Im Schatten des Genius  (Teil 1)

 

Im Schatten des Genius

Darmst├Ądter Tagebuch 1974
mit einem Exkurs nach la Ste. Baume

Teil 1

 

von

Herbert Henck

 

 

Teil 1:    21.–30. VII. 1974
Teil 2:    31.VII. –7. VIII. 1974

 

Die nachstehenden Tagebuchaufzeichnungen halten Ereignisse aus den knapp dreiw├Âchigen ┬╗Darmst├Ądter Ferienkursen┬ź im Jahre 1974 fest. Ich studierte seinerzeit noch bei Aloys Kontarsky und Wilhelm Hecker an der K├Âlner Musikhochschule Klavier und Liedbegleitung und nahm an den Ferienkursen als Assistent Kontarskys teil.

Stockhausen lernte ich Anfang 1972 n├Ąher kennen und verfasste in der Folge eingehende Analysen seiner Klavierst├╝cke IX und X, zu letzterem Werk auch eine farbige H├Ârpartitur, nahm gelegentlich an seinen Seminaren teil und wirkte auch mehrfach in Konzerten oder Aufnahmen seiner Musik mit. F├╝r eine Auff├╝hrung seines Alphabet f├╝r Li├Ęge, die Ende Juli 1974 in la Ste. Baume in der N├Ąhe von Marseille stattfinden sollte, war ich von der Kursleitung beurlaubt worden. Einzelheiten zu diesem Werk sind, soweit sie nicht aus den Tagebuchaufzeichnungen selbst hervorgehen, hier in einer Nachbemerkung erg├Ąnzt. Stockhausen kam gegen Ende der Kurse nach Darmstadt, um hier zu unterrichten und zu konzertieren.

Das originale Tagebuch wurde grundlegend ├╝berarbeitet und zum Teil stark gek├╝rzt. Anderes erg├Ąnzte ich aus meiner Erinnerung. Auf die Wiedergabe der letzten beiden Tage wurde verzichtet, da die Eintragungen rein privater Natur waren.

Eine Liste der vollst├Ąndigen Eigennamen findet sich vor der Nachbemerkung am Ende von Teil 2.

 

1. Tag, Sonntag, 21. VII. 1974

├ťber Mainz nach Darmstadt. Von der Bahn in die Elektrische. Nieder-Ramst├Ądter Str. 177, Studentenwohnheim, Zimmer 215. Auf der Suche frage ich einen Passanten, der sich sogleich als Kursteilnehmer aus Connecticut herausstellt. Ein unpers├Ânliches Zimmer, doch erfreulich neu, mit wenigen Spuren meiner Vorbewohner.

Ab 15 Uhr Probe Christian Wolff in der Sporthalle (Changing the System). ├ťber eine Stunde vergeht mit der Instrumentierung von 7 mal 16 vierstimmigen Akkorden, die auf vier Instrumente zu verteilen sind. Dann erstes Anspielen mit sch├Ânen, durchsichtigen Resultaten. Alles ist ganz einfach auszuf├╝hren, doch man muss aufpassen, wann man an der Reihe ist.

Wolff hat eine sehr ruhige, leise Art zu erkl├Ąren. Sehr zur├╝ckhaltend, bescheiden, h├Âflich, fast vornehm, nicht ohne gelegentlich in herzliches Lachen auszubrechen, wenn etwas (sprachlich oder musikalisch) besonders seltsam herauskam.

Viele alte Bekannte: Suzanne Stephens, Ernst Thomas, Wilhelm Schl├╝ter, Siegfried Palm, Christoph Caskel, Gillian Bibby, Moya Henderson, Mauricio Kagel, Wolfgang Rihm, Gaby Schumacher, Rolf Gehlhaar, Horatio Radulescu (mit noch immer – von was nur? – geschwellter Brust).

Nach dem Abendessen erneut Probe mit Wolff, der mitspielt. Jeder der vier Musiker, die im Kreis an vier Tischen sitzen, hat sich aus einem gro├čen Arsenal von Schlagzeugen (aber auch Kieselsteinen, M├╝nzen, Aschenbecher, alten Eisenstangen usw.) vier herausgesucht und nach ihrem Nachhall geordnet. Es entstehen vierstimmige Akkorde, zu denen immer wieder ein anderer den Einsatz gibt. Nur die Lautst├Ąrke ist (meistens) notiert und die Nummer des Instruments. Dann Aufnahme des Bandes (vierstimmige Lesung mit verteilten Silben, die in Tonh├Âhe, Dauer usw. frei gestaltet werden k├Ânnen) f├╝r das Konzert morgen Abend. Viel Spa├č, viel Lachen und gro├če Konzentration.

 

2. Tag, Montag, 22. VII. 1974

Fr├╝hst├╝ck mit Wolfgang Rihm und Peter Michael Riehm (letzterer ┬╗mit der Quint in der Mitte┬ź). Wolfgang erz├Ąhlt von seinem Klavierst├╝ck Nr. 4 und seinem neuen Orchesterst├╝ck, einem Auftrag f├╝r Donaueschingen in diesem Herbst (Subkontur).

Um ┬Ż 10 Uhr soll Wolff-Probe in der Sporthalle sein, aber ich komme vor verschlossene T├╝ren, gehe zur├╝ck zur B├╝chner-Schule, suche. Wieder zur├╝ck zur Sporthalle, wo nun eine T├╝r offen ist und man bereits auf mich wartet. Einen Hintereingang hatte ich zuvor ├╝bersehen. Probe unserer Vierergruppe (Klarinette, Horn, Kontrabass, Klavier). Die zweite Gruppe (Harfe, Geige, Trompete, Schlagzeug) probt f├╝r sich.

Gegen ┬Ż 11 Uhr B├╝chner-Schule bei Aloys Kontarsky, der ein internes Vorspiel abh├Ąlt, um den technischen Stand der Teilnehmer kennen zu lernen. Einige wollen Solost├╝cke durchsprechen, andere zun├Ąchst nur zuh├Âren, fast alle m├Âchten in Ensembles mitwirken.

Sehr gut David Arden aus den USA (Berio, Rounds); energievolles, plastisches Spiel.

Kontarsky ┬╗benotet┬ź f├╝r sich mit Buchstaben von A (Amateur) bis P (Professional). W├╝nsche werden notiert.

Um 12 Uhr Besprechung der Lehrkr├Ąfte mit Assistenten. Man sieht, welche St├╝cke besetzt werden k├Ânnen, stimmt sie mit dem K├Ânnen der Leute ab. Vorschl├Ąge, Meinungen, Termine. Schomecker, Kontarsky, Caskel, Palm, Hans Deinzer, kurz Armin Rosin (laut Palm mit Mittelohrentz├╝ndung und 2 Millionen Einheiten Penicillin im Blut), Gaby, Richard Armbruster und ich. Palm betont frisch, ja forsch. Zu Schomecker nebenbei: ┬╗Sie sehen ja gl├Ąnzend aus!┬ź und mehrfach ┬╗Na, das ist ja alles sehr erfreulich!┬ź Beim Kramen nach Noten in seiner Aktentasche witzelt er: ┬╗Ach so, das ist ja das Fr├╝hst├╝ck …┬ź Alle sind gut gelaunt, Kursbeginn, Aufbruchstimmung, man krempelt die ├ärmel hoch und freut sich auf die neuen Aufgaben.

Mittagessen: ein ganz fettes, ergo kr├Ąftig paniertes Kotelett, siedend hei├čer Rosenkohl mit zuviel Muskat, geschmacklose Kartoffelecken.

15 Uhr: Generalprobe in der Sporthalle ohne Wolff, der sein Seminar halten muss. Mitschnitt des Hessischen Rundfunks, Dauer etwa 40 Minuten.

Anschlie├čend zur Bahnpost wegen Telegramm an die Universal Edition (Dias meiner Farbpartitur [von Stockhausens Klavierst├╝ck X]).

Mein Koffer ist noch immer nicht eingetroffen, erfahre ich an der Gep├Ąckausgabe des Bahnhofs, daf├╝r ist mein Fahrrad da, das ich, um beweglicher zu sein, aufgegeben hatte. Ich fahre ├╝ber den Schlo├čplatz zur├╝ck, kaufe ein paar Lebensmittel, zwei Trinkgl├Ąser und eine Luftpumpe.

Abendessen mit Moya, Gillian, dann Wolfgang, der mir mittags sein Klavierst├╝ck zeigt, ├╝ber das wir dann eine ganze Weile reden.

20.15 Uhr: Konzert. Kagels Mirum f├╝r Tuba wurde auf Mittwoch verschoben. Erst Stiebler, dann unser Wolff, wieder 40–45 Minuten, der allen, die ich anschlie├čend sprach, zu lang und zu wenig ausgeh├Ârt erscheint. Kontarsky: ┬╗Scheu├člich!┬ź

Lekt├╝re: Manzoni, Die Verlobten, ab Kapitel 12.

 

3. Tag, Dienstag, 23. VII. 1974

Vormittags bei Proben von Kagels 1898 neben Kontarsky am Fl├╝gel sitzend, der mir bei Unterbrechungen viel erkl├Ąrt.

Mit Gaby Probe von Tomás Marcos Maya.

Nach dem entsetzlichen Mittagessen – fette Bratwurst, Lauchgem├╝se und Kartoffelecken, alles ├╝berhitzt auf Silberpapierteller – ruft man vom Bahnhof an: Mein Koffer ist da.

Wie in den Jahren zuvor taucht wieder in schwarzem Anzug Benno Ammann auf, ├╝berall dabei, schwitzend, doch heute mit Hut.

15 Uhr: Wolff-Seminar, das ich nach drei├čig Minuten verlasse, trotz meiner Sympathie f├╝r ihn. Fehlen ihm bei der ├ťbersetzung ins Franz├Âsische die W├Ârter oder verspricht er sich, kneift er lachend die Augen zusammen und tritt einen Schritt zur├╝ck. H├Ąufige Benutzung der H├Ąnde beim Sprechen; charakteristische Handhaltung: verschr├Ąnkte Finger, die bei aufw├Ąrts gerichteten Daumen auf die Brust zeigen.

Kurzer Gang durch Dr. Sch├Ąfers Notenausstellung; ich kaufe drei sp├Ąte Liszt-St├╝cke (Toccata, Caroussel und Sospiri!) f├╝r Kevin zum Geburtstag am 26. (er wird 25) und Kagels Unguis incarnatus est zum eigenen Gebrauch.

Morgens, mittags und abends wird ge├╝bt (Repertoire).

17 Uhr: Gillian Bibby analysiert ihre Incidents unter Aufbietung zu reichlichen Zahlenmaterials. So etwas schadet den Komponisten mehr, als dass es n├╝tzt. Sie m├╝ssten eher versuchen, die Problematik einer Komposition klar zu machen, das Abenteuer, auf Neuland zu stehen. Und nicht das Fahrzeug auseinander nehmen, mit dem sie hingekommen sind.

Claude Vivier ist angekommen, sieht m├╝de und traurig aus und ist fast etwas verbittert, selbst hier sofort wieder auf Besetzungsschwierigkeiten f├╝r seine D├ęsint├ęgration [f├╝r 2 Klaviere und 6 Streicher] zu sto├čen. Ich versuche, ihm Mut zu machen.

Abends spricht Kagel ├╝ber sein 1898 und l├Ąsst einzelne Teilchen in verschiedenen Besetzungen und verschiedenen Oktavlagen spielen. Die Unterschiede sind aber nicht so gewaltig, und die proklamierte Freiheit kommt nicht allzu sehr zum Tragen. Aber gute Musik entsteht, spannend, komisch, manchmal ├╝berm├╝tig. Kagel dirigiert sehr klar, vielleicht aber mit etwas zu ausladenden Bewegungen; sie w├Ąren geeignet, ein ganzes Symphonie-Orchester zusammenhalten. Nach der Auff├╝hrung lange Diskussion, die bald in politisches Fahrwasser ger├Ąt. Kagel sagt jedem ├ästhetisieren von ┬╗Miseren┬ź ab, will sich als Mensch gegen Unrecht weigern und nicht von Vietnam singen (er macht es vor: ┬╗Vietnam, c’est terrible …!┬ź). Beim Hinausgehen h├Âre ich ein M├Ądchen seine Ansichten ├╝bersetzen. Es sagt da etwas von Menschen, die ┬╗in Vietnam mit Napalm vergast werden┬ź.

 

4. Tag, Mittwoch, 24. VII. 1974

Am auff├Ąlligsten ist vielleicht ein kleiner junger Mann mit viel Haar auf dem Kopf und im Gesicht. Er tr├Ągt eine gro├če Brille und eine Sportm├╝tze, deren Schild knapp ├╝ber der Brille endet. Vom eigentlichen Gesicht ist wenig zu sehen infolge dieser Barrikaden. Er stellt sich, als Christian Wolff photographiert wird, hinter diesen, um stets mit aufs Bild zu kommen, und wei├č auch sonst sein Kommen und Gehen un├╝bersehbar zu gestalten.

Ein M├Ądchen, d├╝nn, mit Minirock, Brille, Bubikopf; keine Sch├Ânheit, ├Ąu├čerst scheu. Sie nimmt am Vorspiel bei Kontarsky teil, hat einen kleinen Sprachfehler (lispelt), lacht gehemmt und verlegen mit. ┬╗Neben der geht jemand …┬ź, l├Ąstert man bereits hinter vorgehaltener Hand. Ich verstehe die Bemerkung erst nach zweit├Ągiger Beobachtung, als sie mich vom andern Tisch her anstarrt, minutenlang, die Gabel in der Hand, teilnahmslos, leer, anscheinend absichts- und ahnungslos, was um sie vorgeht. Sie hat einen schnellen Gang, steht abrupt auf, verl├Ąsst den Raum urpl├Âtzlich. Ich muss mich mit ihr unterhalten.

Gordon Mumma, ein amerikanischer Komponist. Er h├Ąlt einen Vortrag mit Dias, eines davon eine mechanische Parkanlage mit Soldaten und Volk. Er spricht sehr ernst, doch verstehe ich nicht alles. Er l├Ąsst ein Tonband abfahren, das den Mitschnitt eines Konzertes wiedergibt, bei dem vier Schreiner auf einer B├╝hne Baumst├Ąmme mit Motors├Ągen zerschneiden. Nach etwa neunzig Sekunden S├Ągengeknatter h├Ârt man Publikum Beifall klatschen und pfeifen. Dann viele Bilder, auf denen man zumeist technische Apparate von immensen Kosten f├╝r musikalische ewas anspruchsarme Zwecke eingesetzt sieht. Immer viel ┬╗Technik┬ź – Computer, EEG, Laser, Stroboskop usw. Mumma stellt sich auf einen Stuhl und demonstriert eine Art G├╝rtel, der die Bewegungen seines Tr├Ągers akustisch ├╝bermittelt. So kann man die Bewegungen ┬╗h├Âren┬ź. Mumma f├╝hrt immer eine Menge Taschen mit sich und tr├Ągt meistens auch einen kleinen Rucksack. Ich wette, alles gespickt mit Elektronik.

Mittags Generalprobe von Kagels 1898; abends sch├Âne, spannende und genaue Auff├╝hrung. Davor das schwache Mirum f├╝r Tuba, das anscheinend nur des (aufgesetzten) Textes wegen entstanden ist. F├╝r beides eine Menge Applaus. Kagel dirigiert im Sitzen auf einer Schulbank, die sich bei heftigen Bewegungen unter seinem Gewicht durchbiegt, und geht ganz in seiner Musik auf.

Erstes ├ťben an Stockhausens Refrain.

Nach dem Konzert kurz P├ęter E├Âtv├Âs und Mesias Maiguashca begr├╝├čt. P├ęter sieht frisch aus. Claude zeigt mir seine Partitur Lettura di Dante, von der er mir letzte Woche erz├Ąhlte. Wir sehen sie gemeinsam durch. Das ist alles sehr sch├Ân klar und durchsichtig und zeigt (wie Chants und D├ęsint├ęgration) seinen langen Atem. Die zentrale Stelle des St├╝ckes: ein Tremolo von ├╝ber 30 Sekunden, in denen der Vorhang aufgeht, dann von der S├Ąngerin ┬źHo visto Dio┬╗ und wieder 24 Sekunden das Tremolo; die Worte in dreifachem Forte geschrieen, dazu mit den Fingern die Zeichen der Taubstummensprache. Mir gefiele es besser, wenn der Einsatz der Worte frei zu w├Ąhlen w├Ąre, um auf die Situation der Auff├╝hrung abgestimmt werden zu k├Ânnen. Und besser w├Ąre es, nur die Handzeichen zu nehmen oder die Lippen die Worte tonlos formen zu lassen. Das Sehen Gottes muss sich in einer ganz tief greifenden Ver├Ąnderung des Menschen ausdr├╝cken. Dante konnte berichten, als Dichter. Doch bei der Theatralisierung m├╝sste ein innerer Glanz von dem Menschen ausgehen, der Gott gesehen hat; eine ganz, ganz unglaubliche Hoffnung. Worte k├Ânnen l├╝gen, nicht das Aussehen, die Ausstrahlung, das eine solche Botschaft begleiten w├╝rde.

Mittags h├Âren wir das Tonband der K├Âlner Auff├╝hrung von D├ęsint├ęgration. Alles ist ├╝bersteuert; jeder laute Klavierton klingt, als l├Ąge Pergamentpapier auf den Saiten.

Zu essen gibt es Rindfleisch, Karotten und Kartoffelbrei.

Da sich noch Geiger und gar zwei Bratschen gemeldet haben, k├Ânnen wir D├ęsint├ęgration f├╝r das erste Studiokonzert am 2. August planen, und ich muss Christoph Delz anrufen, der, wie in K├Âln, die andere Klavierstimme spielen soll.

L├Ąngere Unterhaltung mit Dagmar B├Âsser (das lispelnde, starrende M├Ądchen), die aus Bayern stammt und in Bremen studiert, gleich mir vor kurzem in der ┬╗Glocke┬ź die Urauff├╝hrung von Stockhausens Herbstmusik bei der ┬╗nova┬ź erlebte und sein Spiral in einer Fassung f├╝r elektrisch verst├Ąrkte Blockfl├Âte spielen m├Âchte. Ich kann ihr versprechen, sie mit P├ęter bekannt zu machen, der Spiral mehrfach aufgef├╝hrt hat, und ich erfahre, dass sogar Michael Vetter, der ┬╗eigentliche┬ź Spiral-Spezialist, am Freitag kommen soll.

 

5. Tag, Donnerstag, 25. VII. 1974

Der erste Probenplan wird aufgesetzt, erste Proben werden abgehalten. Zun├Ąchst ein St├╝ck von der h├╝bschen Christina Kubisch aus Mailand. F├╝nf Pianisten an einem Fl├╝gel; jeder hat einen Ohrclip und h├Ârt von einem Kassettenrecorder ein anderes Metrum, nach dem er eine einfache Viertelfigur spielt – bis zu einem Zeichen, das wie das Pfeifen einer Lokomotive klingt. Dort ├Ąndert sich das Metrum, und man geht zur n├Ąchsten Zeile weiter.

Meine Dias treffen aus Wien ein.

Erste Probe von Refrain mit Caskel, Monique Copper (Celesta) und Cristian Petrescu (Klavier). Letzterer scheint ein Gro├čmaul zu sein und erinnert an einen Inseldiktator aus der S├╝dsee: feist und vorlaut, undiszipliniert und eitel. Nichtsdestotrotz kein ├╝bler Pianist.

Kurz im Kagel-Seminar, doch der Meister verzapft pure Ideologie ├╝ber sein Mirum f├╝r Tuba und dessen l├Ąuternde Wirkung auf den ausf├╝hrenden Musiker. Aber auch das macht mir das St├╝ck nicht sympathischer.

Mumma durchzieht die langen Flure des Schulhauses wieder mit Rucksack, unterm Arm eine Tasche, Noten und ein langes schwarzes Futteral, auf dem ┬╗Mumma┬ź steht. Bei der Kubisch-Probe photographiert er mit zwei Apparaten und hantiert mit einem Minirecorder mit eingebautem Mikrophon (dieser Technik-Besessene!). Der Pioniergeist treibt ihn um.

Wieder vergebliche Versuche, Christoph in Basel zu erreichen. Morgen wird ein Telegramm geschickt.

 

6. Tag, Freitag, 26. VII. 1974

Zwei weitere Proben an Refrain. Petrescu entwickelt immer neue Eigenarten. Heute hatte er Hausschuhe dabei, die er zum Klavierspielen anzog. Bei dem ersten Tremolo legt er sich so ins Zeug, dass ich nur mit M├╝he mein Lachen verkneife. Eine urkomische Figur mit einem Hinterteil, f├╝r das ein einziger Klavierstuhl kaum ausreicht. Dabei ist er immer ernsthaft und zitiert mich herbei, um in Ermangelung eines dritten Pedals einen Akkord festzuhalten oder einen D├Ąmpfer anzuheben. Ich kann mich der Aufgabe erfolgreich entziehen. Alles, was er spielt, ist eher zu laut als zu leise, und die ├ťbereinstimmung von Charakter und Spielweise bewahrheitet sich einmal mehr. Der Eindruck verliert sich allerdings mit der Zeit, und vielleicht sind es vor allem Anspannung und Nervosit├Ąt, die sich hier Luft machen.

In der Mittagspause sehe ich die Partituren durch, die f├╝r die Kurse eingeschickt worden sind; das meiste auf mittlerem Niveau. Auf dem Balkan scheint man der ┬╗Hommages ├á Bart├│k┬ź nicht m├╝de zu werden, und man kopiert den Guten schamlos.

Ulrich Heinen und Jacky Ross, beide aus dem Saarbr├╝ckener Orchester, treten wie zwei Hollywood-Stars auf. ┬╗Uli┬ź erkennt mich kaum wieder, scheint aber wenigstens den Rest einer Erinnerung an vergangene Saarbr├╝cker Tage bewahrt zu haben.

Beim vierten und letzten Versuch konnte ich endlich in Basel eine Nachricht f├╝r Christoph hinterlassen.

Kagel erl├Ąutert in seinem Seminar die Kinderstimmen aus 1898. Das ist nicht sehr bewegend, und er scheint mir die therapeutische Wirkung der Musik auf die Kinder zu ├╝bersch├Ątzen. Wolfgang Rihm und ich kichern darob in den hinteren Reihen. Da Kagel gerade vom Lachen der Kinder spricht, dies aber irgendwie ingrimmig und mit ├ärger in der Stimme tut, meint Wolfgang, Kagel sehe aus, als w├╝rde er uns beide gleich rauswerfen und eine Strafarbeit aufgeben. Das reizt mich noch mehr zum Lachen, und als Wolfgang mir noch zwei Bildchen von Kindergesichtern aufzeichnet (eines lachend, eines weinend, mit #- bzw. b-Vorzeichen), muss ich den Saal verlassen, um mir nicht ernstlich Herrn Kagels Zorn zuzuziehen.

Unverkennbare Silhouette: Kleine Feinschnitt-Pfeife, Brille, Futteral, Noten, Rucksack – Mumma.

Abends Konzert mit St├╝cken von P├ęter und Mesias. An P├ęters setze ich aus, dass es Unterbrechungen gibt, die allein durch das Umst├Âpseln der Synthesizer bedingt sind, die dann aber in ┬╗szenische┬ź Elemente umgedeutet werden. Ich besa├č die K├╝hnheit (oder Dummheit?), ihn darauf anzusprechen. Mesias’ St├╝ck enthielt viel Sch├Ânes und gut Komponiertes, doch leider, kurz vor Ende, in einem der besten Momente, nein, f├╝r mich im besten Moment des St├╝ckes eine Brechung der Musik durch eine verbale Ansage der Mitwirkenden.

 

7. Tag, Sonnabend, 27. VII. 1974

In Kontarskys Seminar Berios Rounds und Stockhausens Klavierst├╝ck V. David Arden, Peter Hill und Monique Copper spielen.

Anschlie├čend im Vortrag von Johannes Fritsch, der ├╝ber Harmonien (Untertonreihen) spricht. Sein Sul G ist allerdings eindrucksvoller als seine Theorien. Wieder viel Gekicher mit Wolfgang, da sich ein weiterer M├╝tzentr├Ąger eingestellt hat, ebenfalls mit Bart und Brille. Wolfgang malt eine Reihe von Stufen, die Fritsch in den B├Ąrtigen verwandeln.

Nach dem Mittagessen zeige ich Wolfgang, was ich von den Funktionen des Synthesizers wei├č, und wir spielen 1 ┬Ż Stunden damit herum, Cola-Schokolode und D├Ârrobst essend.

F├╝nf Minuten im Vortrag von Peter Michael Braun.

Claude erz├Ąhlt von seinen Erlebnissen mit der ┬╗Moment-Form┬ź Stockhausens.

Programmbesprechung und Probenplan um 15.30 Uhr. Das erste Studiokonzert wird zusammengestellt: Gehlhaar, Brindus, Lehmann, Vivier.

Ich bin sehr abgespannt, doch nach zwei Stunden Schlaf geht es mir besser. Nach dem Abendessen Vortrag von Tomás Marco, den ich vorzeitig verlasse.

Wieder f├Ąllt Dagmar auf. Schon bei Fritsch kam sie versp├Ątet, ging hinter diesem vorbei und holte sich einen Stuhl, trug ihn hinter Fritsch vorbei und setzte sich. Nun standen aber dort, wohin sie ihren Stuhl brachte, gen├╝gend leere St├╝hle, und der Grund des Transportes war nicht zu erkennen. Dann hustete sie. Bei Marco heute Abend ganz ├Ąhnlich. Sie setzt sich, steht wieder auf und tr├Ągt ihren Stuhl in die erste Reihe, hustet kurz und trocken (wie fast w├Ąhrend des ganzen Mirum), h├Ąlt sich die H├Ąnde ├╝ber die Ohren, bohrt mit einem Finger darin, l├Ąchelt nach oben in den leeren Raum, sieht abwesend in irgendeine Ecke, hustet, starrt den Vortragenden an, ja durch ihn hindurch.

Morgen geht’s ├╝ber Paris nach Marseille und la Ste. Baume. Ich freue mich nicht darauf. Zu gro├če Hektik. M├╝de.

 

8.–10. Tag, Sonntag–Dienstag, 28.–30. VII. 1974
Exkurs nach la Ste. Baume [siehe hierzu die Nachbemerkung]

Wieder zur├╝ck aus la Ste. Baume. Hinflug am Sonntag (mein sechsundzwanzigster Geburtstag) ├╝ber Paris, dort kurzer Aufenthalt bei meiner Schwester unter st├Ąndigem Zeitdruck, dann Weiterflug nach Marseille.

Ich sehe niemanden, der mich abholen will, warte volle zwei Stunden und nehme schlie├člich ein Taxi nach la Ste. Baume, das oben in den Bergen in einem Hochtal liegt. Der Taxifahrer diskutiert kurz mit seinen Kollegen, wie am besten zu fahren sei, und wir machen uns auf den Weg. Es wird allm├Ąhlich dunkel.

Es ist eine kurvenreiche Gebirgsstra├če, die stellenweise nicht ausgebaut ist und sich manchmal gar zu verlieren scheint. Dem Fahrer – mir nicht minder – wird die Sache zunehmend bedenklich. ┬źC’est impossible, c’est impossible!┬╗ ruft er mehrfach, studiert seine Karte, sucht nach Wegweisern, die es aber nicht gibt oder in der Dunkelheit nicht zu finden sind. Auch H├Ąuser, in denen man fragen k├Ânnte, gibt es keine. Finsternis ringsum und nur eine Schotterstra├če, die sich endlos in die Berge hinaufwindet. Kein Verkehr, der ├╝berholt, selten kommt ein Fahrzeug entgegen.

Mit meinen wenigen franz├Âsischen Brocken kann ich meinen Chauffeur jedoch immer wieder zur Weiterfahrt bewegen: ┬źLa rue est tr├Ęs male, bien sur, mais je pense que la direction est bonne!┬╗, versuche ich uns Mut zu machen. Ich zeige ihm meinen franz├Âsischen Vertrag, um sein Vertrauen zu gewinnen und zu beweisen, dass mich ausschlie├člich ehrenwerte k├╝nstlerische Motive in diese entlegene Gegend f├╝hren.

Gegen halb zehn erreichen wir unser Ziel. Der Fahrpreis betr├Ągt 150 FF, und ich lege noch 20 FF f├╝r die ausgestandenen ├ängste darauf (man erstattet mir sp├Ąter die Auslagen).

Ein beleuchteter Eingang, vor dem mehrere junge, meist bunt gekleidete Leute stehen, sitzen oder liegen, f├╝hrt zu dem Saal, aus dem leise Stockhausens Indianerlieder erklingen.

Ich warte im Freien – tief diese einzigartige, wunderbar warme, bet├Ąubende Luft atmend.

Nach einer Viertelstunde gibt es innen Applaus, und man darf hinein. Der Raum ist eine Art Scheune mit rohen W├Ąnden, ist aber mit Teppich ausgelegt. ├ťber den K├Âpfen sind Scheinwerfer im Geb├Ąlk montiert, ein gro├čer hoher Kasten enth├Ąlt eine altmodische Orgel; an den W├Ąnden ringsum Podeste und Bauten f├╝r das Alphabet.

Stockhausen kommt und spricht ├╝ber Magie, Inayat Khan, einen Universit├Ątsprofessor und einen H├╝hnerfarmbesitzer; er bringt sein Publikum zum Lachen.

Als die Leute gegangen sind, beginne ich mit meinem Aufbau und gehe gegen 3 Uhr fr├╝h schlafen.

Beim Gang ├╝ber den kiesbedeckten Innenhof zu meiner Unterkunft – ein Dreibettzimmer, alt, unfreundlich – blicke ich nach oben, erstarre und bleibe mit offenem Mund stehen, so sehr staune ich. Ein Sternenhimmel, wie ich ihn nie zuvor sah. Glaubte ich, mich am Himmel einigerma├čen auszukennen, so finde ich jetzt kein einziges der mir vertrauten Sternbilder wieder, so verwirrend ist die Unzahl der Lichtpunkte. Die Milchstra├če – in K├Âln bestenfalls andeutungsweise zu sehen –, hier spannt sie sich sch├Ân und klar ├╝ber das ganze Firmament. Zwei Sternschnuppen fallen, und ich w├╝nsche mir etwas.

Am andern Morgen nur eine Tasse Tee im Stehen im ├╝berf├╝llten Speisesaal, ein trockenes St├╝ck Brot. Ich bin v├Âllig ungewohnt, unter so vielen Menschen zu sein, die alle Zeit im ├ťberfluss zu haben scheinen. Viele sch├Âne, oft bildsch├Âne M├Ądchen. Den ganzen Tag werde ich bedr├╝ckt und schweigsam sein, manchmal fast wieder verzweifelt. Ich beende den Aufbau meiner Apparaturen.

Wo ich denn am Flughafen gewesen sei, f├Ąhrt mich Stockhausen vorwurfsvoll an, als er mich sieht. Man habe extra jemanden geschickt, um mich abzuholen. Ein Programmheft habe er als Erkennungszeichen in der Hand gehalten. Ich habe wohl nicht aufgepasst …! Aber ich hatte niemanden mit Programmheft gesehen und w├Ąre wohl auch auf Verdacht auf jeden zugegangen, der mir wie ein Abholer ausgesehen h├Ątte.

W├Ąhrend mich meine Wannen und Lichtprojektionen nochmals besch├Ąftigen, arbeitet Stockhausen im Hintergrund mit einem Pianisten, der ihm auf einem Fl├╝gel sein Klavierst├╝ck IX vorspielt. Was gesprochen wird, kann ich nicht verstehen; die Entfernung ist zu gro├č. Doch es sind keine freundlichen Laute, die mich erreichen.

Gegen 10 Uhr beginnt unsere Probe f├╝r das Alphabet. Stockhausen geht herum, sieht jedem eine Weile zu, verbessert, belehrt, wendet sich mit erhobener Stimme an alle und gibt Anweisungen f├╝r den Abend. Kaum habe ich zwei oder drei Glissandi auf dem Synthesizer gespielt, ohne sie weiter entwickeln zu k├Ânnen, kommt Stockhausen und fragt, ob ich das gemacht h├Ątte. Das sei ja scheu├člich. Ich hatte das zwar selbst so empfunden, aber irgendwie musste man ja einmal anfangen. Die Weichen sind auf Zusammensto├č gestellt.

Nach dem Mittagessen lege ich mich einige Stunden schlafen, um am Abend f├╝r die vierst├╝ndige Auff├╝hrung ausgeruht zu sein – zumal ich gleich anschlie├čend noch nach Marseille zur├╝ck muss –, und mache dann einen kurzen Spaziergang, finde Lavendel. Es ist hochsommerlich hei├č.

Ich dusche und setze mich zu den anderen Spielern auf die Terrasse, wo man etwas trinken kann. Stockhausen pr├Ąsidiert und fragt mich nach den Kursen in Darmstadt. Verlegen gebe ich Auskunft, da er mich lautstark quer ├╝ber den ganzen langen Tisch hinweg anspricht. Es komme eben auf den Tag an, sage ich abschlie├čend, und meine, dass es eben gute und schlechte Tage gebe. Die Antwort passt ihm offensichtlich nicht. Sich wieder von mir abwendend meint er ironisch, das seien ja ┬╗weise Spr├╝che┬ź.

Ich antworte nichts und falle in Stillschweigen. Helga Hamm, die S├Ąngerin der Indianerlieder, fragt mich sp├Ąter, ob ich ┬╗immer so ruhig┬ź sei. Meine F├Ąhigkeit zu unterhalten l├Ąsst sichtlich zu w├╝nschen ├╝brig, und man l├Ąsst mich dies auch sp├╝ren.

Die Vorstellung beginnt um 20.30 Uhr und dauert bis 0.40 Uhr. Wenig interessante Musik, am besten noch Michael Vetter und Atsuko Iwami.

Kurz vor Mitternacht setzt sich Stockhausen, stets mit einer Schar Zuh├Ârer im Gefolge, neben eine meiner Wannen und beginnt mir Anweisungen zu geben, was ich spielen soll. ┬╗Kleine Sekund, stehen lassen, stehen lassen … aha! Wieder zur├╝ck. Langsamer Triller, zehnmal hintereinander. Tritonus. Mehr Obert├Âne, lauter, noch lauter.┬ź Und so weiter.

Ich bin zun├Ąchst v├Âllig wehrlos und gehorche, wie ein artiger Sch├╝ler die Weisungen seines strengen Meisters befolgt. Doch ich f├╝hle mich g├Ąnzlich ├╝berfahren; empfinde wie jemand, der nichts Eigenes hat, alles verkehrt macht und dem man alles sagen muss, damit es keine Pannen gibt. Endlich habe ich Kraft zum Widerstand gesammelt und sage zu Stockhausen, das Beste sei, er w├╝rde es gleich selber machen. Er stutzt. Und nach einer ziemlich langen Pause sagt er, dann solle ich etwas zeigen, was interessanter sei. Und, nach erneuter Pause, f├╝gt er hinzu, das w├Ąre noch besser.

Aber ich versuche ohnehin, meiner Aufgabe nach M├Âglichkeit gerecht zu werden und Physik und Musik in Einklang zu bringen. Entstand dabei bisweilen mehr Physik als Musik, so war das eigentlich nicht meine Schuld allein, sondern hatte seine Ursachen nicht zuletzt in der Komposition selbst, die diese Bereiche nur unzul├Ąnglich zu verbinden wusste und welche die starken Beschr├Ąnkungen des speziellen, auf optische Demonstration ausgerichteten Instrumentariums verkannte.

Stockhausen mag all dies selbst empfunden haben, und seine Gereiztheit mochte zum Teil auf diesen Umstand zur├╝ckgehen. Er sieht und h├Ârt nun schweigend zu, bis er schlie├člich nach der Uhrzeit fragt. Auch diese Frage, wie alles zuvor, nicht etwa diskret, sondern mit lauter Stimme.

Den hellh├Ârig gewordenen Anwesenden, auch denen, die kein Deutsch verstehen, ist nichts von unserem Konflikt entgangen, und man ist dankbar f├╝r den kleinen zus├Ątzlichen H├Âhepunkt. Schlie├člich gebietet Stockhausen, Schluss zu machen, da die vorgeschriebenen vier Stunden schon zehn Minuten ├╝berschritten seien.

Alles, was mich Stockhausen im Verlauf dieses absto├čenden Finales spielen hie├č, passte in nichts mehr zum Gesamtklang. Es erschien mir im Hinblick auf die anderen Stimmen des Ensembles von Grund auf unsinnig und lie├č sich nur als Teil eines Machtkampfes begreifen, der an die Stelle einer musikalisch fruchtbaren Begegnung trat. Er war der ├ťberlegene, ich der Unterlegene. Er als Komponist durfte auch vor Publikum, mitten in einer Auff├╝hrung, von den Spielregeln abweichen und Dinge verlangen, die so nicht vereinbart waren, die ihm im Augenblick opportun schienen und die er nicht zu rechtfertigen brauchte – ein Solo f├╝r den Komponisten und zugleich ein klarer Fall von Machtmissbrauch, Vergewaltigung und Verrat. Meine Rolle als Stiefelabtreter war ├╝berdeutlich. Von dem st├Ąndig im Munde gef├╝hrten ┬╗h├Âheren Bewusstsein┬ź keine Spur; eine Phrase, die nur der G├Ąngelung diente.

Nach der Auff├╝hrung solidarisches Bedauern und Emp├Ârung der anderen Musiker, denen die Szene nicht entgangen war; Ablehnung, k├╝nftig weiter bei diesem St├╝ck mitzuwirken. Auch f├╝r mich war dies die letzte Auff├╝hrung des Alphabets, dessen war ich ganz sicher.

Ich packe schnell die Ger├Ąte zusammen, da mich ein Ehepaar im Wagen nach Marseille mitnehmen kann. Ich habe keine Lust mehr, Stockhausen zu sehen, und gehe ohne Abschied.

Um ┬Ż 3 Uhr morgens bin ich wieder am Flughafen in Marseille.

Mir ist sehr ├╝bel, und ich habe heftige Kopfschmerzen. Ich lege mich auf eine Bank, eine Jacke unter den F├╝├čen, den Koffer als Kissen benutzend. Abflug 6.20 Uhr nach Paris, 8.45 Uhr ab Paris nach Frankfurt. Gegen 11.30 Uhr bin ich wieder in Darmstadt.

 

Nachmittags nach dem Duschen geschlafen, dann mit Kontarsky Evryali von Xenakis durchgegangen, da ich ihm bei der Auff├╝hrung umbl├Ąttern soll. D├ęsint├ęgration ge├╝bt; mit Mesias ├╝ber Stockhausen gesprochen. Abends Xenakis-Konzert. Sehr eindrucksvoll Persephassa, grandios gespielt. Xenakis macht sich. Alles sehr kraftvoll und energiegeladen und stets mehr als ┬╗nur laut┬ź.

Das Konzert bringt mich wieder auf bessere Gedanken, und meine gro├če Entt├Ąuschung l├Ąsst nach. Wolfgang versucht mich zu tr├Âsten.

Die Verlobten von Manzoni zu Ende gelesen. Das Gottvertrauen, das aus diesem Buch spricht, kann nicht ganz ohne Wirkung auf den Leser bleiben.

 

 

Fortsetzung

 

 

Letzte ├änderung: Montag, 2. Mai 2016

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