Mannheim

 

Mannheim

1959–1966

Autobiographische Studien III
 

 

von

Herbert Henck

 

 

 

                 Kapitel  1     Fortgesetzte Chemie
                 Kapitel  2     Chemie (Schluss)
                 Kapitel  3     Wohnen und Arbeit des Vaters
                 Kapitel  4     Wohnen
                 Kapitel  5     Doris Rothmund
                 Kapitel  6     Doris Rothmund (Forts.)
                 Kapitel  7     Familienleben, Familiensterben
                 Kapitel  8     Ein Flugzeug, ein Schiff und das liebe Geld
                 Kapitel  9     Tod der Mutter
 

 

 

 

Erstes Kapitel
Fortgesetzte Chemie

In unserem Mannheimer Badezimmer richtete ich mir mit Einverst√§ndnis meiner Eltern eine Ecke ein, in der ich nach und nach mein gesamtes Arsenal an Chemikalien und Experimentierger√§ten unterbrachte. Ein alter Tisch kam unter ein Fenster zu stehen, und auf der Fensterbank wurde ein mehrstufiges Regal aufgestellt, das sich schnell mit Flaschen und Beh√§ltern in vielerlei Formen und Gr√∂√üen f√ľllte. F√ľr die Flaschen mit √§tzenden Fl√ľssigkeiten legte ich Glasscheiben unter, da die Lackierung des Regals zusehends litt, und auch der Tisch wurde mit einer starken gl√§sernen Platte gesch√ľtzt. In zwei ger√§umigen Schubladen einer Kommode, aus welcher die zun√§chst darin befindlichen Handt√ľcher allm√§hlich in ein anderes Zimmer wanderten, brachte ich die meisten Hilfsger√§te unter: Bechergl√§ser, Kolben, Trichter, einen Liebigk√ľhler, verschiedene Stativklemmen, R√ľhrst√§be, einen Sch√ľtteltrichter, eine T√ľpfelplatte, einen Porzellanm√∂rser, Pipetten, eine Filternutsche, eine Gaswaschflasche, Stand- und Messzylinder, Schl√§uche, Korken und Gummistopfen, ja selbst eine altmodische Retorte und vieles andere, dessen ich mich nicht mehr entsinne. Einige Reste davon besitze ich noch heute, nachdem ich das meiste in meiner Stuttgarter Zeit, wo alles nur unbenutzt im Keller verpackt stand, an einen Chemiestudenten verkauft hatte. Dieses Inventar baute sich nat√ľrlich erst langsam √ľber die Jahre hin auf, da meine Mittel zu beschr√§nkt waren f√ľr einen systematischen, planm√§√üigen Erwerb. Eine alte, aber noch funktionierende Wasserstrahlpumpe aus Metall brachte mir mein Vater eines Tages mit, die ich an dem Wasserhahn des Waschbeckens in der Toilette installierte, und nach langem Sparen hatte ich das Geld zusammen, mir einen Propangasbrenner samt der dazugeh√∂rigen Propangasflasche zu leisten, denn die Flamme eines Spiritusbrenners erwies sich f√ľr viele Versuche und Manipulationen, wie etwa das Biegen von Glasrohren in die ben√∂tigten Formen, als nicht hei√ü genug. Die schwere und unhandliche Gasflasche besorgte ich aus einem entlegenen Gesch√§ft im S√ľden der Stadt und schob sie durch ganz Mannheim auf dem Gep√§cktr√§ger meines Fahrrads zu uns nach Hause in den Norden, da ich nicht gleichzeitig fahren konnte.

Einiges andere Zubeh√∂r erhielt ich aus unserem Gymnasium, das damals gerade auf Grund des st√§ndigen Platzmangels um eine Etage aufgestockt wurde. Im Rahmen der Renovierungsarbeiten, die auch den Chemie- und Physiksaal sowie deren Vorbereitungsr√§ume erfassten, rangierten die Lehrer allerlei Ger√§tschaften aus, die f√ľr den Unterricht nicht mehr nutzten, teils weil sie defekt und irreparabel, teils weil sie veraltet und inzwischen durch Moderneres und Anschaulicheres ersetzt worden waren. Man stellte die Sachen auf einem Flur zusammen, und die Sch√ľler konnten sich nehmen, was ihnen opportun schien. Hier fand ich ebenso einen handlichen Trockenschrank sowie eine noch funktionst√ľchtige, mir √§u√üerst willkommene Schalenwaage, die auf einem kleinen Holzkasten mit Schublade f√ľr die Gewichte montiert war. Beide Beutest√ľcke transportierte ich wieder auf dem Gep√§cktr√§ger meines Fahrrads nach Hause, stolz wie ein Spanier. Ein andermal entdeckte ich verschiedene Teile einer ausgedienten Telefonanlage sowie ein museumsreifes Spiegelgalvanometer mit Vorwiderstand, an dem offenbar niemand Gefallen gefunden hatte. Mit letzterem wusste auch ich zun√§chst eigentlich nichts Rechtes anzufangen, doch war mir offensichtlich, dass es sich um ein bestens verarbeitetes, hochempfindliches und einst sehr teures Messinstrument f√ľr geringste elektrische Str√∂me handeln m√ľsse. Ich schrieb einen Brief an die damals noch bestehende Herstellerfirma in M√ľnchen, und wider Erwarten schickte man mir alsbald Original-Unterlagen zu, die man noch irgendwo unter alten Papieren ausgegraben hatte. Mit einfachen Mitteln baute ich dann eine Lichtquelle, die mit Hilfe einer Lupe auf den kleinen eingebauten Spiegel ausgerichtet war, und versuchte damit die Elektrizit√§t in den Pflanzen zu messen, die meine Mutter auf unsere Fensterb√§nke gestellt hatte. War mein Vorgehen auch naiv genug, so drehte sich das Spiegelchen jedoch bei jeder Ber√ľhrung der Pflanzen und lie√ü einen Lichtpunkt durch das verdunkelte Zimmer auf einer selbstentworfenen meterlangen Skala auf Millimeterpapier wandern, ganz wie es sich geh√∂rte.

Bald war ich im Gesch√§ft der Gebr√ľder Buddeberg, die damals nahe bei der Jesuitenkirche, unweit des Mannheimer Schlosses ein Gesch√§ft f√ľr Laborbedarf unterhielten, Stammkunde geworden, und Herr Scherer, ein mir gewogener grauhaariger Verk√§ufer in laborm√§√üig wei√üem Kittel, der meinen Forscherdrang wie meine beschr√§nkten Finanzen erkannt hatte, schenkte mir den ein oder anderen fabrikneuen Artikel, der sich √ľber die Jahre hin als unverk√§uflich erwiesen hatte, mir aber durchaus noch manch guten Dienst erweisen konnte. Auch ein gro√üer, gebundener Katalog des Angebots dieser Firma wurde mir zu meiner Freude einmal verehrt, enthielt dieser doch viele Abbildungen und Bezeichnungen, die sachkundig erkl√§rten, was zu welchem Zweck und in welchen Gr√∂√üen hergestellt werde und augenblicklich lieferbar sei.

Die meisten Chemikalien erwarb ich in einer gro√üen, f√ľr meine Zwecke idealen Drogerie in der Mannheimer Innenstadt, nur wenige Schritt weit von Heckels Musikaliengesch√§ft entfernt, meiner Erinnerung nach Ludwig & Sch√ľtthelm gehei√üen. Auch hier kannte man mich bald dank meiner Sonderw√ľnsche. Gew√∂hnlich wartete ich, bis bestimmte erfahrene und geduldige Verk√§ufer frei wurden, die sich mit dem von mir Gesuchten auskannten, mir manchmal die Begleitung auf den Hof gestatteten, wo h√§ufiger verlangte Fl√ľssigkeiten in gro√üen kippbaren Korbflaschen lagerten, und die mir mit speziellen Hornl√∂ffelchen oft genug nur wenige Gramm von Pulvern oder Salzen aus gr√∂√üeren Beh√§ltern abf√ľllten und auswogen, die T√ľtchen oder Fl√§schchen beschrifteten und schlie√ülich den Preis ausrechneten. Man brachte meiner Hingabe Verst√§ndnis entgegen und ma√ü sie nicht an der H√∂he der Eink√ľnfte. Nachdem sich ein vertrauteres Verh√§ltnis eingestellt hatte, wurden mir die Kataloge der gro√üen chemischen Firma Merck in Darmstadt √ľberlassen, so dass ich selbst nachschlagen konnte, was in welchen Reinheitsgraden und in welchen Mengen abgegeben werde. Mehrfach musste mich meine Mutter hierher begleiten, damit sie sogenannte Giftscheine unterschreibe, ohne die eine Abgabe bestimmter Substanzen an Minderj√§hrige nicht erlaubt war. Beispielsweise fielen alle von mir ben√∂tigten Silber- oder Quecksilbersalze unter diese Regelung.

Bei meinen Versuchen trug ich gew√∂hnlich, zum Leidwesen meiner Mutter nicht immer, wei√üe Kittel, die aus alten Best√§nden meines Vaters stammten und die schnell durch S√§urespritzer oder Funkenflug L√∂cher bekamen. Auch meine H√§nde zeigten des √∂fteren Spuren, insbesondere durch den Umgang mit Salpeter- oder Pikrins√§ure, welche die Haut √ľber mehrere Wochen hinweg gelb verf√§rben k√∂nnen. F√ľr zahlreiche Versuche w√§re sicherlich eine Schutzbrille angebracht gewesen, doch da ich ohnehin Brillentr√§ger war, schien diese Ma√ünahme entbehrlich. Schnell hatte ich verstanden, dass das Hantieren mit verschiedenen Chemikalien au√üerordentlich gef√§hrlich, ja lebensgef√§hrlich sein k√∂nne, da es etwa keiner gro√üen Kenntnisse bedurfte, so Bedrohliches wie Nitroglyzerin im Reagenzglas zu erzeugen. Ich verzichtete daher lieber auf solche Versuche mit zu ungewissem Ausgang, denn da ich die B√ľcher, die ich benutzte, ernstnahm, zweifelte ich nicht, dass die unmissverst√§ndlichen Warnungen darin nicht ohne Grund ausgesprochen wurden.

Bedenke ich, was f√ľr Versuche ich inhaltlich im Einzelnen anstellte, so verlegte sich der Schwerpunkt nach Anf√§ngen, bei denen alles nur M√∂gliche, mir unter die Finger Geratende und mit meinen Mitteln irgend zu Verwirklichende angegangen und ausprobiert wurde, allm√§hlich auf eine Art der chemischen Analyse. Wusste man bei einer Substanz nicht, aus was sie sich zusammensetzte, gab es die verschiedensten Merkmale und Trennungsg√§nge, den Inhaltsstoffen nach und nach auf die Spur zu kommen und sie dann schlie√ülich durch Gegenproben eindeutig nachzuweisen. Hierbei beschr√§nkten sich meine M√∂glichkeiten darauf, nur festzustellen, welche Bestandteile √ľberhaupt vorlagen; zu einer Mengenbestimmung h√§tte es zum Teil anderer Verfahren und erheblich teurerer Apparaturen bedurft. Auch das Verfahren der Papierchromatographie, deren Grundlagen ich verstand, erwies sich f√ľr meine Handhabung als zu schwierig und f√ľr meine Mittel als zu kostspielig.

Wie dies √ľblicherweise geschieht und durchaus seine Berechtigung hat, war ich ganz von der anorganischen Chemie ausgegangen, in der die Reaktionen vergleichsweise √ľbersichtlich, ja lehrbuchm√§√üig ablaufen. Bald er√∂ffnete sich mit der organischen Chemie mit ihren Kohlenwasserstoff-Verbindungen aber eine zweite neue Welt, die von geradezu unendlicher Vielfalt, Verzweigungs- und Ausbauf√§higkeit gepr√§gt schien. Durch das, was ich in B√ľchern nachlas oder sp√§ter auf der Schule lernte, erschlossen sich mir jedoch auch hier die wichtigsten Begriffe und Ordnungen, da im Grunde alles auf denselben, in der anorganischen Chemie kennen gelernten Gesetzen beruhte, sich systematisch vom Einfachen zum Komplexen ausbildete und einer einheitlichen Nomenklatur unterlag. Das Lernen in kleinen Schritten bew√§hrte sich auch hier.

Meine fr√ľheren analytischen Bem√ľhungen lie√üen sich durch dieses neue Feld vorz√ľglich erg√§nzen, denn es gab eine betr√§chtliche Anzahl von Verbindungen, die sehr empfindlich auf das Vorhandensein anorganischer Salze reagierten, dieselben in neue, komplexe und durch drastische Farbumschl√§ge oder Ausf√§llungen gekennzeichnete Verbindungen einbauten und somit als analytische Indikatoren eingesetzt werden konnten. Schlie√ülich faszinierte mich der Nachweis durch organische Reagenzien so sehr, dass ich die unterschiedlichen Methoden aus B√ľchern zusammentrug, mit der Schreibmaschine abtippte und in ein Buch √ľber analytische Chemie einm√ľnden lassen wollte. Nat√ľrlich war dies ein Vorhaben, dem ich weder durch umfassende wissenschaftliche Kenntnisse noch durch die F√§higkeit zur Darstellung auch nur ansatzweise gewachsen war. Aber wenn das Unternehmen, das vor allem im Sammeln, ja Horten von Material bestand, auch ganz in den Anf√§ngen stecken blieb, reizte mich die Vorstellung, an einem Buch zu arbeiten, au√üerordentlich.

Keinesfalls nebens√§chlich war, dass viele meiner Versuche √§sthetische, zum Teil sogar etwas magische Komponenten durch dramatische Licht-, Flammen- und Farberscheinungen annahmen, die den Wert des intellektuell Erfassbaren steigerten und so deutlich H√∂hepunkte meiner T√§tigkeit waren, dass ich bei Gelegenheit einige von ihnen meinen Eltern, meiner Schwester oder meinen Freunden vorf√ľhrte. Wie unter den H√§nden eines Zauberers verwandelten sich zwei wasserhelle Fl√ľssigkeiten bei ihrer Vereinigung zu einer tiefroten; und lie√ü man diese Tinte in eine dritte wasserhelle L√∂sung tropfen, verschwand jegliche F√§rbung augenblicklich wieder, und alles sah aus wie zu Beginn. Flammen, in die man auf einem neutralen St√§bchen bestimmte Salze einbrachte, f√§rbten sich je nach Bestandteilen in bengalisches Karminrot, Gelb, Blau oder Gr√ľn. Rosen- und kirschrote Niederschl√§ge flockten wolkig aus, anderes erzeugte schon in winzigsten Mengen purpurne, smaragdgr√ľne, kornblumen- oder himmelblaue L√∂sungen, und mit wenigen Gramm einer solchen Substanz h√§tte sich m√ľhelos das Wasser eines ganzen Schwimmbeckens f√§rben lassen. Oxidationen brachten im dunklen Zimmer eine Fl√ľssigkeit f√ľr kurze Zeit zum Aufleuchten; goss man sie dabei in ein anderes Gef√§√ü um, ergab sich ein kleiner Strom von Licht, und Tropfen spr√ľhten wie Funken. √Ėliger Brei begann sich auf einer feuerfesten Unterlage bald nach seinem Ansatz zu bl√§hen und zu dampfen, entz√ľndete sich pl√∂tzlich unter Zischen und Knistern von selbst und verbrannte mit hell violettblauer Flamme zu schwarzer Asche. Nach dem Anfachen kroch Glut durch Eisen- und Schwefelpulver, und wei√üe Nebel entstanden, sobald man die benetzten St√∂psel von Ammoniak- und Salzs√§ureflasche nur nebeneinander legte. Das vorsichtige Schichten verschiedener Fl√ľssigkeiten in einem Reagenzglas rief an der Ber√ľhrungsstelle einen blauen Ring hervor, und wieder andere Fl√ľssigkeiten erschienen im durchfallenden Licht orange, im auffallenden Licht dagegen gr√ľn, so dass sich, wie ich zuf√§llig bemerkte, mit Hilfe eines Spiegels beide Wirkungen zugleich betrachten lie√üen. Und da gab es die tieffarbenen konzentrierten L√∂sungen, aus denen sich die sch√∂nsten Kristalle heranbilden konnten, wie es, ganz unerwartet, einmal √ľber Nacht mit einer blauen Kupfervitrioll√∂sung in solch vollkommener Weise geschah, dass ich das Ergebnis photographierte.

In mein sechzehntes Lebensjahr f√§llt der Erwerb von B√ľchern wie Carl Robert Nollers Lehrbuch der organischen Chemie oder die Organisch-chemische Experimentierkunst von Weygand-Hilgetag, Werke von jeweils √ľber tausend Seiten Umfang, die auch an Universit√§ten eingef√ľhrt waren und die ich als solide Grundlage und Nachschlagewerke jederzeit zur Hand haben wollte. Auch Gattermann-Wielands Praxis des organischen Chemikers, das ich immer von Neuem aus der B√ľcherei entlieh, leistete mir gute Dienste. Mehr auf einen jugendlich forschenden Leser und die Verbindung zur Praxis, zum Verst√§ndnis allt√§glich zu beobachtender Erscheinungen war R√∂mpps Organische Chemie im Probierglas abgestimmt, das mit Kapitel√ľberschriften wie Lebensgef√§hrliche Gangsterschn√§pse, Der verzuckerte Tannenbaum oder Blitz und Donner aus Baumwolle die Neugierde des Lernenden zu wecken vermochte, zugleich aber durchaus seri√∂se Informationen enthielt und zu manch sch√∂ner Beobachtung anregte.

Gelegentlich besuchten mich interessierte Schulfreunde und beteiligten sich an den Experimenten, darunter besonders Peter Vaith, zuweilen auch Karl-Theodor Eisele oder Gerd Scherer. In der Gymnasialzeit bildeten wir eine Zeitlang eine Art naturwissenschaftlichen Viererblocks in den ersten beiden B√§nken gleich hinter dem Lehrertisch am Fenster. Alle drei Genannten wurden Wissenschaftler und unterrichten inzwischen als Professoren an den Universit√§ten in Freiburg im Breisgau oder Stra√üburg, sei es in Medizin, Mathematik oder Genetik. Auch Heinrich Schneider besuchte mich des √∂fteren und nahm regen Anteil an jeglichem, das mit Chemie, aber auch mit Musik zu tun hatte. Er studierte als Einziger von uns tats√§chlich Chemie, doch starb er schon um sein f√ľnfzigstes Lebensjahr an einer Herzkrankheit.

 

 

Zweites Kapitel
Chemie (Schluss)

Bei allem Gesagten w√§re es mir freilich unangenehm, wenn der Eindruck eines fr√ľhreifen oder √ľberbegabten jungen Wissenschaftlers entst√ľnde oder dank der Ausbreitung meiner einstigen Interessen nun meine Kenntnisse und F√§higkeiten auf diesem Gebiet √ľbersch√§tzt w√ľrden. Ich erkannte sp√§ter sehr wohl meine mich in jungen Jahren nicht k√ľmmernden, da bei Bedarf behebbaren Beschr√§nkungen und Grenzen, die beispielsweise darin bestanden, nur ziemlich ungenaue Vorstellungen von Vorg√§ngen im unsichtbaren atomaren Bereich zu besitzen oder auch nur ann√§hernd die mathematischen Voraussetzungen mitzubringen, die zur Berechnung und Erkl√§rung derselben vonn√∂ten gewesen w√§ren. Wie auch in der Musik fehlten mir damals noch wesentliche abstrahierende F√§higkeiten, das konkret und substantiell Vorliegende als eine Spielart des Allgemeinen zu sehen und die √úbertragbarkeit als Quelle des Sch√∂pferischen zu ergreifen. Die Dinge mussten ihre gegenst√§ndliche, ja handwerkliche Seite besitzen, damit sie mich begeisterten, sie durften sich nicht allein in meinem Kopf und meiner Vorstellung abspielen. Vor meinen Augen und Ohren sollte sich alles entfalten, und Sichtbares, H√∂rbares, F√ľhl- und Anfassbares sollte mir begegnen, nicht nur gebrochen und stellvertreten durch Zahlen, Formeln oder Zeichen auf dem Papier. Da jede Einseitigkeit die Aufmerksamkeit aber zugleich auf Dinge lenkt, die bei einer ausgewogeneren Betrachtungsweise leichter entgehen, hatte auch diese jugendliche, unbek√ľmmerte Verschiebung der Gewichte ihr Gutes, und es scheint mir nachgerade eher von Vorteil gewesen zu sein, mich in bestimmten Abschnitten meiner Entwicklung der Begeisterung und dem √úberschwang hingegeben und mehr der ein oder anderen Richtung, die mir gefiel, zugeneigt zu haben. Die Wirklichkeit holte mich immer noch fr√ľh genug ein.

Neben der Freude, die Beziehungen der Elemente, aus denen unsere Welt besteht, ganz unmittelbar betrachten und erleben zu k√∂nnen, und die Kr√§fte, die zu ihrer Verbindung oder Trennung f√ľhren, in unab√§nderlicher Gesetzlichkeit wirken zu sehen, lag der haupts√§chliche Nutzen meines Tuns aber vielleicht darin, dass ich mich weitestgehend autodidaktisch in ein doch √§u√üerst vielf√§ltiges, st√§ndig sich ins scheinbar Uferlose erweiterndes, modifizierendes, ja erneuerndes Wissensgebiet einarbeitete. Dieses lenkte und leitete mich – zwar hatte ich mitunter eine Hilfe, doch eigentlich keinen Lehrer au√üer den B√ľchern – wie aus sich selbst heraus und ohne dass ich mir eigentlich m√ľhsam etwas anzueignen hatte; denn die Bem√ľhung um Verstehen enthielt bereits das Lernen und wurde, weil es kein Selbstzweck war, ungezwungen eins mit diesem. Theorie und Praxis gingen Hand in Hand. Die naturgesetzlichen Grundlagen der Materie n√∂tigten ja geradezu zu systematischem und folgerichtigem Denken, und da falsche √úberlegungen und Schl√ľsse auf dieser Stufe meiner Entwicklung meistens ebenso schnell zu Tage traten wie handwerklich unsauberes Arbeiten, war alles aufs Ganze gesehen ein Teil des geistigen Erwachens und Begreifens, das sich aus dem Erwerb und der Anwendung von Kenntnissen, F√§higkeiten und Erfahrungen n√§hrte.

Um mit dieser Schilderung meiner kleinen chemischen Laufbahn nun aber doch zu einem Ende zu kommen, sei noch eines besonderen Tages gedacht, der in den November oder Dezember 1965 fiel und einen Punkt bezeichnet, an dem ich meine Wahl zwischen Musik und Chemie bereits getroffen hatte, vielleicht weil ich kurz zuvor als Preistr√§ger aus einem √ľberregionalen Klavierwettbewerb hervorgegangen war. Meine Mutter befand sich seit Mitte Oktober im Krankenhaus, und mein Vater hatte uns Kindern einige Wochen sp√§ter er√∂ffnet, dass mit ihrer Heilung nicht mehr zu rechnen sei und sie uns bald f√ľr immer verlassen werde. Meiner Mutter selbst verschwieg man ihr nahendes Ende und machte ihr bis zuletzt Hoffnung, wenn auch nicht auf Genesung, so doch auf Besserung ihres Zustandes. Meine Schwester, drei Jahre √§lter als ich, hatte ihr Studium der Kunstgeschichte an der Heidelberger Universit√§t f√ľr das Wintersemester unterbrochen, um f√ľr meinen Vater und mich zu kochen und die Wohnung zu versorgen. Bisher nicht erlebte Spannungen lagen in der Luft und lie√üen unsere sich stauenden Sorgen und √Ąngste mitunter heftig auflodern. Wie ein gewaltiger M√ľhlstein, der jeden Augenblick herabst√ľrzen konnte, schwebte das nahende Verh√§ngnis Monate lang √ľber uns, verschattete und l√§hmte alles, denn keiner wusste, wie es weitergehen solle. Meine Schulleistungen gerieten zur Nebensache; anderes hatte jetzt Vorrang. Fand ich irgend Trost, so sicherlich mehr in der Musik als der Chemie. √úber Monate hinweg besuchte ich meine Mutter t√§glich im St√§dtischen Krankenhaus, was nicht weiter schwierig war, da ich nach √úberquerung der Friedrich-Ebert-Br√ľcke ohnehin auf dem R√ľckweg von der Schule mit dem Fahrrad dort vorbeikam.

Da geschah es eines Mittags, mein Vater war abwesend, dass ich in der K√ľche beim Essen sa√ü, w√§hrend meine Schwester Geschirr abwusch. Wir unterhielten uns in gereizter Stimmung, worum auch immer es ging, und es kam zu immer heftigeren Wortwechseln, Vorw√ľrfen, Anklagen, Beschuldigungen und schlie√ülich so w√ľsten und widerlichen Beschimpfungen, dass ich irgendwann, im Innersten verletzt, voller Erregung aufsprang und meine Schwester schlug. War es zwischen uns als Kindern zwar √∂fters zu t√§tlichen Auseinandersetzungen gekommen, so hatten √úbergriffe wie der jetzige bisher nie stattgefunden, und kaum geschehen, bereute ich meine Handlungsweise zutiefst. Ich lief aus dem Haus und fuhr mit dem Fahrrad in die Stadt.

Am Nachmittag war ich durch Vermittlung unseres Chemielehrers mit einer kleinen Gruppe anderer Sch√ľler zu einer praktischen √úbung in das riesige, einen Gro√üteil der Stadt einnehmende Ludwigshafener Chemiewerk der Badischen Anilin- und Sodafabrik, kurz BASF genannt, eingeladen worden, doch wusste ich nicht, was mich dort erwarten w√ľrde. Ich nahm den Weg durch Seitenstra√üen der Mannheimer Innenstadt, der mich sp√§ter hinter dem Schloss zur Rheinbr√ľcke hin√ľber nach Ludwigshafen bringen sollte. Als ich an der Jesuitenkirche vorbeikam, stieg ich jedoch ab, sicherte mein Fahrrad, betrat die fast menschenleere Kirche, setzte mich irgendwo im Halbdunkel auf eine der Holzb√§nke und lie√ü meinen Tr√§nen freien Lauf. Ich war an einem Tiefpunkt meines Lebens angelangt. So blieb ich sitzen, unbeobachtet und ungest√∂rt, von Schuldgef√ľhlen gepeinigt, von Wehmut erf√ľllt, und lie√ü die Zeit verstreichen, bis ich mich gefasst hatte und wieder auf den Weg machte.

In dem genannten Chemiewerk wurden wir nach einigen Begr√ľ√üungsworten eines leitenden Angestellten von einem Assistenten betreut, der unsere Gruppe aus dem Gymnasium mit einer Gruppe von Lehrlingen vereinte, die ihre Ausbildung unmittelbar im Werk erhielt. Man teilte uns mit, dass wir nun gemeinsam in einem richtigen Labor versuchen wollten, diverse vorbereitete Gemische von Substanzen zu untersuchen, wobei die Gymnasiasten im voraus erfahren sollten, um was es sich im Einzelnen handele, w√§hrend die fortgeschritteneren Lehrlinge die Aufgabe erhielten, dasselbe selbst√§ndig herauszufinden. Da mir solche Prozeduren durchaus vertraut waren und ich mich unterfordert f√ľhlte, nur etwas mir bereits Bekanntes zu analysieren, bat ich ebenfalls um eine unbekannte Mischung, die man mir schlie√ülich mit skeptischen Blicken auch aush√§ndigte.

Nach den √ľblichen Trenng√§ngen war mir bald klar, um welche Salze es sich handeln m√ľsse, und ich ging mit meiner Liste zu dem Assistenten, der nicht wenig staunte, mich als ersten fertig zu sehen. Der Vergleich mit seiner eigenen Liste zeigte jedoch einen Fehler, und er forderte mich auf, der Sache auf den Grund zu gehen. Dies tat ich unverz√ľglich, und es erwies sich, dass ich eine elementare Ausf√§llung von Schwefel mit einem unl√∂slichen Sulfid von √§hnlich gelber Farbe, ich glaube es war Antimonsulfid, verwechselt hatte. Wieder ging ich zu dem Assistenten, und nun stimmte alles. Da ich einen weiten R√ľckweg hatte und es fr√ľh dunkel wurde, wollte ich mich verabschieden und nicht darauf warten, bis die anderen mit ihren Arbeiten fertig w√§ren, doch der Assistent brachte mich nach kurzer R√ľcksprache zu seinem Abteilungsleiter. Dieser lie√ü mich in seinem B√ľro Platz nehmen, lobte meine Kenntnisse und fragte, ob ich denn schon wisse, was ich einmal studieren wolle. Ja, das wusste ich damals schon. Musik wollte ich studieren, und Pianist wollte ich werden, sagte ich. Als ich abends wieder nach Hause kam, waren die Spannungen sogleich wieder da. Meine Schwester hatte meinem Vater das Geschehene nat√ľrlich auf ihre Weise berichtet. Ein M√§dchen schlagen, das macht man doch nicht, z√ľrnte er.

Ich habe diesen Tag, den ich kaum werde vergessen können, bewusst in seinem Zusammenhang erzählt, weil seine Besonderheit wohl auch darin bestand, dass, wenn man es so nennen möchte, Triumph und Niederlage, Versagen und Erfolg, Freude und Leid so dicht beieinander lagen, wie es nicht häufig in meinem Leben geschah.

 

 

Drittes Kapitel
Wohnen und Arbeit des Vaters

Der Umzug von Sinsheim nach Mannheim, von der Klein- in die Gro√üstadt, hatte in fast allen unseren Lebensverh√§ltnissen wieder einschneidende √Ąnderungen mit sich gebracht. Ich war noch keine elf Jahre, als wir eintrafen, noch keine achtzehn, als wir wieder fortzogen. Diese sieben Jahre wohnten wir im n√∂rdlichen Teil der Stadt in einem Eckhaus der Herzogenriedstra√üe, deren s√ľdliche H√§lfte damals nur im Bereich ihrer Einm√ľndung in die Waldhofstra√üe bebaut war. Daran schlossen sich eine gr√∂√üere Kolonie von Kleing√§rten und hieran, fast schon auf der H√∂he des Landesgef√§ngnisses und bis an die Hochuferstra√üe grenzend, mehrere √Ącker, die bereits zu der Haftanstalt geh√∂rten und von H√§ftlingen in sogenannten Au√üenkommandos bestellt wurden. Der Herzogenriedpark war s√ľdlich dieser Felder und hinter diesem lag in Richtung des Stadtzentrums die Neckarstadt.

Unsere Wohnung war die mittlere Etage eines ger√§umigen, dreist√∂ckigen Hauses, eines Altbaus, der Teil einer Siedlung mit Dienstwohnungen f√ľr die Angestellten des Gef√§ngnisses war. Die an unserem Haus abzweigende Seitenstra√üe f√ľhrte nach etwa hundert Metern zum Haupttor der Haftanstalt, der gr√∂√üten des Landes Baden-W√ľrttemberg, einem riesigen Bau aus dunklem, roten Sandstein, der noch vor Ende des Ersten Weltkriegs fertiggestellt worden war. Hier war mein Vater nun als Anstaltsarzt t√§tig. Nach der √ľblichen Probezeit wurde er Beamter auf Lebenszeit und erhielt, zur Freude seiner Mutter, die auf solcherlei √Ąu√üerlichkeiten unverhohlen stolz war, den Titel eines Regierungsmedizinalrates; sp√§ter wurde er zum Oberregierungsmedizinalrat und schlie√ülich zum Medizinaldirektor in Stuttgart bef√∂rdert, als welcher er auch pensioniert wurde. Er hatte sich fortan um das gesundheitliche Wohl der Gefangenen zu k√ľmmern, sowohl derer, die sich in Untersuchungshaft befanden, wie auch derer, die eine Haftstrafe verb√ľ√üten; und, wie man es von einem Arzt gerechterweise erwarten darf, hatte er jeden Fall ohne Ansehen von Person, Stand und Lebenswandel mit gleicher F√ľrsorge, Umsicht und Verantwortlichkeit zu behandeln.

Doch die Patienten glichen nicht immer jenen, denen er bislang begegnet war. Die Mehrzahl der vorgebrachten Beschwerden waren sicherlich echt und begr√ľndet oder lebten, was ebenfalls der Kl√§rung durch den Arzt bedarf und den Patienten nachzusehen ist, nur in deren Vorstellung. Andere Leiden wurden gezielt und erfahren simuliert und dienten einzig als Mittel zum Zweck, etwas Abwechslung in die Eint√∂nigkeit zu bringen und die allgegenw√§rtige Langeweile zu bek√§mpfen, sich mit anderen Inhaftierten g√ľnstiger austauschen zu k√∂nnen, einen Fluchtversuch vorzubereiten oder zu sonstigem. Nicht allzu selten kam es auch vor, dass sich Gefangene auf die unterschiedlichsten Arten selbst Gewalt antaten, sei es um in ihrer Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit ihrer Lage ihrem Leben tats√§chlich ein Ende zu bereiten oder sich nur in einer Weise zu verletzen, dass eine Einlieferung in die anstaltseigene Krankenabteilung, in ernsteren F√§llen in das St√§dtische Krankenhaus notwendig wurde. Hinzu kamen kleinere Unf√§lle, wie sie sich im Anstaltsbereich, besonders in den Werkst√§tten immer einmal zutragen, und hier war zumindest Erste Hilfe vonn√∂ten. Ein Arzt genie√üt, √§hnlich den Seelsorgern, freilich auch in Einrichtungen dieser Art eine Sonderstellung und wird von vielen Inhaftierten nicht zwangsl√§ufig gleichgesetzt mit dem Justizapparat, der ihn besch√§ftigt. Wie das Beichtgeheimnis, so erlaubt die √§rztliche Schweigepflicht hier ein offeneres Wort als gegen√ľber den Vollzugsbeamten oder Zellengenossen, deren Diskretion nicht in vergleichbarer Weise gew√§hrleistet ist.

Da mein Vater jedoch nicht nur als praktischer Arzt (heute spricht man vom Facharzt f√ľr Allgemeinmedizin), sondern auch auf seinem Spezialgebiet der Psychiatrie und Neurologie t√§tig sein wollte, hatte er an seine Bewerbung die Bedingung gekn√ľpft, nervenfach√§rztliche Gutachten f√ľr die √∂rtlichen Gerichte oder die Staatsanwaltschaft in den R√§umen der Haftanstalt erstellen zu d√ľrfen. Da es zum einen an solchen Gutachtern mangelte und zum andern die Zusammenlegung der Aufgaben eines Gutachters und Anstaltsarztes in einer Person dem Staat aufw√§ndige Vorf√ľhrungen der H√§ftlinge bei ausw√§rtigen √Ąrzten ersparte, ging man ohne Z√∂gern auf seine Bedingung ein und erlaubte ihm offiziell diese getrennt verg√ľtete Nebent√§tigkeit. Nach der t√§glichen Visite in seinem Krankenrevier und Bearbeitung der Krankmeldungen lie√ü er sich daher den jeweils zu begutachtenden Untersuchungsh√§ftling, dessen polizeiliche Ermittlungsakten und Anklageschrift man ihm bereits gesandt hatte, zur ‚ÄěExploration“ in sein Arbeitszimmer bringen. Er nahm dann eine Reihe neurologischer Untersuchungen und psychologischer Tests vor und f√ľhrte oft √ľber viele Tage hinweg Gespr√§che mit den Beschuldigten, in denen deren Lebensweg ebenso wie die ihnen zur Last gelegten Taten in intimsten Einzelheiten zur Sprache kamen. Sorgf√§ltige Berechnungen der vor einer Tat zu sich genommenen alkoholischen Getr√§nke, Rauschgifte oder Medikamente erg√§nzten die Befunde ebenso wie verschiedene Untersuchungen des Gehirns, die √ľber dessen anatomische Beschaffenheit und organische Gesundheit Aufschluss geben sollten. Letztere Untersuchungen lie√üen sich wegen der hierbei erforderlichen teuren Ger√§te nur an gro√üen Krankenh√§usern durchf√ľhren, in denen die H√§ftlinge, in Begleitung von Wachpersonal, eigens vorgef√ľhrt werden mussten.

Lagen alle Ergebnisse vor, was manchmal mehrere Wochen dauerte, fasste mein Vater sie zun√§chst handschriftlich in einer fast nur ihm entzifferbaren Schrift zusammen, schrieb sein Gutachten dann eigenh√§ndig mit der Schreibmaschine in mehrfacher Ausfertigung ins Reine und schickte es dem Auftraggeber zu. Dabei folgte er immer derselben Gliederung, die nach einer fast gleichlautenden Einleitung auf die Vorgeschichte und die angestellten Untersuchungen einging, die gef√ľhrten Gespr√§che auswertete und in einem Beurteilung genannten Schlusskapitel zur Frage der strafrechtlichen Verantwortlichkeit Stellung nahm. Hier wurde gew√∂hnlich auch die Frage diskutiert, ob eine R√ľckf√§lligkeit anzunehmen sei, und im Falle schwerwiegender psychischer St√∂rungen oder Erkrankungen wurden Empfehlungen ausgesprochen, wie zum Beispiel diejenige, den Beschuldigten in eine offene oder geschlossene Heilanstalt einzuweisen und das ein oder andere therapeutische Verfahren anzuwenden. Zurechnungsf√§higkeit, verminderte Zurechnungsf√§higkeit und Unzurechnungsf√§higkeit im Sinne des damals g√ľltigen Paragraphen 51 des Strafgesetzbuches und die begr√ľndete Einstufung in eine seiner Abs√§tze hatten hierbei entscheidende Bedeutung. Sofern man den Angeklagten die Tat oder Taten, derer man sie beschuldigte, zweifelsfrei nachweisen konnte, oblag es dann dem Richter zu veranlassen, ob √ľberhaupt eine Bestrafung ausgesprochen werden k√∂nne, und ob es bei der Bemessung der Strafma√ües mildernde Umst√§nde gebe oder nicht. Kam es zu einer Verhandlung vor Gericht, erhielt mein Vater eine offizielle Ladung zugestellt und trug sein bereits schriftlich eingereichtes Gutachten zumeist in freier Rede vor. Anschlie√üend hatten der Richter, die Sch√∂ffen, Geschworenen, der Staatsanwalt oder die Verteidigung Gelegenheit, ihm Fragen zu stellen. Gab es keine Fragen mehr, wurde er vom Gericht entlassen, konnte bei wichtigen Erkenntnissen, die in sein Fach fielen und sich erst w√§hrend der weiteren Verhandlung ergaben, aber jederzeit neu vorgeladen werden. Auch wurde, je nach Ergebnis des Gutachtens, h√§ufiger von der Staatsanwaltschaft oder der Verteidigung ein zweites Gutachten durch andere Sachverst√§ndige beantragt, da man in bestimmten F√§llen um die unterschiedlichen Auffassungen und Lehrmeinungen der Experten wusste und sich vorbehielt, diese vor Gericht gegeneinander auszuspielen.

Diese gutachterliche T√§tigkeit bot sich meinem Vater in den Mannheimer Jahren in steigendem Umfang und setzte sich bis zu seiner gesundheitlich bedingten vorzeitigen Pensionierung bald nach seinem einundsechzigsten Lebensjahr in Stuttgart fort. Stets lagerten gewichtige, mit Bindfaden und einem speziellen Knoten verschn√ľrte Aktenh√ľgel auf seinem Schreibtisch, so dass er in sp√§teren Jahren M√ľhe hatte, allen Auftr√§gen nachzukommen. Manchen Fall musste er wegen √úberlastung zur√ľckschicken, und gelegentlich tat er sich schwer, ein steuerlich g√ľnstiges Verh√§ltnis zwischen seiner hauptberuflichen T√§tigkeit und seinen Nebeneink√ľnften zu wahren. Man sch√§tzte seine Arbeit nicht nur wegen ihrer wissenschaftlichen Fundierung und der Sorgfalt, mit der den einzelnen Fragen nachgegangen wurde, sondern offensichtlich auch auf Grund ihrer schriftlichen und m√ľndlichen Form, welche die oftmals komplexen Zusammenh√§nge selbst einem Laien verst√§ndlich machten. Nach seinem Ausscheiden aus dem Justizvollzug hatte mein Vater ein ganzes kleines Zimmer voller Regale, in denen er seine alphabetisch nach Personennamen geordneten Gutachten aufbewahrte – sicherlich weit √ľber hundert breite Ordner, vielleicht gar das Doppelte.

Mein Vater erz√§hlte gew√∂hnlich gern, detailreich und anschaulich von den F√§llen, an denen er gerade arbeitete, wie auch von dem, was sich unl√§ngst hinter den hohen Mauern und Gittern ereignet hatte. Dabei wussten wir, die ihm zuh√∂rten, dass es sich um vertrauliche Mitteilungen handelte, und h√ľteten uns sehr wohl, dieses Vertrauen je zu entt√§uschen. Auf diese Weise erhielten wir sehr genaue Einblicke in die Umst√§nde von Straftaten und die Handlungsweisen der Beschuldigten, die letztlich zu ihrem Freispruch oder ihrer Anklage und ihrem staatlich verf√ľgten Gewahrsam gef√ľhrt hatten. – Wenigstens eine der meist kurzen und mir noch erinnerlichen Erz√§hlungen sei hier einger√ľckt:

Drei junge M√§nner fuhren auf der hinteren Plattform einer Stra√üenbahn, und zwei von ihnen hatten sich abgesprochen, dem Dritten, der geistig etwas zur√ľckgeblieben und unschwer zu hintergehen war, einen Streich zu spielen. Zu diesem Zweck verk√ľndete der eine des P√§rchens gro√üspurig, er werde jetzt gleich die Notbremse ziehen, um auch ohne Haltestelle einmal dort auszusteigen, wo es ihm am bequemsten sei und er nicht wie sonst ein St√ľck weit zur√ľcklaufen m√ľsse. Dabei fasste er den roten Handgriff der Notbremse, tat aber nur so, als ob er daran z√∂ge. Die Notbremse lie√ü sich trotz seiner Bem√ľhungen scheinbar nicht bewegen. ‚ÄěEi, da muss was kaputt sein! Versuchs du mal!“ sagte er scheinheilig zu seinem Komplicen. Doch auch dieser tat verabredungsgem√§√ü nur so, als ob er sich bem√ľhe, die Bremse zu ziehen, lie√ü Hand und Arm zittern, die Kn√∂chel der Faust hell hervortreten und verzog sein Gesicht vor Anstrengung. Doch auch er schien keinen Erfolg zu haben. Nach kurzem gab er auf und sagte etwas √§rgerlich zu dem Dritten, dem Opfer der √úbung, dass die Bremse festgerostet sein m√ľsse. Sie lasse sich keinen Millimeter bewegen. Er k√∂nne es ja selbst versuchen, vielleicht habe er mehr Gl√ľck.

Solcherma√üen herausgefordert erwartete der Dritte schwere Arbeit, holte tief Luft und riss mit aller Gewalt an dem Griff. Es gab einen Ruck durch die Stra√üenbahn, man stolperte und stie√ü gegeneinander, Einkaufs- und Schultaschen fielen um, und im Nu kam die Bahn zum Stehen. Die Leute l√§rmten und sahen aus den Fenstern, was das pl√∂tzliche Bremsen zu bedeuten habe und ob vielleicht ein Unfall geschehen sei. Autos hupten, und der Schaffner k√§mpfte sich durch den Wagen, um unter Umst√§nden Hilfe zu leisten oder nach dem Rechten zu sehen. Auf seine Frage, wer die Notbremse gezogen habe, zeigten alle auf den Schuldigen, der v√∂llig √ľberrascht merkte, dass er pl√∂tzlich im Mittelpunkt stand und dem gar nicht bewusst wurde, dass er aufs Glatteis gef√ľhrt worden war. In seiner Arglosigkeit erz√§hlte er die Vorgeschichte. Da seine Freunde sich in dem allgemeinen Trubel aber schnell unsichtbar gemacht hatten, schenkte man seinen Worten wenig Glauben. Man schimpfte, sprach von grobem Unfug, Anzeige, Geldstrafe, dem Fahrplan und anderem mehr und holte schlie√ülich einen Polizisten herbei, um die Personalien des Schuldigen aufzunehmen und ihn seiner gerechten Strafe zuzuf√ľhren.

So kam der junge Mann, der sich nicht ausweisen konnte, nach mehreren Stationen ins Untersuchungsgef√§ngnis, und mein Vater erhielt nach √úbersendung der Akten alsbald den Auftrag, ihn auf seine strafrechtliche Verantwortlichkeit hin zu begutachten. Zu welchem Ergebnis er kam, kann ich freilich nicht sagen.

Neben solchen Begebenheiten erfuhren wir aus erster Hand manche Einzelheit des Gef√§ngnisalltages, wie sie selten nach au√üen dringen. Was sich an unglaublichen, zum Teil entsetzlichen und haarstr√§ubenden Schicksalen hier vielhundertfach zusammenballte, l√§sst sich kaum beschreiben, und ich kann auch heute noch nicht sagen, ob der Umgang mit diesen Menschen meinem Vater wirklich Freude oder wenigstens so etwas wie Genugtuung bereitete. Vielleicht wurde sein Selbstgef√ľhl durch das Bewusstsein gest√§rkt, es bisweilen mit den schwierigsten Menschen der Gesellschaft hier zu tun zu haben und sich auch angesichts der hartgesottensten, kaltbl√ľtigsten und r√ľcksichtslosesten Charaktere behaupten zu k√∂nnen. Dass er beschimpft oder verh√∂hnt, belogen und betrogen wurde, war vielleicht nicht sein Alltag, geh√∂rte aber gewiss ebenso zu seinem Beruf wie die Gefahr, k√∂rperlich angegriffen zu werden. Letzteres kam gl√ľcklicherweise nie vor, auch wenn sich, seinem Bericht zufolge, die Situation einige Male zuspitzte und bedrohlich wurde. Besonders aggressive H√§ftlinge kamen jedoch immer in Begleitung eines oder mehrerer Aufsichtsbeamten, und die Gefangenen wurden unter Umst√§nden auch in Handschellen vorgef√ľhrt, ja selbst zwangsweise √§rztlich versorgt, wenn dies aus medizinischer Sicht unumg√§nglich erschien und jede S√§umigkeit eine Anklage wegen unterlassener Hilfeleistung h√§tte nach sich ziehen k√∂nnen.

Wie diese Arbeitsverh√§ltnisse indes in der Praxis aussehen konnten und mit welcher Einstellung, in welchem Geist man Probleme anging, mag ein Fall zeigen, den mir mein Vater einst schilderte. Sein Untersuchungszimmer im Krankenrevier der Anstalt besa√ü eine unbenutzte und nat√ľrlich immer abgeschlossene T√ľr, die auf einen Korridor f√ľhrte, durch den vor√ľbergehend, anl√§sslich von Bauarbeiten, immer wieder Gefangene gef√ľhrt werden mussten; wohin und zu welchem Zweck spielt dabei keine Rolle. Jedenfalls hatten es sich einige H√§ftlinge angew√∂hnt, im Vorbeigehen mit der Faust gegen diese T√ľr zu schlagen, um meinen Vater oder wen auch immer dahinter zu √§rgern. Vermutlich war mein Vater dann des √∂fteren in den Flur hinaus gekommen und hatte nach der Ursache geforscht und sich die Unterlassung der St√∂rung erbeten, hatte aber nie einen Schuldigen ausfindig machen k√∂nnen. Es war nichts zu machen, der Zustand dauerte an. So sah mein Vater schlie√ülich keinen anderen Ausweg, als den Direktor der Anstalt auf den Missstand aufmerksam zu machen und ihn zu ersuchen, diese st√§ndig sich wiederholende Schikane mit geeigneten Mitteln abzustellen. Der Direktor nahm die Beschwerde entgegen, und seine einzige Bemerkung war: ‚ÄěHerr Dr. Henck, der Mensch ist ein Gewohnheitstier …!“ Damit verabschiedete er meinen Vater, und die Sache war f√ľr ihn vom Tisch.

Mein Vater hatte jedoch auch seine eigenen Strategien entwickelt, den besonderen Anforderungen seines Berufes nachzukommen, und es belustigte uns sehr, als er einmal ein ebenso harmloses wie wirksames Geheimnis seiner Kunst verriet, das mitzuteilen ich mich nicht scheue, denn es schadet niemandem und wird den Glauben an die Segnungen der medizinischen Wissenschaft kaum untergraben k√∂nnen. Jedenfalls verabreichte er in bestimmten F√§llen seinen Patienten nach einem offensichtlichen Studium der Packungsbeilage ein Scheinmedikament, das unter dem Namen Placebo bekannt ist, mit etwas bedenklicher Miene und der Belehrung, hier handele es sich um ein vergleichsweise starkes Pr√§parat; und man solle es daher zun√§chst nur mit einer halben Tablette versuchen. Bleibe die Wirkung dann unbefriedigend, k√∂nne man die Dosis aber noch auf eine ganze Tablette steigern. ‚ÄěViel hilft viel“, sagen die Patienten, w√§hrend die √Ąrzte sagen: ‚ÄěErlaubt ist, was hilft“ oder ‚ÄěWer heilt, hat recht“.

Einige Male durfte ich meinen Vater in seine Arbeitsr√§ume innerhalb der Anstalt begleiten, sowohl in Mannheim als auch sp√§ter in Stuttgart, wo ich dann mehrfach Gefangene besuchte und mich auch l√§nger mit diesen unterhielt. In Mannheim war ich vermutlich nur neugierig gewesen, ein Gef√§ngnis einmal von innen zu sehen, und da mein Vater die Verantwortung √ľbernahm, scheint dieser Wunsch keine weiteren Probleme verursacht zu haben. An der Pforte der Anstalt gab es einen kleinen Raum, in dem sich das diensthabende Wachpersonal aufhielt. Schellte jemand drau√üen am Tor, √∂ffnete sich ein kleines vergittertes Fenster, und ein Beamter fragte, worum es gehe. Innerhalb der Wachstube dominierten Telefon- und sp√§ter Video√ľberwachungsanlagen. Eingelassen in eine Wand befand sich eine gro√üe Zahl von Schlie√üf√§chern, Postf√§chern nicht un√§hnlich, in denen jeder hier Bedienstete den ihm anvertrauten Schl√ľsselbund beim Verlassen der Anstalt verwahren musste. Nach drau√üen durfte allein der Schl√ľssel f√ľr dieses Schlie√üfach mitgenommen werden, denn der Verlust eines Schl√ľsselbunds aus dem inneren Anstaltsbereich h√§tte unverz√ľglich umfangreiche und sehr kostspielige Ma√ünahmen ausgel√∂st; s√§mtliche betroffenen Schl√∂sser h√§tten ausgetauscht werden m√ľssen. Der Bund meines Vaters umfasste wohl mehr als ein Dutzend Einzelschl√ľssel. Sie wurden durch eine Eisenkette zusammengehalten und wogen gut und gern √ľber ein Kilo, waren gro√ü und stabil und hatten mir v√∂llig unbekannte, ausgefallene Bartformen. Gewiss waren sie unter dem Gesichtspunkt entworfen worden, jede Nachahmung irgend zu erschweren oder zu verhindern. Man wusste, dass es unter den Gefangenen manchmal √ľberragende Spezialisten auf diesem Gebiet gab, und so war h√∂chste Vorsicht geboten.

Mit diesem Schl√ľsselbund versehen schloss uns mein Vater nun von T√ľr zu T√ľr hindurch bis zu seinem Arbeitszimmer, das allerdings mit seinem Schreibtisch, einem Arzneischrank, einer Liege und dem √ľblichen medizinischen Inventar im Grunde nichts Besonderes enthielt. Einzig die vergitterten Fenster unterschieden sich von anderen Sprechzimmern. Der Weg zu ihm war der interessantere Teil. Zumeist waren es schwere Gittert√ľren, durch die wir hindurch mussten, T√ľren, durch die man stets hindurch blicken konnte und bei denen man somit vor √úberraschungen auf der anderen Seite sicher war. Den passenden Schl√ľssel suchen, aufschlie√üen, hindurchgehen, zuschlie√üen; dieser Vorgang wiederholte sich am Ende eines jeden Flurs, an jeder Treppe, an jedem Raum, den man betreten wollte. Rings um alle Schl√ľssell√∂cher war der wei√üe Lack von den herabh√§ngenden Schl√ľsseln abgeschlagen, und das blanke Eisen sah darunter hervor. Alles blitzte vor Sauberkeit, und die B√∂den schienen eben erst frisch gebohnert worden zu sein. Unsere Schritte hallten weit vernehmlich in den kahlen G√§ngen, und mehr noch dr√∂hnte das Schlie√üen der Schl√∂sser und laute Zuschlagen der T√ľren. Gab es Fenster, waren sie klein und ebenfalls mit kr√§ftigen Gittern versehen. Gelegentlich begegneten wir einem ‚ÄěKommando“ Gefangener, die alle blaue Arbeitsanz√ľge mit roten Erkennungsstreifen an der Hose trugen. Sie fegten, wischten oder wienerten, auch wenn nirgends Schmutz zu sehen war.

Von einem runden Mittelbau, der Zentrale, zweigten vier mehrst√∂ckige Zellenfl√ľgel ab, die der Anstalt auf Stadtpl√§nen das Aussehen einer kleinen Windm√ľhle verliehen. Auch diese Architektur, gegen Ende des 18. Jahrhunderts von Jeremy Bentham als ‚ÄěPanopticon“ konzipiert, diente nat√ľrlich der Sicherheit und leichteren Bewachung, denn auf jeder Etagenebene konnte man so von einer in der Mitte gelegenen und mit Glas eingefassten Wachstube in diese vier Fl√ľgel blicken, von einem bis zum anderen Ende. Links und rechts der G√§nge lagen die eigentlichen Zellen. Zwischen den Stockwerken waren Netze gespannt, damit niemand, mit oder ohne Absicht, in die Tiefe st√ľrze. Alles war so gebaut, dass es mit einem Blick zu erfassen war und keinerlei M√∂glichkeit bestand, sich hinter einer Ecke, einem Vorsprung, einer Biegung oder dergleichen zu verbergen. Die Wachstuben waren rund um die Uhr besetzt, und auch hier gab es zahlreiche technische Einrichtungen, die der Sicherheit und schnellen Kommunikation dienen sollten. Das Tragen von Schusswaffen war dem Personal meiner Erinnerung nach untersagt, denn man bef√ľrchtete wohl zu Recht, dass bei einem Diebstahl oder im Falle einer gewaltsamen Entwendung sofort die Gefahr einer Geiselnahme mit all ihren fatalen Folgen gegeben war.

 

 

Viertes Kapitel
Wohnen

Wir wohnten im ersten Obergeschoss einer ger√§umigen Dienstwohnung, deren gro√üer Flur und Eingangsbereich den Zugang zu vier Zimmern, der K√ľche und dem Badezimmer erm√∂glichte. Die hier pr√§sentierten Schw√§lmer Bauernm√∂bel kamen schon fr√ľher zur Sprache. Die Zimmer waren an die vier Meter hoch und mussten mit Kohle√∂fen erw√§rmt werden. Eierkohlen, Koks und Briketts lagerten im Keller und waren eimerweise √ľber die langen Treppen nach oben zu schaffen; f√ľnfzig Stufen waren es allemal. Ein eigenes Zimmer hatte nur meine Schwester, da das repr√§sentative Wohnzimmer den Arbeiten meines Vaters vorbehalten war und das angrenzende Balkonzimmer, in dem ich fortan schlief, arbeitete und Klavier spielte, wegen seiner Gr√∂√üe zumindest sonntags auch als Esszimmer und gemeinsam genutzter Aufenthaltsraum diente. Im Parterre wohnten die Familien zweier Aufsichtsbeamten, im Dachgeschoss ein h√∂herer Angestellter und der evangelische Anstaltspfarrer, der gerne Marschmusik h√∂rte und dazu im Takt in seinem Zimmer auf und ab ging. Kinder gab es au√üer uns zun√§chst keine.

Unmittelbar hinter dem Gef√§ngnis schloss sich nach Norden das Gel√§nde des St√§dtischen Gaswerks Luzenberg an. Man erblickte hier riesige Fabrikanlagen und haushohe Kohlehalden, die zu Koks und Heizgas verarbeitet wurden. Unz√§hlige verwinkelte Rohre verbanden alles. In regelm√§√üigen Abst√§nden stiegen gewaltige wei√üe Dampfwolken aus einer Esse in den Himmel, verfl√ľchtigten sich schneller oder langsamer, rochen aber oft bedenklich und lie√üen es, je nach Windrichtung, geraten erscheinen, die Fenster zu schlie√üen oder geschlossen zu halten. Etwas abgelegen von der eigentlichen Fabrik stand ein grauer Gasspeicherturm, der alles √ľberragte und selbst von vielen anderen Stadtteilen aus sichtbar war. Er war nicht so romantisch wie die Kraichgauer Burg Steinsberg, hatte aber auf seine Weise auch etwas von einem Kompass. Erblickte man ihn von ferne √ľber den D√§chern, wusste man ungef√§hr, wo man wohnte. Wegen seiner unheimlichen Gr√∂√üe und seines gigantischen Fassungsverm√∂gens waren wir Kinder besorgt um unser Heil und fragten, was gesch√§he, wenn er vielleicht einmal Feuer finge und in die Luft fl√∂ge. Oder wenn es wieder einmal Krieg g√§be und eine Bombe darauf fiele. Er h√§tte uns ja alle ins Verderben rei√üen k√∂nnen. Mein Vater aber meinte, dass es im Falle einer Entz√ľndung wohl nur eine gewaltige Stichflamme geben werde, jedenfalls keine Explosion, und dass man, wo unser Haus stand, dann kaum davon betroffen sein werde. Wir glaubten ihm wohl oder √ľbel.

√úber die gesamte Gegend breitete sich Kohlestaub aus, der besonders an den wei√üen Fensterrahmen sichtbar war und dort einen √∂lig-schmierigen Film bildete. Man wusste meist am Geruch der Luft, aus welcher Richtung der Wind wehte, denn man wohnte in einer Stadt der chemischen Gro√üindustrie, deren Umweltauflagen in den f√ľnfziger und sechziger Jahren sicher noch andere waren als heute. Wir wussten bald auch, welche Ger√ľche welchen Fabriken zuzuordnen waren, etwa wenn aus den Waldhofer Zellstoffwerken ein Geruch her√ľberkam, der an ger√§ucherten Schinken erinnerte. Anderes roch eher schweflig nach faulen Eiern und wieder anderes nach starken Reinigungsmitteln. Ich w√ľrde die Ger√ľche noch heute, Jahrzehnte sp√§ter, wiedererkennen. Doch auch hier war der Mensch ein Gewohnheitstier, und niemand, au√üer vielleicht die Hausfrauen, die beim Fensterputzen einiges mehr zu leisten hatten als anderswo, regte sich gro√ü dar√ľber auf. Man hatte sich eingerichtet mit dem ‚ÄěMannemer Dreck“ (eine Spezialit√§t der Konditoren), man lebte ja nicht in Davos.

Es gab einen Garten, der zum Haus geh√∂rte. Seine Ausma√üe und Anlage hatten wenig gemein mit unseren √ľppigen Sinsheimer Verh√§ltnissen, und entsprechend den vielen Familien, die hier beisammen wohnten, war er durch Wege in Parzellen gegliedert. F√ľr jeden blieben nur kleine Beete und ein St√ľckchen Rasen mit zwei oder drei Obstb√§umen √ľbrig. Zudem verkleinerte eine Baugrube, stets nur das Loch genannt, die vorhandene Gartenfl√§che merklich. Einst war hier die Erde f√ľr einen Neubau ausgeschachtet worden. Durch irgendwelche Umst√§nde war man von dem Vorhaben dann wieder abgekommen, hatte die Grube aber nicht wieder zugesch√ľttet. Es blieb, wie es war, und allm√§hlich wucherten Gras, B√ľsche und Gestr√§uch in der Grube und verwilderten; f√ľr den Gartenbau wurde sie nicht genutzt.

Mein Klavierspiel erfuhr empfindliche Einschr√§nkungen. Es gab eine Hausordnung, die zwischen ein und drei Uhr eine Mittagsruhe vorschrieb. Und auch wenn mein Vater von seinem Dienst, meist zwischen f√ľnf und sechs Uhr abends zur√ľckkehrte und dann noch an seinem Schreibtisch hinter der Wand mit dem Klavier sa√ü, konnte ich nicht musizieren, da ihn dies bei der Ausfertigung seiner Gutachten st√∂rte. Gleichwohl ergriff ich in zunehmendem Ma√üe jede sich bietende Gelegenheit, hatte aber, wie nicht anders zu erwarten, auch Zeiten, wo mich andere Interessen mehr fesselten.

 

 

F√ľnftes Kapitel
Doris Rothmund

Nachdem wir uns in die neuen Verh√§ltnisse eingelebt hatten und auch der √úbergang ins Gymnasium gl√ľcklich vollzogen war, meldete mich meine Mutter im Herbst 1959 im St√§dtischen Konservatorium an, damit hier mein Klavierunterricht eine Fortsetzung finde. Ich hatte Richard Laugs, dem damaligen Direktor, etwas vorzuspielen, und er wies mich Doris Rothmund als Lehrerin zu. Diese f√ľr mein weiteres Leben und insbesondere meine Berufswahl durchaus folgenreiche Entscheidung war mir zun√§chst nicht recht, denn ich hatte mir zur Abwechslung einen m√§nnlichen Lehrer gew√ľnscht. Nach meinen ersten Unterrichtsstunden √§nderte ich meine Meinung jedoch schnell.

Doris Rothmund war damals Anfang drei√üig (sie war knapp zwei Jahre j√ľnger als meine Mutter) und besa√ü gegen√ľber allen anderen Lehrern oder gar Menschen, die ich bis dahin kennen gelernt hatte, den Vorzug eines geradezu s√ľdl√§ndischen, feurigen Temperaments, das mir zun√§chst etwas exaltiert, wenn nicht exzentrisch erschien und an das ich mich erst zu gew√∂hnen hatte. Was sie aber besonders auszeichnete und was von mir recht schnell erkannt und bewundert wurde, war der Umstand, dass sie durch und durch Pianistin und K√ľnstlerin war, v√∂llig in der Musik aufging und √ľberhaupt keine anderen Interessen zu haben schien. Unterrichtete sie nicht gerade, so √ľbte sie Klavier, ununterbrochen, ja manisch. Mitunter sah sie gleichzeitig fern, las ein Buch oder verzehrte sogar ihr Abendbrot w√§hrend des √úbens, wie sie mir erz√§hlte. Um zu jeder Tages- und Nachtzeit arbeiten zu k√∂nnen, hatte sie in ihren sch√∂nen Steinway-Fl√ľgel eine mit dem dritten Pedal bedienbare D√§mpfungsvorrichtung einbauen lassen. Dar√ľber hinaus besa√ü sie eine sogenannte stumme Klaviatur, die sie, wie Liszt, mit auf Reisen nahm, um ihre Finger und ihr Ged√§chtnis auch unterwegs, auf Bahnfahrten, im Hotel oder der Konzertgarderobe ohne St√∂rung anderer schulen zu k√∂nnen.

Rothmund war mittelgro√ü und sehr schlank, trug gerne etwas auff√§llige, bunte, doch zugleich modische, damenhafte Kleider und Schuhe mit hohen Abs√§tzen (die f√ľr den Pedalgebrauch eher hinderlich waren), hatte rabenschwarzes Haar und schminkte sich, als m√ľsse sie ihren Namen hierdurch noch unterstreichen, die Lippen so stark, dass an den Mundst√ľcken ihrer Zigaretten, die sie in gro√üer Zahl rauchte, stets Lippenstift zu sehen war. Sie liebte besonders virtuose, ja hochvirtuose Musik, bei der man sich nicht zur√ľckzunehmen und sein Licht unter den Scheffel zu stellen brauchte, und sie besa√ü sowohl die Technik wie den Mut, diese mit Bravour anzugehen. Trug sie ein solches Werk vor, gingen eine wunderbare Kraft, Leidenschaftlichkeit und Hingabe von ihr aus. Sie war eine Besessene, die um die Richtigkeit des von ihr eingeschlagenen Weges wusste und sich von nichts und niemandem h√§tte beirren lassen. Da sie fast nie in Mannheim eingeladen wurde, habe ich sie leider nie im Konzert, sondern immer nur im Unterricht, sp√§ter auch im Rundfunk etwas spielen h√∂ren. Sie wurde gleichwohl des √∂fteren ins Ausland, vor allem nach Spanien eingeladen, was nicht ohne Einfluss auf ihre √§u√üere Erscheinung geblieben sein mag. Ein Prospekt, den sie anscheinend auf eigene Kosten drucken lie√ü und der sich unter meinen Papieren erhalten hat, zeigt ihr Photo und zitiert aus Zeitungskritiken verschiedener spanischer St√§dte, in denen sie konzertiert hatte (siehe hier).

Hin und wieder fuhr sie nach Heidelberg, um dort in einem Landesstudio des S√ľdwestfunks Produktionen zu machen, so dass gelegentlich ihre Aufnahmen im Radio erklangen. Auch zum Saarl√§ndischen Rundfunk, an dem Gieseking viele Aufnahmen in seinen Saarbr√ľckener Unterrichtsjahren gemacht hatte, unterhielt sie Beziehungen. Liszts ber√ľhmter Mephistowalzer oder seine Konzertet√ľden wie Waldesrauschen und Gnomenreigen waren ihr ebenso gel√§ufig wie viele Et√ľden Chopins; andere St√ľcke, an die ich mich erinnere, waren Beethovens Sonate op. 90, C√©sar Francks Pr√§ludium, Choral und Fuge oder Werke von Karol Szymanowski. Von Selim Palmgren und Heimo Erbse spielte sie ebenfalls etwas, da man ihr wohl antrug, hierzulande Unbekannteres oder Zeitgen√∂ssisches aufzunehmen.

Wie es bei einer Sch√ľlerin Giesekings nahe liegt, verehrte Rothmund besonders Debussy und Ravel, und einmal verteilte sie alle zw√∂lf Pr√©ludes des ersten Heftes auf die Sch√ľler ihrer Klasse. Wir spielten den Zyklus in einem Hauskonzert in ihrer Wohnung, und ich besitze noch eine kalligraphisch geschriebene und kolorierte Faltkarte, in die das mit Maschine geschriebene Programm eingeklebt ist. Als Zeitpunkt ist nur 1962 angegeben; vielleicht f√ľhrten wir den Zyklus sp√§ter auch einmal √∂ffentlich auf. Mir selbst fiel La danse de Puck zu, ein St√ľck, das mir hinsichtlich seiner ungewohnten Harmonik, Rhythmik, Notation, Griffe und Fingers√§tze zun√§chst einiges Umdenken abverlangte, das mir in seiner Neuartigkeit, Launenhaftigkeit und den vielen kleinen musikalischen √úberraschungen, die es bot, aber schlie√ülich so gut gefiel, dass ich es auswendig lernte. Allein all diese sch√∂nen Pr√©ludes mit ihren poetischen Titeln, die immer erst am Schluss der Noten anstatt am Anfang standen, einmal als Einheit zu h√∂ren und mit ihrer ganz eigenen Sprache und Klangwelt zugleich auch pianistisch vertraut zu werden, war eine wichtige Erfahrung und Gewinn, gleichg√ľltig, wie unfertig vieles noch gewesen sein mochte.

Fr√§ulein Rothmund, wie ich sie nach damaligem Verst√§ndnis immer korrekt anredete, lebte zusammen mit ihrem Vater, einem ehemaligen Lehrer, im obersten Stockwerk eines gro√üen Mietshauses in K4, 20. (Die Quadratestadt Mannheim hat nur ausnahmsweise Stra√üennamen wie die Planken, Breite Stra√üe oder Fressgasse; die wie auf einem Schachbrett angeordneten H√§userblocks sind seit vielen Generationen nur mit Buchstaben und Ziffern bezeichnet, zu denen dann nur noch die Hausnummern zur Vervollst√§ndigung der Adresse treten.) Rothmund verzichtete bewusst auf eine Familie und gestand mir einmal, dass es ihr schlicht unm√∂glich sei, sich vorzustellen, abends einem m√ľde von der Arbeit heimkehrenden Ehemann die Bratkartoffeln aufzuw√§rmen. Dies waren etwa ihre Worte. Gleichwohl war nicht zu √ľbersehen, dass der ein oder andere Mann ein Auge auf sie warf und sie gerne zur Frau genommen h√§tte, denn sie war attraktiv und lebendig, hatte eine starke, selbstsichere Ausstrahlung, flirtete nicht ungern und machte des √∂fteren kleine Anspielungen, die das Liebesleben ihrer zum Teil schon erwachsenen Sch√ľler betrafen. Selbst ein √§lterer, graumelierter Herr war darunter, der seinen Unterricht, auch ohne ge√ľbt zu haben, sichtlich genoss, und es wurde, soweit ich dies miterleben und beurteilen konnte, oft mehr gescherzt und geschwatzt als Klavier gespielt. Gleichviel taten sich ihre Verehrer manchmal schwer, den richtigen Ton zu treffen, und griffen mitunter zu eigenartigen Methoden, sie zu beeindrucken. So erz√§hlte sie mir, dass sie einmal nachmittags zum Tee oder Kaffee bei einem Herrn eingeladen war, der, um seine auch in ihm waltende Liebe zur Musik unter Beweis zu stellen, eine Schallplatte von Smetanas Moldau aufgelegt und ihr dann das gesamte St√ľck zu den Kl√§ngen aus dem Lautsprecher vordirigiert habe.

Die oft gezeigte Souver√§nit√§t Doris Rothmunds hatte allerdings ihre Grenzen, wie ich einmal erfahren musste, als ich unmittelbar vor dem Klavierunterricht einen Goldhamster gekauft und diesen in einem Pappkarton mit etwas Futter in meiner Aktentasche verwahrt hatte. Unklugerweise, wenn auch arglos, erw√§hnte ich diesen Umstand, denn Doris Rothmund sprang wie von der Tarantel gestochen von ihrem Stuhl auf, und es h√§tte wenig gefehlt, dass sie auf den Fl√ľgel oder den Stuhl geklettert w√§re, um Schutz vor dem Untier zu finden. Aber Herbert …! Wie kannst du nur …! Sie war v√∂llig fassungslos und emp√∂rt, wie ich ihr dies habe antun k√∂nnen, so etwas in die Klavierstunde mitzubringen, als habe es sich um einen z√§hnefletschenden H√∂llenhund und nicht ein harmloses eingesperrtes Tierchen gehandelt, das kaum gr√∂√üer als eine Maus war. Vielleicht war es aber gerade diese √Ąhnlichkeit mit einer Maus, die sie so schockierte. Den Rest der Stunde wagte sie sich jedenfalls nicht mehr in die N√§he meiner Tasche, sondern stellte sich so, dass ich mich stets zwischen ihr und der Tasche befand und sie letztere gut im Blick behielt, falls da etwas rascheln oder sich bewegen sollte.

Ich lernte in der Zeit bis zu unserem Umzug nach Stuttgart im Sommer 1966 eine gro√üe Zahl neuer St√ľcke und machte, da mir die Musik zunehmend Freude bereitete, innerhalb der sechseinhalb Jahren Unterricht schnelle Fortschritte. Es begann mit Franz Schuberts Scherzo in B-Dur und endete mit Sergei Rachmaninows zweitem Klavierkonzert. Dazwischen lagen kleinere Werke von Bach, Sonaten von Mozart und Beethoven, Moments Musicaux und Impromptus von Schubert, Et√ľden von Chopin und Liszt, Schumanns G-Moll-Sonate, die ich mehrfach auff√ľhrte, einzelne St√ľcke von Ravel und Debussy. Besonders Liszts Klavierkonzerte und sein dramatischer Totentanz gefielen mir, zumal sie mir ziemlich gut in der Hand lagen, wie man das unter Pianisten nennt. Auch andere Klavierkonzerte wurden einstudiert, so das von Mozart in Es-Dur KV 271 oder Mendelssohns G-Moll-Konzert. Nicht alles wurde ganz fertig und wie f√ľr einen Konzertauftritt vorbereitet, denn einiges √ľberforderte meine M√∂glichkeiten doch noch zu sehr, und an mehreren St√ľcken verlor ich nach l√§ngerem √úben das Gefallen, so dass wir lieber zu Frischem wechselten. Dabei merkten wir bald, dass sich fr√ľhere Fehler manchmal verloren und Hindernisse, an die man sich gar nicht mehr erinnerte, gleichsam von selbst verschwanden, sobald die Musik und nicht die Fehler im Zentrum der Aufmerksamkeit standen. Andererseits versuchte ich mich an vielem, was mir an Noten in die H√§nde kam, wobei allerdings noch nichts aus der Musik der Gegenwart stammte. Franz√∂sische Impressionisten und einige Rum√§nische Volkst√§nze von B√©la Bart√≥k waren das j√ľngste, das mir in den Mannheimer Jahren begegnete, auch wenn ich beides mit Freude spielte und es mir wohltat, nicht jedes Fehlerchen der Harmonik sofort als falsche Note h√∂ren zu m√ľssen. An rein technischen Studien wurden besonders die √úbungen von Hanon empfohlen und gepflegt, wenn auch nicht als v√∂llig unerl√§sslich erachtet. H√∂hepunkt konzertanter Auff√ľhrungen waren Beethovens Rondo f√ľr Klavier und Orchester, das ich einmal mit dem Orchester der Hochschule im Kleinen Saal des Rosengarten auff√ľhren konnte, und Joseph Haydns Doppelkonzert in F-Dur f√ľr Violine, Klavier und Streichorchester. Letzteres spielte ich 1962 zusammen mit dem etwas √§lteren Geiger Bj√∂rn Kommer aus der Klasse von Claire Imhof.

 

 

Sechstes Kapitel
Doris Rothmund (Forts.)

Nach etwa einem halben Jahr Unterricht baute Rothmund Debussys kleinen Ragtime Le petit n√®gre in eines der Programme ihrer Klavierklasse ein, wie sie damals immer wieder einmal im Vortragssaal der Mannheimer Kunsthalle stattfanden. Dieser kleine, aber gepflegte Konzertsaal, gegen√ľber von meinem Gymnasium und nahe dem Wasserturm im Zentrum gelegen, war f√ľr die Zahl der zu erwartenden Zuh√∂rer ideal. Auch Richard Laugs h√∂rte ich in diesem Saal, zu abendlicher Stunde begleitet von meiner Mutter, mit sp√§ten Beethoven-Werken, darunter die Bagatellen und die Diabelli-Variationen; letztere langweilten mich entsetzlich, und ich hatte, zum Leidwesen meiner Mutter, die gr√∂√üte M√ľhe, still zu sitzen.

Die h√∂chste Stufe des damals in Mannheim Erreichbaren war allerdings ein Konzert im Rosengarten am Wasserturm, in dessen beiden S√§len ich gelegentlich gastierende Pianisten h√∂ren konnte. In besonders guter Erinnerung ist mir Stefan Askenase mit einem Chopin-Abend geblieben, doch auch Konzerte von Wilhelm Kempff, Robert Casadeus oder Hans Richter-Haaser besuchte ich. Von einigen Musikern holte ich mir, der Sammelleidenschaft eines bestimmten Alters folgend, Autogramme nach dem Konzert. Sp√§ter h√∂rte ich, ebenfalls im Gro√üen Saal, auch manches Symphoniekonzert, wobei mir die Auff√ľhrungen mit Horst Stein und Bernard Haitink am meisten gefielen. F√ľr meine Laufbahn erwies sich der Besuch eines Klavierabends von Arno Erfurth bedeutend, der in der Zeit stattfand, als unser Umzug bereits feststand und ich die Gelegenheit ergriff, einen an der Stuttgarter Hochschule lehrenden Pianisten im Konzert h√∂ren zu k√∂nnen. Erfurth spielte unter anderem Beethovens letzte Sonate, und wenn ich auch nicht hingerissen von seinem Klavierspiel war, so kam er doch als erfahrener P√§dagoge f√ľr den √úbergang in Betracht, wobei man sich auf ein solides, traditionsbewusstes Handwerk verlassen konnte und hoffen durfte, dass er das bisher Erreichte zumindest nicht verderben werde. Fand man Besseres, konnte man immer noch wechseln.

Bald nachdem ich Debussys Le petit n√®gre gelernt hatte, nahm ich, vermutlich noch 1960, an einem ersten kleinen Wettbewerb teil. Er wurde von einem der gr√∂√üten Mannheimer Kaufh√§user am Paradeplatz veranstaltet und fand nachmittags zur Unterhaltung der G√§ste im Restaurant des Hauses vor kuchenverzehrendem und kaffeetrinkendem, angeregt plauderndem und pausenlos mit Geschirr klapperndem Publikum statt. Die Bedienung nahm Bestellungen auf, servierte und kassierte. Ich war nicht unzufrieden mit mir, war aber doch sehr √ľberrascht und entt√§uscht, als ich nur den achten Preis errang. Der erste Preis fiel n√§mlich einem kleinen Jungen zu, der auf einer Trompete herumgequietscht und nach wenigen Minuten mit den Worten, er habe jetzt keine Lust mehr, das Podium unter dem Gel√§chter der Zuh√∂rer verlassen hatte. Mit so viel Albernheit hatte ich nicht gerechnet. So also ging es zu bei Wettbewerben. Jeder Teilnehmer erhielt ein billiges Abenteuerbuch mit handgeschriebener Widmung, dem Dank und den Empfehlungen des Kaufhauses. Ich bewahrte es einige Jahre auf, warf es aber schlie√ülich weg, da es immer wieder meinen √Ąrger wachrief, wenn ich es sah.

Meine Begeisterung f√ľr die Musik wurde durch dieses Ereignis freilich nicht ged√§mpft, sondern vermehrte sich stetig, und so hatte ich alsbald auch zu komponieren begonnen. Die fr√ľhesten St√ľcke, die sich erhalten haben, entstanden im Fr√ľhling und Sommer 1961. Im Juli des Jahres schrieb ich eine viers√§tzige Sonate in F-Moll, die ich nat√ľrlich Doris Rothmund zueignete und deren Manuskript ich ihr zu Weihnachten in den Briefkasten schob. Ich stellte aber f√ľr mich eine Abschrift her, die ich heute ebenso noch verwahre wie den Brief, den mir Doris Rothmund daraufhin schrieb. Es ist nicht die einzige Komposition aus der Zeit bis 1963, die fertig wurde. Sicherlich waren diese ersten Arbeiten keine Meisterwerke, sondern weitgehend Imitationen von Stilen, die ich kannte, und wenn ich auch nicht sicher bin, wie viel Talent sie zeigten, so wiesen sie sich doch zumindest durch Energie und Anspruch aus, nahmen beherzt den gesamten Umfang der Klaviatur in Gebrauch und zeigten auf ihre Weise, was es hei√üt, jung zu sein und Kraft zu haben. F√ľr mich war es ein Anfang und ein Bekenntnis zu einer Art des eigenst√§ndigen Lernens zugleich, da niemand mir gezeigt hatte, wie man so etwas wie eine Sonate schreibt. Ich hatte mich √ľber alle Vorg√§nge und Regeln belesen und mit dem verglichen, was ich in Noten fand, vor allem im ersten Band der Sonaten Beethovens. Eine wichtige literarische Quelle meiner damaligen Kenntnisse bildete Friedrich Herzfelds 1950 erschienenes Buch Du und die Musik. Ich entlieh es immer von neuem aus der B√ľcherei und las darin √ľber das musikalische Handwerk und manch Biographisches √ľber die Meister der Vergangenheit, ahnungslos, wie sehr sein Verfasser noch Jahre zuvor dem F√ľhrer nach dem Mund geredet hatte..

Dass meine erste Sonate in F-Moll stand, hatte nat√ľrlich damit zu tun, dass schon Beethoven seine zweiunddrei√üig Klaviersonaten in dieser vielversprechenden Tonart begonnen hatte. So tat ich es ihm nach, auch wenn – zum Gl√ľck – kein Beethoven aus mir wurde. Als n√§chstes wollte ich dann, dem Vorbild folgend, eine A-Dur-Sonate schreiben, aber dazu kam es schon nicht mehr. Zwar f√ľllte ich noch viele Seiten mit unterschiedlichsten Versuchen mit meiner eigens angeschafften schwarzen Tinte, die sich unbedingt vom K√∂nigsblau der Schultinte abheben und etwas unverwechselbar Eigenes sichtbar machen sollte, doch blieb das meiste skizzenhaft, brach ab und gewann keine endg√ľltige Gestalt. Der virtuose Einfluss Franz Liszts nahm teilweise stark √úberhand und m√ľndete in Konzertet√ľden, aber auch sie fanden kein Ende. Es war ein langer Marsch durch die Sackgassen, wie ihn wohl bisweilen so mancher junge K√ľnstler hinter sich bringen muss. Vielleicht h√§tte zu diesem Zeitpunkt ein erfahrener Kompositionslehrer meine Versuche einmal sehen und etwas dazu sagen sollen, um mir aus meinen Schwierigkeiten und Verwirrungen herauszuhelfen, doch ich scheute den Schritt und wollte mir in diesen ganz privaten Dingen von niemandem etwas sagen lassen. Der in Mannheim damals unterrichtende Komponist Hans Vogt war jedenfalls im Gespr√§ch, aber ich habe ihn nie aufgesucht oder kennen gelernt. Schlie√ülich hat es ja keinen Sinn, sich etwas auszumalen und einzubilden, wenn sich etwas aus sich selbst heraus in eine andere Richtung entwickelt und sich von ganz alleine entscheidet. Was und wie es tats√§chlich und wirklich geschah, war vielleicht ohnehin das Bessere und, gab es je eine Wahl, von zwei √úbeln das kleinere.

Gelang es mir auch nicht in dieser Zeit, meine musikalischen Gedanken auf dem Papier festzuhalten und so zu ordnen, dass sie mich selbst √ľberzeugten, so hatte ich doch zugleich begonnen, frei auf dem Klavier zu fantasieren und mich mit den Kl√§ngen, die sich in unaufl√∂sbarer Einheit sowohl aus der Vorstellung wie aus der unmittelbaren, n√§chstliegenden Bewegung der Finger auf den Tasten, aus Wissen und Versuchen, Bekanntem und Neuem ergaben, mehr und mehr anzufreunden. Es war so etwas wie das nie abschlie√übare Erlernen eines Vokabulars, das aus der Kenntnis der Buchstaben allm√§hlich zu S√§tzen und √ľbergeordneten Satzfolgen w√§chst und mit dem sich letztlich Eigenes, Stimmungen und Gef√ľhle, ebenso ausdr√ľcken lassen wie abstrakte Ideen. Meist lie√üen sich diese Bereiche aber gar nicht trennen.

Bald nach unserem Umzug nach Stuttgart im Sommer 1966 verlor ich den Kontakt zu Doris Rothmund. Ich war damals alles andere als ein guter Briefeschreiber und empfand es eher als Last, von dem, was mich bewegte, jemandem schriftlich zu berichten. Gerade im Bereich der Musik hatte ich wenig Bed√ľrfnis, ins Einzelne Gehendes √ľber meine Gedanken, Fortschritte oder R√ľckschritte, Hoffnungen und W√ľnsche, Entt√§uschungen, Zweifel und √Ąngste zu sagen, schon gar nicht in einer Form, die etwas Momentanes festhielt und vielleicht sogar zu R√ľckfragen und einer gewissen Regelm√§√üigkeit verpflichtet h√§tte. Es gab genug Aufgaben, die erf√ľllt sein wollten, und mein Freiraum schien mir ohnedies zu knapp bemessen. Zu solchen Mitteilungen bedarf es vor allem der Lust, andere teilhaben zu lassen am eigenen Leben, sonst wirken sie f√∂rmlich und bleiben an der Oberfl√§che. Doch zu viel war zu verarbeiten, das in den letzten Monaten und Jahren in Mannheim geschehen war, und gleichzeitig gab es so viel Neues, das durch unseren Umzug, die ver√§nderten Familienverh√§ltnisse mit der Neuverheiratung meines Vaters, den Schulwechsel, das Leben in der Landeshauptstadt oder das bevorstehende Abitur bedingt war.

Mehrfach habe ich im Laufe meines Lebens bemerkt, dass ich, trotz einiger Versuche in dieser Richtung, keine wirkliche Neigung entwickelte, zu alten Lehrern oder zu Orten, an denen ich einst gelebt hatte, zur√ľckzukehren, und erachtete es eher als einen mich absto√üenden und ungesunden Vorgang, das unwiederbringlich Vergangene zu suchen, ohne durch besondere Umst√§nde dazu gezwungen zu sein. Es glich einer R√ľckkehr in den Mutterscho√ü, einem R√ľckschritt in der Entwicklung und zeugte von geistigem Anlehnungsbed√ľrfnis. Bei Lehrern, auch denen, die man hochgesch√§tzt hatte, schl√ľpfte man, mochten sie sich noch so aufgeschlossen, tolerant und liberal geben, unversehens wieder in die alte Beziehung zwischen Sch√ľler und Lehrer, √§hnlich der Art und Weise, wie man vielleicht immer Kind seiner Eltern bleibt und wie beide Teile die urspr√ľngliche, allein durch den Altersunterschied vorgegebene √úberlegenheit verinnerlichen. Hier meinem Instinkt zu trauen und Lehrer nach der Lehrzeit besser zu meiden, schien mir das einzige Verhalten, das die Sch√∂nheit und Fruchtbarkeit des Unterrichts, aber auch die gewonnene Selbst√§ndigkeit bewies. Die Kunst des Lehrertums besteht nun einmal darin, sich √ľberfl√ľssig zu machen, nicht darin, eine lebenslange Abh√§ngigkeit zu stiften. Das Du, das mir gelegentlich angeboten wurde und das abzulehnen ich nie die Unh√∂flichkeit besa√ü, kam mir immer schwer √ľber die Lippen, denn das einst vorhandene Gef√§lle aus dem Mehr an Alter, Erfahrung und Macht l√§sst sich nicht mit einer √Ąnderung der Anredeform nachtr√§glich ausgleichen, selbst oder gerade dann nicht, wenn der Sch√ľler in manchen Dingen andere Wege eingeschlagen hat und √ľber seinen Lehrer gewisserma√üen hinausgewachsen ist.

Ein √§hnlich ungutes Gef√ľhl trat gegen√ľber Orten, an denen ich vormals gewohnt hatte, zu Tage. Die wenigen Male, da ich an solche zur√ľckkehrte, waren immer entt√§uschend und entsprachen meinen Erinnerungen so wenig, dass ich es k√ľnftig lieber sein lie√ü. Niemand kannte mich, ich kannte niemanden, alles war anders, selbst das Nass des Wassers, das Blau des Himmels und das Gr√ľn der Bl√§tter. Nichts hatte seine Frische, seinen Zauber behalten. Allein schon das Wissen, dass die Stelle meines Geburtshauses und unseres Gartens in Treysa durch einen Parkplatz ersetzt und das sch√∂ne Sinsheimer Wohnhaus ebenfalls abgerissen worden seien, weckte mich aus meinen Tr√§umereien, und ich erkannte die Gefahr, mir jene Erinnerungen, die ein Teil meiner Vergangenheit und in gewisser Weise mein unverbr√ľchlicher Besitz waren, durch eine j√ľngere Wirklichkeit ganz ohne Not entfremden, enteignen oder zerst√∂ren zu lassen.

So sah ich Doris Rothmund nicht wieder, erfuhr auch nicht, dass sie an multipler Sklerose, einer unheilbaren Krankheit unbekannten Ursprungs litt, und h√∂rte von ihrem Tod im Juli 1979 erst sp√§t und nur auf Umwegen. Ich lebte damals fast schon neun Jahre in K√∂ln, und meine letzte Br√ľcke zu Mannheim war Peter Vaith, der in K√∂ln Medizin studiert hatte, dessen Eltern nach wie vor im Mannheimer Stadtteil Lindenhof lebten und dessen Mutter einst eine Klassenkameradin von Doris Rothmund gewesen war. Vermutlich habe ich auch durch ihn die Nachricht von ihrem Tode erhalten. Ich erinnerte mich nun, dass Doris Rothmund gegen Ende unserer Mannheimer Zeit gelegentlich leicht gehinkt hatte, und mein Vater oder auch Peter Vaith, mit denen ich damals dar√ľber sprach, deuteten dies nachtr√§glich als m√∂gliches fr√ľhes Symptom der schleichenden Krankheit, deren Opfer sie wurde.

Ich las nun den Brief mit etwas anderen Augen, den sie mir als letzten kurz vor dem Jahreswechsel 1966/67 nach Stuttgart geschickt hatte. Sie antwortete damit auf einen Brief, in dem ich ihr von meinen ersten Begegnungen mit Arno Erfurth und dem bei den Wiener Klassikern verharrenden Unterricht bei ihm berichtet hatte, und bedauerte, mich nun auf so magere Kost gesetzt zu sehen. Ihr w√ľrde die Energie hierzu gefehlt haben, da sie selbst zu viel Freude an schwieriger Literatur habe, meinte sie. Von sich erz√§hlte sie, dass sie f√ľr Konzerte in Heidelberg und Br√ľssel arbeitete und versuchte, Szymanowskis M√©topes auswendig zu lernen. Am Ende des Briefes erw√§hnte sie, teilweise schon auf den Rand geschrieben, dass sie sich gerade f√ľr Untersuchungen im Krankenhaus habe aufhalten m√ľssen und dass man das Schlimmste bef√ľrchtet habe. Die Befunde seien aber zum Gl√ľck g√ľnstig ausgefallen, so dass sie wieder entlassen worden sei. Nur das Klavier habe ihr √ľber diese f√ľrchterlichen Tage hinweggeholfen, und ihre stumme Klaviatur habe sie mit sich ins Krankenhaus genommen.

Das einzige auffindbare Lexikon, das etwas Biographisches √ľber Doris Rothmund verzeichnet, scheint K√ľrschners Deutscher Musiker-Kalender 1954 zu sein, der Folgendes mitteilt (ich l√∂se die Abk√ľrzungen stillschweigend auf): ‚ÄěRothmund, Doris, Pianistin. Geboren am 26. XII. 1926 Mannheim - Elisabeth-Schule ebenda (Abitur) - Musikstudium: 1944 Musikhochschule Mannheim, 1946 Musikhochschule Heidelberg bei Richard Laugs und Martin Steinkr√ľger (Klavier), 1951 Meisterklasse Walter Gieseking daselbst - ab 1945 Konzertreisen, ab 1953 Lehrerin Musikhochschule Mannheim - Gedok [Gemeinschaft Deutscher und Oesterreichischer K√ľnstlerinnenvereine aller Kunstgattungen] - Mannheim, K.4.20.“ Hans-Peter Range nennt sie 1964 in einer Liste im Anhang seines Buches √ľber die Konzertpianisten der Gegenwart. Ein Nachruf erschien am 21. Juli 1979 im Mannheimer Morgen unter der √úberschrift: Pianistin und P√§dagogin Doris Rothmund gestorben. (Webseite √ľber Doris Rothmund.)

 

 

Siebentes Kapitel
Familienleben, Familiensterben

√úberblicke ich unsere Mannheimer Jahre als einen gr√∂√üeren, in sich geschlossenen Abschnitt meiner Jugend, ergibt sich ein zweigeteiltes Bild mit einer helleren und einer dunkleren H√§lfte. Dies mag zwar ebenso f√ľr alle anderen Zeiten gelten, doch sind die Gegens√§tze hier st√§rker, das Lichte strahlender, der Schatten tiefer als in sp√§terer Zeit. Ich wei√ü, ein solches Bild ist eine nachtr√§gliche Sehensweise, wie sie im Augenblick des tats√§chlichen Erlebens gar nicht m√∂glich ist, ein Vergleich, der sich erst im erinnernden Gegeneinanderhalten anstellen l√§sst. Man wusste ja in keinem Augenblick, wie der folgende aussehen wird, und t√§glich mischen sich die Gegens√§tze neu in unabsehbarer Weise. Hinzu kommt aber wohl auch, dass in der Jugend alle Eindr√ľcke frischer und st√§rker erscheinen. Alles ist auf seine Weise unbekannt und unterliegt noch keiner die Wirkung abschw√§chenden Wiederholung wie in h√∂herem Alter, wenn man alles Geschehen durch die Erinnerung an bereits Erlebtes besser einordnen, auf seine Erfahrungen zur√ľckgreifen und sich in gar manchem leichter behelfen kann.

Geh√∂rten die Sinsheimer Jahre mehr dem kindlichen Spiel im Freien, au√üerhalb des Hauses und einer Zeit an, die gegen√ľber der fast still stehenden in Treysa nur ganz unmerklich und sachte verstrich, so schien sich in den Mannheimer Jahren alles zu beschleunigen und im Innern der H√§user stattzufinden. Die k√∂rperlichen und geistigen Kr√§fte wuchsen, entfalteten sich und forderten ihr je eigenes Recht. Ein reiches Angebot an Schulen, Konzerts√§len, Theatern, Opernhaus, B√ľchereien, Museen, Sammlungen und vielen anderen Einrichtungen kam in der Gro√üstadt dem Lern- und Wissbegierigen in jeder Weise entgegen, √ľberforderten ihn sogar, und die unterschiedlichsten Gesch√§fte mit ihren anspruchsvollen, luxuri√∂sen Sortimenten konnten alle W√ľnsche, die sich regten, befriedigen, ja lie√üen sie zum Teil erst durch ihre Auslagen entstehen. Neigungen und Begabungen bildeten sich jetzt deutlicher aus, gewannen festere Form und m√ľndeten schlie√ülich in eine Berufswahl, die, auch wenn sie gewagt schien, keineswegs leichtfertig und ohne Bedenken, daf√ľr aber mit dem notwendigen Selbstbewusstsein und einer guten Portion nicht minder verzichtbarem Optimismus getroffen wurde.

In Mannheim fand jedenfalls das statt, was meinen weiteren Lebensweg pr√§gte: die Abwendung von der Chemie und Hinwendung zur Musik, denn in letzterer erblickte ich mehr und mehr meine Zukunft. Den w√ľrttembergischen Pietismus des 18. Jahrhunderts und Frickers Arbeiten lernte ich jedoch nicht durch meine in Stuttgart verbrachten Jahre kennen (auch wenn dies nahezuliegen scheint), sondern erst durch einen Zufall, als ich in K√∂ln lebte. In K√∂ln f√ľhrte ich 1970 das in Stuttgart nach dem Abitur begonnene Musikstudium fort, und hatte sich meine Achtung vor der ‚ÄěNeuen Musik“ zun√§chst in Stuttgart durch den Einfluss von Erhard Karkoschka und Helmut Lachenmann abgezeichnet und schlie√ülich sogar meinen Wechsel nach K√∂ln bewirkt, so konnte ich hier in K√∂ln das Erfahrene unmittelbarer erleben und meine Einsicht in die zeitgen√∂ssische Musik vergr√∂√üern. Die Mannheimer Zeit zeigte indes den Beginn eines sich √ľber die Jahre hin fortschreitenden Verst√§ndnisses, worum es in der Musik ging und was sich in ihr spiegelte, wenngleich auch Irrt√ľmer immer wieder zu ihrer Begleitung geh√∂rten.

Andererseits ging nun in Mannheim dieses innere und √§u√üere Wachstum mit Entwicklungen in unserer Familie einher, die all dies nachhaltig bedr√ľckten und betr√ľbten. √Ėffneten sich auf der einen Seite die gro√üen Tore von Kunst und Wissenschaft, wurde zu Hause die Welt enger und enger. Die Entfremdung meiner Eltern nahm mehr und mehr zu, und nur die Krankheit meiner Mutter verhinderte die anstehende Scheidung. Meine Mutter, die stets nur ihre hausfraulichen und elterlichen Pflichten erf√ľllt und keinen Beruf erlernt hatte, bereitete sich auf die Trennung vor, indem sie, um sp√§ter als Sekret√§rin arbeiten zu k√∂nnen, Abendkurse in Stenographie und Schreibmaschine an der Volkshochschule belegte. Zus√§tzlich suchte sie ihre bereits bestehenden Kontakte zum Roten Kreuz zu festigen und informierte sich √ľber Lehrg√§nge f√ľr die dort ben√∂tigten Hilfskr√§fte; auch ein Lehrbuch, das der Ausbildung von Schwesternhelferinnen diente, sah ich damals √∂fters bei ihr.

Die Spannungen, die diese Schritte und Ma√ünahmen ausl√∂sten, waren entsetzlich. Fast t√§glich gab es Auseinandersetzungen und Dem√ľtigungen, Beleidigungen, Wutanf√§lle, Verletzungen, Kr√§nkungen. Folgten Vers√∂hnungen, Rechtfertigungen und Entschuldigungen, schloss sich der Teufelskreis nach kurzem wieder, und alles begann von vorne. Aus den nichtigsten Anl√§ssen heraus entz√ľndete sich Streit, und es war deutlich, dass es nicht um die Sache ging, um die gestritten wurde. Tiefer Liegendes kam an die Oberfl√§che, das wom√∂glich √ľber viele Jahre hinweg im Verborgenen sich angesammelt hatte. Es schien einzig noch darum zu gehen, dem Stau der Gef√ľhle erneut freien Lauf zu g√∂nnen, der inneren Zerbrochenheit die Z√ľgel endlich wieder schie√üen zu lassen und gleichsam die Entt√§uschungen, das Entgangene, Unerreichte und Unerreichbare, Unerf√ľllte und Unerf√ľllbare, kurz die eigene Unzufriedenheit dem anderen aufzub√ľrden und vorzuwerfen, als liege hier die Ursache des ganzen √úbels und allen eigenen Versagens. Doch jeder neue Ausbruch verschlimmerte zugleich das schlechte Gewissen und die eigene Schuld und sch√ľrte untergr√ľndig das Feuer. Wir lebten in einem Krieg, in dem auch w√§hrend eines zeitweiligen Waffenstillstands ein erneutes Aufflammen der K√§mpfe stets zu bef√ľrchten war.

Angesichts der st√§ndigen Reizbarkeit und Ausbr√ľche meines Vaters und dem Nachgeben, Hinnehmen und Sich-Zur√ľckziehen meiner Mutter war schnell klar, dass wir Kinder die Partei unserer Mutter ergriffen und uns gegen den Vater stellten. Dies fand seinen sichtbaren Ausdruck in den gro√üen Ferien im Jahre 1965 darin, dass mein Vater erstmals allein verreiste und wir Kinder zusammen mit unserer Mutter drei Wochen an den Bodensee fuhren. Im Jahr zuvor war es zur Urlaubszeit bereits zu einer ersten Verschiebung gekommen, als meine Mutter zusammen mit meiner Schwester und mein Vater zusammen mit mir verreist waren. Es war in der Zeit unserer letzten gemeinsamen Ferien, dass meine Mutter erneut zu kr√§nkeln begann, nachdem sie im Jahr zuvor bereits einmal im Krankenhaus gelegen hatte. Man hatte sich auf Besserung, ja Heilung eingestellt; vom Sterben hatte damals noch niemand gesprochen. Doch dann begannen die unerbittlichen Schmerzen von neuem und wurden gr√∂√üer und gr√∂√üer.

 

 

Achtes Kapitel
Ein Flugzeug, ein Schiff und das liebe Geld

Nach einigen Jahren in Mannheim und vertrauterem Umgang mit den √ľbrigen Angestellten des Gef√§ngnisses gew√∂hnte sich mein Vater an, jeden Freitagabend mit einigen h√∂heren Beamten, darunter auch dem Direktor der Haftanstalt, in der am Eingangstor gelegenen Kantine Doppelkopf zu spielen und dabei dem Pf√§lzer Wein in reichlichem Ma√üe zuzusprechen. Dies zog sich stets bis sp√§t in die Nacht hin, und gew√∂hnlich waren wir eingeschlafen, ehe er nach Hause zur√ľckkehrte. Manches unsch√∂ne Verhalten entsprang dieser Herren-, Karten- und Zecherrunde, das ich lieber mit Schweigen √ľbergehe.

Seine √ľbrigen Abende verbrachte mein Vater, sofern er nicht seine Gutachten schrieb, eine ganze Zeitlang in der K√ľche, wo er pl√∂tzlich eine schier endlose Bastelleidenschaft entfaltete. War der Tisch nach dem Abendessen abger√§umt, holte er gro√üe Kartons und Werkzeug hervor und begann als erstes, ein aufw√§ndiges Modellflugzeug zu bauen, nicht nach eigenen Entw√ľrfen, sondern mit einem Bausatz und nach genauen Anleitungen. Die Maschine, eine einmotorige Piper, bekam einen benzingetriebenen, ohrenbet√§ubenden Propellermotor, den mein Vater, zur Freude der Nachbarn, einmal mitten in der Nacht startete. Da das Modell sich nicht steuern lie√ü, musste es an einem d√ľnnen Drahtseil gehalten werden, und man konnte es dann mit Hilfe eines h√∂lzernen Griffs in engerem oder weiterem Kreis um sich herum fliegen lassen. Damit ersch√∂pften sich seine M√∂glichkeiten.

Als alles f√ľr den Jungfernflug bereit war, begleitete ich meinen Vater zu einer Wiese zwischen der Gef√§ngnismauer und dem Zaun des Gaswerks, da er nicht gleichzeitig den Motor starten und das Seil, welches das Flugzeug am Davonfliegen hinderte, festhalten konnte. Etwas neugierig war ich nat√ľrlich auch, das Ergebnis so vieler Arbeit zu sehen. Doch alle M√ľhe war vergebens gewesen. War der Motor endlich angeworfen, drehte sich die Maschine nur brummend um sich selbst, hob aber keinen Millimeter vom Boden ab. Ihr Gewicht war zu gro√ü geworden, denn zuletzt hatte mein Vater das Modell, um es zu trimmen, eigenm√§chtig mit gro√üen Bleioliven aus seinem Angelkasten versehen, was sicher nicht in den Berechnungen und Vorschriften der Hersteller eingeplant war. Auch Nachbesserungen nutzten nichts, das Flugzeug flog nie.

Auch bei dieser Bastelarbeit verbarg mein Vater sein pers√∂nliches Interesse, indem er mich vorschob und mich zun√§chst zur Auswahl eines Modellbaukastens in ein Spielzeuggesch√§ft mitnahm. Dies hielt ihn keineswegs davon ab, die gesamte Arbeit des Zusammenbaus von Anbeginn an sich zu ziehen, und es wiederholte sich das bei der Modelleisenbahn kennengelernte Verfahren, meine Rolle auf anfallende Handlangerdienste, im Wesentlichen aber aufs Zusehen zu beschr√§nken. Er kannte sich ja mit Flugzeugen durch die Segelfliegerei aus, die er in seiner Marburger Studentenzeit als Hobby betrieben hatte und die im Sinsheimer Wiesental noch einmal f√ľr kurze Zeit wiederauflebte. Dies war mir nicht so unlieb, wie man denken k√∂nnte, denn im Grunde langweilten mich Flugzeuge, besonders wenn man sie wie einen Drachen immer an einer Schnur halten musste und sie sich nur im Kreis bewegen konnten. So sah ich ziemlich unbeeindruckt das Ger√§t heranwachsen und bedauerte es sogar, dass der Erfolg des eigentlichen Fliegens nach so vielen Anstrengungen schlie√ülich ausblieb.

Doch der R√ľckschlag d√§mpfte die neue Leidenschaft meines Vaters keineswegs. Eher stachelte der Misserfolg seinen Ehrgeiz an, und es schien, als sei er jetzt erst richtig auf den Geschmack gekommen. Von der Luftfahrt wechselte er zur Marine. So war sein n√§chstes zu bastelndes Werk und Projekt das Modell des ferngesteuerten Seenotrettungskreuzers ‚ÄěTheodor Heu√ü“, dessen Besonderheit darin lag, ein sogenanntes Tochterboot an Bord zu haben, welches nach dem Absenken einer Heckklappe gewassert, separat gelenkt und dann wohl auch wieder eingeholt werden konnte. Der Bau an diesem keineswegs billigen Schiff, dessen Original sich nach drei√üig Dienstjahren heute im Deutschen Museum in M√ľnchen befindet, zog sich √ľber viele Wochen hin, und des S√§gens, Feilens, Klebens, Schmirgelns, Grundierens und Lackierens war kein Ende.

Auch hier bedurfte es einer Rechtfertigung, dem unt√§tigen Rest der Familie die Angelegenheit plausibel erscheinen zu lassen. Diesmal wehrte die langj√§hrige, von Kindheit an ge√ľbte Passion meines Vaters, angeln zu gehen, jedem Verdacht unn√ľtzer Spielerei. Da ich ihn in dieser Zeit gew√∂hnlich zum Angeln begleitete, kam das Schiff aber nat√ľrlich auch mir zugute, zumindest indirekt. Die Theodor Heu√ü sollte n√§mlich so eingerichtet werden, dass sich an ihr die Angelschnur befestigen lie√ü und sie ferngesteuert den K√∂derfisch an eine geeignete, hechtverd√§chtige Stelle des Gew√§ssers ziehen sollte, die durch Auswurf der Angel unerreichbar war. Am Ziel angekommen lie√ü sich die Schnur per Knopfdruck ausklinken, und das Schiff konnte zur√ľck ans Ufer gesteuert werden.

Als wieder alles fertig war, wurde die Theodor Heu√ü auf einem Altrheinarm bei Lampertheim, n√∂rdlich von Mannheim, getestet, doch f√ľllte sie sich unmerklich mit Wasser, bekam Schlagseite und wurde pl√∂tzlich man√∂vrierunf√§hig. Zum Gl√ľck hatten wir unsere Angeln dabei und konnten den Havaristen mit Hilfe eines rasch ausgeworfenen Blinkers rechtzeitig vor dem drohenden Untergang bewahren. Abgedichtet und verbessert wurde der Kreuzer auch einige Male f√ľr den beschriebenen Zweck eingesetzt, gleichwohl war der technische Aufwand zu gro√ü, und die erhoffte kapitale Beute blieb aus, da zun√§chst einmal jeder Fisch Rei√üaus nahm, sobald sich das Boot mit seinem starken Elektromotor n√§herte.

Auch dieses Schiff ber√ľhrte mich nur wenig. Begriff ich zwar noch das Vergn√ľgen, ein solches Werk in die Tat umzusetzen und Schritt f√ľr Schritt unter den H√§nden heranwachsen zu sehen, war mir die Besch√§ftigung mit dem Fertigen g√§nzlich fremd und peinlich, und ich verstand es nicht, wie man sich mit seiner kleinen Steuereinheit an ein Br√ľckengel√§nder stellen oder ein Ufer setzen konnte, um nun das Schiff vor staunend beeindruckten Spazierg√§ngern seine stolzen Runden ziehen zu lassen. Doch jedem seine eigene Spielerei, solange ich sie nicht teilen muss.

Was an diesen Basteleien weit mehr verdross als die vergleichsweise harmlose Zurschaustellung handwerklicher Fertigkeiten und teuren technischen Besitztums, war der Umstand, dass mein Vater nicht nur uns Kinder, sondern selbst meine Mutter mit ihrem monatlich zuerteilten Haushaltsgeld st√§ndig zur Sparsamkeit anhielt und es wegen echter oder vermeintlicher Verst√∂√üe gegen diese Tugend immer wieder zu Streit kam. Als eines Tages das Gestell meiner Brille entzwei brach und ich ein neues brauchte, bekam er einen regelrechten Wutanfall, da die Kosten f√ľr den Ersatz etwas h√∂her ausfielen, als er es sich vorgestellt hatte, und dies, obwohl die sogenannte Beihilfe, bei der er als Beamter alle nicht von der Krankenkasse √ľbernommenen Betr√§ge einreichen konnte, gew√∂hnlich die Defizite beglich.

So wurde einerseits selbst bei notwendigen und kleinen Ausgaben gerechnet und gerechtet, w√§hrend andererseits f√ľr die kostspieligen Liebhabereien, und zwar nicht nur die Basteleien, sondern mehr noch die fast allj√§hrlich erneuerten Autos und ihre Pflege oder alles, was mit der Angelei zusammenhing, stets Mittel vorhanden waren, ohne dass ein Wort dar√ľber verloren wurde. Das passte nicht zusammen, ergab ein schlechtes Vorbild, und es war offensichtlich, dass hier mit zweierlei Ma√ü gemessen wurde. Dar√ľber hinaus verdiente mein Vater gut, angesichts seiner Nebent√§tigkeit sogar √ľberdurchschnittlich gut, und er hatte keinen Grund, die Pfennige zu z√§hlen. Geld war freilich ein Thema, dem er ebenso wie Fragen der Politik lieber aus dem Wege ging, und er beschr√§nkte sich auf Andeutungen und Bemerkungen zu gegebener Zeit und aus gegebenem Anlass, und man hatte stets den Eindruck, er habe in diesen Punkt etwas zu verbergen und wolle sich nicht in die Karten schauen lassen.

Nach dem Tod meiner Mutter nahm diese Empfindlichkeit in Geldfragen jedoch eine unerwartete Wendung. Mitunter schlug sie sogar ins Gegenteil um und machte einer manchmal ins Verschwenderische gehenden Gro√üz√ľgigkeit Platz, die nunmehr allerdings einen unvermeidlichen Beigeschmack von Kompensation, Ausgleich, Wiedergutmachung, ja selbst etwas von Bestechung erhielt und daher ebenfalls nicht geheuer war. Zu viel Unsauberes, Erniedrigendes hatte sich in den Jahren zuvor angesammelt, und mein Vater wusste, dass wir Kinder bei einer Scheidung guten Grund gehabt h√§tten, lieber zu meiner Mutter zu ziehen, als bei ihm auszuharren und seine Launen zu erdulden. Diese neue Gro√üz√ľgigkeit bew√§hrte sich weniger im Alltag, als dass sie zun√§chst in einem √úberma√ü von Weihnachtsgeschenken sich entlud und gleichsam zum Zeichen wurde, dass die schlechten Zeiten nun endg√ľltig vor√ľber seien. Doch es waren keine Geschenke und nichts Materielles, K√§ufliches, das wir in der Vergangenheit vermisst hatten. Gemangelt hatte es vor allem an Aufrichtigkeit, an √úbereinstimmung von Wort und Tat, gefehlt hatte es an Verst√§ndnis und Zuneigung. Das Vers√§umte lie√ü sich nicht mit Geschenken aus der Welt schaffen, zumal sie in diesem besonderen Fall sichtlich auch dazu dienten, die neue Frau meines Vaters zu beeindrucken.

Erst im Laufe der Jahre gelang es meinem Vater, ein ausgewogeneres Verh√§ltnis zum Geld und seinem Nutzen zu entwickeln, was ihm wohl umso leichter fiel, als er sich bei steigenden Eink√ľnften und stetig sich mehrendem Wohlstand l√§ngst nicht mehr um seine finanzielle Zukunft zu sorgen brauchte. Und dass meine Schwester nach Frankreich zog und heiratete und ich etwa ab Mitte der siebziger Jahre eigenes Geld verdiente, entlastete ihn zus√§tzlich.

Da sich in den Mannheimer Tagen mein Taschengeld aber noch in engen Grenzen hielt und ich gut haushalten musste, um mir wenigstens einen Teil meiner vielen W√ľnsche erf√ľllen zu k√∂nnen, versuchte ich seinerzeit, gleich vielen anderen Heranwachsenden, meine Finanzen aus eigenen Kr√§ften aufzubessern. Ich erteilte Nachhilfeunterricht in den unterschiedlichsten F√§chern, arbeitete eine Weile als Kegeljunge oder verteilte Werbung in Briefk√§sten, je nachdem, was sich bot, denn jede Mark war willkommen.

 

 

Neuntes Kapitel
Tod der Mutter

Nachdem im Februar 1966 meine Mutter schon √ľber vier Monate im Krankenhaus gelegen hatte, weckte mich mein Vater eines Sonntagmorgens. Er hatte gerade einen Anruf aus dem Krankenhaus erhalten. Meine Mutter war in der Fr√ľhe gestorben. Mit meiner Schwester zusammen fuhren wir zum Krankenhaus und gingen die endlosen, uns l√§ngst vertrauten G√§nge zum Zimmer meiner Mutter. Es war bereits leer. Eine Krankenschwester gab uns einige, wenige Habseligkeiten, die ihr geh√∂rt hatten, und beschrieb uns f√ľr den Fall, dass wir sie noch einmal sehen wollten, den Weg zu dem Raum, in dem sie nun lag. Wir gingen hinunter und nahmen Abschied.

 

 

 

 

 

Erste Eingabe ins Internet:  Dienstag,  20. April 2004
Letzte √Ąnderung:  Freitag, 29. April  2016

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