepunkt, denn infolge der zuvor reichlich genossenen S├╝├čigkeiten mangelte es an Appetit, und das Essen schmeckte nicht mehr so recht trotz der schon am Tag zuvor begonnenen Vorbereitungen. Allenfalls der Pudding oder das Kompott waren noch von Interesse. Auch hatte man sich sonnt├Ąglich kleiden m├╝ssen und wurde bei Tisch nun st├Ąndig ermahnt, auf den L├Âffel zu achten und ihn sch├Ân gerade zu halten, damit die Suppe nicht auf die gute Hose schwappe. Christus und die Auferstehung, an die der Feiertag erinnern sollte, wurden nach einem immer etwas peinlichen Karfreitag und seiner unverzichtbaren mitt├Ąglich obligatorischen Fischmahlzeit mit keiner Silbe mehr erw├Ąhnt. Zwar kannte ich aus dem Gottesdienst einiges von den Geschehnissen um Jesus, wusste aber nichts Rechtes damit anzufangen. Und da niemand mir die Zusammenh├Ąnge erkl├Ąrte, fragte ich mich schlie├člich, ob die Auferstehung des Fleisches, von der ich ├Âfters hatte sprechen h├Âren, nicht etwas mit dem Fleisch auf meinem Teller zu tun habe, dem St├╝ckchen Rindfleisch, der gef├╝llten Roulade oder dem panierten Kotelett. Aber was sollte da auferstehen? Oder war hier von Dingen die Rede, die nur auf den harten B├Ąnken der Kirche G├╝ltigkeit besa├čen? Und was hatte das alles mit den bunten Ostereiern zu tun, die die Eltern versteckten und die man dann suchen musste, die nach dem Pellen aber merkw├╝rdig fleckig und unappetitlich aussahen, bedenklich rochen und deren br├Âckelndes, fast olivfarbenes Eigelb scheu├člich trocken schmeckte? Oder was war das mit den Osterhasen und ihrer Eierk├Âtze? Warum sah man sie immer nur auf Abbildungen, nie aber in Wirklichkeit? In meinen Bilderb├╝chern gab es sie doch zu Hauf, wie sie zu Ostern gewaltige R├Ąder aus leckerem Marzipan heranw├Ąlzten, die H├╝gel hinab, vorbei an der M├╝hle und dann ├╝ber die Wiesen.

Doch zur├╝ck zu dem Tisch, um den sich unsere Familie erwartungsfroh versammelt hatte und an dem wir der kleinen knallenden Wunder und krachenden Scherze harrten, die mein Vater auf einem K├╝chentablett in exotisch bunt bedruckten Sch├Ąchtelchen, T├╝tchen und D├Âschen nun herbeibrachte. Alles wurde ausgepackt, betrachtet, begutachtet und sogar berochen, um eine Vorstellung von dem Scherz oder der Art der Wunder zu gewinnen, die darin enthalten sein mochten. Schon griff mein Vater zu den Streichh├Âlzern und brachte an einer ersten Tischkanone den kleinen aus dem Papprohr ragenden Docht zum Glimmen. Alle warteten gebannt, doch zun├Ąchst geschah gar nichts, dann aber gab es einen ordentlichen Knall, und aus dem mit d├╝nnem Seidenpapier abgedeckten Oberteil der Kanone fuhr eine Ladung Konfetti und Papierkugeln ins Zimmer, begleitet von einem kleinen Gegenstand, einem P├╝ppchen, einer Blume oder Haarspange aus Plastik, einem billigen Ring oder Spiegelchen oder etwas anderem, das sich manchmal erst Wochen, ja Monate sp├Ąter hinter dem Klavier oder in sonst einer dunklen und dem Besen oder Staubsauger unzug├Ąnglichen Ecke fand. In der Hauptsache waren es aber kleine Gl├╝cksbringer wie Schornsteinfeger, Fliegenpilze, Marienk├Ąfer, Kleebl├Ątter oder rosa Schweinchen aus den unterschiedlichsten Materialien, die hervorschossen und den Empf├Ąngern eine stets rosige Zukunft k├╝ndeten.

├ähnliches kam aus sogenannten Knallbonbons zum Vorschein, wenn man sie zu zweit an den Enden fasste und kr├Ąftig auseinander zog: Pl├Âtzlich gaben sie nach und rissen, von einem Schuss begleitet, in der Mitte entzwei, und in einer der beiden H├Ąlften des Rohres steckte dann die kleine ├ťberraschung der beschriebenen Art. Auch hier erh├Âhte verstreutes Konfetti die Wirkung.

Besonderen Eindruck machten uns kleine schwarze Zylinder, die nur wenig gr├Â├čer waren als ein Spielw├╝rfel und von uns liebevoll die Gacksh├╝tchen genannt wurden. Sie klebten auf einem runden St├╝ckchen schwarzer Pappe, die zugleich die Hutkrempe darstellte, und wurden am oberen Rand, an den man ein brennendes Streichholz hielt, entz├╝ndet. Brannte der Zylinder, quoll und wand sich aus seinem Flammensaum unter stetiger Rauch- und Ru├čentwicklung eine schwarzgraue Aschewurst hervor, die zu unserem wachsenden Erstaunen l├Ąnger und l├Ąnger wurde und gar kein Ende mehr nehmen wollte. Sie schob sich ├╝ber den Tisch, zog Kreise, warf Spiralen, und ihre Ringe t├╝rmten sich wie bei einer Achterbahn ├╝bereinander, lie├čen sich aber auch lenken und abbrechen, ohne jedoch gebremst werden zu k├Ânnen, so dass man sich bald fragte, wie das alles in dem winzigen brennenden H├╝tchen zu stecken vermochte. ├ähnlich wie die Zylinder funktionierten Fig├╝rchen aus Gips, hockende M├Ąnnchen oder fette Schweinchen, denen man eine in Silberfolie gerollte Ladung ins Hinterteil steckte und dort entz├╝ndete, worauf sie zu unserem Vergn├╝gen ellenlange W├╝rstchen produzierten.

Schlie├člich war alles durchprobiert und getestet, hatte Anklang und Bewunderung gefunden und manch freudigen Schreck ausgel├Âst. Das Zimmer roch nach Pulverschmauch; Konfetti, bunte Papierkugeln, abgebrannte Streichh├Âlzer und die kleinen ├ťberraschungsgaben waren ├╝ber Tisch und Boden verstreut, die schwarzen Aschew├╝rste waren auf einem Tablett gesammelt. So h├Ątte die kleine Vorstellung ihren friedlichen Abschluss finden k├Ânnen, w├Ąre nicht mein Vater, dem die Sache wohl zu fr├╝h zu Ende ging, auf die Idee verfallen, das bereits Erlebte um noch eine weitere Attraktion zu steigern. Zu diesem Zweck tat er etwas, das er besser nicht h├Ątte tun sollen, doch da man bekanntlich nur aus Schaden klug wird, entz├╝ndete er eine jener Raketen, die eigentlich nur f├╝r den Gebrauch im Freien bestimmt waren. Wir kamen freilich mit einem blauen Auge davon. Denn was sich zu unserem allseitigen Entsetzen, gewiss auch unserem kindlichen Vergn├╝gen, pl├Âtzlich zur v├Âlligen Unkontrollierbarkeit verselbst├Ąndigte und quer durch das Zimmer ├╝ber Kisten und Kasten zischte, hier an die Wand ├╝ber dem Klavier prallte, in Richtung der gegen├╝ber liegenden Kerzenleuchter zur├╝ckschoss und in wildem Zickzack dann bald hier-, bald dorthin raste und uns schnell unter der Tischkante Deckung suchen lie├č, all das war so pl├Âtzlich vorbei, wie es begonnen hatte. Wir blickten uns um und atmeten auf. Niemand war verletzt worden, die Gardinen hatten kein Feuer gefangen, kein Kissen war versengt, keine Vase umgefallen, keine Fensterscheibe zu Bruch gegangen, das Klavier und die Bauernm├Âbel waren heil geblieben. Etwas mulmig war uns freilich schon geworden, und sp├Ąter, wenn man dieser Generalprobe gedachte, schlug man die H├Ąnde ├╝ber dem Kopf zusammen: Oh weh, was da alles h├Ątte passieren k├Ânnen! Man durfte gar nicht dar├╝ber nachdenken …

 

Teil 1 (Anfang)

 

 

 

Erste Eingabe ins Internet:  Freitag,  4. M├Ąrz 2005
Letzte ├änderung:  Donnerstag,  3. November  2016

© 2005–2016 by Herbert Henck