Romreise

 

Romreise

1. bis 5. Oktober 1988

 

von

Herbert Henck

 

 

Anreise

 

Sonnabend, 1. Oktober 1988

Morgens um halb acht klingelt der Wecker. Die Koffer, noch in der Nacht gepackt, stehen bereit, ein erster Kaffee ist getrunken. Kurz nach neun kommt das Taxi und bringt mich zum S-Bahnhof in Köln-DellbrĂŒck. Um 9.37 Uhr erreiche ich den Kölner Hauptbahnhof und gehe, wie oft vor Reisen, wenn Zeit bleibt, in die Buchhandlung am Haupteingang.

PĂŒnktlich um zwei Minuten vor neun fĂ€hrt der Intercity, der mich zum Frankfurter Flughafen bringt, aus dem Bahnhof. Mein Platz ist reserviert, im Großraumwagen 2. Klasse, im Nichtraucherabteil, am Fenster, in Fahrtrichtung sogar.

Bald setzt sich ein Mann mittleren Alters neben mich. Er ist schwarz gekleidet und hat am Anzugrevers ein kleines Kreuz stecken. Seiner Aktentasche entnimmt er nicht das erwartete Brevier, sondern ein FlÀschchen Sekt, öffnet es, kÀmpft mit dem Schaum, kauft, als der Servicewagen kommt, eine Bockwurst und Kaffee und liest einen Kriminalroman. Wir kommen nicht ins GesprÀch.

Im Frankfurter Flughafen erwarten mich lange Schlangen vor den Abfertigungs-Schaltern; Berge von GepĂ€ck stauen sich, wohin man sieht. Ich befĂŒrchte Schlimmes. Ich frage am Informationstisch nach meiner Fluggesellschaft und werde zur Schlange der »Alitalia« verwiesen. Nach langem Warten teilt man mir mit, mein Flug habe zwei Stunden VerspĂ€tung, fĂŒr die wartenden Passagiere werde aber im Transitrestaurant »Leonardo da Vinci« ein Gratis-Mittagessen bereitgehalten. Das FrĂ€ulein am Computer schreibt einen Betrag von 35 DM auf den Rand meiner Bordkarte, um sie als Gutschein zu kennzeichnen, und ich mache mich auf den Weg ins Restaurant. Es befindet sich schon hinter der Passkontrolle, und auf einer Rolltreppe geht es zum ersten Stock hinauf.

Man ist vorbereitet auf die Rompassagiere mit ihren Gutscheinen. In einer Ecke hat man Tische in langer Reihe formiert, militĂ€risch steht alles in Reih und Glied: Bestecke, Servietten, Aschenbecher und BierglĂ€ser, letztere mit der Öffnung nach unten schnurgerade ausgerichtet. Zwei gut bestĂŒckte GetrĂ€nkewagen mit Bier und Limonade erwarten den Ansturm der GĂ€ste. Ich bin einer der ersten, doch fĂŒllen sich die Tische wĂ€hrend meiner Mahlzeit schnell.

Kaum habe ich Platz genommen, kommt unaufgefordert als Eröffnung des Menus eine Tasse Tomatensuppe. Ich lehne ab, da ich nicht sicher bin, dass nicht eine FleischbrĂŒhe die Suppengrundlage ist und ich Versicherungen von Kellnern in diesen Fragen selten traue. Ein anderer Kellner bietet erneut Tomatensuppe an. Einem dritten erklĂ€re ich meine speziellen vegetarischen WĂŒnsche und muss mir zunĂ€chst sagen lassen, dass man auf so etwas nicht eingerichtet sei. FĂŒr alle GĂ€ste gebe es Steak, und ich bekĂ€me dann eben »gar nichts«.

Nach RĂŒckfragen bei wieder anderen Kellnern und in der KĂŒche erhalte ich aber schließlich doch eine vegetarische Mahlzeit – GemĂŒsecurry und Reis. Das Essen schmeckt mir, und ich trinke eine Flasche Coca-Cola. Kaffee ist auf Nachfrage nicht fĂŒr uns vorgesehen – fĂŒnfunddreißig Mark lassen wenig Spielraum.

Fern der Haupthalle finde ich in einem Seitengang eine ruhige Bank. Keine unmittelbaren Nachbarn, kein peinliches GegenĂŒber und verstecktes Beobachten, keine Musik und keine lauten Leute. Ich ĂŒbe mich in der Bedienung eines neuen Taschenrechners, den ich mir geliehen habe. Das Modell ist eigens fĂŒr Auslandsreisen erdacht, verfĂŒgt ĂŒber verschiedene Zeitzonen, und in einem besonderen Speicher lassen sich Wechselkurse bequem umrechnen. Ferner gibt es einen Wecker, Datumsanzeige und einen Taschenrechner. Mit allen Funktionen spiele ich, bis ich sie mir eingeprĂ€gt habe.

Anlass meiner Reise ist eine Konzerteinladung des ĂŒber mehrere GroßstĂ€dte Italiens verteilten Festivals Eco & Narciso (»Echo und Narziss«), das in diesem Jahr erstmals stattfand. Bei der Programmkonzeption war man bestrebt gewesen, Klassiker der modernen Musik jungen Komponisten gegenĂŒberzustellen, wobei eine gewisse Geistesverwandtschaft beider die BrĂŒcke bilden sollte.

Mit Roberto Doati, der zusammen mit Mario Messinis fĂŒr die Programmgestaltung zustĂ€ndig war, hatte ich mich auf John Cages Music of Changes als Hauptwerk eines Konzertabends geeinigt. Diesem SchlĂŒsselwerk der Zufallskomposition von 1951 sollte Walter Zimmermanns 1982 geschriebene Abgeschiedenheit vorangehen, ein stets leises StĂŒck, das auf den mystischen Erfahrungen Meister Eckharts grĂŒndete. Langsam wiederholte Töne und Zellen verschoben sich immer wieder neu gegeneinander und riefen ein GefĂŒhl von Konzentration und stehender Zeit hervor.

Die fĂŒnftĂ€gige Dauer der Reise erklĂ€rte sich aus der Wahrnehmung eines Spartarifs der Fluggesellschaft, der am Zielort einen Wochenend-Aufenthalt zwischen Abreise und RĂŒckkehr notwendig machte.

Meine Maschine, die auch aus Rom kommt, trifft schließlich ein, und bald wird mein Flug aufgerufen. Wir starten um 17.45 Uhr mit ĂŒber vierstĂŒndiger VerspĂ€tung.

Der Flug ist ruhig. Ich lese Thomas Bernhards Ein Kind zu Ende. Mein ĂŒber das ReisebĂŒro vorbestelltes vegetarisches Essen wird gebracht: Rohkostsalate, ein Brötchen und rote Trauben. Ein FlĂ€schchen Rotwein biete ich, ohne Erfolg, einer Nachbarin an – auch sie trinkt keinen Alkohol.

In Rom geht die Abfertigung durch Pass- und Zollbeamte zĂŒgig vonstatten. Wegen der VerspĂ€tung des Flugs versuche ich im Hotel anzurufen. Es kommt aber keine Verbindung zustande, und ich verliere 600 Lire in dem MĂŒnzautomaten. Ich gehe zu einem anderen Apparat, doch jetzt ist die Nummer besetzt, und ich erhalte mein Geld zurĂŒck.

FĂŒr 500 Lire (ca. 70 Pf.) kaufe ich einen Fahrschein zum Zentrum, und wenig spĂ€ter sitze ich im Bus in Richtung Rom, den einen Koffer auf den Knien, den andern auf dem freien Platz neben mir. Weit draußen auf einem Feld brennt ein großes Feuer, ein Bild wie aus Fellinis Roma.

Nach Erreichen der Stadt fahren wir erst an der Kleinen Pyramide, wenig spĂ€ter am Kolosseum vorbei (beide sind hell erleuchtet), und nach halbstĂŒndiger Fahrt halten wir an der Stazione Termini, dem Hauptbahnhof Roms. Vor dem Bus bieten Taxifahrer ihre Dienste an, und ich ĂŒberlasse einem von ihnen mein GepĂ€ck. Er lĂ€dt beide Koffer, mit gutem Grund, wie sich spĂ€ter zeigt, auf den vorderen Sitz neben sich, wĂ€hrend ich wie gewöhnlich hinten einsteige.

Die Fahrt dauert kaum zehn Minuten, und nach vergeblicher Suche in vielerlei engen Winkeln und GĂ€sschen nach der Via Margutta, in der mein Hotel liegen soll, habe ich 20.000 Lire zu bezahlen, was etwa 27 Mark sind. Ich werde offenbar betrogen und vermute, dass der Fahrer das Taxometer, das von meinen Koffern verdeckt war, bei Fahrtbeginn nicht zurĂŒckgestellt hatte.

Ich mache gute Miene zum bösen Spiel. Mangelnde Sprachkenntnisse und MĂŒdigkeit halten mich von Reklamationen ab. Ich zahle das Verlangte, nehme meine Koffer, die durch das große Paket der Cage-Noten besonders schwer sind, und gehe zu Fuß, wie von dem Taxifahrer bedeutet, in Richtung der Via Margutta. Ein Reklameschild ĂŒberspannt das GĂ€sschen: »Ristorante Vegetariano«. Hierher muss ich zurĂŒckfinden; ein vegetarisches Restaurant in solcher NĂ€he zur Unterkunft kĂ€me wie gerufen.

Bei der gesuchten Hausnummer angekommen wandelt sich das erwartete Hotel zu einer Pension im ersten Obergeschoss. Beides stimmt mich feindlich. Ich misstraue allen Pensionen, zumal solchen in höheren Etagen, befĂŒrchte Kontrolle und eine zu familiĂ€re AtmosphĂ€re. Ein schönes, großes Treppenhaus empfĂ€ngt den Besucher, ein altmodischer Lift mit ScherengittertĂŒr bringt mich nach oben. Dann werde ich Gast der Pension »Le Forte«.

Das Zimmer ist eng, dĂŒrftig möbliert und etwas unsauber; ich bin sicher, dass es sich um eine Nische handelte, die einst ein Umbau dem Hausflur abgewann. Die verschnittene Form des KĂ€mmerchens und sein ungewöhnlicher Marmorfußboden reden eine deutliche Sprache. Es mag an die vier Meter hoch sein, die WĂ€nde sind mit goldgelbem Stoff bespannt. In einem frĂŒheren Durchgang ist eine Kleiderstange befestigt, auf der KleiderbĂŒgel hĂ€ngen. Ein Vorhang teilt diesen »Schrank« zur Diele ab, deren Abmessungen gerade noch ein Öffnen der ZimmertĂŒre erlauben und die von einer Neonröhre schwach erhellt wird. Ein Wandschrank dient der Aufnahme der WĂ€sche, seine TĂŒren sind von einer Kamin-Attrappe umrahmt.

Hoch ĂŒber der TĂŒr zu dem winzigen Nebenraum mit Waschbecken, Dusche, Toilette und einem Bidet gibt es – ohne mir erkennbaren Grund – ein Fenster, das mit LĂ€den, wie sie ansonsten nur außen an HĂ€usern zu finden sind, verschlossen ist. Das Waschbecken ist extrem niedrig, so dass ich mich weit hinunterbeugen muss. Der Spiegel darĂŒber hĂ€ngt entsprechend tief und schneidet meinen Kopf ab; grĂ¶ĂŸere Distanz verhindert indes ein Schirm aus Plexiglas, der die Dusche zur TĂŒr hin abschließt.

 

 

Erster Tag in Rom

 

Sonntag, 2. Oktober 1988

Der neue Wecker lĂ€sst mich im Stich: ich habe die AM- und PM-Tasten verwechselt. Das FrĂŒhstĂŒck, das erfreulicherweise nur auf dem Zimmer eingenommen werden kann, besteht aus einem Croissant mit Zuckerguss, einem großen, luftigen Brötchen, zwei Portiönchen mit ErdbeerkonfitĂŒre, einem KĂ€nnchen mit hochkonzentriertem Kaffee und warmer Milch zum VerdĂŒnnen.

Als ich beim Wirt Kaffee nachbestelle, erklĂ€rt er mir, da er mich fĂŒr einen Amerikaner hĂ€lt, den Unterschied von amerikanischem und italienischem Kaffee. Als Beschreibung des italienischen Kaffees reißt er die Augen auf, greift sich ans Herz und flattert mit den HĂ€nden. Er mache »nervoso ... !«

Über die Spanische Treppe, die nur zwei HĂ€userblocks entfernt ist, steige ich zur Villa Medici hinauf, in der das französische Kulturzentrum untergebracht ist, und nach lĂ€ngerem Disput mit dem Portier in beiderseits schlechtem Französisch darf ich zum Saal hinauf, in dem mein Konzert stattfinden soll. Überall im Haus stoße ich auf Fernsehapparate, die sich provozierend von ihrer antiken Umgebung abheben und die Teil einer Videoinstallation zu sein scheinen, an der noch gearbeitet wird. Allein auf der etwa sechs Meter hohen Balustrade des Hofes, der noch ins GebĂ€ude einbezogenen ist, zugleich aber den Übergang zum Park bildet, zĂ€hle ich an die sechsundzwanzig GerĂ€te, und spĂ€ter sehe ich immer wieder Techniker in weißen Kitteln, die sich, auf gefĂ€hrlich hohen Gestellen balancierend, an den Apparaten zu schaffen machen.

Im Saal steht der FlĂŒgel, das grĂ¶ĂŸte Modell von Steinway, bereits auf der BĂŒhne. Einstweilen nagelt man jedoch noch Verschalungsbretter an bereitstehende Podeste, auf denen abends ein Chor stehen soll. Das HĂ€mmern wie das ungenierte Pfeifen der Arbeiter begleitet mein Üben in den nĂ€chsten Stunden. Drehe ich mich auf meinem Sitz am FlĂŒgel nach rechts, sehe ich aus einem hohen Fenster auf Rom hinunter, das in voller Mittagssonne liegt. Was fĂŒr ein Anblick! Rechts erkenne ich die Vatikankuppel, etwas links davon ragt der Engel der Engelsburg gerade aus dem Giebelmeer. Der Himmel ist wolkenfrei, und ein starker, warmer Wind drĂ€ngt mir die FensterflĂŒgel entgegen, als ich frische Luft in den Raum lassen will.

Ich arbeite bis drei Uhr und kehre in die Pension zurĂŒck, wo ich aus meinen mitgebrachten BestĂ€nden SojawĂŒrstchen und Brötchen esse und einen kurzen Mittagsschlaf mache. Dann gehe ich wieder zur Villa Medici hinauf, um Signora Bartholemy und Signor Canonico zu treffen. Erstere soll mir bei allen Problemen und Fragen behilflich sein, die sich dem Gast stellen, von letzterem erwarte ich einen grĂ¶ĂŸeren Vorschuss auf mein Konzerthonorar in italienischer WĂ€hrung. Ich treffe jedoch nur den Signor und nehme mein Geld in Empfang.

In den folgenden zwei Stunden mache ich einen Rundgang durch die Straßen. Ich kenne Rom so gut wie gar nicht, fĂŒhle mich aber zu Fuß und mit einem Stadtplan in der Tasche stets am wohlsten in fremden StĂ€dten. Ich nehme die Via del Corso in Richtung des Denkmals von Vittorio Emanuele II, biege nach rechts zum Tiber hin ab, sehe die Engelsburg nun aus der NĂ€he am anderen Ufer und gehe flussaufwĂ€rts, bis ich bei der Ponte Cavour den Kreis zur Via del Corso schließe. Die Via del Corso fĂŒhrt mich dann in Richtung der Piazza del Popolo.

Auf einem kleinen Platz haben mehrere Antiquare ihre BĂŒcher in einfachen HolzkĂ€sten ausgestellt. Sogar ein Kasten MusikbĂŒcher ist vorhanden. Ein Buch von Guido Guerrini ĂŒber Busoni, das 1944 in Florenz erschienen ist, ist fast unbenutzt, und nur die Streifen eines Klarsichtbandes, mit dem ein Vorbesitzer den Plastikumschlag verklebt hatte, haben auf dem Vorsatzpapier dunkle Flecken hinterlassen. Der Preis betrĂ€gt 28.000 Lire (ca. 38 DM), hĂ€tte sich aber beinahe um 10.000 Lire erhöht, wĂ€re ich beim Wechselgeld unaufmerksamer gewesen.

Der Verkehr ist sehr dicht und rasch, und es braucht Courage, ĂŒber die Straßen zu gehen. Anfangs schließe ich mich kleinen Gruppen von FußgĂ€ngern an, die gemeinsam Mut zum Vorstoß sammeln. An belebten Ecken verkauft man geröstete Kastanien oder Kokosnuss-StĂŒcke, ĂŒber die ein kleiner Springbrunnen Wasser sprĂŒht, um sie vor dem Austrocknen zu schĂŒtzen. Die HĂ€user sind oft schwarz gefĂ€rbt von Alter und Abgasen, alles ist noch viel enger, als es auf dem Stadtplan aussieht. Ich setze mich in eine Kirche, um einige Minuten auszuruhen, und bald bin ich wieder an der Piazza di Spagna.

Vergebens gehe ich dem Schild »Ristorante Vegetariano« nach, das ich gleich nach meiner Ankunft sah und das mich in die Via Margutta wies. In der Via Margutta gibt es jedoch ĂŒberhaupt keine Restaurants, sondern nur Galerien, LĂ€den mit AntiquitĂ€ten und exklusive Teppichhandlungen, alles kleine und teure GeschĂ€fte. So kaufe ich eine große Portion Pommes frites, drei TĂŒtchen mit Tomatenketchup und einen großen Becher Coca-Cola mit Eis, alles zum Mitnehmen, bei McDonald’s.

Ich bin durstig nach dem langen Aufenthalt auf der Straße, mein Hals ist rau. In meinem Zimmer richte ich meine Abendmahlzeit her; einen Teller und Besteck habe ich vorsorglich mitgebracht. Ich lese ErzĂ€hlungen von Paul Bowles in einer deutschen, an Kommafehlern reichen Übersetzung.

 

 

Zweiter Tag in Rom
Das Konzert

 

Montag, 3. Oktober 1988

Dreimaliges, durch lĂ€ngere Pausen unterbrochenes Klopfen weckt mich am nĂ€chsten Morgen. Die Wirtin bringt das unbestellte FrĂŒhstĂŒck, das genauso aussieht wie am Vortag. Nur das Croissant hat heute ein deutliches Orangenaroma. Noch zu verschlafen zum Sitzen an einem Tisch hole ich mir das Tablett ans Bett.

Nach dem FrĂŒhstĂŒck dusche ich. Wieder ist herrliches Wetter, der Wind so warm wie gestern. Ich gehe wieder zur Villa hinauf. Der FlĂŒgel steht jetzt am Ă€ußersten Rand der BĂŒhne. Ich schaffe mir etwas Raum, öffne den Deckel und beginne zu ĂŒben. Als Beleuchtung dient eine große Stehlampe, deren Kabel ich in den Nebenraum verfolgt hatte. Ein Ă€lterer Herr diktiert hier in großgemustertem und leichtem Bademantel einer SekretĂ€rin. Als ich um Strom fĂŒr die Stehlampe bitte, geht er zu einem Vorhang, dreht an einem versteckten Schalter und sagt lachend: »That’s a very difficult thing here!« – Das sei hier sehr schwierig!

In den nĂ€chsten Stunden habe ich keine einzige ruhige Minute im Saal. Die BĂŒhne muss umgebaut werden, die StĂŒhle sind zu ordnen, Mikrophone werden eingerichtet, Kabel neu verlegt. Der Klavierstimmer trifft ein, doch bitte ich ihn, spĂ€ter wiederzukommen, da die Stimmung durch mein notwendiges weiteres Üben leiden könnte. Der junge Mann macht eine saure Miene, lĂ€sst sich aber beschwichtigen und geht nach einigem Hin und Her.

Signora Coralie Bartholemy kann jetzt telephonisch herbeigerufen werden. Sie ist Ende zwanzig, zierlich, hĂŒbsch und freundlich. Sie fragt nach meiner Unterkunft und nimmt meine Beschwerden entgegen, bedauert, kein besseres Hotel gefunden zu haben. Alles war ausgebucht. Doch sie bietet erneute Suche an. Ich lehne schnell ab, da ich nicht vor dem Konzert die Unterkunft wechseln möchte und fĂŒr die noch verbleibende Übernachtung der Aufwand zu groß ist. Die bequeme NĂ€he zum Konzertsaal entschĂ€digt mich hinreichend. Die Signora bestĂ€tigt meinen Verdacht, am ersten Abend betrogen worden zu sein, als ich ihr den Preis der Taxifahrt nenne. Auf die Frage nach dem besten GeschĂ€ft fĂŒr Musikalien und Schallplatten empfiehlt sie Ricordi an der Piazza Venezia, wo ich am Abend zuvor schon gewesen war.

Erst jetzt erfahre ich, dass mein Konzert live gesendet werden soll; dies erklĂ€rt die Parabolantennen, die nicht wie vermutet zu der Videoinstallation gehörten. Im Garten der Villa hat man zwei enorme Hallplatten aufgestellt, und hinter einer Hausecke parkt der Aufnahme- und Übertragungswagen, in dem alles zusammenlĂ€uft. Hier höre ich einige Testaufnahmen ab, die mir der gefĂ€llige Aufnahmeleiter vorspielt, um meine Meinung einzubeziehen. Der Klang ist akzeptabel, nicht ĂŒbermĂ€ĂŸig schön oder hĂ€sslich, etwas zu prĂ€sent vielleicht. Das Instrument ist gut zu orten, und leichter Hall ist zugefĂŒgt, was mir wegen der Trockenheit des Saales aber durchaus angemessen erscheint.

Im Saal ist ein stĂ€ndiges Kommen und Gehen. Keiner nimmt irgend RĂŒcksicht, dass ich versuche, mich auf ein Konzert vorzubereiten. Manchmal ist ein ganzes Dutzend Leute anwesend. Man bringt eine Leiter, trĂ€gt einen Karton voller BĂŒcher vorbei, macht sogar Klangproben im Nebenzimmer (dessen TĂŒr ich demonstrativ schließe). Neugierige kommen, von dem Betrieb, in den sich mein Klavierspiel mischt, angezogen, bleiben am Eingang stehen und sehen allem zu, bis sie nach einigen Minuten gesĂ€ttigt wieder gehen.

Gegen zwei beende ich das Üben und bringe meine Noten in die Pension, da sie mir bei den geplanten EinkĂ€ufen zu hinderlich wĂ€ren. Vergebens suche ich einen Supermarkt. Nur widerwillig kehre ich in einem Bistro ein, das zugleich Pizzeria ist. Ich bestelle eine Pizza funghi ohne KĂ€se, grĂŒnen Salat und Coca-Cola, dann einen Espresso. Alles zusammen kostet 12.000 Lire, etwa 17 DM. Ich gehe zur Pension zurĂŒck, wieder an der Spanischen Treppe vorbei. »Wie die HĂŒhner auf der Stange sitzen sie da«, höre ich hinter mir einen Deutschen in abschĂ€tzigem Ton zu seiner Begleitung sagen, als er die vielen Menschen auf der Treppe sitzen sieht.

Gegen 19.30 Uhr bin ich wieder im Saal, um den FlĂŒgel fĂŒr Cages Music of Changes zu vorzubereiten. Ich nehme das Notenpult heraus, stelle es auf seine FĂŒhrungsschienen und befestige es mit Klebeband. Ich markiere mit Hilfe kleiner selbstklebender Etiketten die Agraffen im Bereich von zwei Oktaven und sehe mir die Rahmenkonstruktion und Saitenaufteilung nochmals genau an, um einige Stellen auch ohne Kennzeichnung zu finden. In ein Schall-Loch des Rahmens, durch das hindurch der Resonanzboden anzuschlagen ist, lege ich ein Papiertaschentuch, um eine BeschĂ€digung des Holzes zu vermeiden, und ĂŒber die Stimmstifte der rechten FlĂŒgelhĂ€lfte breite ich ein langes Filztuch, um einen Trommelstock und einen Kugelschreiber aus Plastik gerĂ€uschlos ablegen zu können.

Ich entferne mehrere ĂŒberflĂŒssige NotenstĂ€nder von der BĂŒhne, verlege Strom- und Mikrophonkabel so gut es geht unter den RĂ€ndern eines BĂŒhnenteppichs und sĂ€ubere diesen von den gröbsten Unreinheiten. Ich wasche mir die HĂ€nde, und als ich zurĂŒckkomme, fragt man, ob ich etwas zu trinken wĂŒnsche. Vielleicht einen Whiskey ...? – Ich bitte um eine Tasse Kaffee, die bald darauf von einem Kellner in weißem Jackett gebracht wird, woher auch immer.

Ein Rundfunkmoderator stellt sich vor, der fĂŒr die Radiohörer eine EinfĂŒhrung zu den StĂŒcken geben soll. Er fragt nach Einzelheiten meiner Biographie und macht sich Notizen. FĂŒr ihn ist im Nebenzimmer, das zugleich meine Garderobe darstellt, ein Tisch aufgebaut, auf dem ein Mikrophon steht und auf dem er seine Papiere ausgebreitet hat. Über Kopfhörer hĂ€lt er Kontakt zum Übertragungswagen auf dem Hof.

Dieser an den Konzertsaal hinter der BĂŒhne grenzende Raum ist ebenfalls ein kleiner Saal mit sehr hoher kuppelförmiger Decke. In alten, reich verzierten SchrĂ€nken stehen hinter Glas einheitlich in Halbleder gebundene Klassiker-Ausgaben und Geschichtswerke. Es gibt mehrere Schreibtische mit den ĂŒblichen BĂŒroutensilien, BĂŒcher sind auf dem Kaminsims und selbst auf StĂŒhlen gestapelt. Ein riesiger Gobelin hĂ€ngt an der Wand: Ein farbiger Buschmann und zwei Ochsen stehen im Mittelpunkt. Der Buschmann, spĂ€rlich bekleidet, trĂ€gt auf einer geschnitzten Stange einen schönen Teppich.

Eine Ă€ltere Dame kommt und stellt sich vor. Auch sie gehört zum Rundfunk, doch bleibt mir ihre genaue Funktion unklar. Sie fragt sogleich, ob ich schon wisse, dass Franz Josef Strauß gestorben sei. Ich wusste es nicht, und so erzĂ€hlt sie Einzelheiten von einem Jagdausflug.

Eine junge Frau bringt einen Stoß Papiere, die die finanziellen Abmachungen betreffen und die ich sĂ€mtlich unterschreiben muss. Ein Photograph, der fĂŒr eine Agentur arbeitet und seine Bilder den Zeitungen anbieten will, macht innerhalb von zehn Minuten etwa zwanzig Portraitaufnahmen. Meist richtet er das Blitzlicht gegen die Zimmerdecke. Ich weigere mich, fĂŒr eine Aufnahme am FlĂŒgel in den Saal zurĂŒckzukehren, da bereits Publikum anwesend ist.

Auf einem der Schreibtische entdecke ich eine hĂŒbsche Faksimileausgabe von Le Corbusiers Reiseaufzeichnungen aus dem Orient, eine Reihe in schwarze, glĂ€nzende Kladdenpappe gebundener Hefte in einer Kassette, in deren letztem die Aufzeichnungen transkribiert und ins Italienische ĂŒbersetzt sind. Ich schreibe den Titel in mein Notizbuch. Signora Bartholemy, die im Konzert fĂŒr mich umblĂ€ttern soll, weise ich kurz in das einfache System ein. Nach dem Konzert sagt sie, dies sei das erste StĂŒck von Cage gewesen, das sie gehört habe.

Der Saal, der gut einhundertfĂŒnfzig Personen fasst, ist vollbesetzt; nachtrĂ€glich erfahre ich, dass aus Platzmangel einige Leute weggeschickt werden mussten. Dies war aber auch bei den vorangegangenen Konzerten so gewesen und zeugte von guter Werbung.

Unmittelbar nach den Nachrichten und der Wettervorhersage beginnt um 21 Uhr die DirektĂŒbertragung. Der Moderator spricht etwa zehn Minuten, wobei ich wenig mehr als die Namen der Komponisten und die Titel der StĂŒcke verstehe. Dann trete ich auf. Ich fĂŒhle mich wohl, das Instrument ist nicht ĂŒbel und spielt sich ohne MĂŒhe, ist nicht zu hart intoniert und hat dennoch einen schönen hellen, glĂ€sernen Diskant. Besonders eine exzellente Funktionsweise des Tonhaltepedals fĂ€llt mir auf; vorsichtshalber hatte ich brieflich auf seine AnfĂ€lligkeit hingewiesen.

Schon nach wenigen Minuten von Walter Zimmermanns Abgeschiedenheit verlassen einige Besucher den Saal, aber ich weiß, wie schwierig dieses StĂŒck fĂŒr Zuhörer ist, die gerade Platz genommen haben, sich noch nicht beruhigt haben und sich erst auf Musik, Instrument, Raum und Sitzplatz einstellen mĂŒssen. Die zwei StĂŒcke des Programms ließen andererseits keine umgekehrte Reihenfolge zu.

Auch bei Cage gehen einige Zuhörer, doch nicht mehr als ein Dutzend und rĂŒcksichtsvollerweise vor allem in den Pausen zwischen den SĂ€tzen. Insgesamt ist man aber aufmerksam und trĂ€gt die Spannung mit. Das Husten hĂ€lt sich in Grenzen, und man nutzt die Unterbrechungen zwischen den SĂ€tzen ausgiebig, sich zu lockern. Der anschließende Beifall ist kurz; bei Zimmermann gehe ich nicht wieder auf die BĂŒhne zurĂŒck, bei Cage noch zweimal, bevor der Applaus endet.

Roberto Doati, einer der Organisatoren des Festivals und Herausgeber des so umfangreichen wie ansprechenden Programmbuchs, stellt sich vor, gratuliert und lĂ€dt mich zu dem nĂ€chsten Festival in zwei Jahren bereits ein. Das Thema werde entweder »amerikanische Musik« oder eine GegenĂŒberstellung von Folklore und auf sie bezogener Kunstmusik sein. Stehend unterhalten wir uns etwa eine halbe Stunde ĂŒber diese PlĂ€ne, er macht sich einige Notizen. Ich verspreche weitere briefliche Informationen nach meiner RĂŒckkehr.

Gegen 23 Uhr bin ich zurĂŒck in der Pension. Ein Anruf aus Deutschland erreicht mich, der Wirt holt mich in den kleinen Empfangsraum ans Telephon. Dann öffne ich eine Dose Sugo, ein Fertiggericht aus Sojagranulat in Tomatensauce, und löffele sie aus. Dazu esse ich das Brötchen, das noch vom FrĂŒhstĂŒck ĂŒbrig ist. Ich lese wieder ErzĂ€hlungen von Bowles und Ă€rgere mich weiter ĂŒber die entstellenden Kommafehler. Die meisten ErzĂ€hlungen sind mir zu blutig. Die Entspannung fĂ€llt, wie gewöhnlich nach Konzerten, schwer.

 

 

Dritter Tag in Rom
Ein freier Tag

 

Dienstag, 4. Oktober 1988

Am nĂ€chsten Morgen ist der Himmel leicht bewölkt, und es ist etwas kĂŒhler. Ideales Wetter zum Spazierengehen. Das FrĂŒhstĂŒck bringt mir heute eine dunkle Schönheit in Bluejeans, gegen zehn Uhr verlasse ich das Haus. Ich komme an der stets belebten Spanischen Treppe vorbei und schlĂ€ngele mich zwischen ObstverkĂ€ufern durch die Seitengassen zum Post- und Telegraphenamt, von wo aus ich Signor Latanza anrufen will. Er ist ein Sammler mechanischer Klaviere, und ich erhoffe von ihm AuskĂŒnfte ĂŒber Malipiero und andere Komponisten, die Originalwerke fĂŒr dieses Instrument geschrieben haben. Eine Frauenstimme am andern Ende der Leitung erklĂ€rt, dass ich eine veraltete Nummer hĂ€tte. Ich schlage die neue nach, doch hier meldet sich niemand. Mein Weg geht weiter in Richtung auf das Denkmal fĂŒr Emanuele II.

Unerwartet stehe ich vor den Schaufenstern von Ricordi, das kleiner als erhofft ist. Der Bestand an Schallplatten mit zeitgenössischer Musik ist bescheiden und belĂ€uft sich auf 150 oder 200 StĂŒck. Meine Cage-Platte mit der Music of Changes steht, vielleicht wegen des Konzertes, vorne an. Immerhin. Ich finde nichts, was mich interessiert. In der Notenabteilung ist das GedrĂ€nge zu groß und mein Mut zum Fragen zu klein. BĂŒcher ĂŒber Musik stehen verschlossen in einer ĂŒberfĂŒllten Glasvitrine, so dass man nicht einmal die Titel lesen kann. EnttĂ€uscht verlasse ich das GeschĂ€ft.

Ich gehe am Emanuele-Denkmal vorbei, um das Forum Romanum zu sehen, und folge der umgrenzenden Mauer, von der aus man einen guten Überblick hat. Im Hintergrund taucht das Kolosseum auf, und ich beginne die ZusammenhĂ€nge zwischen den Örtlichkeiten zu verstehen. Vielleicht unter dem Eindruck allzu vieler Hollywood-Filme ruft der Anblick der Ruinen jedoch fast nur Erinnerungen an Christenverfolgung, ArenakĂ€mpfe, MuskelmĂ€nner und Greueltaten in mir wach.

Auf dem RĂŒckweg trinke ich in einer Bar einen Espresso und eine Dose Coca-Cola (Diet), und da ich mich wieder an der Piazza Venezia befinde, betrete ich ein zweites Mal das GeschĂ€ft von Ricordi und spreche eine VerkĂ€uferin auf Alfredo Casellas Klaviertrio an, nach dem ich mich hatte umsehen wollen. Die VerkĂ€uferin fĂŒhrt mich zunĂ€chst zu einer Schublade mit Klaviermusik Casellas, doch nach weiteren ErklĂ€rungen finden wir im Fach fĂŒr Kammermusik ein Exemplar des StĂŒckes, schon etwas abgegriffen, aber eben das einzige, und so kaufe ich es fĂŒr stolze 54.000 Lire (75 DM). Ich frage nach BĂŒchern ĂŒber Casella, Busoni und Malipiero, und die Vitrine wird aufgeschlossen. In einem Buch ĂŒber Busoni blĂ€ttere ich und finde eine Angabe, die mir neu ist, doch kaufe ich nichts mehr.

Wieder benutze ich die Seitenstraßen und kleinen GĂ€sschen, um dem starken Verkehr der Hauptstraßen auszuweichen. Eine alte Frau hĂ€lt mir einen Blumenuntersetzer aus grĂŒnem Plastik entgegen, in dem schon einige MĂŒnzen liegen, und ich fĂŒge einen kleinen Geldschein hinzu. In der Kirche Sancti Apostoli, die an meinem Weg liegt, ruhe ich aus.

Einige Ecken weiter stehe ich plötzlich vor den Fontani di Trevi, die ich zwar vage von Bildern kenne, auf deren Anblick ich aber nicht vorbereitet bin. Der Brunnen gefĂ€llt mir in seiner Wildheit sehr, wenn es mir auch unpassend erscheint, ihn in einem so kleinen Winkel zwischen den HĂ€usern eingeklemmt zu sehen. Vielleicht macht aber gerade diese Enge, NĂ€he und ZugĂ€nglichkeit seine Beliebtheit aus – die Jugend jedenfalls belagert die Anlage allseits, watet mit nackten FĂŒĂŸen im Wasser und sonnt sich ungeniert.

Im Schaufenster eines LebensmittelgeschĂ€ftes sehe ich Romulus und Remus, gesĂ€ugt von der Wölfin, aus Brot gebacken, daneben die Ecke des Kolosseums mit der berĂŒhmten Bruchstelle, auch sie zum Verzehr. Man isst die Geschichte! Ich gehe in mehrere Buchhandlungen, Antiquariate und PlattengeschĂ€fte, doch nirgends finde ich etwas, das mich interessiert. Opern beherrschen den Markt.

Wieder gehe ich die Via del Corso zur Piazza del Popolo hinauf, denn hier soll in einer Nebenstraße, der Via dei Greci, das Conservatorio Santa Cecilia sein, dessen Musikbibliothek mein Ziel ist. Wieder komme ich an den Antiquaren vorbei, wo ich das Buch ĂŒber Busoni erstanden hatte. In einem winzigen ObstgeschĂ€ft in der NĂ€he der Piazza del Popolo kaufe ich ein Kilo weißer Trauben.

Nur wenige Schritt weiter gibt es eine Pizzeria. Ein Dutzend kleiner Tische steht auf der Straße, große Sonnenschirme dazwischen. Zwei amerikanische Touristen sind die einzigen GĂ€ste, auf der Straße so gut wie kein Verkehr. Ich setze mich und bestelle Spaghetti pomodoro, einen Liter Mineralwasser und Salat, letzteren vorsichtshalber »senza prosciutto et senza formaggio« (ohne Schinken und KĂ€se), was aber ohnedies nicht vorgesehen schien. Das Essen kommt rasch und ist gut; die Spaghetti sind etwas dick, doch »al dente«, mit Biss gekocht.

Ich finde das Conservatorio, dessen Bibliothek leider geschlossen ist. Wenig mehr entnehme ich den ausfĂŒhrlichen ErklĂ€rungen des Portiers, und so kehre ich zu meiner Pension zurĂŒck, die nur zwei Minuten entfernt liegt.

Mein Zimmer ist nicht aufgerĂ€umt, das FrĂŒhstĂŒckstablett steht noch auf dem Tischchen, das Bett ist noch in Unordnung. Ich gehe in den Empfangsraum und lĂ€ute das Glöckchen auf der Theke. Die Wirtin kommt hinter einem Vorhang heraus. Sie macht ein erschrockenes Gesicht, als sie mich sieht, und ich verstehe, dass sie vergessen hat, mein Zimmer zu machen. Da ich telephonieren will, schreibt sie den ZĂ€hlerstand auf ein Zettelchen und kehrt wieder in ihre GemĂ€cher hinter dem Vorhang zurĂŒck, wo eine vielköpfige Mittagsrunde lautstark tafelt.

Nach vergeblichem Versuch, Signora Bartholemy zu erreichen, habe ich ein lĂ€ngeres Telephonat mit Antonio Latanza, dem ich die Probleme mit meinem Malipiero-Kommentar erklĂ€re. Er ist sehr hilfsbereit, versteht meine Probleme und zeigt sich an kommenden Projekten interessiert. Er gibt mir mehrere Adressen und Telephonnummern, die mir weiterhelfen sollen. Zu meiner Überraschung besitzt er neben der Malipiero-Rolle auch jene von Casella, von der es auch eine (inzwischen leider vergriffene) Plattenaufnahme gegeben habe. Er lĂ€sst sich am Ende des GesprĂ€chs noch einmal meinen Namen buchstabieren, bekrĂ€ftigt abermals sein Interesse an einer Zusammenarbeit und gesteht: »The mechanical piano – that’s all my love!«, das mechanische Klavier ist seine ganze Liebe. Er bestellt GrĂŒĂŸe an JĂŒrgen Hocker, und ich bedanke mich fĂŒr seine UnterstĂŒtzung. Er sagt, ich mĂŒsse ihn besuchen, wenn ich wieder einmal nach Rom komme.

Gegen acht Uhr abends gehe ich wieder auf die Straße hinunter, zum Zeitvertreib und um nicht zu lange in dem hĂ€sslichen Pensionszimmerchen zu sein. Ich nehme mir den Vatikan als fernes Ziel. Auf der Via del Corso entdecke ich ein weiteres SchallplattengeschĂ€ft. Man ist im Begriff zu schließen, und ich muss mich beeilen. Ich fahre mit dem Aufzug in die dritte Etage, die Klassikabteilung.

Das Sortiment an zeitgenössischer Musik ist nur wenig grĂ¶ĂŸer als bei Ricordi, doch finde ich eine Platte mit Musik von Daniele Lombardi, den mir kurz zuvor Latanza als Verfasser eines StĂŒckes fĂŒr mechanisches Klavier genannt hatte. Die zweite Platte stammt aus der russischen »Melodija«-Reihe und enthĂ€lt unter anderem die Colorines von Silvestre Revueltas, was zwei Besonderheiten auf einmal sind. Ich kaufe beide Platten (19 DM das StĂŒck). Auch sie sehen abgegriffen aus und liegen offenbar schon lange in dem GeschĂ€ft.

Nachdem ich den Tiber ĂŒberquert habe, wird mir der Weg zum Vatikan zu weit und die Gegend, durch die ich komme, etwas zu einsam. So kehre ich ĂŒber den Fluss zurĂŒck und wandere ziellos durch die Gassen. Ich verirre mich gelegentlich, kann mich aber dank der guten Beschilderung und mit Hilfe meines Stadtplans, den ich dann unter einer Laterne konsultiere, immer wieder zurechtfinden. Ich stoße auf die Piazza Navona, wo ein Brunnen im Stil des Trevibrunnens steht, jedoch viel kleiner ist. Überall gibt es Staffeleien, und die Zeichner und Maler haben StĂŒhle und Lampen hergerichtet, falls ein Tourist sich portraitieren lassen möchte.

Ich mache einen großen Bogen nach SĂŒden und komme wieder an der Piazza Venezia heraus, sehe nochmals die Fontani di Trevi und bin gegen halb zehn zurĂŒck in meiner Unterkunft. Ich packe den Koffer; meine Beine schmerzen, die HĂ€nde sind leicht geschwollen.

 

 

Abreise

 

Mittwoch, 5. Oktober 1988

FrĂŒhmorgens, kurz nach halb sechs, werde ich fĂŒr einen Augenblick wach. Es regnet wolkenbruchartig. Ich sehe mich bereits von Kopf bis Fuß durchnĂ€sst, Koffer in beiden HĂ€nden, zur Metrostation eilen. Ich schlafe wieder ein und stehe um sieben auf, ziehe mich an und packe die restlichen Sachen zusammen. Die Straße ist schon wieder trocken, nicht einmal PfĂŒtzen sind zu sehen, und die Sonne scheint.

In der Pension ist noch niemand wach, und so klingele ich mehrmals. Als sich nach einer Weile noch immer nichts rĂŒhrt, schwenke ich die Glocke nahe an dem Vorhang, der zu den PrivatrĂ€umen fĂŒhrt. Da kommt der Wirt herbei, etwas verschlafen, doch freundlich wie immer. FĂŒr den Meldeschein schreibt er die Angaben aus meinem Pass ab, ich bezahle, und er holt das Wechselgeld aus dem Nebenraum.

Ich nehme die U-Bahn zum Einheitstarif von 700 Lire (97 Pf.) zur Stazione Termini, dann den Bus zum Flughafen. Durch den Berufsverkehr dauert die Fahrt fast doppelt so lange wie die Hinfahrt. Im Flughafen herrscht wieder grĂ¶ĂŸtes GedrĂ€nge und Durcheinander, etwa eine halbe Stunde verbringe ich in der Schlange zum Einchecken und zur GepĂ€ckaufgabe. Nach einem letzten Espresso und einem Becher Coca-Cola sitze ich schließlich am Gate 24, wo ich hingehöre. HĂ€nde und RĂŒcken schmerzen von den Koffern.

Das Flugzeug ist zu etwa drei Vierteln besetzt. Gleich nach dem Start bitte ich die Stewardess um einen neuen Platz, da an meinem Sitz die Nichtraucherzone beginnt und zwei besonders starke Raucher direkt vor mir sitzen. Auch hier steht das vegetarische Essen parat: eiskaltes GemĂŒse, ein Brötchen, ein Becher Wasser, rote Weintrauben. Ein FlĂ€schchen Wein und Cracker stecke ich als Mitbringsel ein. Dann kommt guter, starker Kaffee.

Die Landung in Frankfurt ist sanft; Passkontrolle, GepĂ€ckausgabe, Zoll – alles verlĂ€uft reibungslos. Ich rufe zu Hause an, um meine RĂŒckkehr anzukĂŒndigen. Um vier Uhr nachmittags bin ich wieder am Kölner Hauptbahnhof, zwanzig Minuten spĂ€ter bringt mich die S-Bahn nach Bergisch Gladbach, von wo aus ich ein Taxi nehme. Kurz vor fĂŒnf bin ich wieder zu Hause.

 

Anmerkung

Das vom 1. bis 5. Oktober 1988 entstandene originale Reisetagebuch wurde in den folgenden Jahren mehrfach revidiert, zuletzt Ende April 2000.

Mein Interesse an Werken fĂŒr mechanisches Klavier, von denen hier mehrfach die Rede ist, hatte seinen Ausgang von der Musik Conlon Nancarrows genommen. Nancarrow wurde gemeinsam mit György Ligeti am 15. Oktober 1988 zu dem vom Westdeutschen Rundfunk veranstalteten Festival Musik und Maschine. Nancarrow und Ligeti in Köln erwartet, dessen Programm Wolfgang Becker-Carsten und ich gemeinsam zusammengestellt hatten.

 

 

Erste Eingabe ins Internet:  Sonntag,  30. April 2000
Letzte Änderung:  Dienstag, 3. Mai  2016

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