Auf zwei RĂ€dern

 

Auf zwei RĂ€dern

 

 

von

Herbert Henck

 

 

fĂŒr Jutta zum 39. Geburtstag

 

 

Als Jana so alt geworden war, dass sie vormittags nach dem FrĂŒhstĂŒck zunĂ€chst in den Selsinger Kindergarten, spĂ€ter dann in den Deinstedter Spielkreis und schließlich wieder nach Selsingen in die Grundschule ging, holten Jutta und ich unsere FahrrĂ€der aus dem Keller, pumpten frische Luft in die Reifen und nutzten bei schönem Wetter die Zeit ihrer Abwesenheit zu gemeinsamen morgendlichen Ausfahrten.

Wir genossen die UnabhĂ€ngigkeit und Möglichkeit, nach mehreren anstrengenden Jahren elterlicher PflichterfĂŒllung und FĂŒrsorge wieder etwas gemeinsam, nur zu zweit zu unternehmen, sei es auch nur fĂŒr die Dauer solch einer bescheidenen, kaum je eine Stunde ĂŒberschreitenden Spazierfahrt in der Umgebung. Wer Kinder hat, wird mich verstehen.

Um unsere zumeist sitzende Lebensweise auszugleichen, waren wir zwar auf leichte körperliche ErtĂŒchtigung bedacht, doch stand diese nie im Vordergrund und nahm selbst dann keinen sportlichen Charakter an, wenn wir einmal eine immer kurze, vorzugsweise abschĂŒssige Strecke Wegs um die Wette fuhren oder einer dem anderen im Wunsche vorauseilte, krĂ€ftiger in die Pedale zu treten und die Muskeln energischer zu betĂ€tigen. Dies war jedoch die Ausnahme. Meistens fuhren wir gemĂ€chlich neben- oder hintereinander her, je nachdem, wie es Art und Breite der Straße oder der Verkehr erlaubten, ob wir uns unterhalten oder lieber den eigenen Gedanken nachhĂ€ngen wollten.

Schwarzer Tee war getrunken, zwei oder drei Tassen, mit und ohne Zucker; Brot war gegessen, ein oder zwei Scheiben. Die Katzen waren gefĂŒttert und ins Freie entlassen. Doch die Stunde war zu frĂŒh, um sich beruflicher, hĂ€uslicher oder gar gĂ€rtnerischer Arbeiten anzunehmen – Körper und Geist rangen noch mit der MĂŒdigkeit. Bewegung tat not, dem Kreislauf auf die Beine zu helfen und die Sinne zu wecken.

So dienten die Fahrten dem allgemeinen Erwachen, der seelischen Einstimmung auf das Tagesgeschehen, der RĂŒstung fĂŒr das Kommende, waren zugleich aber Freude an der Bewegung wie an der Landschaft, durch die sie uns fĂŒhrte, Gefallen an der Gegend, dem Wachstum auf Feld, Wald und Wiesen, dem Leben der BĂ€ume, BĂŒsche, GrĂ€ser, KrĂ€uter und Blumen, dem Anblick der Tiere, die wir in den geöffneten StĂ€llen, auf den Weiden oder in ihrer natĂŒrlichen Freiheit zu sehen bekamen, Freude an der Frische des Morgens, der KĂŒhle des Fahrtwinds, den Strahlen der Sonne, der wir, manchmal ganz ungeniert mit einem Lied auf den Lippen, entgegen fuhren und die uns spĂ€ter die RĂŒcken wĂ€rmte, Freude am gemeinsamen Tun.

Dass nicht jede Ausfahrt Neues bot, kĂŒmmerte uns nicht. Im Gegenteil. Dauer und KrĂ€fteaufwand bestimmter erprobter Routen im voraus ermessen und ihre Eigenarten wiederholt erleben zu können, trug entschieden zu ihrem Genuss bei. Es ging nicht um Erkundung oder Abwechslung, nicht die Befriedigung einer Neugierde, sondern zumeist um nichts weiter als eine Art ruhig fahrender Betrachtung, der nichts zu gering war, wahrgenommen zu werden, und die fĂŒr alles, was es gab und was sich tat, empfindlich und empfĂ€nglich war.

Sahen wir einen Hasen oder ein Kaninchen ĂŒber den Weg hoppeln, hörten eine Lerche so hoch oben zwitschern, dass man den blendend hellen Himmel lange nach ihr absuchen musste, begegneten wir einem Raubvogel, der unbeweglich auf einem Weidezaun saß, oder vielleicht sogar ein paar Rehen, die unser Nahen lĂ€ngst bemerkt hatten und Reißaus nahmen, hörten wir einen Specht hĂ€mmern, fanden im Herbst ein paar essbare Pilze unter den Birken am Straßenrand oder Kastanien, die wir fĂŒr Jana als Spielzeug auflasen, war dies alles mehr als erwartet und zĂ€hlte schon zu den kleinen DenkwĂŒrdigkeiten.

Fahrrad fuhren wir beide sehr gerne, Jutta auf ihrem roten, einst im Bremer Ostertorviertel maßgeschneiderten »Renner« mit zehngĂ€ngiger Kettenschaltung, ich auf meinem dreigĂ€ngigen, Ă€ltlich silbergrauen, von uns inzwischen neu bereiften GefĂ€hrt aus dritter, wenn nicht vierter Hand, das nur sechzig Mark gekostet hatte, meinen AnsprĂŒchen aber vollauf genĂŒgte. Es war nicht fĂŒr hohe Geschwindigkeiten ausgelegt – daran konnten auch die schnittigen Beschriftungen »Monza, macht mehr draus« auf der Klingel und »Torpedo« auf dem GehĂ€use der Gangschaltung nichts Ă€ndern. Doch passte es zu mir, und ich schĂ€tzte seine UnauffĂ€lligkeit.

Bestand die Halterung von Juttas GepĂ€cktrĂ€ger aus einem krĂ€ftigen schwarzen Gummiband, das ĂŒber das zu Befördernde gespannt wurde, so hatten wir auf dem meinen ein weiß lackiertes Drahtkörbchen befestigt, in dem sich GrĂ¶ĂŸeres verstauen ließ. Öfters kam eine Stofftasche mit unseren SchlĂŒsselbunden und Portemonnaies hinein, die in den Hosentaschen beim Fahren hinderlich waren; ansonsten nahm es Pullover und Regenjacken auf, die wir je nach Witterung an- oder auszogen, unterwegs gefundene Feldsteine zur Verschönerung des Gartens oder gepflĂŒckte Blumen bei besonderen AnlĂ€ssen.

Auch eine TĂŒte mit frisch gebackenen Brötchen fĂŒr ein zweites FrĂŒhstĂŒck und ein paar sĂŒĂŸen Mitbringseln fĂŒr Jana kamen in dieses Körbchen, als wir eine Zeitlang den BĂ€ckerwagen zufĂ€llig trafen oder auch gezielt abfingen. Dieser fuhr jeden Donnerstag ĂŒber die Dörfer und Siedlungen, in denen es (wie in Deinstedt) keine GeschĂ€fte gab, und zwei Selsinger BĂ€ckereien machten sich sogar Konkurrenz bei dieser Suche nach Kundschaft. Die VerkĂ€uferinnen taten ihr Eintreffen durch mehrfaches Hupen kund, parkten dann in vorbestimmten Hofeinfahrten, öffneten ihren Verschlag, und schon prĂ€sentierten sich allerlei Brote und Brötchen, Kuchen, TortenstĂŒcke, GebĂ€ck, die gĂ€ngigen SĂŒĂŸigkeiten fĂŒr die Kinder und sonstige beliebte Waren. Die Anwohner, bei frischem Wetter erst halb in ihren MĂ€nteln, eilten aus den HĂ€usern herbei und besahen sich das Angebot.

Der erste Berufsverkehr war vorbei. Außer uns war fast niemand unterwegs. Da unser Weg teilweise durch GelĂ€nde fĂŒhrte, in das selbst Trecker nur zur Erledigung bĂ€uerlicher Arbeiten kamen, ergaben sich GesprĂ€che mit Fremden so gut wie nie. Auch auf den Höfen, an denen wir vorbei kamen, war selten jemand zu sehen. Die KĂŒhe im Stall waren lĂ€ngst gefĂŒttert und gemolken, die Milch war abgeholt. Die Kinder waren in der Schule. Vielleicht vesperten die Bauern nun.

 

*

 

Die bei weitem lĂ€ngste, landschaftlich aber auch schönste Strecke fĂŒhrte ĂŒber den Alten Postweg aus Deinstedt zunĂ€chst zur Hohen Lucht hinauf; keine bedeutende Steigung, kaum ein HĂŒgel zu nennen, doch fĂŒr den Anfang mĂŒhsam genug, besonders bei Gegenwind. Am Wegrand stand eine alte Eiche, die man auch zu zweit nicht hĂ€tte umarmen können.

Dann kamen wir an der meist leeren Weide von Kalimba, der Stute unserer Nachbarn, vorbei und schließlich, als dritter Besonderheit, an einem guten Dutzend riesiger BaumstĂ€mme, die seit dem letzten Herbst am Straßenrand auf ihren Abtransport warteten und deren SchnittflĂ€chen mit blauer Farbe markiert waren. Lange hatte ich sie fĂŒr Eichen gehalten, bis die StĂ€mme plötzlich selbst zeigten, dass es Pappeln seien. Denn trotz der groben, rissigen Rinde trieben alle StĂ€mme im FrĂŒhling neu aus, kleideten ihre alten, grauen, lĂ€ngst tot geglaubten Körper vor ihrer Fahrt zum SĂ€gewerk noch einmal mit dem Schmuck vieler neuer Zweiglein und rötlich-grĂŒnen Laubs und bekundeten ihren ungebeugten Lebenswillen in anrĂŒhrender Weise. Wie sollte ich nicht an dieses GrĂŒn denken, als ich spĂ€ter einmal im Buch Hiob las: Â»Denn ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen, und seine SchĂ¶ĂŸlinge bleiben nicht aus. Ob seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im Boden erstirbt, so grĂŒnt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze.«?

Kaum noch zu bemerken war, dass entlang dieser Strecke im vergangenen Jahr Erdgasleitungen und Stromkabel verlegt worden waren, so schnell hatten Gras, Blumen und Stauden das Erdreich auf den zugeschĂŒtteten GrĂ€ben wieder bedeckt. Die Arbeiten waren rasch vorangeschritten, und bald waren auch alle Strommasten und Hochleitungen entfernt. Die TĂŒrmchen aus Backstein, an denen sich die Leitungen verteilt hatten, waren abgerissen worden (leider auch jenes nahe bei unserem Haus) und durch wetterfeste dunkelgrĂŒne gerippte KĂ€sten ersetzt, die etwa so groß wie ein Personenauto waren.

Die Anhöhe, auf die wir schließlich hinaufgestrampelt waren, hieß, wie gesagt, die Hohe Lucht. »Lucht« bezeichnet, wie mich ein Lexikon unterrichtet, im Norddeutschen einen »Bodenraum« unter dem Dach. Doch ist das Wort auch mit »Luft« verwandt, und tatsĂ€chlich sah ich in der Umgebung auch einmal den Straßennamen »Hohe Luft«.

Hier oben gab es eine MilitĂ€rstation, deren Aufgabe uns weder bekannt war noch interessierte, die uns aber immer wieder zu Witzeleien reizte. Die Anlage war nĂ€mlich mit ĂŒberhĂ€ngenden ZĂ€unen und fĂŒnffachem Stacheldraht gesichert, als gelte es nichts Geringeres als die geheim erfolgte Landung der Außerirdischen zu vertuschen, und man glaubte, jeden Augenblick mĂŒssten Gestalten wie die Teletubbies aus dem Innern der kegelstumpfförmigen und manchmal mit kleinen geodĂ€tischen Domen gekrönten HĂŒgelchen kriechen und die kĂŒnstlich begrĂŒnten ErdwĂ€lle bevölkern. Winke-Winke!

Warnschilder verboten streng das Zelten, Feuermachen und Rauchen im Umkreis von fĂŒnfzig Metern, untersagten ebenso das Fotografieren, Anfertigen von Zeichnungen, Skizzen oder sonstigen Abbildungen und drohten unter Berufung auf Paragraphen und unverstĂ€ndliche AbkĂŒrzungen mit Bußen bis zehntausend Mark bei Zuwiderhandlungen. Öfters sah man auf dem GelĂ€nde Wachen, die SchĂ€ferhunde abrichteten, und Lautsprecherdurchsagen machten ihrem Namen alle Ehre, denn kilometerweit bliesen sie etwas ins Feld hinaus, von dem ich nie ein Wort habe verstehen können – zweifellos verschlĂŒsselte Nachrichten, um feindliche Spione irrezuleiten. Bald wurde die kleine Garnison aber aufgegeben, und man sah nurmehr vereinzelte Schafe dort grasen. Die Schilder wurden entfernt, und nach und nach geriet alles in Vergessenheit.

Unser Weg fĂŒhrte zum GlĂŒck nun wieder abwĂ€rts, und wir erreichten selbst dann hohe Geschwindigkeiten, wenn wir uns wie auf einer schiefen Ebene den HĂŒgel einfach hinunterrollen ließen. Dann kam eine unĂŒbersichtliche Rechtskurve, deretwegen man nicht allzu schnell werden durfte, und bald war links nach Ölkershusen abzubiegen, wenn wir uns Zeit nehmen und den langen, »schönen« Weg nehmen wollten. (Bogen wir jedoch nach rechts ab, war die Strecke erheblich kĂŒrzer, und man gelangte ĂŒber Rohr auf dem kĂŒrzesten Weg wieder nach Deinstedt zurĂŒck.)

An dieser Stelle waren uns einst einige KĂŒhe mitten auf der Straße entgegen gekommen, denen ein schlecht verschlossenes Weidezauntor die Möglichkeit zu einem Ausflug gegönnt hatte. Doch die Guten kamen nicht weit. In der Ferne liefen bereits einige Leute hinter ihnen her, um sie einzufangen. Und als die KĂŒhe nun auch noch uns von vorne auf den RĂ€dern auf sich zukommen sahen, machten sie freiwillig kehrt und strebten resigniert zu ihrer Weide zurĂŒck, wo sie von einem jungen Mann in Empfang genommen wurden. Er schloss das Gatter hinter ihnen, bedankte sich fĂŒr unseren kaum nennenswerten Beistand und meinte, er wisse gar nicht, wem die KĂŒhe gehörten, denn sie hĂ€tten ja keine Arschmarken. Seine seien es jedenfalls nicht, und man sei nur zufĂ€llig aufmerksam geworden. Man wĂŒnschte sich noch einen schönen Tag, und wir setzten unsere Fahrt fort.

Als ich einmal mit Jana an dieser Stelle vorbeigekommen war, hatten wir auf einer Wiese unweit des Gatters Rast gemacht, Binsengras in einem Graben gepflĂŒckt und uns einen Apfel geteilt. Dann gab es ein Kaugummi. Es war ein warmer, sonniger Tag, doch zogen immer wieder einzelne weiße Wolken an der Sonne vorĂŒber und warfen mĂ€chtige Schatteninseln am Boden. Schon standen wir selbst in einer solchen, wĂ€hrend rings um uns die Sonne schien. Dann sahen wir das Licht rasch ĂŒber die Felder nahen, bis es uns erreichte und wir nun auch wieder in der Sonne standen. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrmals zu unserem VergnĂŒgen.

Mitten in Ölkershusen, einer Siedlung aus nur vier oder fĂŒnf Gehöften, bogen wir – nun wieder Jutta und ich – bei der Bushaltestelle scharf nach rechts ab, und die schmale asphaltierte Straße, die Hohenfelder Straße heißt, stieg an.

Wenig spĂ€ter nahmen wir an einem unter alten Eichen gelegenen Hof, vor dem sich oft eine Katze putzte, die Abzweigung nach rechts, nach Westen, wĂ€hrend sich die asphaltierte Hauptstraße nach links in Richtung Ohrel fortsetzte. Der mit Feldsteinen gepflasterte Weg fĂŒhrte nun aus dem dĂŒsteren Eichenhag heraus, und bald waren wir wieder im freien Feld.

 

*

 

Hier begann jene Strecke, die wir ĂŒbereinstimmend als die schönste in dieser Gegend bezeichneten und die vielleicht auch den entscheidenden Anstoß zu den vorliegenden Aufzeichnungen gab.

FĂŒr jemanden, der zufĂ€llig des Wegs gekommen wĂ€re, hĂ€tte diese Landschaft wohl kaum sonderlich Sehenswertes aufzuweisen gehabt. Nichts bot sich dem verwöhnten, nach Zielen und Höhepunkten trachtenden Auge des Touristen. Tief und unbefangen konnte man in ein talartiges Land hinaussehen und den Blick schweifen lassen ĂŒber viele große Wiesen und Weiden, in deren hellem GrĂŒn es immer wieder kleine dunkle Fleckchen von BĂ€umen, ja von Waldung gab. BegĂŒnstigt wurde diese Aussicht dadurch, dass unser Weg nicht auf der Sohle des Tales verlief, sondern eher auf halber Höhe. Das GefĂ€lle war indes gering, und es sah aus, als habe eine sanfte, riesige Woge die gesamte Landschaft erfasst.

Der Weg, auf dem wir fuhren, war einst asphaltiert gewesen, doch war diese Decke durch Hitze, Frost und Alter fast ĂŒberall zerbrochen und von den schweren Reifen der landwirtschaftlichen Fahrzeuge zermahlen worden. SpĂ€ter gab es fĂŒr eine lĂ€ngere Strecke sogar ein Pflaster aus gegossenen Verbundsteinen, doch auch dieser Belag hatte gelitten und war durch die Wurzeln naher BĂ€ume wellig geworden. Gras wucherte zwischen den Steinen und bildete einen grĂŒnen Mittelstreifen zwischen den Fahrspuren. Doch auch Löwenzahn, Schafgarbe, Giersch, Johanniskraut sowie Rainfarn und einiges uns Unbekannte wuchsen hier. Da es den Pflanzen aber an Platz und wohl auch an Wasser mangelte, blieben sie klein und kĂŒmmerten. Vielleicht war dieser Weg frĂŒher auch die Hauptverkehrsstraße zwischen Ohrel und Rohr gewesen, die erst nach dem Ausbau einer neuen, ĂŒber Ölkershusen geleiteten Straße der VernachlĂ€ssigung anheimgefallen war.

Selbst wenn nicht zu ĂŒbersehen war, dass man sich inmitten eines landwirtschaftlich stark genutzten Gebietes befand, hatte doch alles die harmonische Ruhe und Ausgeglichenheit einer großzĂŒgigen und weitlĂ€ufigen Parklandschaft. Hierzu trug besonders der Umstand bei, dass man, wohin man auch blickte, nirgends mehr eine menschliche Behausung entdecken konnte, weder ein Dorf noch Gehöft, selbst keine Kirchturmspitze. Auch Hochspannungs- oder Telefonleitungen fehlten, und die nĂ€chste von Autos befahrene Straße lag so weit ab, dass nichts von ihr zu sehen oder zu hören war. Unerwartet trat Stille ein.

Die Zeit schien stehen geblieben zu sein, und ich wusste nicht, woran ich noch hĂ€tte ermessen sollen, ob ich mich in unserem Jahrhundert und nicht im vorigen oder vorvorigen oder einem noch frĂŒheren befand. WĂ€re plötzlich eine Postkutsche hinter einer Biegung erschienen oder die drei Musketiere wĂ€ren hĂŒteschwenkend vorbeigaloppiert, hĂ€tte mich das vielleicht nicht einmal sonderlich ĂŒberrascht. Und doch – es gab die ElektrozĂ€une und auch ZĂ€une aus Stacheldraht, beides Erfindungen des modernen Menschen und untrĂŒgliche Zeichen der Zivilisation, und nur der Umstand, dass sie so ausgedehnte WeideflĂ€chen umschlossen, nahm ihnen einen Teil ihrer GefĂ€hrlichkeit und Bedeutung, ja ließ sie mitunter vergessen.

Es war gleichermaßen das GefĂŒhl von Einsamkeit und Geborgenheit, von Abstand zu den Dingen des normalen Lebens wie der Möglichkeit des Aufgehens in einer Landschaft ohne Ende, die so einladend, geschlossen und geheimnisvoll wie ein großer Garten war, in dem man sich ungesehen aufhalten konnte. An manchen Tagen hatte alles seinen unverwechselbaren Zauber: das Licht, die Luft, die Töne, die Farben; und man glaubte, man habe einen Raum betreten, in dem, wie in der Zone von Tarkowskis Stalker, die Gesetze der NormalitĂ€t nicht mehr gelten und man stĂ€ndig auf Unberechenbares gefasst sein muss. Wie man sieht, tue ich mich schwer mit der Beschreibung, und natĂŒrlich ĂŒbertreibe ich ein wenig. Doch ein Körnchen Wahrheit steckt in allem Gesagten.

Scheue und bisweilen auch seltene Tiere schienen diese Ruhe, diese Ungestörtheit gleich uns zu suchen, denn hĂ€ufig trafen wir auf ein Kaninchen oder einen Hasen, die sich an einem Haufen gammeliger RĂŒben zu schaffen machten, auf ein paar RebhĂŒhner (oder waren es Wachteln?), die vor uns aufflatterten, so dass wir gleich ihnen erschraken, oder bisweilen selbst einen Fasan.

Und unter den Rufen der Vögel gab es immer wieder solche, die wir noch nirgendwo gehört hatten und die wir keiner der uns bekannten Arten zuordnen konnten. Ansonsten hörten und sahen wir Möwen und KrĂ€hen, Lerchen und Tauben, schwarzweiße Bach- und schwarzgelbe Schafstelzen, um nur die auffĂ€lligeren zu nennen. Und Kuckucksrufe gab es im FrĂŒhjahr. Raubvögel kreisten ĂŒber den Weiden oder saßen auf frei stehenden hohen BĂ€umen, Eichen zumeist, von wo aus sie einen guten Rundblick hatten. Nur einmal konnte ich beobachteten, wie einer in so steilem Sturzflug nach unten schoss und dann in den Furchen eines Feldes verschwand, dass es aussah, als falle ein Stein vom Himmel und werde vom Erdboden verschlungen.

Auch war dies der beste Platz, ein Reh zu sehen. Meist waren es aber gleich mehrere, die dann in hohen SprĂŒngen ĂŒber ZĂ€une und WassergrĂ€ben setzten und die man dann weit, weit hin mit den Augen verfolgen konnte. Wir hielten oft an, um ihrem Lauf zuzusehen, und manchmal blieben auch sie eine Weile stehen und drehten sich nach uns um und warteten, ob wir ihnen folgten oder was sonst geschehe, bevor sie weitereilten, kleiner und kleiner wurden und schließlich in einer Senke oder einem Gehölz verschwanden.

Zwei Pferde, an deren Koppel wir vorbei kamen, ließen sich die NĂŒstern streicheln und den Hals klopfen. Doch als der Winter vorĂŒber war, waren sie verschwunden, und KĂŒhe lagen auf ihrer Weide.

KĂŒhen, auf deren Milcherzeugung die Landwirtschaft weitgehend abgestimmt war, begegnete man indes stĂ€ndig in den wĂ€rmeren Monaten des Jahres. Die Bauern hatten ihnen ausgediente Badewannen oder aufgeschweißte Heizöltanks als TrĂ€nken eingerichtet; andere verwendeten besondere WasserfĂ€sser, aus denen sich die klugen Tiere durch NiederdrĂŒcken eines Hebels mit dem Maul ihre TrinkschĂŒsseln selbst nachfĂŒllen konnten. Auch die KĂŒhe waren dankbar fĂŒr jede Aufmerksamkeit, strömten manchmal in großer Zahl herbei, sobald wir an ihrem Zaun anhielten, und blickten uns erwartungsvoll an. Wir lobten sie natĂŒrlich, redeten ihnen gut zu und scherzten sogar manchmal mit ihnen, was sie aber stets mit stoischer Ruhe hinnahmen. »Lass sie man schnacken …!«, mochten sie denken.

Aus der Ferne und wie aus weiter Vergangenheit tönte das Signalhorn der Eisenbahn herĂŒber. Einst hatte sie auch Personen befördert, heute diente sie nur mehr dem GĂŒterverkehr. Da es viele unbeschrankte ÜbergĂ€nge gab, musste der Fahrer sein schrilles Warnhorn stĂ€ndig betĂ€tigen. Einmal nahm der Wind seinen Ruf so unerwartet laut mit sich, dass die KĂŒhe erschrocken aufsprangen und die Flucht ergriffen.

Die Ruhe, die uns hier – von solchen kleinen Ausnahmen abgesehen – umgab, ließ die wenigen KlĂ€nge und GerĂ€usche umso klarer hervortreten, Ă€hnlich wie viele Farben auf dunklem Grund, welcher das Auge nicht blendet, am krĂ€ftigsten und reinsten leuchten. Selbst die FahrrĂ€der bekamen ihre ganz eigenen Stimmen. Da gab es das Knirschen der Reifen auf dem mit Steinchen bedeckten Weg, von denen ab und zu eines gegen die Schutzbleche sprang und aufmerken ließ; oder die Kette von Juttas Rad, die am Hinterrad ĂŒber zwei kleine ZahnrĂ€der lief und hier ein mechanisch klickendes GerĂ€usch von leiser maschinenhafter PrĂ€zision erzeugte. Hinzu kam das kurze scharfe Einrasten der Gangschaltungen, die wir auf diesem Abschnitt des Weges allerdings selten bedienten, denn es gab keine nennenswerten Steigungen oder GefĂ€lle.

Die Federung meines Sattels Ă€chzte manchmal unter meiner Last, und holpriger Weg, wie etwa das Feldsteinpflaster, das aus dem Eichenhag fĂŒhrte, ließ meine Klingel kurz anschlagen und die Schutzbleche leise scheppern, wĂ€hrend die kleine Werkzeugtasche unter Juttas Sitz klapperte. Auf diesem kurzen StĂŒck Wegs sangen wir manchmal einen langen Ton, auf den sich die Unebenheiten der Straße dann gleichermaßen ĂŒbertrugen, eine Übung, bei der wir immer an Jana dachten, die zu solcherlei SpĂ€ĂŸen stets aufgelegt war.

Wenige hundert Meter, bevor man Rohr erreichte, wechselte der Straßenbelag zu zermahlenem Glas. Diese Art des Schotter- oder Rollsplitt-Ersatzes ist nicht unĂŒblich in dieser Gegend, und auch in Deinstedt, etwa am Friedhof entlang oder schon außerhalb des Dorfes auf dem Bachweg gibt es ihn. Hatte ich ursprĂŒnglich geglaubt, es sei unmöglich, diese Scherben unbeschadet mit dem Rad zu befahren, sah ich doch bald ein, dass es sehr wohl anging. Das oft milchig-trĂŒbe Glas schien nĂ€mlich in einem besonderen Verfahren so lange und tĂŒchtig durchgemischt und -geschĂŒttelt worden zu sein, bis alle scharfen Kanten abgestumpft waren und fĂŒr die Reifen keine Gefahr mehr bestand.

Nachdem meine ursprĂŒnglichen Bedenken sich wieder zerstreut hatten, entwickelten diese Scherben ihren eigenen Reiz. GemĂ€ĂŸ ihrer Herkunft waren die meisten flaschengrĂŒn, braun oder weiß, doch gab es gelegentlich auch solche in leuchtendem Kobaltblau. Mehrfach sah ich zwischen ihnen auch BruchstĂŒckchen von Porzellan oder Keramik, die Henkel von Tassen oder kleine Teile bunt gemusterter Fliesen, und selbstverstĂ€ndlich immer wieder rote Ziegel- und BacksteinstĂŒckchen. Und dann gab es auch hin und wieder Metall in dem Gemenge, allerdings eher andernorts als gerade hier: eine Schraubenmutter, eine verrostete Unterlegscheibe, eine Haarnadel, ein Auswuchtblei, den Beschlag eines Schuhabsatzes, einen zerbrochenen SchlĂŒssel, mitunter eine kleine MĂŒnze und anderes mehr.

Diesen Glasschotter – ich kenne nicht die offizielle Bezeichnung – beschreibe ich nur darum so ausfĂŒhrlich, weil er einmal an einem spĂ€ten Nachmittag, als ich zusammen mit Jana hier entlangfuhr, fĂŒr einen ganz außergewöhnlichen Anblick gesorgt hatte. Wir fuhren der Sonne entgegen, die schon tiefer stand (morgens auf den Fahrten mit Jutta hatten wir sie hier im RĂŒcken), und im Gegenlicht lag plötzlich der schnurgerade Weg wie mit Brillanten und Juwelen ĂŒbersĂ€t vor uns. Eine Straße entstand, von der man in MĂ€rchen gehört haben mag, wie sie nur von Feen und Elfen befahren werden kann oder wie sie vielleicht nĂ€chtens, reserviert fĂŒr die Engelchen, als traumhafte FĂ€hrte von Sternenstaub sich ĂŒber das Zelt des Himmels spannt und zu jener Pforte fĂŒhrt, an der Petrus die Ankömmlinge begrĂŒĂŸt oder zurĂŒckweist. Überall gleißte und glitzerte es. Und da wir uns bewegten, funkelte alles noch mehr, denn die kleinen Lichtblitze wechselten stĂ€ndig ihren Ort.

Noch eine andere Stelle ist erwĂ€hnenswert, bevor wir die Abzweigung nach Rohr erreichten. Beinahe verdeckt vom Laub der BĂ€ume und des Unterholzes gab es nĂ€mlich mehrere große Feldsteinhaufen, kaum zu sehen von der Straße aus. Die Steine, einige zentnerschwere Giganten, die meisten aber bequem in der Hand zu halten, waren von den Bauern, denen sie bei der Bestellung des Feldes hinderlich waren, zusammengetragen worden, und man hatte einen Platz fĂŒr ihre Lagerung ausgesucht, an dem die Arbeit ohnehin zu beschwerlich war und Wurzelwerk das PflĂŒgen störte.

Auch diese SteinhĂŒgel lernte ich durch Ausfahrten mit Jana besser kennen, da sie gerne zumindest ein kleines Picknick einlegte und auf solchen Steinen herumkletterte, um Ausschau zu halten nach einem geeigneten Sitz- und Lagerplatz. Ich hatte dann zur Erfrischung eine Flasche Wasser, einen Apfel, eine Banane oder ein WĂŒrstchen mitgenommen, immer aber auch ein paar SĂŒĂŸigkeiten, an denen Jana so sehr lag, dass sie bereits hinter dem Deinstedter Ortsschild eine erste Rast und Erfrischung vorschlug.

Rohr war nach Ölkershusen das zweite Dörfchen, durch das wir fuhren, im Grunde auch nur eine lockere Ansammlung weniger Höfe und vielleicht besser ein Weiler zu nennen. Einige HĂ€user standen mitten im Wald unter hohen alten Buchen, Kastanien und Eichen. Dies bot zwar Schutz vor den heftigen StĂŒrmen, die diese Gegend mitunter heimsuchten, doch durch den Schatten der Baumriesen erhielt alles ein etwas dunkles, ja dĂŒsteres Gesicht.

An der Kurve des Ortseingangs standen mehrere ZwetschgenbĂ€ume, von denen ich manchmal, da sie im Herbst niemand aberntete, zwei oder drei pflĂŒckte und aß. Die Lage der BĂ€ume war ideal, und die FrĂŒchte schmeckten köstlich sĂŒĂŸ. Hier gab es auch kleinere Weiden mit schwarzen Schafen, Ziegen, einem Bock und HĂŒhnern, und weiter hinten musste es sogar, wenngleich wir ihn nie zu sehen bekamen, einen Pfau geben. Wir hörten seinen lauten, klagenden Ruf weithin durch den Wald dringen, dessen BĂ€ume eine Halligkeit wie die eines großen Saals oder einer Kirche schufen.

 

*

 

Kamen wir aus dem Rohrer WĂ€ldchen heraus, hatte uns die Zivilisation wieder eingeholt. Zwar fuhren wir bis nach Deinstedt hinein noch immer zwischen Feldern, BĂ€umen und Weiden, doch mussten wir jetzt mit zunehmendem Verkehr rechnen.

Die Strecke, die ĂŒber einen ansehnlichen HĂŒgel, einen der höchsten in der nĂ€heren Umgebung, verlief, war nicht ganz ungefĂ€hrlich. Immer wieder gab es Fahrer beiderlei Geschlechts (sogenannte Idioten), die gemessen an der Breite des StrĂ€ĂŸchens viel zu riskant fuhren und die Kurven schnitten, obwohl dies auch der Weg fĂŒr die Schulbusse und die ĂŒblichen breiten und langsamen Fahrzeuge der Landwirtschaft war.

Die StraßenrĂ€nder wurden ein- oder zweimal im Jahr mit einer betĂ€ubend lauten Spezialmaschine von allem, was auf dem Randstreifen wuchs und wucherte, befreit, eine Prozedur, die in einem gnadenlosen AbfrĂ€sen der obersten Erdkrume auf einer Breite von eineinhalb Metern bestand und der nicht nur das letzte grĂŒne HĂ€lmchen einschließlich der hier beheimateten Tierwelt, sondern auch mancher im hohen Gras verborgene Leitpfosten zum Opfer fiel, welcher der Aufmerksamkeit des Fahrers entgangen war. Auch die vielen GrĂ€ben entlang der Straßen wurden periodisch von Straßenarbeitern mit kleinen Baggern gesĂ€ubert, so dass das Regenwasser von den Felder freien Abfluss bekam; Buschwerk und ĂŒberhĂ€ngende BĂ€ume wurden zuvor gestutzt, um fĂŒr Platz und gute Sicht bei diesen Arbeiten zu sorgen.

War die Kuppe des letzten HĂŒgels ĂŒberwunden, so war auch die letzte HĂŒrde unserer Ausfahrt genommen, und wir konnten uns nach Deinstedt bis vor unsere HaustĂŒr hinunterrollen lassen, eine Stretta, auf der wir oft die höchsten Geschwindigkeiten erreichten.

Zu Hause blieb mein Fahrrad im Freien stehen, um Jana spĂ€ter damit von der Bushaltestelle abzuholen, denn ihr Tornister passte gerade in seinen GepĂ€ckkorb. Jutta schob ihr Rad in den Keller hinunter und kam ĂŒber die Kellertreppe nach oben oder nahm ihren Weg durch den Garten und die meist unverschlossene HintertĂŒr zur KĂŒche. Der Wasserkessel wurde aufgefĂŒllt und auf den Herd gesetzt, Kanne und Filteraufsatz wurden bereitgestellt, und eine Viertelstunde spĂ€ter gab es eine erste Tasse Kaffee. Das Tagewerk konnte beginnen.

 

Deinstedt, Mai – Juli 2000

 

 

 

 

Erste Eingabe ins Internet:  Samstag,  11. August 2007
Letzte Änderung:  Dienstag, 3. Mai  2016

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