Sinsheim an der Elsenz  (Teil 1)

 

Sinsheim an der Elsenz

1955–1959

Autobiographische Studien II
 

Teil 1

von

Herbert Henck

 

 

 



                 Teil 1

                 Kapitel 1     Aus dem Leben der Anstalt (I)
                 Kapitel 2     Im Unterschied zu Treysa
                 Kapitel 3     Heimweh, Wurst und Bauernm├Âbel
                 Kapitel 4     Wohnverh├Ąltnisse. Die Familienkutsche

                 Teil 2

                 Kapitel 5     Wohnverh├Ąltnisse (Forts.)
                 Kapitel 6     In Park und Garten
                 Kapitel 7     Aus dem Leben der Anstalt (II) Einzelne Pfleglinge
                 Kapitel 8     Erste Schulerfahrungen
                 Kapitel 9     Chemie (Anfang)

 

 

 

 

Erstes Kapitel
Aus dem Leben der Anstalt (I)

Im Sommer 1955, bald nach meiner Einschulung, ├╝bersiedelten wir aus dem hessischen Treysa an der Schwalm nach Sinsheim an der Elsenz in S├╝ddeutschland, wo mein Vater, qualifiziert durch seine Ausbildung als Facharzt f├╝r Nerven- und Gem├╝tskrankheiten und seine in den Heimst├Ątten von Hephata gesammelten Erfahrungen, die Stelle eines Direktors der Kreispflegeanstalt ├╝bernahm. Wir wohnten hier nicht ganz vier Jahre, bevor wir Anfang 1959 nach Mannheim umzogen.

Die kleine badische Kreisstadt Sinsheim liegt etwa in der H├Ąlfte zwischen Heidelberg und Heilbronn, und die malerisch auf einem H├╝gel erbaute Anstalt, deren Hauptgeb├Ąude aus dem ersten Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende stammen, befand sich damals am ├Âstlichen Ausgang der Ortschaft. Am Fu├če des H├╝gels floss stadteinw├Ąrts neben der Hauptstra├če die Elsenz, ein d├╝steres, totes Fl├╝sschen, von dem sich die Pflanzen- und Tierwelt dank seiner hochgradigen Verschmutzung bereits verabschiedet hatte. Ein schmaler Fu├čg├Ąngersteg f├╝hrte auf das andere Ufer hin├╝ber zu den Auen und Feldern des Wiesentals, ├╝ber das man von der Anh├Âhe der Anstalt weit ins Land hinaus bis zur fernen Ruine Steinsberg blicken konnte, deren ringsum sichtbaren Bergfried man auch den Kompass des Kraichgaus nennt.

Diese Kreispflegeanstalt diente nicht der Behandlung akut Kranker, f├╝r die es das nahe gelegene ├Ârtliche Krankenhaus gab, sondern sie war Wohn- und Heimstatt pflegebed├╝rftiger und geistig behinderter erwachsener Patienten. Auch wenn eine geschlossene Abteilung vorhanden war, so habe ich diese nie betreten und erfuhr nicht einmal, in welchem Geb├Ąude sie untergebracht war. Die Pfleglinge und Patienten lebten m├Âglichst selbst├Ąndig, standen aber stets unter ├Ąrztlicher Aufsicht und wurden von geschultem Personal betreut. Manchen merkte man ihre diagnostizierten Sonderlichkeiten, Entwicklungs- oder Verhaltensst├Ârungen oder wie immer man es nennen mochte ├╝berhaupt nicht an, oder erst, wenn man mit ihnen sprach. Andere fielen schon von weitem durch ihre Haltung oder ihre Art zu gehen und sich zu bewegen auf. Als Kind betrachtet man solche Eigent├╝mlichkeiten indes mit anderen Augen und nimmt sie, ohne dabei an Krankheit zu denken, wie etwas Naturgegebenes, Selbstverst├Ąndliches hin, was sicherlich nicht die schlechteste Sichtweise des allzu oft Unab├Ąnderlichen ist.

Aus Treysa, wo man den sogenannten Hephatanern, manchmal eine ganze Schar Kinder in Begleitung eines Erwachsenen, h├Ąufiger auf der Stra├če begegnete, waren uns solche Menschen durchaus bekannt, ja vertraut, und wir sahen keinen Grund, irgend Angst oder Abscheu vor ihnen zu haben. Und da uns die Eltern auch in Sinsheim den Umgang mit den Patienten nicht untersagten oder uns vor ihnen warnten, gingen wir auf viele zu und redeten oder spielten auch mit einigen von ihnen, waren interessiert oder gelangweilt, je nachdem, ob sie j├╝nger oder ├Ąlter, zug├Ąnglich oder zur├╝ckhaltend waren. Wir waren arglos und sahen keinen Grund zu besonderer Vorsicht, zumindest nicht mehr als bei anderen Fremden, und erkannten kaum, in welchem Umfang diese Menschen aus der Gesellschaft ausgegrenzt, ja ausgesto├čen waren und ein Leben nach eigenen Gesetzen f├╝hren mussten, manche darunter von klein auf. Die meisten hatten aber fast immer Zeit f├╝r uns, wenn wir sie ansprachen, und dies nahm uns bereits f├╝r sie ein.

Nur selten kam uns zu Bewusstsein, dass diese Anstalt f├╝r viele Pfleglinge die letzte Station ihres irdischen Daseins war, denn wir sahen nur jene, die ins Freie gelangten und somit als ungef├Ąhrlich, umg├Ąnglich und friedfertig betrachtet wurden. Zu den eigentlichen H├Ąusern mit ihren Schlaf- und Aufenthaltsr├Ąumen oder den Speises├Ąlen hatten wir keinen Zutritt. Dasselbe galt nat├╝rlich erst recht f├╝r die Stationen mit Bettl├Ągerigen und allen schwereren Pflegef├Ąllen, und nur aus Kan├╝len, leeren Infusionsflaschen, Plastikschl├Ąuchen und anderem benutzten medizinischen Zubeh├Âr, das an einer stillen Ecke des kleinen M├╝llplatzes der Anstalt gleich neben der Kompostieranlage deponiert war, lie├č sich erahnen, dass es hinter den ernsten Mauern und Fassaden Bereiche gab, in denen diese Welt vielleicht noch ganz anders und weit d├╝sterer aussah. Starb ein Pflegling, was des ├Âfteren vorkam, erschien eine schwarze, einsp├Ąnnige und vielfach verzierte Kutsche als Leichenwagen und ├╝berf├╝hrte in langsamer und einsamer Feierlichkeit die schon im Sarg Ruhenden aus der Anstalt zum st├Ądtischen Friedhof hinunter. Auch das Pferd trug Trauer, denn man hatte ihm eine schwarze gestickte Decke ├╝ber den R├╝cken gelegt.

Arbeitsf├Ąhige Patienten wurden nach M├Âglichkeit besch├Ąftigt, wozu es aber in den reichlich vorhandenen Werkst├Ątten, in der Landwirtschaft oder der G├Ąrtnerei mancherlei Gelegenheit gab. Andere konnten sich in den gro├čen, dank der vielen helfenden H├Ąnde stets musterg├╝ltig gepflegten Anlagen frei bewegen, spazieren gehen oder sich in eine der Lauben setzen, durften das Anstaltsgel├Ąnde aber nicht verlassen. An einer Pforte, die auch nachts besetzt war, wurde kontrolliert, wer Zugang hatte und wer die Anstalt verlassen durfte. Ank├Âmmlinge mussten l├Ąuten, und ├╝ber eine Gegensprechanlage erkundigte sich der Pf├Ârtner nach den W├╝nschen der Besucher, telefonierte im Zweifelsfall, machte einen Eintrag im Besucherbuch und dr├╝ckte schlie├člich, um sich nicht jedes Mal vorbeugen zu m├╝ssen, mit einem h├Âlzernen Lineal auf einen unter seinem Fenster gelegenen Knopf, wodurch sich drau├čen das elektrische Schloss der schmiedeeisernen T├╝r ├Âffnete. F├╝r eintreffende Fahrzeuge musste der Pf├Ârtner sein H├Ąuschen verlassen und das Haupttor von Hand bedienen.

Je nach Art der Erkrankung und Schwere des Falls war einigen Patienten auch das Verlassen der Anstalt gestattet, und sie konnten allein oder in Begleitung in die Stadt hinunter gehen; zu den Mahlzeiten oder sp├Ątestens am Abend erwartete man sie jedoch zur├╝ck. Gewiss waren es ├Ąrztliche Entscheidungen, die all dies regelten und verantworteten. Zu den Freig├Ąngern geh├Ârte etwa ein schon betagter Mann, den alle nur den Professor nannten, denn er sollte fr├╝her einmal Mathematikprofessor gewesen sein. Er war schlank, ja hager, trug unabh├Ąngig von der Jahreszeit einen hellgrauen Anzug und hatte sein str├Ąhniges, gelblich-wei├čes Haar nach hinten gek├Ąmmt. Er war fast nur eine Silhouette, mit der sich nicht sprechen lie├č, denn Schweigen schien seine Hauptbesch├Ąftigung zu sein. Gleichwohl sah man ihn auf seinen Spazierg├Ąngen nie allein, sondern stets in Begleitung einer Pflegerin oder Angeh├Ârigen. Gelegentlich b├╝ckte er sich und las eine Zigarettenkippe von der Stra├če auf, zerkr├╝melte sie und stopfte das Restchen Tabak in eine kleine Pfeife, um es zu rauchen. Von dieser zwanghaften Angewohnheit, die offensichtlich Ausdruck eines Leidens war und die wohl auch keine ├Ąrztliche Kunst mehr zu heilen vermochte, hatten sich seine Fingerspitzen im Laufe der Zeit v├Âllig gelb gef├Ąrbt.

Was mein Vater bei seiner Bewerbung um diese Anstellung wohl nicht recht erkannt hatte (oder hatte erkennen k├Ânnen) und was sp├Ąter st├Ąndig zu Auseinandersetzungen, ja ├ärger mit den geldgebenden kommunalen Beh├Ârden f├╝hrte, war der Umstand, dass er nicht nur die ├Ąrztliche Leitung der Einrichtung ├╝bernommen hatte, sondern sich gleichzeitig auch um deren wirtschaftliche Belange zu k├╝mmern hatte. Man verf├╝gte nicht ├╝ber die Mittel oder die Einsicht, vermutlich ├╝ber keines von beiden, dass ein eigener Verwaltungsdirektor die ungleich bessere L├Âsung gewesen w├Ąre, und so sparte man am falschen Ende. Vorschl├Ąge, die mein Vater im wirtschaftlichen Bereich machte, stie├čen oft, wie er uns freim├╝tig wissen lie├č, auf Unverst├Ąndnis, ja Engstirnigkeit, und als Beispiel erz├Ąhlte er wiederholt, welch harte Kritik ihm allein seine Anweisung eingetragen habe, die tr├╝ben alten 15-Watt-Gl├╝hbirnen in den Anstaltstoiletten durch hellere ersetzen zu lassen. ÔÇ×Des goat mer noch net nunner!“ (Das geht mir noch nicht ’runter!), zitierte er den bezeichnenden Ausspruch eines Ratsmitgliedes, dem solche Verschwendung nicht einleuchten wollte.

Streitigkeiten dieser Art waren meinem Vater fremd, und es h├Ątte wohl h├Ąrterer Bandagen, l├Ąngerer politischer Erfahrung oder gr├Â├čeren diplomatischen Geschicks bedurft, sich gegen├╝ber der vereinten Macht des manchmal eher auf Sparsamkeit als auf das Wohl der Patienten und Pfleglinge bedachten Provinzialismus zu behaupten. Auch die von meinem Vater angeregte Verlegung des Haupteingangs der Anstalt an eine am anderen Ende des Gel├Ąndes befindliche Stelle, wo es in einer ruhigen Seitenstra├če bereits hinreichend Platz zur Einfahrt f├╝r Last- und Lieferwagen und sogar schon ein gro├čes Tor in der Mauer gab, wurde zun├Ąchst kategorisch abgelehnt. Man wollte unbedingt an der alten Auf- und Einfahrt festhalten, obwohl diese f├╝r gr├Â├čere Fahrzeuge in zu spitzem Winkel von der Hauptstra├če abzweigte; doch der h├Âhere Repr├Ąsentationswert und g├╝nstige Eindruck, den Besucher von diesem einladenden Empfang gewannen, gaben den Ausschlag, sich gegen eine ├änderung zu str├Ąuben. Nach meines Vaters Ausscheiden verwirklichte man seinen Plan jedoch, da auf l├Ąngere Sicht dessen Zweckm├Ą├čigkeit nicht zu ├╝bersehen war. Der Landrat, ein Herr Dr. Herrmann, der uns Kindern durch eine gro├če dunkle Hornbrille auffiel, fuhr des ├Âfteren in seinem vornehmen Dienstwagen mit Chauffeur vor und besuchte die Anstalt. Er hatte zun├Ąchst die Wahl meines parteilosen Vaters beg├╝nstigt, doch scheint es sp├Ąter gerade mit ihm die ernstesten Meinungsverschiedenheiten gegeben zu haben, die meinen Vater schlie├člich bewogen, sich nach einer anderen Anstellung umzusehen und zu k├╝ndigen.

Das Gehalt, das man meinem Vater zahlte, war nicht ├╝berm├Ą├čig hoch, doch stellte man, gewiss zu Recht, die Benutzung einer sch├Ân gelegenen, bequemen und fast schon herrschaftlichen Dienstwohnung und sonst mancherlei Annehmlichkeit, welche die enge Nachbarschaft zur Anstalt bot, in Rechnung. Zu diesen Vorz├╝gen geh├Ârten neben freier Heizung und Warmwasserversorgung etwa, dass unsere W├Ąsche in der Anstaltsw├Ąscherei gewaschen wurde und gest├Ąrkt und geb├╝gelt in einem Korb ins Haus zur├╝ckgebracht wurde, dass Maler-, Klempner-, Schreiner- oder Schusterarbeiten z├╝gig von den Handwerkern der Anstalt erledigt wurden oder der Anstaltsg├Ąrtner mit seinen Gehilfen auch unseren Garten mitversorgte, soweit dies meinen Eltern erw├╝nscht war.

 

 

Zweites Kapitel
Im Unterschied zu Treysa

Der Unterschied zu Treysa war riesig, doch es gab Vor- und Nachteile. Als Kind sieht man freilich die Nachteile st├Ąrker, da Gewohntes aufgegeben und das viele Neue, das erst noch der Bew├Ąhrung bedarf, eher drohend und einsch├╝chternd empfunden wird. Auf einen Teil der Selbst├Ąndigkeit ist wieder zu verzichten, die Abh├Ąngigkeit wird erneut ein St├╝ck gr├Â├čer. Au├čer wenigen Mitgliedern der Familie l├Ąsst man fast alle Menschen zur├╝ck, mit denen man einst umging, und andere nehmen ihren Platz ein. Man begegnet neuen Gesichtern, Sitten und Gebr├Ąuchen, und bald fragt man sich, ob man ├╝berhaupt dazugeh├Âre oder nicht, denn nicht alles will gleich anfangs gelingen, und man begeht aus Unsicherheit noch so manchen Fehler, bevor man erkennt, auch hier werde nur mit Wasser gekocht.

In Treysa hatten zahlreiche Verwandte beider Elternteile gewohnt – Gro├čeltern, ja Urgro├čeltern, viele Gro├čtanten und Gro├čonkel. Lebten auch nicht alle unmittelbar in Treysa, so doch zumeist in der n├Ąheren Umgebung wie in Schrecksbach, Ziegenhain, Malsfeld, Melsungen oder Alsfeld. Die in Treysa ans├Ąssigen kamen zwanglos auf einen Sprung vorbei, unangemeldet versteht sich, je nachdem wie nah sie meinen Eltern standen. Man machte da wenig Umst├Ąnde und lud sich kurzerhand selbst. Auch Pfleglinge aus Hephata klingelten regelm├Ą├čig, nicht nur der alte stadtbekannte Friedrich, der die Geburtstage aller Treysaer Einwohner (und auch alle Predigten, die er geh├Ârt hatte) auswendig kannte und p├╝nktlich zur Gratulation erschien, um sein St├╝ckchen Kuchen in Empfang zu nehmen. Sich andere Zahlen zu merken, soll ihn hoffnungslos ├╝berfordert haben, und mein Vater versicherte, dass man ihm selbst einen so einfachen Auftrag wie den Einkauf von vier Heringen und drei Br├Âtchen nicht habe anvertrauen k├Ânnen, da er die Zahlen unweigerlich verwechselt h├Ątte. Auch zu anderen Festtagen und feierlichen Anl├Ąssen soll er erschienen sein und nicht gez├Âgert haben, allen einen ÔÇ×Frohen Totensonntag!“ zu w├╝nschen.

Unser Fernsehapparat im Wohnzimmer, den Erz├Ąhlungen meines Vaters zufolge der dritte in Treysa ├╝berhaupt, war oftmals ein beliebter Treffpunkt und Sammelplatz gewesen, sei es, um 1953 an der Kr├Ânung der englischen K├Ânigin Elisabeth II. oder im Jahr darauf am Endspiel der Fu├čball-Weltmeisterschaft teilzunehmen. Zu solch herausragenden Anl├Ąssen war das Zimmer brechend voll, und besonders bei der genannten Fu├čball├╝bertragung herrschte eine solche Hochstimmung, dass man in heller Begeisterung mit den F├╝├čen in der Luft strampelte und vor Aufregung ein Sofakissen zerriss. Oder wir gingen zur Bahnhofsgastst├Ątte meines Gro├čvaters hinunter, wo tags├╝ber immer Betrieb war und ich schnell gelernt hatte, Gl├Ąser zu sp├╝len oder Bier vom Hahn zu zapfen und den G├Ąsten zu servieren, was mir des ├Âfteren einen F├╝nfer oder einen Groschen zur Belohnung eintrug.

Auf der Stra├če gab es allzeit vertraute Gesichter, denn wir mussten nur wenige Schritte die Burggasse hinaufgehen, vorbei am Hotel zur Burg, einem alten Fachwerkhaus mit Butzenscheiben, dem Pfarrhaus und der Totenkirche mit dem Buttermilchturm, um schon in der Mitte der Stadt, auf dem Rathausplatz und am Johannisbr├╝nnchen zu sein. Als Kinder waren wir in der Nachbarschaft bekannt, mancherorts gern gesehen und willkommen, sofern es die Zeit erlaubte – sei es bei dem Feuerwehrmann Schuh, der Brennesseln mit blo├čer Hand ausrei├čen konnte, dem Polizisten Ross, den Steinmetzen Noll, Vater und Sohn, oder dem Zahnarzt Muhl. Und Letzterer nahm uns Kindern nicht ├╝bel, sondern lachte aus vollem Halse, wenn wir reimten: ÔÇ×Der Onkel Muhl, sitzt auf dem Stuhl und macht ein Geschwuhl.“ Dass unsere Reime vielleicht noch eine andere Bedeutung haben konnten, kam uns nicht in den Sinn.

Wir kannten den alten Naumann, der sich immer mit stark zitternder Hand auf seinen Spazierstock st├╝tzte, und die alten Kramers im Dachgeschoss unseres Hauses, die gelegentlich von einem Kind mit Namen Heiner Besuch hatten. Frau Kramer rief dann, um Heiner zum Essen zu holen, mittags mit lauter Stimme aus einem der obersten Fenster in den Garten hinunter. Zwei Schulfreundinnen meiner Schwester kamen aus der Ascher├Âder Strasse von jenseits der Eisenbahnlinie her├╝ber: Renate Wetzel, die Tochter unseres ersten Lehrers, und Annemarie Hohmeyer, die Tochter des B├╝rgermeisters. Auch bei Hilde Ferber waren wir gern gesehen, soweit sie nicht gerade zu besch├Ąftigt war. Sie wohnte direkt ├╝ber uns und f├╝hrte mangels eines eigenen Anschlusses h├Ąufiger recht ausgedehnte Telefonate an unserem Apparat. (Ein Telefon war noch die Ausnahme, doch ├ärzte besa├čen nat├╝rlich ein solches.) Mein Vater filmte sie einmal bei einem solchen Telefonat, doch filmte er dazwischen immer wieder die K├╝chenuhr, die er in den Pausen mit der Hand vorstellte. Da man sp├Ąter in dem fertigen Film die inzwischen verstrichene Zeit zu sehen glaubte, schien es, als habe ÔÇ×Tante Hilde“ Stunde um Stunde telefoniert. Sie wurde unmittelbar nach dem Krieg als erste Leiterin der Oberschule eingesetzt und unterrichtete dort in der Folge die F├Ącher Kunst und Religion. In ihrer Wohnung malte und zeichnete sie viel und arbeitete in gro├čem Format an Entw├╝rfen f├╝r Kirchenfenster.

All dies und mehr sorgte f├╝r Abwechslung und Anregung, wehrte der Langeweile und verschaffte der kindlichen Neugierde stets frische Nahrung. Ich wurde von den verschiedensten Leuten angesprochen und fand auch immer jemanden, den ich meinerseits ansprechen konnte, so dass sich mit zunehmendem Alter ganz von selbst ein Gef├╝hl von Vertrautheit und Geborgenheit einstellte.

In Sinsheim kannten wir keinen einzigen Menschen, von einem auf den anderen Tag war alles neu. Allein unser leicht hessisch gef├Ąrbtes Hochdeutsch oder, anders gesagt, das Fehlen der breiten und etwas beh├Ąbigen badischen Aussprache wies uns schnell als Fremdlinge aus und war nicht selten unter den Gleichaltrigen Anlass sp├Âttischer, ja h├Ąnselnder Bemerkungen, welche die Zugewanderten ihre Unzugeh├Ârigkeit sp├╝ren lie├čen. Konnte ich in Treysa die neue Schule, deren erste Klasse ich nach erfolgter Aufnahmepr├╝fung noch einige Wochen lang besuchte, schon von unserem Haus in der Burggasse aus am anderen Ufer der Schwalm sehen, schien sich mein jetziger Sinsheimer Schulweg, den ich bis weit in die vierte Klasse hinein zur Sidlerschule zur├╝ckzulegen hatte, geradezu endlos in die L├Ąnge zu ziehen. Nat├╝rlich gab es weder einen Bus noch andere ├Âffentliche Verkehrsmittel, und ein Fahrrad, das ich ohnedies nicht besa├č, w├Ąre auf der vielbefahrenen Hauptstra├če zu gef├Ąhrlich gewesen. So hatte ich stets den Ranzen auf den R├╝cken und die F├╝├če in die Hand zu nehmen, im Gep├Ąck die Schiefertafel mit Tafellappen, der anfangs au├čen zum Trocknen an einer Schnur baumelte, ein wasserdichtes Blechd├Âschen f├╝r den Schwamm, ein h├Âlzerner Griffelkasten und die bunte Fibel, die reich mit Zeichnungen illustriert war. Ein eingewickeltes Pausenbrot steckte in einem eigenen Ledert├Ąschchen zum Umh├Ąngen, um Tafel und Hefte nicht fettig zu machen.

Auch meiner Mutter machten die ungewohnten Entfernungen zu schaffen, denn t├Ąglich hatte sie den weiten Weg zu den Lebensmittelgesch├Ąften in der Sinsheimer Innenstadt zu Fu├č zur├╝ckzulegen, und t├Ąglich schleppte sie die notwendigen Eink├Ąufe f├╝r unseren vierk├Âpfigen Haushalt in Einkaufstaschen nach Hause, nur zu selten von uns Kindern unterst├╝tzt. Dass man sich hierf├╝r ein billiges Fahrrad h├Ątte zulegen k├Ânnen, und sei es nur, um die Taschen auf dem R├╝ckweg daran aufzuh├Ąngen und es dann zu schieben, oder ab und an auch unser Auto f├╝r einen Gro├čeinkauf h├Ątte nutzen k├Ânnen, kam niemandem in den Sinn. Vielleicht erschien meinen Eltern so etwas nicht standesgem├Ą├č, nicht passend genug, oder man war grunds├Ątzlich zu ├Ąngstlich, das Thema ├╝berhaupt anzuschneiden. Meine Mutter, die keine berufliche Ausbildung genossen hatte, sich ganz in materieller Abh├Ąngigkeit befand und ganz in den W├╝nschen meines Vaters aufging, f├╝gte sich jedenfalls in ihr Schicksal, litt und schwieg. Wie so oft stellte sie ihre eigenen Interessen hintan oder wusste sie nicht mit dem n├Âtigen Nachdruck zu vertreten. Vielleicht sch├Ąmte sie sich auch heimlich. Frau Direktor auf dem Fahrrad, ein solches gar schiebend oder am Steuer des Autos, offenbar waren dies Bilder, die man nach au├čen hin nicht zu pr├Ąsentieren w├╝nschte, aus welchen minderwertigen Vorstellungen und Gef├╝hlen heraus auch immer.

Doch die Natur r├Ąchte sich in der Folge, denn meine Mutter, die sich mit ihren schweren Einkaufstaschen auch noch in den sich anschlie├čenden Mannheimer Jahren auf einem nicht minder weiten Weg abschleppte, entwickelte auf Grund dieser zu gro├čen Beanspruchung ein ├ťberbein am Handgelenk, das zunehmend schmerzte und schlie├člich im Krankenhaus chirurgisch behandelt werden musste. Dass es mein Vater als Arzt freilich so weit kommen lie├č und seine geschulte Beobachtungsgabe in einem so eklatanten Fall in seiner allern├Ąchsten Umgebung versagte, kann ich bis heute nicht verstehen, wenn ich auch seine F├Ąhigkeit kaum untersch├Ątze, alles, was eine St├Ârung seiner Bequemlichkeit, seines latent tyrannischen Harmoniebed├╝rfnisses und inneren Friedens h├Ątte bedeuten k├Ânnen, so lange als irgend m├Âglich zu verharmlosen, von sich zu schieben, ja geflissentlich zu ├╝bersehen oder aber so gereizt und ergrimmt darauf zu reagieren, dass es geraten schien, solche Themen nicht ein zweitesmal anzuschneiden. Sein Verfahren, den Kopf in den Sand zu stecken, bew├Ąhrte sich zwar mitunter, denn manche Probleme l├Âsen sich bekanntlich von selbst; in anderen F├Ąllen, wie dem erw├Ąhnten, vergr├Â├čerte sich der Schaden gerade durch das Abwarten; die Dinge entglitten und ├╝bten ab einem bestimmten Punkt aus sich heraus einen Druck aus, der schlie├člich zum Handeln zwang und dann nurmehr wenig Spielraum lie├č.

 

 

Drittes Kapitel
Heimweh, Wurst und Bauernm├Âbel

Trotz einer ganzen Reihe wohnlicher Verbesserungen und bislang ungeahnter Annehmlichkeiten, die der Umzug mit sich gebracht hatte, schmerzte auch meine Eltern die Entfernung von der Heimat und die damit unvermeidlich fortschreitende Entfremdung und Isolation, und sie versuchten auf vielerlei Weise die Verbindung nach Hessen aufrecht zu erhalten. Meine Mutter schrieb zahlreiche und manchmal sehr lange Briefe an die Treysaer Verwandtschaft, um ├╝ber die neuen Verh├Ąltnisse und die inzwischen stattgefundenen Geschehnisse und Ver├Ąnderungen zu berichten, und wohl auch, um gelegentlich selbst einen Brief zu empfangen und ├╝ber die Neuigkeiten in der Heimat etwas zu lesen, wobei mein Vater sich stets nur mit wenigen Zeilen und einem obligatorischen Gru├č unterzeichnete. Noch bis in die Mannheimer Jahre lie├č man sich den Schwalmboten, die Treysaer Lokalzeitung, mit der Post nachschicken, so dass man ├╝ber das Geschehen dort im Allgemeinen gut unterrichtet war und anhand der Familienanzeigen wenigstens wusste, welches Paar vor den Traualtar getreten war, wo Kinder das Licht der Welt erblickt hatten oder wer nicht l├Ąnger unter uns weilte.

Die Anh├Ąnglichkeit an das Altgewohnte erstreckte sich in besonderem Ma├če jedoch auf die Mahlzeiten und das t├Ągliche Essen. Da wir vor allem den s├╝ddeutschen Wurstwaren keinen rechten Geschmack abgewinnen konnten, schickte mein Vater hin und wieder eine Bestellung an die Treysaer Metzgereien Bornmann und sp├Ąter Thieme, welche die begehrten roten Schw├Ąlmer Wurstringe oder auch die in Schweinsblasen gef├╝llte Lauterbacher Leberwurst alsbald in einem Paket mit der Post lieferten. Die rote Wurst sollte m├Âglichst lange an der Luft getrocknet und, wie man sagte, kn├╝ppelhart sein, denn so konnte sie leichter in feine Scheiben geschnitten werden und so verfeinerte sich zugleich ihr Aroma. War sie noch zu frisch und weich, was gew├Âhnlich beim ihrem Eintreffen der Fall war, lie├č sie sich mit einigem Nachdruck noch auf dem Brot verstreichen, doch a├č man dann nur eine Wurst gleich nach dem ├ľffnen des Pakets zur Probe. Die restlichen Ringe und Blasen wurden in der Speisekammer an k├╝hlem und luftigem Ort aufgehangen, gleichwohl, pl├Âtzlichen Eingebungen und Gel├╝sten nachgebend, gew├Âhnlich hervorgeholt und verzehrt, noch ehe die erw├╝nschte Schnittfestigkeit und der stets gepriesene vollere, reifere Geschmack endg├╝ltig erreicht waren. Sie schmeckte auch so, und Vorstellung und Erinnerungen ersetzten das Fehlende.

Diese W├╝rste aus Metzgereien wurden zwar von uns allen in h├Âchstem Ma├če gesch├Ątzt, zumal sie vergleichsweise einfach zu beschaffen waren. Doch noch ein St├╝ckchen n├Ąher an der Heimat und enger an der Kost des Schw├Ąlmerlandes war man mit W├╝rsten, die man, selten genug, direkt ├╝ber die Verwandtschaft aus b├Ąuerlicher Hausschlachtung bekam. Diese verf├╝gten bereits ├╝ber die korrekte Festigkeit und verk├Ârperten an Geschmack das absolute Nonplusultra, dessen W├╝rste ├╝berhaupt f├Ąhig waren. Gab es irgendwo auf der Welt gute Wurst, so war es diese von der Schwalm. Die allerletzte Sprosse des Genusses wurde indes erklommen, sobald man zus├Ątzlich eines der riesigen runden und etwas flachen Bauernbrote habhaft werden konnte, die auf den D├Ârfern der Schwalm noch immer in einem gemeinschaftlich genutzten Backhaus hergestellt wurden, gro├če runde, manchmal an die viele Pfund schwere, dunkel-, ja schwarzbraune Laibe, die aus Roggenmehl und Sauerteig bestanden und obenauf sch├Ân gl├Ąnzten und an deren mehliger Unterseite manchmal noch kleine Holzkohlest├╝ckchen aus dem Backofen klebten. Die Kruste war, wie dies bei Brot ja nat├╝rlich ist, der w├╝rzigste und schmackhafteste Teil, doch zusammen mit der feinporigen, leicht s├Ąuerlichen und nur schwach gesalzenen Krume stellte es in ├╝berbutterter Form eine hervorragende Grundlage nicht nur f├╝r Wurstbel├Ąge aller Art, sondern auch f├╝r die guten selbstgekochten Heidelbeer-, Himbeer- und Erdbeermarmeladen oder das beliebte Pflaumenmus dar. Indes waren die Brote zu schwer f├╝r den Versand oder h├Ątten auf einem Transport, in verpackter Form, ihre Frische vorzeitig eingeb├╝├čt. Zudem hatten die Schw├Ąlmerinnen, selbst wenn es ihnen gro├čz├╝gig verg├╝tet wurde, gew├Âhnlich Besseres zu tun, als ausw├Ąrtige und etwas zu nostalgisch veranlagte Liebhaber ihres t├Ąglichen Brots mitzuversorgen. Es war und blieb die Ausnahme, und man war auf g├╝nstige Gelegenheiten, die sich anl├Ąsslich eigener Besuche in der Heimat ergaben, sowie auf die Gro├čz├╝gigkeit, Gutm├╝tigkeit und Geneigtheit der Hersteller oder Herstellerinnen angewiesen, denn nirgends gab es in Gesch├Ąften dergleichen Wunderbares zu kaufen.

Die K├╝che meiner Mutter, durch die sich, da wir schon einmal beim Essen sind, ein kurzer Streifzug anschlie├čen soll, griff nur z├Âgerlich S├╝ddeutsches auf und hielt sich bei der warmen Mittagsmahlzeit im Wesentlichen an Bew├Ąhrtes und Beliebtes wie das von Suppe und Nachtisch umrahmte und mitunter von Salat begleitete Dreierlei von Fleisch, Gem├╝se und Kartoffeln, wobei wie man sieht Kartoffeln nicht als Gem├╝se gerechnet wurden. Mein Vater lie├č jedoch am Ende der Mittagsmahlzeit so oft eine Kartoffel auf seinem Teller ├╝brig, dass sich f├╝r diese alsbald die Bezeichnung ÔÇ×die obligatorische Kartoffel“ einb├╝rgerte, jedenfalls in ungleich gr├Â├čerem Ma├č als der ÔÇ×obligatorische Gru├č“, von dem weiter oben die Rede war. Als Vorspeise des Mittagessens gab es oft eine einfache, klare Bouillon, gelegentlich mit Sternchen- oder Buchstabennudeln, als Einlage auch mit Eierstich oder Markkl├Â├čchen. Als Hauptgang dienten Rouladen, Kotelett oder Schnitzel, Brat- und Kochwurst, Rindfleisch mit Meerrettich, Irish Stew aus Wirsing und Hammelfleisch, Frikadellen, Eisbein mit Sauerkraut und Kartoffelbrei, Linsen- und Erbsensuppe mit Speck und W├╝rstchen, hessisches Weckewerk, Kartoffelkl├Â├če in einer milchigen Speckso├če, Hefekl├Â├če mit zerlassener Butter und Backobst, Spiegeleier mit Spinat, Falscher Hase, gebratene Leber, ungarisches Gulasch, Kasseler Rippenspeer, Kartoffelpfannkuchen mit Apfelbrei, Pellkartoffeln mit Frankfurter Gr├╝ner So├če und anderes mehr an gutb├╝rgerlichen, nicht allzu aufw├Ąndigen, doch schmackhaften und s├Ąttigenden Gerichten. Fisch kam trotz der Angelleidenschaft meines Vaters nur selten auf den Tisch, vielleicht weil er bei uns Kindern der vielen Gr├Ąten wegen unbeliebt war. Reis geh├Ârte bereits zu den exotischen Speisen, sofern es sich nicht um den mit Zucker und Zimt bestreuten Milchreis f├╝r uns Kinder handelte, der indes zu sehr an den fr├╝her genossenen Haferbrei erinnerte und dem wir uns bereits entwachsen f├╝hlten. Zu Weihnachten gab es meist den traditionellen G├Ąnsebraten, seltener eine Ente, nat├╝rlich mit Rotkraut oder Rosenkohl und Kartoffeln. Im Sommer kam ein frischer Blatt- oder Gurkensalat, der mit Dill, Schnittlauch, Borretsch und Schmand angemacht war, zum Hauptgericht hinzu, und gew├Âhnlich beschlossen ein Vanillepudding mit Himbeersauce, ein ┬╗Zappelpudding┬ź oder eingemachtes Kompott wie solches aus Birnen, Zwetschgen, Kirschen oder Rhabarber die Mahlzeit.

An Backwerk, an dem Kindern ja immer viel mehr gelegen ist als an Gesottenem, Geschmortem oder Gebratenem, gab es im Laufe des Jahres die ein oder andere Obsttorte, mit und ohne Schlagsahne, sei sie mit frischen Erdbeeren, Zwetschgen oder eingemachten Kirschen belegt, mitunter auch ein ganzes gro├čes Backblech mit Pflaumen-. Apfel- oder Streuselkuchen. Weihnachten wurden die beliebten Christstollen gebacken, zu Karneval Kr├Ąppeln aus Hefeteig mit Pflaumenmus gef├╝llt und zu Ostern manchmal ein Frankfurter Kranz mit anger├Âsteten Haferflocken, die an der ├Ąu├čeren Buttercreme klebten, schichtweise aufgetragen. Auch an Vanillewaffeln mit Puderzucker, Kalten Hund, Schinkenh├Ârnchen, verschiedene Napfkuchen aus Hefe- oder R├╝hrteig, mit oder ohne Rosinen, Marmor- und Mohnkuchen kann ich mich erinnern. Nicht zuletzt durch die K├╝nste des Fernsehkochs Clemens Wilmenrod inspiriert nahm ich in dieser Zeit an allem Geschehen in der K├╝che eifrig Anteil, halb helfend, halb st├Ârend und fast immer im Weg, wie das Kinder nun einmal tun; denn dass ich einmal Koch werden wolle, war abgemacht und geh├Ârte zu meinen fr├╝hesten Berufsw├╝nschen, die sich nicht nur auf die Bewunderung vorerst unerreichbarer Ziele, sondern auf eigene T├Ątigkeit, konkrete Anschauung, Kenntnisse und Erfahrungen, Erfolge und Misserfolge st├╝tzten.

Mein Vater hatte vergleichsweise wenig Beziehung zu dem, was in der K├╝che geschah. Ihn interessierte nicht, auf welche Art die Speisen zubereitet wurden, ihm war einzig an ihrem vertrauten Geschmack gelegen und dass sie ihn s├Ąttigten. War er unterwegs, mundete ihm, im Auto sitzend, ein St├╝ck in der n├Ąchstbesten Metzgerei gekaufte Kochwurst und ein trockenes Br├Âtchen aus der Hand allemal besser als jedes Essen in einer Kantine, Gaststube oder gar einem Restaurant, denn das Aussuchen, Bestellen und st├Ąndige Warten bei jeder Frage auf die Bedienung, und sei es nur wegen der Rechnung, waren ihm unangenehm. Am besten schmeckte es ihm in den eigenen vier W├Ąnden, wo er die Gerichte kannte, wo p├╝nktlich zu Mittag gegessen wurde, was auf den Tisch kam, und wo er nach der Mahlzeit zwanglos aufstehen und sich bei einem Mittagsschl├Ąfchen erholen konnte.

Gerne gab mein Vater jedoch mit gro├čen Gesten, bedeutungsvollen Blicken und eindringlichem Tonfall ein Gedicht zum Besten, das zu Weihnachten in einer K├╝che spielte und die dort vorbereiteten festlichen Speisen miteinander reden oder schweigen lie├č. Er hatte dieses Gedicht als Kind bei einer Weihnachtsfeier seiner Schule vorgetragen, wobei er, mit einem hohen wei├čen Hut, Sch├╝rze und einem gro├čen Holzl├Âffel versehen, als Koch verkleidet war. Dieses Gedicht, dessen Verfasser ihm nicht bekannt war, besa├č er nicht schriftlich und sagte es stets aus dem Ged├Ąchtnis auf, was ihm auch m├╝helos gelang und sichtlich Freude bereitete. Eine Niederschrift, die er erst um sein siebzigstes Lebensjahr herum anfertigte und mir schickte, kann ich gegenw├Ąrtig leider nicht wiederfinden. Doch h├Ârte ich das Gedicht so oft, dass es sich mir, abgesehen von einer L├╝cke nach der sechsten Strophe, schlie├člich ebenfalls einpr├Ągte. Wer das Gedicht schrieb, wei├č ich freilich noch immer nicht.

         

        Es stand auf einem K├╝chentisch,
        mit gr├╝ner Petersilie
        gar wunderbar geschm├╝ckt ein Fisch
        aus vornehmster Familie.
        Er ruhte gro├č und schwer und dick
        auf einem Bette von Aspik.

        Auf einer zweiten Sch├╝ssel gar
        (was ├╝brigens nat├╝rlich,
        da es ja Weihnachtsabend war)
        erhob sich fein und zierlich
        ein Tortenbau aus Haselnuss
        mit einem Zucker├╝berguss.

        Doch halt! Welch wunderbarer Duft
        (er kam von einem Braten)
        erf├╝llte wonnevoll die Luft!
        Wird einer es erraten?
        Wer will es sagen und wer kann’s?
        Ganz richtig! Es war eine Gans!

        Gerupft, geschmort und mit der Gabel
        gar vielemal durchstochen
        hielt diese Gans zu aller Qual
        noch immer nicht den Schnabel.
        Obwohl man den ihr doch geraubt,
        denn, ach, der Ärmsten fehlt das Haupt.

        Sie warf sich in die G├Ąnsebrust:
        ÔÇ×Wie, seid ihr auch geladen!?
        Na freilich, h├Ątt’ ich das gewusst …!
        Doch will ich euch nicht schaden.
        Die Erste bin doch ich, das hei├čt
        nicht nur an K├Ârper, auch an Geist!“

        Die beiden andern schwiegen stumm –
        der Fisch, teils weil er stumm war,
        die Torte, weil ihr die dumme Gans zu dumm war.
        Vor innerer Ver├Ąrgerung
        bekam jedoch sie einen Sprung
        quer durch die Zuckerdecke!
        Die K├Âchin sah’s mit Schrecke.


Hier die angek├╝ndigte L├╝cke. Die Speisen werden nun eine nach der anderen in das Esszimmer getragen, und die Sch├╝sseln kehren alsbald geleert in die K├╝che zur├╝ck. So stellt sich die Frage nach dem Schicksal der Speisen. Was ist mit ihnen nur geschehen?
 

        Wenn du es wei├čt,
        dann tritt hervor und sag es dreist …!
        [nach kurzer Pause und mit ver├Ąnderter (tieferer) Stimme]
        ÔÇ×Sie sind verspeist, verspeist, verspeist!“

         

Um die kulinarische Seite nach dieser kleinen Einlage vorerst abzuschlie├čen, sei noch erw├Ąhnt, dass Trudel, eine ├Ąltere, dickliche Bedienstete mit etwas schaukelndem Gang, jeden Mittag und Abend ein Tablett mit Essen aus der Anstaltsk├╝che brachte, damit mein Vater sich ein Urteil ├╝ber die Verpflegung der Patienten bilden k├Ânne. Manches war uns unbekannt, sah befremdlich aus und roch und schmeckte bedenklich in dieser Kost, wie die sauren Nierchen, die gef├╝llten Paprika, Schwartenmagen, S├╝lzen oder der Ochsenmaulsalat. Doch die kurzen, von uns Kniesch├╝tzer genannten gebogenen Nudeln mochten wir ├╝beraus gern und empfanden sie als Bereicherung; andere Nudeln, wie Spaghetti oder Maccaroni, wurden ebenso wie Pizza oder Paprikagerichte erst sp├Ąter, nicht zuletzt durch die wachsende Zahl s├╝dl├Ąndischer Gastarbeiter, popul├Ąr. Ebenso begehrt waren gro├če, s├╝├če Rosinenbr├Âtchen aus Hefeteig, manchmal sogar mit feinem Zimtaroma, die aus der Anstaltsb├Ąckerei stammten und dort blecheweise produziert wurden. Noch heute sind einige der ovalen Porzellanteller, auf denen abends zumeist einige Scheiben Brot, Aufschnitt und ein Eckchen Schmelzk├Ąse lagen, in unserem Haushalt in Gebrauch; dank ihrer schweren, soliden Ausf├╝hrung hat ihnen selbst ein halbes Jahrhundert nichts anhaben k├Ânnen, auch wenn sie zuletzt nur noch zur Aufnahme des Katzenfutters dienten.

Wir geh├Ârten damals noch zu jenen Christen, die nach althergebrachter Weise vor Beginn des Essens angesichts dampfender Sch├╝sseln und Teller ein Gebet sprachen. Dann reichten wir einander, manchmal im Scherz, manchmal aber auch im Ernst, die H├Ąnde, so dass ein geschlossener Kreis entstand, sagten im Chor Mahlzeit! und griffen erst jetzt zu dem Besteck. Auch nach dem Essen gab es manchmal ein kurzes Tischgebet. Diese Bitten um Segen und dieser Dank f├╝r die Gaben des Herrn verloren sich ├╝ber die Jahre hin, als seien es Worte und Handlungen, die nur f├╝r kleine Kinder Bedeutung h├Ątten, und als sei der Pflicht Gen├╝ge getan, uns selbige zu ├╝berliefern. Die Vorstellung f├Ąllt mir jedenfalls schwer, meine Eltern h├Ątten auch in Abwesenheit ihrer Kinder gemeinschaftlich zu zweit gebetet. Sie lie├čen es sich angelegen sein, uns eine einfache, sicherlich etwas oberfl├Ąchliche religi├Âse Grundlage mitzugeben und uns in die gebr├Ąuchlichsten Rituale des Glaubens einzuf├╝hren, eine Aufgabe, die allein meiner Mutter zuzufallen schien, denn mein Vater k├╝mmerte sich um dergleichen nicht. So lehrte uns auch meine Mutter zwei oder drei Gebete, die wir vor dem Einschlafen und beim Erwachen aufsagen konnten. Je ├Ąlter wir Kinder wurden, um so mehr erlahmte aber das Bestreben, auch nur ein einziges Wort in Glaubensfragen noch an uns zu verschwenden, und es gen├╝gte vollends, dass wir in der Schule in diesem Fach unterwiesen und sp├Ąter in Mannheim, wie es sich geh├Ârte, auch konfirmiert wurden. Inneren Anteil nahmen sie an all dem nicht, die Wahrung der Form reichte, und von irgendeiner Art religi├Âsen Eifers, einer sich hiermit verbindenden geistigen Anregung und Ausstrahlung oder einem lebendigen Durchdrungensein war nichts zu sp├╝ren. Andererseits lockerte diese elterliche Haltung den anf├Ąnglich kaum wahrgenommenen rituellen Druck und ├╝berlie├č es schlie├člich jedem, sich seinen eigenen Reim auf all diese Traditionen zu machen, sie fallen zu lassen oder sich bei Bedarf selbst├Ąndig darin weiterzubilden.

Eine weitere Br├╝cke, die uns an die Schw├Ąlmer Jahre erinnerten, schuf eine Reihe alter Bauernm├Âbel, die aus dem Besitz meiner Mutter stammten. Sie wurden, ihrem inneren wie ├Ąu├čeren Wert angemessen, auf dem Flur, gleich hinter der Wohnungst├╝r dekorativ aufgestellt, wo sie jedem Besucher ins Auge fallen mussten, dem Kenner unsere Herkunft verrieten und f├╝r Gespr├Ąche willkommene Ankn├╝pfungspunkte schufen, wie etwa jenem Mannheimer Geistlichen, der unserer Familie vor der Konfirmation den ├╝blichen Hausbesuch abstattete. Dieselbe Platzierung im Eingangsbereich fand sp├Ąter auch in Mannheim statt. Es waren dies zwei verzierte und geschnitzte St├╝hle, von denen der eine ein bunt bemalter Hochzeitsstuhl war, auf dem einst eine Braut an ihrem Hochzeitstag gesessen haben mag. Herzen waren in seine R├╝ckenlehne geschnitten. Dann gab es einen Milchschrank, in dessen T├╝re ein in kr├Ąftigen Grundfarben bunt bemaltes Lattengitter eingelassen war, um hinter einem aufgespannten Tuch zum S├Ąuern eingestellte Milch vor Staub und Fliegen zu sch├╝tzen.

Das gr├Â├čte und imposanteste M├Âbel war gewiss eine mit zahlreichen gedrechselten Leisten geschm├╝ckte Truhe, wie der Milchschrank bestehend aus dunkelgebeiztem Eichenholz, in der ein massiver schmiedeeiserner Schl├╝ssel steckte, deren gewichtiger Deckel aber nur selten ge├Âffnet wurde. Mochte die Truhe einst zur Aufbewahrung wertvoller Kleider oder von Leinen gedient haben, wie sie vormals zur Aussteuer der Bauernbr├Ąute geh├Ârten, so war sie nunmehr mit l├Ąngst verj├Ąhrten Steuerunterlagen von meinem Vaters gef├╝llt und enthielt auch manches seltene oder selten hervorgeholte Erinnerungsst├╝ck, etwa einen muffigen Soldatentornister aus Pferdefell, ein rundes Burschenschaftsm├╝tzchen meines Vaters, Gratulations- oder Kondolenzpost vergangener Tage und dergleichen mehr. Da es an Bel├╝ftung fehlte, roch alles stickig und alt. Auf der Truhe standen gew├Âhnlich einige dickbauchige Tonkr├╝ge, die so schwarz waren wie die R├Âcke der B├Ąuerinnen, f├╝r die sie einst hergestellt worden waren. Der gr├Â├čte trug die Jahreszahl 1875. Er hatte einst Lein├Âl enthalten, von dem man nach dem Abnehmen eines Deckelchens und unter Zuhilfenahme einer Taschenlampe tief unten am Boden noch verharzte, ranzig riechende Reste betrachten konnte. Einige Mikadost├Ąbchen, mit denen wir Kinder das alte ├ľl hatten erreichen wollen, um ein wenig davon nach oben zu bef├Ârdern und es n├Ąher zu untersuchen, verloren wir freilich unwiederbringlich in dem enghalsigen Gef├Ą├č, wo sie wahrscheinlich heute noch kleben. Mehrere t├Ânerne Teller mit Schw├Ąlmern und Schw├Ąlmerinnen in Tracht oder dem Wappen von Ziegenhain vervollst├Ąndigten an den W├Ąnden die Ausstattung unserer Bauerndiele. Sie geh├Ârten zu einer Art von althergebrachter Keramik und Steingut, wie man es noch heute bei der traditionsreichen T├Âpferfamilie D├Ârrbecker im Treysaer T├Âpferweg kaufen kann.

 

 

Viertes Kapitel
Wohnverh├Ąltnisse. Die Familienkutsche

Das Haus, in dem wir nun lebten, war zweigeschossig und ger├Ąumig, und als wir in Sinsheim eintrafen, wohnte noch Papa Hefner, wie wir ihn nannten, der Vorg├Ąnger meines Vaters, im Obergeschoss. Im Parterre war bis zu seinem Auszug und zum Abschluss anstehender Renovierungsarbeiten f├╝r unsere Familie eine kleine ├ťbergangswohnung hergerichtet worden. Papa Hefner, der etwas ├ähnlichkeit mit dem alten Wilhelm Busch hatte, stammte sicherlich noch aus dem neunzehnten Jahrhundert, war b├Ąrtig, dick und w├╝rdig, trug gerne einen Hut und kleidete sich schwarz, denn seine Frau war kurz zuvor verstorben. Oft hatte er einen zotteligen, gutm├╝tigen Hund in Art und Gr├Â├če eines Bernhardiners an seiner Seite, der etwas streng roch, stark haarte und ├╝berall Spuren hinterlie├č. In Papa Hefners Wohnung habe es dagegen oft nach Weihrauch gerochen, und er habe flie├čend Latein und Griechisch lesen k├Ânnen, behauptete mein Vater. Dazu kann ich nichts sagen; aber da mein Vater einige Monate vor unserem Umzug schon in Sinsheim arbeitete und immer nur an Wochenenden zur├╝ck nach Treysa kam, nehme ich an, dass der alte den neuen Arzt gelegentlich zu sich bat, um ihn einzuarbeiten und f├╝r die Amts├╝bergabe Notwendiges zu besprechen oder, wie sich das unter Kollegen geh├Ârt, bei einem Gl├Ąschen H├Âherprozentigen ein wenig zu fachsimpeln. Man lebte schlie├člich unter demselben Dach.

Nach dem Auszug Papa Hefners wurde das Haus von Grund auf modernisiert und zum Teil sogar umgebaut, was mehrere Monate dauerte. Ein Badezimmer wurde eingerichtet, eine neue Zwischenwand schuf ein zweites Kinderzimmer, Parkett wurde abgezogen und versiegelt. Man installierte eine Zentralheizung und verlegte Warmwasserrohre. In einem Anbau des Hauses wurde ein riesiger Koksofen aufgestellt, der zugleich auch die benachbarte Anstaltskirche mit W├Ąrme versorgte. Ein meistens schlecht gelaunter Herr M├╝ller kam t├Ąglich, um die Anlage zu warten, Asche auszufegen, Kohle zu schippen und nachzufeuern. Schlie├člich wurden Ger├╝ste aufgebaut, und das Haus bekam auch von au├čen einen neuen, freundlichen Anstrich, wobei zugleich die Fensterl├Ąden neu lackiert wurden. Bald nachdem mein Vater sich unser erstes Auto angeschafft hatte, wurde ihm der Bau einer Garage bewilligt, die ihre R├╝ckwand mit der Anstaltspforte teilte und damit an den Eingang unseres kleinen Parks zu stehen kam. Dieses Auto, kein gro├čes Modell, doch neu und Symbol wachsenden Wohlstands, war ein blaugr├╝ner Opel (Olympia Rekord), dessen Kennzeichen ich sogar heute noch wei├č, im Unterschied zu dem fast aller anderen Autos, die ich sp├Ąter selbst kaufte oder fuhr.

Leider wurde dieses Auto f├╝r mich nun Ort fast w├Âchentlich wiederkehrender Qualen, denn ich vertrug das Fahren nicht. Hatten mir alle Ausfl├╝ge im halboffenen Beiwagen unseres Treysaer Motorrads, eingequetscht neben meiner Schwester und mit einer Motorradbrille sowie ledernen Haube gegen den Fahrtwind gesch├╝tzt, durchaus Freude bereitet, wurde mir in dem geschlossenen Auto unweigerlich ├╝bel, und mein Vater musste regelm├Ą├čig anhalten, damit sich mein Magen am Stra├čenrand entleeren k├Ânne. Sa├č ich auf dem Beifahrersitz, von wo aus ich die Fahrtrichtung und die kommenden Kurven besser im voraus sehen und mich auf sie einstellen konnte, lie├č sich das Malheur hinausz├Âgern, aber doch nicht umgehen. Meinen Vater schien all dies nicht weiter zu beunruhigen, und in gewisser Weise ignorierte er es sogar, denn er stellte nicht einmal sein Rauchen w├Ąhrend dieser Fahrten ein. F├╝r ihn war die Hauptsache, wochenends am Steuer zu sitzen und unter dem bald recht suspekten Vorwand, die Gegend kennen lernen zu wollen, mehr oder minder ohne Ziel durch die Lande zu kutschieren, die Familie zur Bewunderung seines neuen Gef├Ąhrts sowie seiner Fahrk├╝nste im Gep├Ąck.

Diese Touren oder besser Torturen f├╝hrten im Norden bis nach Amorbach hinauf, im Westen gar bis Rotenburg ob der Tauber und dauerten somit viele, viele Stunden, die mir so manches erw├╝nschte Wochenende verdarben. K├╝rzere, doch nicht minder anstrengende Ausfl├╝ge folgten dem Neckar und endeten in Eberbach, Mosbach oder s├╝dlicher ├╝ber Bad Rappenau in Bad Wimpfen. Besonders ├Ąrgerlich war, dass die Ziele selten vor Antritt einer Fahrt festgelegt wurden, sondern sich erst unterwegs ergaben. Man hatte insgesamt nur eine grobe Vorstellung, in welche Richtung man sich bewegte; das Wichtigste war, ├╝berhaupt erst einmal loszufahren, man w├╝rde dann schon sehen. Sp├Ąter erinnerte man sich pl├Âtzlich, von bestimmten Ortschaften, deren Namen man auf den Wegweisern las, schon einmal geh├Ârt zu haben, und dies gen├╝gte gemeinhin nach einem Blick auf die Uhr, die Unternehmungslust neu zu entfachen und den Wunsch zu wecken, diese Orte doch einmal spontan zu besuchen, wobei man sich noch den ein oder anderen Abstecher g├Ânnte. F├╝r Aufenthalte am Bestimmungsort gab es dank der langen Anfahrten verst├Ąndlicherweise kaum je Zeit, und so beschr├Ąnkten sich die Besuche der verhie├čenen und erhofften Sehensw├╝rdigkeiten fast immer auf Durchfahrten, die Bewunderung eines seltenen Panoramas oder allenfalls einen kurzen Rundgang um Marktplatz, Kirche und Rathaus. Dann sah man schon wieder auf die Uhr, denn man musste ja noch den ganzen weiten Weg zur├╝ck, und tanken musste man auch noch. Nachdem wir solcherma├čen Land und Leute sattsam kennen gelernt hatten, schliefen wir Kinder, nach Bedarf mit S├╝├čigkeiten beschwichtigt, auf dem Heimweg vor Langeweile oft auf den R├╝cksitzen ein und erwachten erst bei Dunkelheit, wenn wir wieder zu Hause eintrafen und der Motor endlich verstummte. Meine Mutter besa├č selbstredend keinen F├╝hrerschein, und dass ebenso sie anstelle meines Vaters am Steuer unseres heiligen W├Ągelchens h├Ątte sitzen k├Ânnen, ├╝berstieg unser aller Vorstellungskraft. Man wusste ja schlie├člich, was sich geh├Ârt.

 

Fortsetzung (Kapitel 5–9)

 

Erste Eingabe ins Internet:  Donnerstag,  19. Februar 2004
Letzte ├änderung:  Donnerstag,  28. April  2016

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