Arbeitsscheuer  (Teil 2)

 

HĂ€ftling Nr. 037880

Peter Henck, Arbeitsscheuer

Autobiographische Studien V

Teil 2

 

von

Herbert Henck
 

 

 

                  Teil 1
                  
                  Kapitel   1      Bedenken und neue Forschungen
                  Kapitel   2      Erste Ergebnisse
                  Kapitel   3      Das erste Telefonat mit H. P.
                  Kapitel   4      UnterstĂŒtzung aus dem Landesarchiv Berlin
                  Kapitel   5      Das zweite Telefonat mit H. P.
                  Kapitel   6      Chronologie, Der „LĂŒbecker Volksbote“, Detailarbeit
                  
                  
                  Teil 2
                  
                  Kapitel   7      GrĂ€ber, Behörden, GebĂŒhren. Ein ÖlgemĂ€lde
                  Kapitel   8      Entnazifizierung, Die „P.-Papiere“
                  Kapitel   9      Unkosten, Verzögerungen, WiderstĂ€nde
                  Kapitel  10     Stahnsdorfer Friedhof
                  Kapitel  11     Betteln. Im Hamburger „KoLaFu“
                  Kapitel  12     Eine Zeichnung. Der Friedhof in Wedel
 

 

 

 

 

Siebentes Kapitel
GrĂ€ber, Behörden, GebĂŒhren. Ein ÖlgemĂ€lde

Donnerstag, 27.5.2004. Morgens hinterließ Andreas Mahal eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Er will sich beim Bundesarchiv nach einem Experten fĂŒr den Reichsarbeitsdienst umhören und empfiehlt eine Website ĂŒber den Holocaust und das Dritte Reich wegen seiner guten Link-Sammlung (www.shoa.de). Ich ĂŒberarbeite die chronologischen Übersichten von Fritz und Peter Henck.

Von Martin Dörr, dem Standesbeamten in Schwalmstadt, erhalte ich eine Mail, dass es â€žin den Jahren 1940 bis 1965 keine Beurkundung von SterbefĂ€llen betreffend Wilhelm Henck und Emma Henck, geb. Heyde“ gebe. Auch eine Beisetzung oder Grabanlage konnte bei der Friedhofsverwaltung nicht ausfindig gemacht werden. Ich rufe den Standesbeamten an und frage ergĂ€nzend, da Emma Henck ja in Treysa geboren wurde, ob sich vielleicht im Geburtenbuch ein Hinweis auf ihr Ableben befinde. Er bestĂ€tigt mir zwar, dass es eine gesetzliche Bestimmung gebe, die einem Standesbeamten am Sterbeort eine Mitteilung an den Geburtsort auferlegt, in diesem Fall lag 1871 als Geburtsdatum aber vor dem Beginn der standesamtlichen Aufzeichnungen, sonst hĂ€tte er diese Möglichkeit sofort geprĂŒft. Dass eine solche Meldung an das zustĂ€ndige Kirchenbuch ergangen sei, hĂ€lt er indes fĂŒr nicht sehr wahrscheinlich. Er meint aber, dass eine Anfrage in Trier, dem Geburtsort von Wilhelm Henck, auf jeden Fall sinnvoll sei.

Ich habe mich also geirrt, als ich meinte, die Urgroßeltern könnten in Treysa verstorben und auch begraben sein. Die GrabstĂ€tte auf dem Treysaer Friedhof, an die ich mich aus Kindertagen erinnere und die ich immer in Verbindung mit den Urgroßeltern brachte, gehörte vielleicht nur den Vorfahren von Emma Heyde. Gleichwohl sehe ich den hohen schwarzen Obelisk und das mit schweren und schon rostigen Ketten umrahmte Grab im Geiste noch heute vor mir.

Als ich mir die Meldeunterlagen von Rektor Henck wieder durchlese, fĂ€llt mir auf, dass er 1920 in Kassel mit seiner Frau in die Spohrstraße 9Âœ einzog. Ab Sommer 1924 wechselt jedoch allein der Ehemann seinen Wohnsitz mehrfach in rascher Folge innerhalb der Stadt, erst in die JĂ€gerstraße, dann in die Kölnische Straße und schließlich im Januar 1925 zum StĂ€ndeplatz. Ende Juni 1925 kehrt er jedoch wieder in die Spohrstraße 9Âœ zurĂŒck. Was haben diese hĂ€ufigen Ummeldungen im Zeitraum von zehn Monaten zu bedeuten? Ehestreit und Versöhnung? Fand in dieser Zeit das statt, was zur vorzeitigen Pensionierung des Rektors fĂŒhrte, jenes „außereheliche VerhĂ€ltnis“, aus dem das uneheliche Kind hervorging? War das Kind vielleicht 1925/26 geboren worden? Um 1920 ist in Wilhelm Hencks LehrbĂŒchern noch von „Rektor Henck“ die Rede, in einem Rechenbuch von 1926 dann aber von dem „Rektor i. R.“, so dass in diese Jahre der Beginn seines verfrĂŒhten Ruhestandes und wohl auch das, was zu ihm fĂŒhrte, gefallen sein mĂŒsste.

Mit der Post kommt nochmals eine sehr ausfĂŒhrliche Antwort von der Berliner Senatsverwaltung wegen der Grabstelle von Peter Henck. Auf Grund einer Novellierung des GrĂ€bergesetzes im Jahre 1993 sei das Dauerruherecht in FamiliengrĂ€bern erloschen, doch habe man die hiervon betroffenen GrĂ€ber in der Folge in geschlossene Anlagen (ReihengrĂ€ber) integriert. Diese Maßnahme sei auch damit begrĂŒndet, dass geschlossene GrĂ€berfelder „eindrucksvoll das Ausmaß der Kriege“ dokumentierten (Totengedenken anstelle von Heldenverehrung). Zudem herrsche in Berlin ein Überfluss an BestattungsflĂ€chen, was zur Schließung von Friedhöfen oder Friedhofsteilen und zur Verlegung von GrĂ€bern der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gefĂŒhrt habe. Peter Henck sei nicht, wie ich geschrieben hatte, auf einem „KriegsgrĂ€berfriedhof“ bestattet, sondern in einer „speziell eingerichteten Abteilung fĂŒr alle OpfergrĂ€ber, die sich auf dem Friedhof in sogenannter Streulage befanden“. Das KriegsgrĂ€bergesetz unterscheide zehn verschiedene Opfergruppen, von denen die KZ-Opfer nur eine seien. Eine rĂ€umliche Trennung der GrĂ€ber nach Opfergruppen sei aber nicht vorgenommen worden, da dies eine dem Amt nicht mögliche Bewertung der Einzelschicksale bedeuten wĂŒrde. DarĂŒber, dass Peter Henck zum „Volkshelden der DDR“ ernannt worden sei, sei nichts bekannt; möglicherweise könne mir das Landesarchiv Berlin oder das Brandenburgische Landeshauptarchiv in Potsdam mit weiteren AuskĂŒnften behilflich sein. Dem Brief liegen vier Photokopien bei: beide Seiten einer kleinen Karteikarte und zwei Listen von Grabstellen mit verschiedenen Signaturen und AbkĂŒrzungen, die wenig mehr als Peter Hencks Namen und Todestag ausweisen. Den zweiseitigen Brief sende ich als Fax an H. P. und kĂŒndige in einer E-Mail Photokopien der ĂŒbrigen Dokumente an.

Aus dem Einwohnermeldeamt in Wedel trifft ein Brief ein, der mir mitteilt, Fritz Karl Wilhelm Henck sei gemeldet gewesen in der Austraße 5 in 22880 Wedel; der Einwohner sei verstorben. Das ist alles. FĂŒr diese mageren AuskĂŒnfte ist eine VerwaltungsgebĂŒhr in Höhe von 8,55 Euro fĂ€llig, und ein zum Teil bereits ausgefĂŒlltes Überweisungs-Formular liegt gleich bei. Dass der Einwohner, der vor 112 Jahren geboren wurde, nicht mehr am Leben ist, hatte ich mir ja fast schon gedacht; nun habe ich es aber auch schriftlich. Ich versuche, die Bearbeiterin anzurufen, doch ist sie gerade in einer Besprechung; sie schreibt sich meine Telefonnummer auf und will in der nĂ€chsten Stunde zurĂŒckrufen.

Diese RĂŒckruf ist tatsĂ€chlich erfolgt, doch beruft sich Frau H. nach meinen ausfĂŒhrlichen ErklĂ€rungen ĂŒber die Art meiner Forschung kĂŒhl auf die strengen Datenschutzbestimmungen und scheint allenfalls geneigt, mir noch Sterbetag und -ort nachzureichen im Rahmen einer „erweiterten Auskunft“ (die dann hoffentlich nicht mit einer weiteren Rechnung zu Buche schlĂ€gt). Auf meine Frage, wie ich dann ĂŒberhaupt an noch ĂŒberlebende Nachkommen herantreten könne, meint die Dame, dass dies nur ĂŒber das Standesamt möglich sei (was nicht allzuviel Sinn macht, da man dort kaum etwas von den Adressen wissen dĂŒrfte, sobald jemand umgezogen ist). Aber Frau H. will sich mit einer Kollegin besprechen und mir Nachricht geben. Man mĂŒsse jedenfalls ein berechtigtes Interesse erkennen, und der Anfragende mĂŒsse einen Erbschein oder andere Unterlagen vorlegen, die die verwandtschaftlichen Beziehungen zum Gesuchten darlegen. Auch dass man einen Titel fĂŒhre, scheint die Sache zu befördern. Ich traue meinen Ohren nicht und frage etwas spöttisch zurĂŒck, ob wirklich gemeint sei, dass ich Doktor oder Professor sein mĂŒsse, damit man mir Auskunft gebe; doch die Dame erkennt vielleicht die Bedenklichkeit einer solchen Voraussetzung, weicht aus und spricht lieber von den anderen Papieren. Es hieße ja mit anderen Worten auch, dass man bei einem TiteltrĂ€ger eher ein berechtigtes Interesse unterstellt als bei einem anfragenden Familienangehörigen, der sogar, wie in meinem Falle, nachweislich denselben (und nicht allzu hĂ€ufigen) Familiennamen trĂ€gt. Vielleicht muss aber der Herr Professor ja seine Habilitationsurkunde per Einschreiben in notariell beglaubigter Photokopie einreichen, um seine Anfrage zu begrĂŒnden. Ich weise darauf hin, dass mir hier erstmals solche Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Familienmitglied begegnen und ich mich auf eine beachtliche Zahl von Melde- und StandesĂ€mtern berufen könne, die anders verfahren und meine Anfragen auch ohne Vorlage solcher Legitimationen umgehend beantwortet hĂ€tten. Man nimmt dies ungerĂŒhrt zur Kenntnis und wird mich benachrichtigen, lautet es abschließend.

*

28.5.2004, Freitag vor Pfingsten. – Ich brach gestern meine Anfragen ab, nachdem ich von der zentralen Auskunftsstelle des Bundesarchivs in Aachen die Nachricht erhalten hatte, dass unabhĂ€ngig vom Erfolg einer Suche Kosten in Höhe von 15,34 Euro pro halbe Stunde fĂ€llig wĂŒrden usw. Frische Luft war vonnöten, mein Zimmer wurde mir zu eng, und ich heiße nicht Bill Gates. So machte ich eine lange Fahrt mit dem Fahrrad durch die Felder, um auf andere Gedanken zu kommen und mich zu vergewissern, dass die Welt nicht nur aus Toten, GrĂ€bern und Vergangenheit oder aus GebĂŒhrenordnungen, Archiven und Schriftgut besteht. Alle BĂ€ume und BĂŒsche tragen nun ein grĂŒnes und frisches Laub. Kornblumen, Butterblumen blĂŒhen, ich höre einen Kuckuck rufen, sehe einen Kiebitz auf einer Wiese. Es ist frisch und ziemlich windig wie stets in den vergangenen Wochen, doch ich genieße es sehr, mich zu bewegen, unter freiem Himmel zu sein und in die Ferne blicken zu können. All dies sind Dinge, die es ganz umsonst gibt fĂŒr jeden, der Augen hat und sehen kann. Das Getreide steht schon hoch, die jungen MaispflĂ€nzchen wirken aber noch recht kĂŒmmerlich, denn sie brauchen mehr WĂ€rme. Regen ĂŒberrascht mich, und ich wickle die kleine Kapuze aus dem Kragen meiner Jacke, setze sie aber schnell wieder ab, da der Fahrtwind sie mir vom Kopf blĂ€st oder sie ĂŒber meine Augen rutscht und die Sicht behindert. Doch bald hört es wieder auf zu regnen, und als ich nach Hause zurĂŒck komme, bin ich bereits wieder trocken.

Ich habe erst heute Morgen der zentralen Auskunftsstelle des Bundesarchivs fĂŒr ihre Information gedankt und geschrieben, dass ich mir diese Ausgaben derzeit nicht leisten könne. Auch bei Frau G. von der Senatsverwaltung bedanke ich mich. Am Vormittag rief H. P. an und bedankte sich fĂŒr meine gestrigen Faxzusendungen. Er hat das ganze letzte Wochenende mit der Durchsicht der Papiere von Peter Henck verbracht (ihm war nicht alles lesbar, denn er kann die alte deutsche Schrift nicht immer entziffern) und hat inzwischen das ihm wichtig Erscheinende photokopiert und an mich abgeschickt, immerhin 63 Seiten. Das freut mich natĂŒrlich sehr. Es gebe aber noch viele SchriftstĂŒcke gerade von Fritz Henck, der eine ihm ziemlich unleserliche enge deutsche Handschrift schrieb. Ich könne aber, wenn LĂŒcken entstehen, das Fehlende von ihm noch nachgereicht bekommen. Auch aus der Festung Dömitz seien einige Papiere darunter, es habe sich hier wohl um eine chemische Fabrik gehandelt, in der Peter beschĂ€ftigt gewesen sei. Möglicherweise sei hier ja Giftgas hergestellt worden, wie man es schon im Ersten Weltkrieg verwendet habe. Ich meine aber, inzwischen etwas von einer Munitionsfabrik in der Festung Dömitz gehört zu haben (A. Mahal); wir werden sehen.

H. P. erwĂ€hnt, dass er eine „schlimme Sorte“ von Briefe jetzt ganz ausgeklammert habe, die eine Auseinandersetzung mit einem Vermieter namens Behnke betrĂ€fen; er nennt keine Einzelheiten, erwĂ€hnt aber nochmals, dass Fritz Henck irgendwann gegen Philipp Scheidemann ausgesagt habe, was in seiner Familie zu einer „totalen Ächtung“ gefĂŒhrt habe. Von Fritz Henck gebe es unter anderem ein Passbild, das er auch kopiert habe; zumindest vermutet er, dass es sich um Fritz handele, da auf der RĂŒckseite etwas von der Reeperbahn in Hamburg stehe. Vielleicht kann ich das Photo identifizieren, denn ich meine, Fritz wiedererkennen zu können, teils aus unmittelbarer Erinnerung, teils weil ich frĂŒher des öfteren Photos von ihm bei meinen Eltern sah. Ich verspreche, den Eingang der Kopien zu bestĂ€tigen, mir alles genau durchzulesen und wo nötig auch zu transkribieren.

Aus Wedel trifft eine sehr knappe E-Mail von Frau H. ein, die besagt, dass Friedrich Henck in Wedel am 19. November 1966 verstorben sei. Ich bedanke mich fĂŒr den Nachtrag. Damit ist diese Suche nach Fritz Hencks Lebensdaten vorerst abgeschlossen, und sein Todestag und -ort ließen sich schließlich doch feststellen. Die Suche nach Liane und Gerlinde Schramm werde ich erst einmal verschieben, um mich von der datenschĂŒtzenden Hilfsbereitschaft des Wedeler „BĂŒrgerservice“ zu erholen.

Die Post kommt schon gegen 13 Uhr, doch leider ist H. P.s Zusendung an mich noch nicht darunter.

Da die Sonne scheint und die Temperaturen allmĂ€hlich steigen, hole ich, wie schon des lĂ€ngeren geplant, Fritz’ ÖlgemĂ€lde mit der Vase und den roten Mohnblumen aus dem Heizungskeller hervor, bringe es in den Garten und reinige den Rahmen vorsichtig erst mit einem sehr weichen Graphikerbesen, dann mit einem angefeuchteten Tuch von Spinnweben, Staub, Fliegendreck und Resten weißer Wandfarbe. Das Bild hat mit einer Breite von 124 cm und einer Höhe von 97 cm (einschließlich des breiten Rahmens) ein beachtliches Format, und rechts unten sieht man eine Signatur, von der man lediglich ein „Prof.“ am Anfang lesen kann. Dann folgt ein Doppelname, der aber gleich dem „Professor“ wohl nur ein augenzwinkerndes, vielleicht auch auf Wertsteigerung bedachtes Pseudonym ist, hinter dem sich Fritz Henck verbarg. Etwa in Höhe der Signatur kann man ein Wort im Untergrund erkennen, das wie „grĂŒn“, mit Großbuchstaben geschrieben, aussieht. Die Vase scheint auf einer Fensterbank zu stehen, und es will scheinen, als könne man durch das Fenster ins Freie blicken. Denn umrissartig lĂ€sst sich im Hintergrund auf der rechten Seite etwas erkennen, das wie zwei HĂ€user aussieht, und auf der linken Seite gibt es Ähnliches.

Die Ölfarbe des GemĂ€ldes, das aus dem Nachlass meines Großvaters Karl Christel in Treysa stammt, ist an vielen Stellen rissig geworden, und die weiße Grundierung wird in den SprĂŒngen sichtbar. Noch immer habe ich kein BedĂŒrfnis, die Vase mit Mohn- und Kornblumen und den Margeriten an der Wand hĂ€ngen zu haben und vielleicht tĂ€glich zu sehen. Andererseits möchte ich das Bild nicht lĂ€nger im Keller und gĂ€nzlich im Abseits wissen, nachdem ich so viel schon ĂŒber Fritz erfahren und aufgeschrieben habe. Und da es unter der DachschrĂ€ge meiner kleinen Bibliothek in einem toten Winkel hinter zwei großen Regalen noch etwas Platz gibt, an dem ohnehin zwei große Bilder von Dietmar Keilitz stehen, kommt das GemĂ€lde an ungleich wĂŒrdigerem Ort in gute, wenngleich abstrakte Gesellschaft.

Ich weiß, dass ich auch eine kleine Zeichnung von Fritz besitze, die er einmal mit Buntstift malte. Sie stellt einen birkengesĂ€umten Weg dar, der zwischen Feldern verlĂ€uft und in etwas kitschigen Farben ausgefĂŒhrt ist. Mag sein, dass der Maler aber eben keine anderen Farben zur Hand hatte und er dennoch einen Eindruck nach der Natur schnell festhalten wollte. Freilich kann ich das Bildchen schon lĂ€ngere Zeit nicht finden und habe es wahrscheinlich in einem Buch abgelegt, wo es zwar gut geschĂŒtzt, jedoch nur schwer wiederauffindbar ist. Wahrscheinlich habe ich aber kein beliebiges Buch genommen, sondern eines, das in irgend einem Zusammenhang mit Fritz steht. Aber welches? Ich werde ein Auge darauf haben und die Zeichnung bei nĂ€chster Gelegenheit besser verwahren.

*

29.5.2004, Pfingstsamstag. – Ich habe das Ölbild von Fritz nochmals bei Tageslicht betrachtet. Was mir zuvor auf der rechten Seite im Hintergrund als HĂ€user im Freien erschien, ist vielleicht etwas ganz anderes, nĂ€mlich eine Spiegelung auf der Fensterscheibe, die Dinge zeigt, welche sich auf dem Tisch vor der Blumenvase, also in Richtung des Betrachters, und nicht von ihm weg befinden. Das eine der frĂŒheren „HĂ€user“ wĂ€re dann ein kleiner Kasten in der GrĂ¶ĂŸe einer Zigarrenkiste, jedoch etwas höher, wĂ€hrend das hintere Haus sich als eine liegende Weinflasche offenbart, deren sich verjĂŒngender Hals außerhalb des Bildes ist und deren Etikett ich nun aber doch einigermaßen deutlich unterscheiden kann. Auch sind die Formen abgerundet wie bei einer Flasche, nicht eckig wie bei einem Haus. Das Haus auf der linken Seite kann ich freilich immer noch nicht genauer deuten. Falls es ĂŒberhaupt ein Haus ist, ruht dieses auf einer eigentĂŒmlich hohen Balkenkonstruktion und mĂŒsste dann tatsĂ€chlich im Freien stehen. Es aber ebenfalls als Spiegelung von etwas auf dem Tisch und vor der Vase Stehenden zu begreifen, will mir nicht gelingen. Die liegende und somit geleerte Weinflasche wĂŒrde natĂŒrlich gut zu Fritz’ Trinkgewohnheiten passen, wenn ich diesen Punkt auch nicht ĂŒberstrapazieren möchte. Es mag ganz andere GrĂŒnde gegeben haben, die Flasche in das Bild einzubeziehen, und ich werde sie kaum je erfahren.

 

 

Achtes Kapitel
Entnazifizierung. Die „P.-Papiere“

Am selben Tag. – Ich will hier besser ein neues Kapitel beginnen lassen, denn gerade hat mir die Post die angekĂŒndigten Photokopien von H. P. gebracht sowie eine Nachricht aus dem Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden bezĂŒglich der Akten zur Entnazifizierung. Besonders mit den Dokumenten von H. P. scheint mir eine neue Seite im Verlauf dieser Forschungen aufgeschlagen, das erkenne ich bereits beim flĂŒchtigen DurchblĂ€ttern der gesammelten Briefe, behördlichen Unterlagen, Zeichnungen, Gedichte, aber auch beim Anblick der Absender und im gelegentlichen Lesen dessen, was da aufgeschrieben steht. Ich bestĂ€tige H. P. in einer E-Mail den Erhalt seiner Zusendung und bedanke mich.

Doch der Reihe nach. Ein Herr Dr. D. aus dem Hessischen Hauptstaatsarchiv teilt mir mit, dass bei der Recherche nach Entnazifizierungsunterlagen der Mitglieder meiner Familie ein „merkwĂŒrdiges PhĂ€nomen aufgetreten“ sei. Denn man konnte nur zu Friedrich Henck etwas finden, wĂ€hrend nichts ĂŒber meinen Vater und Urgroßvater Wilhelm zu ermitteln war. Ob ich sicher sei, dass die Gesuchten zwischen 1945 und 1950 ihren Wohnsitz tatsĂ€chlich in Treysa hatten? Von Wilhelm Henck, der damals vielleicht schon nicht mehr lebte, kann ich dies nicht Bestimmtheit sagen, doch bei meinem Vater steht dies fest, da es sich ja um die Jahre handelt, in denen er in Treysa heiratete, seine Arbeit in Hephata begann und in der meine Schwester und ich in der Burggasse 8 geboren wurden. Ich werde mit dem Archivar nach den Feiertagen einmal telefonieren.

Dem Brief liegen drei Photokopien bei, nĂ€mlich die beiden Seiten des Meldebogens von Fritz Henck, den er zur Feststellung einer nationalsozialistischen Belastung auszufĂŒllen hatte, sowie ein handschriftlicher Begleitbrief, in dem er darauf hinwies, dass er diesen Bogen bereits einmal ausgefĂŒllt und eingesandt habe, dass dieser aber wohl verloren gegangen sei. Er bittet um beschleunigte Bearbeitung, da er aus beruflichen GrĂŒnden den Bescheid dringend benötige. Beide SchriftstĂŒcke sind auf den 25. November 1948 datiert, der Begleitbrief ist an die Spruchkammer des Kreises Ziegenhain, z[ur] Z[ei]t Marburg-Lahn gerichtet. Fritz’ Adresse „(16) Treysa i[n] Hessen, Bez[irk] Kassel, Postfach 11, Herbstgasse 5“. Eine Woche spĂ€ter erhĂ€lt der Meldebogen den unterschriebenen Stempel: „Nichtbetroffenenbescheid nach Formblatt 11 am 2.12.48 ausgefertigt. Öffentl[icher] KlĂ€ger“.

Inhaltlich bestĂ€tigt der Meldebogen allein die Mitgliedschaft in der DAF (Deutsche Arbeitsfront), der grĂ¶ĂŸten Massenorganisation „aller schaffenden Deutschen“ im Dritten Reich. In den Jahren zwischen 1935 und 1944 sei er Angestellter der Firmen Howaldtwerke, M. StĂŒlcken und Ph. Reemtsma, alle in Hamburg, gewesen. Unter Bemerkungen schreibt Fritz: „Ich gehörte keiner Organisation an (s. o.) und wurde verschiedentlich gemaßregelt und ins GefĂ€ngnis gesetzt, zuletzt wegen (§ 5) Verbrechens gegen die WehrfĂ€higkeit des dtsch. Volkes zu 4 Jahren GefĂ€ngnis verurteilt (MilitĂ€rgericht).“

Howaldt und StĂŒlcken waren frĂŒher bedeutende Werften im Hamburger Hafen, Reemtsma eine Zigarettenfabrik. Ich erinnere mich, dass der letzte Name gelegentlich im Zusammenhang mit Fritz, der ein starker Raucher war, genannt worden war. Auch dass Fritz irgendwann im GefĂ€ngnis einsaß, ist mir nicht ganz neu, doch von den GrĂŒnden habe ich nie etwas verlauten hören. Ich werde in Wiesbaden nachfragen, wo man nach solchen Akten suchen könne.

Mit der Beschreibung der Dokumente von H. P. werde ich morgen beginnen.

*

30.5.2004, Pfingstsonntag. – Gestern Abend las ich noch etwa ein Drittel des neuen Materials, das H. P. chronologisch aufsteigend von 1931 an vorgeordnet, aufgelistet und sogar paginiert hat.

Welch ein Chaos, welcher Sumpf und auch welche Not waren das Leben dieses jungen Peter Henck. Immer wieder macht er neue AnlĂ€ufe, Fuß zu fassen, nimmt Lehren, Anstellungen, Ausbildungen auf, kommt in Heime und Lager, und immer wieder scheitert er, verstĂ¶ĂŸt gegen die ĂŒbernommenen Verpflichtungen und löst seine gegebenen Versprechen nicht ein. Er kommt zu spĂ€t oder oft auch gar nicht zur Arbeit, wird krank, wird entlassen, kehrt zurĂŒck zu der Mutter in Berlin oder dem Vater in Hamburg, die sich im Sorgerecht abwechseln, wohnt bei der nachgiebigeren Schwester und ihrem Mann, der ihm mit Strenge begegnet. Dann verschwindet er plötzlich wieder fĂŒr mehrere Tage, kehrt zerlumpt und verwahrlost zurĂŒck, borgt sich Geld, geht auf der Straße betteln und ist obdachlos, wird mehrfach von der Polizei aufgegriffen, kommt vor Gericht, kommt in GefĂ€ngnisse, das Strafmaß steigt bis auf mehr als zwei Jahre. Dann steckt man ihn in sogenannte Arbeits- und Erziehungslager. Alle Maßnahmen, ihn zu einem geregelten Leben zu bewegen, greifen ins Leere, trotz seiner vielfachen Versicherungen und Beteuerungen, sich zu Ă€ndern und zu bessern. Im MĂ€rz 1941 entlĂ€sst man ihn aus einer in Dömitz ansĂ€ssigen Sprengstofffabrik auf Grund einer polizeilichen Anordnung, im April sitzt er erneut im Hamburger PolizeigefĂ€ngnis ein, von hier aus bringt man ihn im Juni 1941 in das KZ Sachsenhausen, wo er fĂŒnf Monate spĂ€ter stirbt.

Man nimmt kein Blatt vor den Mund in den an ihn gerichteten Briefen, von denen sich DurchschlĂ€ge erhalten haben. Er sei es nicht wert, dass er lebe und die Sonne ihn bescheine, heißt es da unter den unzĂ€hligen Vorhaltungen und VorwĂŒrfen, die man ihm, zum Teil vielleicht auch zu Recht, macht; doch die HĂ€rte der Wortwahl kennzeichnet das Ausmaß der vieljĂ€hrigen Unruhe, die von dem „Sorgenkind“ der Familie, wie es einmal heißt, ausgeht. Man glaube nicht, dass er sich je Ă€ndere, zu oft habe er seine Familie enttĂ€uscht, als dass man ihm noch irgend Glauben schenken werde. Das Maß ist voll, alle Geduld sei erschöpft. Dies war schon 1935/36 so, zu einer Zeit, da Peter 20 oder 21 Jahre alt war. Aber wenn man sich innerlich auch ganz von ihm abwendete, unterstĂŒtzte man ihn doch immer wieder von Neuem, besorgte ihm Papiere und Bescheinigungen, unternahm BehördengĂ€nge, mahnte, bat, drohte und stellte Bedingungen, die dann einmal mehr von ihm nicht eingehalten wurden.

Selbst wenn H. P. mir nur die wichtigsten Papiere photokopiert und angesichts der FĂŒlle des Materials einiges vorerst ausgeklammert hat, formt sich wĂ€hrend der LektĂŒre mehr und mehr ein Ă€ußerst bedrĂŒckendes und beklemmendes Bild, zumal wenn man im voraus weiß, wo und wie Peters Leben endete. Alle Korrespondenz scheint bei den P.s zusammengelaufen zu sein, denn neben Peters eigenen Briefen haben sich die seiner Mutter, seiner Schwester, seines Schwagers, seines Vaters und selbst ein zweiseitiger handschriftlicher Brief von Rektor i. R. Wilhelm Henck aus Kassel erhalten. Und auch aus Kopenhagen ist ein Brief von Peters Tante Louise Scheidemann erhalten, die ihren Vater, den alten Politiker, ins Exil begleitet hatte.

Im Laufe des Tages lese ich den Rest der Dokumente. Am Ende gibt es mehrere Gedichte von Fritz, auch ein auf einer Postkarte gedrucktes aus dem Jahre 1935, ein Loblied auf das NSKK, das „Nationalsozialistische Kraftfahrkorps“, und ein handschriftliches Gedicht, das sich „Das Lied des Bettlers“ nennt und von 1922 stammt. Fritz ĂŒbernahm es in seinen Sprechchor „Zum Licht“, und auch in „Deutsche Jugend marschiert“ ist einiges daraus wiederzufinden. Es nimmt sich, bedenkt man die mindestens neunfache Verurteilung von Peter Henck wegen Bettelei – er selbst nennt Anfang 1941 in einem Brief diese Zahl unter Angabe der verbĂŒĂŸten Strafzeiten –, fast schon aus wie eine Vision von der Zukunft seines Sohnes. Es lautet:

     

          Das Lied des Bettlers.

          Man kommt sich so erbÀrmlich vor
          Steht man vor einem fremden Tor
          Und muß zu betteln wagen!
          Die TĂŒr geht auf, – nur wenig weit, –
          Man hat zum Bitten kaum die Zeit,
          dann ist sie zugeschlagen.

          Gar Mancher brummt: „Schert Euch hinweg,
          Ihr Bettelvolk aus Staub und Dreck!
          Ihr wollt nur bummeln, stehlen!
          Geht hin zur Arbeit! Überall
          Sucht Knechte man fĂŒr Haus und Stall,
          Ihr braucht nicht lang zu wĂ€hlen!“ –

          O, wenn Ihr wĂŒĂŸtet, Menschen, wie,
          – Wir armen Bettler sagen’s nie!, –
          Wie uns das UnglĂŒck kettet!
          Ein Fehltritt nur, ohn’ eig’ne Schuld,
          Und aus ist’s mit des Himmels Huld,
          Man liegt im Dorn gebettet!

          Wir mĂŒhen uns, tagaus, tagein,
          Ein neues Glied der Welt zu sein,
          Doch alles hetzt nur weiter .... – –
          Her mit der Arbeit, unserm Recht! – –
          Wie gern, ach, gerne wĂ€r’ ich Knecht,
          Doch – im Papier steht leider:

          „Er stahl dem Herrn vor einem Jahr
          Vom besten Brot, – zweimal sogar, –
          Stand vor Gericht, der SĂŒnder!
          Es mildert’ nicht der Stafe Maß,
          Daß selber er vom Brot nicht aß,–
          Es gab’s an seine Kinder ....!“ – – – –

          Wer reicht mir nun noch Arbeit her?
          Wer will mich Dieb noch haben?, wer?
          Ich will’s auf’s Neue wagen! .......
          Doch wieder: TĂŒr auf ... – wenig weit –
          Ich hab’ zum Bitten kaum die Zeit,
          Da ist sie zugeschlagen!


                                                               23.IV.[19]22
                                                                                F[ritz] H[enck]

 

Auch zwei Zeichnungen von Fritz sind vorhanden; eine davon steht neben einem Gedicht voll quĂ€lender SchuldgefĂŒhle und SelbstvorwĂŒrfe und ist „Hanna!“, dem Namen der damals neunjĂ€hrigen Tochter Johanna, unterschrieben; eine ist betitelt „Peter Henck, Scheidemann ebei [sic]“ und ist mit „Papa“ signiert. Sie zeigt einen etwas dicklichen Jungen in kurzen Hosen, der die HĂ€nde in den Taschen seiner mit einer Schleife am Hals zusammengehaltenen Jacke vergraben hat. Sein Gesichtsausdruck ist ernst, verschlossen, womöglich etwas trotzig, sein Alter acht, neun Jahre, vielleicht auch Ă€lter. Was das Wort „ebei“ bedeutet, ist mir rĂ€tselhaft; eine familiĂ€re AbkĂŒrzung aus der Kindersprache vielleicht.

.

 

31.5.2004, Pfingstmontag. – Ein Passbild, von dem H. P. nicht genau weiß, wen es darstellt, zeigt Fritz. Mich beschleicht ein heimliches Grauen, wenn ich es betrachte. Es ist Fritz, auch wenn ich ihn anders, Ă€lter, weicher, mit mehr Falten im Gesicht in Erinnerung habe. Mein VerhĂ€ltnis zu diesem seltsamen Mann, mit dem ich mich nun schon seit einigen Wochen befasse, hat sich zu schnell wandeln mĂŒssen, nachdem ich ihn aus der kindlichen Erinnerung heraus immer noch verehrte und etwas bewunderte fĂŒr seinen Nonkonformismus und seine kĂŒnstlerische Ader. Doch mein Mehr an Wissen ĂŒber die Art, wie er lebte, was er auch tat, dachte und schrieb, stimmt oft nicht mehr ĂŒberein und will nicht zusammenpassen mit meinen Erinnerungen und dem, was man in Briefen ĂŒber ihn sagt. Es ist dies jedoch eine Beobachtung, die ich im Laufe der vorliegenden Aufzeichnungen wiederholt gemacht habe; denn immer wieder sehe ich mich zu Revisionen dessen veranlasst, was mir aus kindlich unbedingter Sicht heraus als letztgĂŒltige EindrĂŒcke erschienen waren, so dass ich fortan ganz darauf verzichten werde, Älteres entscheidend zu ĂŒberarbeiten und im Hinblick auf seine EinschĂ€tzung an die Gegenwart anzupassen. Ich habe mich nun doch zu oft geirrt. Die neuen Quellen und mein fortgeschrittenes Alter lassen mich vieles anders sehen, und ich muss erkennen, dass ich kaum je Abschließendes werde zu sagen haben, nicht einmal in Details. Zu verschlungen sind die Schicksale und Motivationen, und das, was ich jetzt aus den Briefen und anderem ersehe, ist nicht die plötzlich ins Licht tretende Wahrheit, sondern allenfalls ein Trittstein mehr auf dem Weg zu ihr. Vielleicht komme ich aber unversehens, unbemerkt von dem geraden Weg ganz ab und bilde mir nur noch ein, in die richtige Richtung zu gehen. Jede neue Quelle verĂ€ndert das Vorangegangene, fĂ€rbt das Bekannte auf seine Weise, und wenn etwas zunimmt, dann allenfalls mein Bewusstsein, vieles nicht richtig oder ĂŒberhaupt nicht beurteilen zu können. Ich weiß, dass ich sinngemĂ€ĂŸ dies schon einmal hier gesagt habe, aber ich möchte es wiederholen.

Ein Ausschnitt aus der Rundfunkzeitschrift „Funk-Woche“ zeigt an, dass am Sonntag, dem 7. April 1935 eine ErzĂ€hlung von Fritz Henck im Hamburger Sender auf dem Programm stand: „Familie Zwitscher“, ErzĂ€hlung von Fr. W. Henck, Altona-Osdorf, heißt es dort.

Und dann gibt es schließlich noch die gedruckte Verlobungsanzeige meiner eigenen Eltern, datiert auf das Osterfest 1943. Unter meines Vaters Namen befindet sich der Zusatz „cand. med. und San.-Uffz. in einer Studentenkompagnie“. Von einem solchen Rang eines SanitĂ€ts-Unteroffiziers erfahre ich hier erstmals. Warum wurde dies nie erwĂ€hnt? War das etwas Schlimmes oder etwas zu Unbedeutendes? Und dass meine Mutter sich bereits achtzehnjĂ€hrig verlobte, wusste ich ebenfalls nicht.

*

Dienstag, 1.6.2004. – Ich arbeite die neuen Daten aus den Briefen und anderen Dokumenten in die chronologische Übersicht von Peter Henck ein und werde dabei mit dem Inhalt der erhaltenen SchriftstĂŒcke vertrauter. Wie deprimierend ist das alles, was ich da lese.

*

Mittwoch, 2.6.2004. – Fortsetzung und vorlĂ€ufiger Abschluss der gestern begonnenen Arbeiten. Mit Dr. D. im Wiesbadener Hauptstaatsarchiv telefoniere ich nochmals wegen der Entnazifizierungsunterlagen meines Vaters. Mir will nicht so ganz einleuchten , dass es keine solchen geben soll. Und so erklĂ€re ich, dass man auch in den zustĂ€ndigen Bereichen fĂŒr Schrecksbach und Marburg (Ketzerbach) suchen könne, falls diese Orte nicht in der bisherigen Suche inbegriffen waren. Aber dies verneint der Archivar; allein in Marburg gebe es sechs verschiedene Bezirke, und man mĂŒsse auch bei kleinen Ortschaften (wie Schrecksbach), um vor Ăœberraschungen sicher zu sein, jedes Mal erneut nachprĂŒfen, wo die Akten deponiert worden seien. Er wird sich nochmals mit den neuen Angaben auf die Suche machen und mir Nachricht geben.

In einer E-Mail des Archivars von Schulpforte erfahre ich, dass mein Vater dort vom 18. Oktober 1932 bis zum 27. MĂ€rz 1934 SchĂŒler war. In gewisser Weise ist dies ja bemerkenswert, und ich habe es bisher nie unter diesem Blickwinkel gesehen, dass beide Söhne, das heißt die beiden einzigen mĂ€nnlichen Nachkommen der BrĂŒder Fritz und Karl und NamenstrĂ€ger der Familie, also Peter Henck und Helmut Henck (Jahrgang 1915 bzw. 1920), mehr oder minder große Erziehungsprobleme verursachten. Über die Schulzeit von Peter Henck weiß ich allerdings nur wenig mehr als das, was ich gerade in den P.-Papieren gelesen habe. Demnach ging Peter Henck auf die „Böttchersche Privatschule“ in der Berliner Knesebeckstraße und schloss hier eine höhere Schulbildung ab. Nicht minder bemerkenswert ist aber auch, dass der gemeinsame Großvater beider der Schulrektor Wilhelm Henck war, den man seinerseits wegen „Verfehlungen“ aus dem Schuldienst entlassen haben soll und ĂŒber dessen menschliche und politische Haltung in den Ereignissen um Peter nicht viel Gutes erwĂ€hnt wird. Er scheint sich 1933 dem Nationalsozialismus deutlich angepasst zu haben, was sich mir in dem von ihm erdachten und frĂŒher erwĂ€hnten Gesellschaftsspiel „Reichsautobahn“ zwar andeutete, was nun durch die Briefe aber auch bestĂ€tigt wird.

Auch dieses Autobahnspiel erscheint mir, nachdem ich Fritz Hencks gedrucktes Huldigungslied „Wir alle vom NSKK“ kennengelernt habe, in anderem Licht. Denn hier vereinten sich die Interessen von Rektor Henck, seiner Frau Emma und ihrem Sohn Fritz doch in recht auffĂ€lliger Weise. Und da Fritz’ Lied in Kassel im Verlag H. Bekker spĂ€testens 1935 gedruckt wurde, wĂ€hrend er ja seit 1933 in Hamburg wohnte (dies schreibt er 1948 in seinem Meldebogen zur Entnazifizierung), halte ich es fĂŒr nicht zu weit hergeholt, eine Verbindung zwischen diesem allem zu vermuten.

Aus dem Stadtarchiv in Kassel trifft die Antwort ein, dass es sich bei den AbkĂŒrzungen auf Fritz’ Meldekarte tatsĂ€chlich um polizeiliche Suchanzeigen handelt, die im Polizeianzeiger veröffentlicht worden seien. Die gesamte Meldekartei sei nĂ€mlich bis zum Jahre 1945 von der staatlichen Polizei gefĂŒhrt worden. Ich werde auch diesen Archivar nochmals anrufen; es scheint sich ja um gedruckte und veröffentlichte Anzeigen gehandelt zu haben, wenn ich einen solchen oder auch nur Ă€hnlichen Titel in dem Zeitraum von 1922 bis 1925, um den es sich handelt, nicht bibliographieren konnte.

*

Donnerstag, 3.6.2004. – Ich werde heute einige Photokopien in Zeven machen und an H. P. schicken: die Meldekarten aus Kassel, die SchriftstĂŒcke, die sich auf die Grabstelle auf dem Stahnsdorfer Friedhof beziehen, einige Sachen von und ĂŒber Fritz sowie eine Abschrift des Briefes von Rektor i. R. Henck, deren Originale mitunter schwer zu entziffern waren.

Mittags telefoniere ich mit Herrn K. im Kasseler Stadtarchiv. Über das Berliner Anzeigenblatt weiß er zwar nichts zu sagen und kann auch nicht mit Sicherheit sagen, ob es sich hier wirklich um eine gedruckte Veröffentlichung handelte, doch als ich ihn im Zusammenhang mit Rektor Henck nach der Überlieferung schulbehördlicher Akten frage, die sich unter UmstĂ€nden auf dessen vorzeitige Pensionierung beziehen könnten, meint er, dass die Schulaufsichtsbehörde ja dem RegierungsprĂ€sidenten unterstand und Akten, falls vorhanden, in das Hessische Staatsarchiv in Marburg gekommen sein mĂŒssten. Das ist immerhin schon etwas. Er empfiehlt zur Feststellung der Sterbedaten auch eine Anfrage am Geburtsort, das heißt in Trier, da doch hĂ€ufiger ein Sterbedatum als Beischrift in standesamtlichen Unterlagen vermerkt sei. Allerdings hat es zur Zeit von Wilhelm Hencks Geburt noch keine StandesĂ€mter gegeben, und man ist auf die KirchenbĂŒcher angewiesen; aber einen Versuch sei es wert.

In der Zevener BĂŒcherei ist unter anderem Anneliese Laschitzas umfĂ€ngliche Biographie ĂŒber Rosa Luxemburg eingetroffen. Die Begebenheiten um den Mord werden jedoch nur gestreift, und das Buch endet mit der Beerdigung der Politikerin. Über stattgefundene Prozesse gegen die Mörder und die eigentlichen HintermĂ€nner erfĂ€hrt man hier leider nichts.

Ich schreibe an das Staatsarchiv in Marburg sowie das Stadtarchiv in Trier und schildere, worum es geht.

*

Sonntag, 6.6.2004. – Ich schreibe einen Brief (Fax) an das Staatsarchiv in Hamburg mit der Frage, ob sich irgendwelche staatsanwaltschaftlichen, gerichtlichen oder polizeilichen Akten zu Peter und Friedrich Henck erhalten haben, da dieser mehrfach in Hamburg festgenommen wurde oder vor Gericht kam.

Im Internet finde ich ein „Gesetz ĂŒber die GewĂ€hrung von Straffreiheit“ vom 7. August 1934 (RGBl. I. S. 769), das zweieinhalb Wochen spĂ€ter schon in Peter Hencks Fall zur Anwendung kam. Was das Gesetz genau besagt, konnte ich nicht feststellen, doch habe ich den Text aus dem Reichsgesetzblatt bestellt.

Die chronologische Übersicht ĂŒber Peter Henck fasse ich in einer zweiten Darstellung zusammen, die sich auf die wichtigsten Stationen seines Lebens beschrĂ€nkt und zeigt, zu welcher Zeit er an welchen Orten war und was er hier tat.

*

Montag, 7.6.2004. – Vom Stadtarchiv in Trier erfahre ich aus einer E-Mail, dass es im dortigen „Standesamtsregister“ (!) von 1865 am Geburtseintrag keinen Vermerk ĂŒber Todestag und -ort von Wilhelm Henck gebe. Man habe auch die AdressbĂŒcher nach 1943 geprĂŒft, doch auch darin sei der Gesuchte nicht zu finden gewesen. Somit könne ausgeschlossen werden, dass er sich 1943 nach Trier gewandt habe.

Bei der Bibliothek der Berliner Humboldt-UniversitĂ€t wiederhole ich meine Anfrage wegen der „Volkswehr“ und erhalte einige Stunden spĂ€ter die Nachricht, dass man die gesuchte Zeitung aus dem Magazin holen lasse und mir innerhalb einer Woche einen Kostenvoranschlag unterbreiten werde.

 

 

Neuntes Kapitel
Unkosten, Verzögerungen, WiderstÀnde

Dienstag, 8.6.2004, vormittags gegen 10 Uhr. – In diesen Stunden zeigt sich auf der Sonne ein kleiner schwarzer Fleck, etwa auf der Stellung von zwei Minuten vor der halben Stunde, betrachtet man die Sonnenscheibe als Ziffernblatt einer Uhr. Es handelt sich um den Transit der Venus, der seit 122 Jahren erstmals wieder zu beobachten ist und den somit wohl kein heute lebender Mensch beobachten konnte. Ich fĂŒge das vielleicht hier ein, weil es mir einst möglich war, das Erscheinen eines Buches durch den darin erwĂ€hnten Hinweis auf einen Ă€hnlichen Venus-Durchgang im Juni des Jahres 1761 genauer zu datieren, vielleicht auch um anzuzeigen, dass sich die IntensitĂ€t meiner gegenwĂ€rtigen Familienforschungen in gewissem Maße verringert hat. Andere Aufgaben fordern ihr Recht, und die Notwendigkeit, fĂŒr etwas eintrĂ€glichere Arbeiten tĂ€tig zu werden, wird zunehmend spĂŒrbar.

Auch bei der GedenkstĂ€tte Sachsenhausen, an die ich bereits am 6. Mai geschrieben hatte, wiederhole ich meine Anfrage, um auszuschließen, dass meine E-Mail verloren ging.

Als ich im Internet eine Suchmaschine befrage, um zu sehen, ob meine neue Webseite ĂŒber von Hannenheim bereits auffindbar ist, entdecke ich einen noch unbekannten Brief des Komponisten im Archiv des King’s College in Cambridge (England). Man hat den dort befindlichen Nachlass von Edward Dent erfasst und die Daten ins Netz gestellt, und in seiner Korrespondenz befindet sich ein Brief von Hannenheims vom 2. Dezember 1936. Ich schreibe sofort an das Archiv und erbitte eine Photokopie.

*

Mittwoch, 9.6.2004. – Vom Bundesarchiv, wo meine Anfrage wegen der NSDAP- Zugehörigkeiten noch lĂ€uft (Fritz, Rektor Henck und mein Vater), kommt eine RĂŒckfrage, ob die Gesuchten alle verstorben seien, denn andernfalls benötige man eine EinverstĂ€ndniserklĂ€rung von ihnen. Ich gebe die gewĂŒnschten Informationen.

*

Samstag, 12.6.2004. – Heute kam ein Brief von der Stiftung Brandenburgische GedenkstĂ€tten („GedenkstĂ€tte und Museum Sachsenhausen“) mit acht Photokopien als Anlage. Einiges mehr als das mir bereits Bekannte geht doch daraus hervor, und der Hintergrund wird mir verstĂ€ndlicher. Der Mangel an Dokumenten wird damit erklĂ€rt, dass die SS im FrĂŒhjahr 1945 vor der Befreiung des Lagers fast alle HĂ€ftlingsakten vernichtete und das wenige Erhaltene in Archive der Russischen Förderation gelangt sei. Aus diesen Archiven habe man indes Kopien erhalten, die dazu dienten, eine sogenannte HĂ€ftlingsnamenkartei aufzubauen, in der die Daten von „VerĂ€nderungsmeldungen“ von 1936 bis 1942 und 1944 erfasst worden seien. Anhand der Beilagen, die keine Kopien von Originaldokumenten, sondern maschinell ausgefĂŒllte FormblĂ€tter aus der Datenbank sind, wird erkennbar, dass Peter Henck am 3. Juni 1941 als „Arbeitsscheuer“ in das KZ eingeliefert wurde und die HĂ€ftlingsnummer 037880 erhielt. Am 9. Juni gab er seine Effekten ab, vom 22. Juni bis zum 3. Juli war er in den Krankenbau eingewiesen; als Haftkategorie ist nunmehr „Asozialer HĂ€ftling“ und Block 66 angegeben. Seit dem 18. Oktober 1941 war Peter Henck erneut in den Krankenbau aufgenommen, wo er am 5. November morgens um 7.30 Uhr an HerzschwĂ€che infolge einer Ruhr-Erkrankung verstarb. Einen Tag spĂ€ter wurde sein Tod von einem Standesbeamten in Vertretung namens Kemper im Oranienburger Sterbebuch als Nr. 1511 registriert; als Quelle diente das Sterbezweitbuch, das heute im Oranienburger Standesamt am Schlossplatz verwahrt wird. Vater: Fritz Henck, wohnhaft in Hamburg; Mutter: Hedwig Henck, geb. Scheidemann, wohnhaft in: unbekannt; Beruf: Arbeiter, Konfession: evangelisch.

*

Montag, 14.6.2004. – Erneut stellt sich die Kostenfrage zweifach in hinderlichster Weise. ZunĂ€chst als mir das Hessische Hauptstaatsarchiv in Marburg die Auskunft erteilt, dass es leider nicht möglich sei, die Bearbeitung von Anfragen, die im privaten Interesse lĂ€gen, im Rahmen der Dienstzeiten unentgeltlich durchzufĂŒhren. Die Verwaltungskostenordnung fĂŒr den GeschĂ€ftsbereich schreibe die Erhebung von GebĂŒhren vor. FĂŒr den Rechercheaufwand und die Übersendung des Ergebnisses wĂŒrden in meinem Fall voraussichtlich GebĂŒhren in der Höhe von 45 Euro entstehen, die auch dann fĂ€llig wĂŒrden, wenn die Nachforschungen ergebnislos verliefen. Es stehe mir aber die Möglichkeit offen, selbst im Lesesaal zu recherchieren oder jemanden zu beauftragen, dies fĂŒr mich zu tun. Man sei aber auch in diesen FĂ€llen gehalten, fĂŒr die Vorlage von Archivgut pro Tag 8 Euro bzw. 40 Euro pro Monat oder 120 Euro pro Jahr zu erheben. Ich rufe den Sachbearbeiter an und bedanke mich fĂŒr die Nachricht, lehne aber eine Auftragserteilung unter den von mir derzeit nicht tragbaren finanziellen Voraussetzungen ab. Ich frage, wie das Verfahren aussehe, um unmittelbar im Lesesaal zu arbeiten; denn um dort Archivgut einzusehen, mĂŒsse ich ja zunĂ€chst wissen, ob es solches ĂŒberhaupt gebe. Aber ich werde belehrt, dass man mir in diesem Fall zunĂ€chst die notwendigen Findmittel zur VerfĂŒgung stellen werde. Ob dann etwas fĂŒr mich Brauchbares darin sei, sei eine andere Frage. Im Falle der Überlieferung von Schulakten werde durchaus nicht alles aufgehoben; es sei allenfalls denkbar, aber keineswegs sicher, dass ich etwas von mir Gesuchtes fĂ€nde.

Aus der Berliner Staatsbibliothek bietet man mir die komplette Kopie der Zeitung „Volkswehr“ als Rollfilm an. Bei 133 Rollfilmaufnahmen Ă  0,40 Euro wĂ€ren das 53,20 Euro, zuzĂŒglich Porto. Fernleihverkehr sei nicht möglich. Auch hier sehe ich von einer Auftragserteilung unter Hinweis auf die hohen, mich ĂŒberfordernden Unkosten ab. Wissen ist hierzulande teuer geworden und offensichtlich den Reicheren vorbehalten. So sieht die „Freiheit der Forschung“ im Klartext aus. Das sind alles ja nur „private Interessen“ ohne jeden Bezug zur Allgemeinheit. Immerhin kann ich anhand der Angaben erkennen, dass bei 41 vorhandenen Ausgaben der Zeitung eine jede Nummer wohl aus 2 bis 4 Seiten bestand. Etwas seltsam ist die Angabe 133 Seiten, denn dass dies eine ungerade Zahl ist und es irgendwo eine unbedruckte Seite gegeben haben soll, die man nicht hĂ€tte verfilmen wollen, will mir nicht recht einleuchten. Vielleicht rechnet man aber eine Seite fĂŒr meine Auftragserteilung, ein Photo der Signatur wie einen Besitz-, Zitier- oder Rechtsvermerk mit ein.

*

Dienstag, 15.6.2004. – Die Schwierigkeit, als vergleichsweise UnbegĂŒterter an archivarische Informationen zu gelangen, stimmt verdrießlich und nimmt mir etwas von meiner Energie, weitere Suchanfragen in die Wege zu leiten und stĂ€ndig erneut zur Kasse gebeten zu werden. Vorerst gehe ich daher wieder den Spuren des Komponisten Johann Ludwig Trepulka und des Dirigenten seiner Sinfonischen Dichtung „Die Göttliche“ Julius Katay nach. Auch hier rechne ich nicht mit aufregenden Ergebnissen, doch da ich mit den zustĂ€ndigen Einrichtungen in Wien durch die biographischen Arbeiten ĂŒber Rita Kurzmann und Erwin Leuchter schon vertraut bin, geht mir das schnell von der Hand.

Aus der Zevener BĂŒcherei erreicht mich eine E-Mail ĂŒber mehrere eingetroffene Fernleihbestellungen; darunter „Das Erbrecht“ von Fritz Henck und das Buch „Im Herzen des Ermlands“, aus dem ich NĂ€heres ĂŒber Guttstadt im ehemaligen Ostpreußen zu erfahren hoffe. Es soll ein Buch mit vielen Augenzeugenberichten sein, wie ich einer Internetseite entnehme.

*

Mittwoch, 16.6.2004. – Gestern brachte mir Jutta aus Zeven noch die in der BĂŒcherei eingegangenen Fernleihen mit, doch leider nicht „Das Erbrecht“; denn auch hier handelt es sich um eine Ausgabe, die nur im Lesesaal eingesehen werden darf und darĂŒber hinaus einem Kopierverbot unterliegt. So werde ich mich wieder einmal vor Ort belesen mĂŒssen.

Der schwerleibige Band ĂŒber die sozialdemokratischen Parlamentarier in den deutschen Reichs- und Landtagen, der mehr als tausend Seiten umfasst, enthĂ€lt eine kleine Überraschung. Ich erinnerte mich nun, dass es einen Namensvetter von Fritz Henck gab, der im Mecklenburgischen Parlament in Schwerin tĂ€tig gewesen war, und dass ich vor einigen Jahren einen Artikel „Henck, Fritz“ bereits einmal als Kopie aus diesem Buch bestellt hatte, weil ich sehen wollte, ob hier mein Verwandter gemeint sei. Da dem aber offensichtlich nicht so war, hatte ich die Photokopie, die ich erhielt, irgendwo abgelegt, ohne sie jetzt wiederfinden zu können. Vielleicht hatte ich sie sogar in den Papierkorb geworfen, was ich aber nicht glaube. Nun sehe ich, dass diesem in Rostock gebĂŒrtigen Fritz Henck, der von 1868 bis 1928 lebte und ursprĂŒnglich Zimmermann war, eine TĂ€tigkeit von „meinem“ Fritz Henck zugeschrieben ward, denn es heißt hier: „seit Jan. 1919 Redakteur der nur vorĂŒbergehend erscheinenden ,Volkswehr-Zeitung fĂŒr die Soldaten der deutschen Republik‘“ (S. 499). Gleichzeitig ist dem Artikel zu entnehmen, dass der Rostocker Fritz Henck von Dezember 1918 bis Juli 1920 MinisterĂ€mter in seiner Heimatstadt bekleidete, was eine doch sehr geteilte Persönlichkeit zur Voraussetzung hĂ€tte haben mĂŒssen, um gleichzeitig parlamentarische und gar ministerielle Aufgaben in Rostock mit redaktionellen Arbeiten in Berlin zu verbinden. Das Ganze ist wohl nichts weiter als eine Verwechslung infolge der Namensgleichheit.

Ein anderes, mit ĂŒber 600 Seiten ebenfalls recht gewichtiges Buch, das eingetroffen war, trug den Titel „Im Herzen des Ermlands“, und es behandelt die Geschichte von Guttstadt in der Zeit zwischen 1927 und 1945. Ich hatte es im Hinblick auf Peter Henck bestellt, der etwa ein dreiviertel Jahr (1934/35) in Guttstadt in einem Arbeitsdienstlager verbracht hatte. Ich fand auch zwei Artikel in dem Buch, die aus der „ErmlĂ€ndischen Zeitung“ nachgedruckt waren. Der erste stammte vom 16. November 1933 und betraf die festliche Übernahme des Arbeitslagers durch einen neuen AbteilungsfĂŒhrer, an die sich eine Besichtigung des Lagers anschloss. Man sparte nicht mit Lob fĂŒr die „wohnliche HeimstĂ€tte“ und die Verpflegung, die den Arbeitsdienstlern zugedacht war. Das Lager werde in erster Linie bei der Begradigung der Eisenbahnstrecke Kobbelbude – Allenstein eingesetzt. Ein zweiter Artikel vom 22. Februar 1934 meldete in derselben Zeitung die Errichtung eines zweiten Arbeitslagers, das ebenfalls zur Begradigung einer Eisenbahnstrecke dienen sollte. Man versprach sich auch von diesem Lager eine „nicht unerhebliche Förderung des Wirtschaftslebens“ in Guttstadt, da fĂŒr jeden Mann 2 Reichsmark pro Tag „ausgeworfen“ seien, was bei den zwei Lagern eine „Umsatzsteigerung“ von ĂŒber 315 000 RM pro Jahr ergebe. Ich rechne zurĂŒck, dass dies bei den angegebenen 216 Arbeitern 432 RM pro Tag und somit 157 680 RM pro Jahr sein mĂŒssten; das erste Lager mĂŒsste dann aus etwa gleich vielen Arbeitern bestanden haben, denn die Verdopplung des Jahresbetrages ergĂ€be 315 360 RM, was mit der mitgeteilten „Umsatzsteigerung“ gut ĂŒbereinstimmt. Nirgends ist die Rede von einem Straf- oder Arbeitserziehungslager, und es scheint sich lediglich um ein normales Lager des Arbeitsdienstes gehandelt zu haben.

*

Donnerstag, 17.6.2004. – Ich sehe das 1928 erschienene Erinnerungsbuch „Novemberrevolution“ von Hermann MĂŒller-Franken durch, kann aber keine Hinweise auf Fritz Henck oder das „Regiment Reichstag“ darin finden.

*

Mittwoch, 23.6.2004 – Einige aufregende Tage liegen hinter mir, doch wurden die Aufregungen nicht durch diese Untersuchungen, sondern meinen fĂŒr die zweite AugusthĂ€lfte geplanten Kurs in Salzburg verursacht, fĂŒr den sich bis jetzt nur zwei Teilnehmer eingeschrieben haben und der infolgedessen vermutlich ausfallen wird. Das heißt mit anderen Worten: drei Monate ohne Einkommen. Es ist zum Verzweifeln, und ich weiß nicht, wo wir noch sparen sollen. Gleichwohl ist dies nicht der richtige Ort, mich ĂŒber unsere finanziellen Sorgen auszulassen, und so fahre ich mit den Ergebnissen meiner Familienforschung fort.

In Zeven konnte ich nun das BĂ€ndchen „Das Erbrecht“ einsehen, das wieder so strengen BeschrĂ€nkungen hinsichtlich der Ausleihe und des Photokopierens unterlag. Bereits ein Blick auf das Titelblatt klĂ€rte jedoch, was es mit dieser Schrift auf sich habe. Neben dem Verfassernamen Fritz Henck war nĂ€mlich „Rostock“ angefĂŒgt, so dass es sich hier um den Namensvetter und nicht meinen Großonkel handelte. Die Schrift war voller juristischer Details, und sie passte inhaltlich genau zu jenem Fritz Henck, der ab Mitte Dezember 1918 im Freistaat Mecklenburg-Schwerin in der Legislaturperiode des 1. Landtags als Justizminister tĂ€tig war. Dieser Druck und nicht die „Volkswehr“ wĂ€re in Schröders Handbuch der Parlamentarier zu nennen gewesen. Mir kommt der Gedanke, dass auch die Existenz eines unweit von LĂŒbeck tĂ€tigen hohen Politikers der SPD mit dem Namen „Fritz Henck“ unter UmstĂ€nden ein Grund gewesen sein könnte, zur Vermeidung von MissverstĂ€ndnissen den Namen des Dichters Fritz Henck 1927 in dem SPD-nahen „LĂŒbecker Volksboten“ nicht zu nennen.

Im Internet finde ich eine Datenbank, die mir erstaunlich viele Veröffentlichungen von Wilhelm Henck ausgibt. Sie nennt sich „Bildungsgeschichte Online – Katalog der Bibliothek fĂŒr Bildungsgeschichtliche Forschung“ und zeigt mir 32 Titel zu Wilhelm Henck an, darunter Auflagen und selbst Titel, von denen ich noch nichts wusste. Ich finde hier auch einen Aufsatz „Ueber den Unterricht im ersten Schuljahre“, der den Text eines auf der Versammlung des Fröbel-Verbandes zu Dresden am 8. Oktober 1900 gehaltenen Vortrags von Wilhelm Henck wiedergibt. Der 14seitige Text kann aus der „Zeitschrift fĂŒr pĂ€dagogische Psychologie und Jugendkunde“ (Heft 6, 1900) komplett abgerufen werden, und ich habe ihn nach dem Ausdruck gelesen, wĂ€hrend mein Computer eine nicht enden wollende Systemwiederherstellung vollzog, mit der ich hĂ€ufigeren AbstĂŒrzen vorzubeugen hoffte. Dieser Aufsatz findet vielfach meinen Beifall und weist Ideen ĂŒber das spielerische Erlernen auf, die ich grundsĂ€tzlich auch heute noch fĂŒr richtig erachten wĂŒrde. Der Urgroßvater scheint mit seinen BĂŒchern, VortrĂ€gen und AufsĂ€tzen jedenfalls eine breitere Wirkung gefunden zu haben, als ich dies frĂŒher je angenommen hĂ€tte. Im Familienkreis wurden seine Leistung dagegen entweder gar nicht erwĂ€hnt oder ein wenig mitleidig-herablassend belĂ€chelt, als habe man sich mit seinen Gedanken auch nur von ferne beschĂ€ftigt. Man sah und erwĂ€hnte da allenfalls die Bilderchen mit den HĂŒhnchen, und das reichte offenbar aus, sich eine Vorstellung von der Beschaffenheit seines Geistes zu machen. In seinem Vortrag erwĂ€hnt Wilhelm Henck einleitend, dass auch seine beiden Söhne (damals sieben und acht Jahre alt) einen Fröbelschen Kindergarten besucht hatten.

Die Stiftung „Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv“ meldete sich nach einem Monat und ließ mich wissen, dass man zu Peter Henck und Johanna P. keine Unterlagen besitze. Man habe nur einen kleinen Bestand von Scheidemanns Nachlass; andere Teile desselben seien in der Ebert-Stiftung bzw. in Privatbesitz.

Bei dem Leiter der Friedhofsverwaltung in Stahnsdorf wiederhole ich meine Anfrage wegen Peter Henck und der Scheidemann-FamiliengrabstÀtte.

Heute rief ich dagegen bei der Friedhofsverwaltung in Kassel an, um zu erfragen, ob nicht Wilhelm und Emma Henck dort bestattet wurden. Man nimmt meine Angaben freundlich entgegen, findet zwar nichts unmittelbar im Computer, prĂŒft aber die Ă€lteren BĂŒcher und ruft drei Stunden spĂ€ter zurĂŒck. Nein, man hat nichts finden können, obgleich man die einschlĂ€gigen Aufzeichnungen von 1940 bis 1952 geprĂŒft hat. – Der Verbleib dieser Urgroßeltern ist wirklich ein RĂ€tsel. Ob sie nach Schrecksbach zu meinem Großvater Karl Henck gingen und dort verstarben? Aber ich war frĂŒher oft auf dem Schrecksbacher Friedhof gewesen, wo wir immer nur das Grab von Karl Henck, das von Richard Ital, dem Bruder meiner Großmutter, und in spĂ€terer Zeit das von dieser Großmutter selbst besucht hatten. Ich werde sicherheitshalber auch in Schrecksbach noch anfragen.

*

Donnerstag, 24.6.2004. – Die Versuche, in Schrecksbach und im Wiesbadener Hauptstaatsarchiv weitere EinkĂŒnfte einzuholen, verliefen negativ, da die Personen, die ich befragen wollte, nicht anwesend waren.

*

Freitag, 25.6.2004. – Erneuter Anruf im Wiesbadener Hauptstaatsarchiv, doch der Herr Dr. D. hat bisher leider noch keine Zeit gefunden, meiner Anfrage nachzugehen, die ĂŒber drei Wochen zurĂŒckliegt. Aber er hat es nicht vergessen. Ansonsten großes Schweigen an allen Fronten.

*

Dienstag, 29.6.2004. – Telefonat mit Frau Hölscher im BĂŒrgermeisteramt von Schrecksbach. Weder liegen die Urgroßeltern auf dem Schrecksbacher Friedhof noch sind sie in Schrecksbach verstorben. Das erst vor sechs oder sieben Jahren eingerichtete Computerprogramm fĂŒr den Friedhof, in dem die Daten der auf den Grabsteinen genannten Personen erfasst wurden, wies außer meinen Großeltern keine anderen Hencks aus. Und auch eine Durchsicht des Sterbebuchs im Standesamt – ich rufe eine halbe Stunde spĂ€ter erneut an, man schaut eben nach – ergab ebenfalls keine EintrĂ€ge in der Zeit zwischen 1943 und 1960. Lediglich mein 1955 verstorbener Großvater Karl Henck war zu finden.

 

 

Zehntes Kapitel
Stahnsdorfer Friedhof

Samstag, 10.7.2004. – Nachdem ich noch einmal angemahnt hatte, kam heute, mehr als acht Wochen nach meiner ersten Anfrage, eine ausfĂŒhrliche Antwort von der Friedhofsverwaltung in Stahnsdorf. Auf dem SĂŒdwestfriedhof gebe es heute noch eine sechzehn Quadratmeter große FamiliengrabstĂ€tte, auf der sich ein „reprĂ€sentatives Grabmal“ mit einer Inschrift fĂŒr Johanna Scheidemann befinde (Abteilung Charlottenburg, Gartenblock II, Gartenstellen 125 und 125a). In dieser GrabstĂ€tte seien Peter Henck, Hedwig Henck, geb. Scheidemann, Lina Katz, geb. Scheidemann, Ernst Katz und Johanna Scheidemann beigesetzt. Philipp Scheidemann sei hier nicht bestattet, daher werde das Grab auch nicht als Ehrengrab betreut. Die Urne von Peter Henck sei 1995 umgebettet worden in die Anlage der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, die von der Senatsverwaltung Berlin betreut werde (Abteilung Epiphanien, Reihe 3, Grab Nr. 5); die dort angebrachte Grabplatte sei mit seinem Namen und den Geburts- und Sterbedaten versehen (ich hatte gedacht, der Geburtstag sei hier nicht bekannt?). Die GrabstĂ€tte Scheidemann sei seit vielen Jahren unbetreut, und die GrabflĂ€che sei heute mit einer dichten Grasdecke ĂŒberwachsen.

Ich bedanke mich fĂŒr die AuskĂŒnfte und bitte, mich oder H. P. davon in Kenntnis zu setzen, falls eine Einebnung der GrabstĂ€tte anstehe, denn zumindest sollte man dann einige photographische Aufnahmen als dokumentarische Erinnerung machen. Rasch schreibt man zurĂŒck, dass man unsere Adressen jetzt an die entsprechende GrĂ€berkarte geheftet habe und uns gegebenenfalls informieren werde.

*

Mittwoch, 21.7.2004. – Vom Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden erhalte ich die Nachricht, dass keine Hinweise auf ein Entnazifizierungsverfahren zu meinem Vater gefunden werden konnten, „trotz nochmaliger intensiver Recherchen in den Karteien der Spruchkammern Ziegenhain, Marburg, Darmstadt-Lager, Frankfurt-Zentral und Kassel-Zentral“. Weitere ErklĂ€rungen dazu gibt es nicht, und so schließt diese Nachricht die Untersuchung vorlĂ€ufig ab.

 

 

Elftes Kapitel
Betteln. Im Hamburger „KoLaFu“

Samstag, 31.7.2004. – Gestern erreichte mich nun doch noch eine Antwort aus dem Staatsarchiv in Hamburg, an das ich wegen Peter Henck am 6. Juni geschrieben hatte. Der zustĂ€ndige Bearbeiter entschuldigt sich jedoch höflich und erklĂ€rt die Verzögerung mit der Pensionierung eines Kollegen und der Neuverteilung der von ihm betreuten Arbeitsbereiche. BeigefĂŒgt sind vier kostenlose Photokopien aus der alten Untersuchungshaftkartei MĂ€nner. Danach saß Peter – als zweiter Vorname tritt Friedrich auf – dreimal 1934 (19, 27 und 30 Tage), einmal 1935 (10 Tage) und zweimal 1937 (42 und 80 Tage) in Untersuchungshaft ein. Als Grund der Einlieferung ist stets „Betteln“ genannt, als Beruf wird Landarbeiter, Arbeiter oder ungelernter Arbeiter angegeben, als Religionszugehörigkeit ist 1937 einmal „Gottl.“ eingefĂŒgt, was wohl nur „Gottlos“ heißen kann, eine Gleichsetzung, fĂŒr die ich keine die Worte habe. Ferner finden sich auf den Karteikarten Angaben wie Aufnahme-, Zellen-, Haftkontroll-, Strafabteilungs- und Strafkammernummern, Aktenzeichen und in der Rubrik „Wohin?“ hinter dem Abgangstag Eintragungen wie „Strafhaft“, „entlassen“, „Strafs[ache?]“ und „Strafv[ollzug?/erbĂŒĂŸung?]“. Die Karteikarte von 1937 vermerkt am Kopf handschriftlich Peter Hencks Musterung („tauglich I“) im Jahre 1935 in Altona.

Aus dem PolizeigefĂ€ngnis in Hamburg-HĂŒtten gebe es leider keine Nachweise mehr, doch ohne photokopierten Beleg erwĂ€hnt der Begleitbrief noch, dass Peter Hencks Schutzhaft aus Abrechnungslisten der Schutzhaftgefangenen im PolizeigefĂ€ngnis FuhlsbĂŒttel („KoLaFu“) dokumentierbar sei. Diesen zufolge sei er vom 14. Mai bis zum 27. Juni 1940 (6 Wochen) dort inhaftiert gewesen. Weitere Nachweise konnten in den im Staatsarchiv Hamburg verwahrten Strafakten nicht ermittelt werden, die Polizeiunterlagen seien wĂ€hrend oder gegen Ende des Nationalsozialismus weitgehend zerstört worden.

Da ich nichts ĂŒber die anscheinend allgemein bekannte AbkĂŒrzung „KoLaFu“ weiß, belese ich mich im Internet und erfahre, dass es sich hier um das berĂŒchtigte „Konzentrationslager FuhlsbĂŒttel“ handelte, dessen Existenz, im Unterschied zu vergleichbaren NS-Einrichtungen, nicht auf die SA oder SS zurĂŒckging, sondern im September 1933 auf Betreiben der Hamburger Landesjustizverwaltung und Strafvollzugsbehörde entstand.

 

 

Zwölftes Kapitel
Eine Zeichnung. Der Friedhof in Wedel

Montag, 27.9.2004. – Meine letzten Eintragungen liegen schon fast zwei Monate zurĂŒck. Ich nehme sie an dieser Stelle wieder auf, da ich durch Zufall jenes Bildchen wiederfand, das Fritz vor nahezu fĂŒnfzig Jahren malte und das ich, wie erwĂ€hnt, lange gesucht hatte. Ich hatte es an den Anfang eines der beiden großen Alben gelegt, die meine gebundenen Kinderzeichnungen enthalten. Gleichwohl suchte ich nicht bewusst danach, sondern es ging mir eigentlich um Ă€ltere GeschĂ€ftsbriefe auf der höchsten Stufe eines Regals, auf der nur selten Benutztes lagert. Und ich nahm den obersten Band der Zeichnungen, den ich seit Jahren nicht mehr geöffnet hatte, nur aus dem Regal, da ich ohnehin auf einem Stuhl stand und ihn plötzlich so griffbereit vor Augen hatte. Doch es ist schon ein seltsames Zusammentreffen, denn erst seit dem letzten Wochenende vertiefe ich mich wieder in das vorliegende Kapitel, korrigiere und ergĂ€nze, und gerade heute Vormittag stieß ich auf jene Stelle, die von der kleinen Zeichnung handelt. Erneut hatte ich ĂŒberlegt, wo sie stecken möge und was ich anstellen könne, um sie wiederzufinden. Und nun halte ich das Bild ganz unerwartet, ohne auch nur eine Sekunde danach gesucht zu haben, in HĂ€nden.

Wie gesagt, ist es eine Buntstiftzeichnung, die an einigen Stellen aber mit blauem Kugelschreiber ergĂ€nzt wurde. Ihr unregelmĂ€ĂŸig zurechtgeschnittenes Format ist etwa das einer Postkarte, das angegraute Papier hat etwa die StĂ€rke gewöhnlichen Schreibmaschinenpapiers. Rechts unten hat Fritz mit Kugelschreiber nicht seinen, sondern meinen Vor- und Zunamen sowie das Jahr 1955 angegeben, womit er mir wohl einen Gefallen tun wollte, womit aber zugleich ein weiteres Mal sein Hang, mit den Signaturen seiner Bilder zu spielen, zum Ausdruck kommt. Andererseits schrieb er mir damit Talente zu, die ich nicht besaß und mit denen mich zu schmĂŒcken mir kaum je eingefallen wĂ€re; denn der Unterschied zu jenem, was und wie ich selbst malte und zeichnete, ist unĂŒbersehbar. Seine Urheberschaft schien Fritz dabei nicht allzu wichtig, und er ordnete sie schnell anderen Interessen unter.

 

Fritz [nicht wie angegeben Herbert] Henck, Buntstiftzeichnung, 1955

 

Auf der RĂŒckseite befand sich eine Bleistiftzeichnung, die wohl tatsĂ€chlich von mir stammt (denn meine Schwester hatte, was sich schon frĂŒh zeigte, die weitaus grĂ¶ĂŸere Begabung auf diesem Gebiet, und sie besitzt Ă€hnliche, wenn auch noch umfangreichere BĂ€nde mit ihren gebundenen Kinderzeichnungen). Man sah hier mit einfachen Strichen einen großen runden Tisch wiedergegeben, auf dem zwei Tassen und Teller standen. Zwischen ihnen lag ein Buch, vielleicht auch eine Zeitung. Rechts neben dem Tisch war ein Stuhl, und ĂŒber dem Tisch, auf den man etwas von oben hinunter sah, erkannte man die Umrisse einer runden Lampe, wie wir sie in Treysa in unserer KĂŒche hatten. Das Stromkabel, an dem sie hing, war in einem eiförmigen BehĂ€lter aufgerollt, und ein besonderer Feder-Mechanismus erlaubte es, ihre Höhe zu verstellen, ohne dass das Kabel dann auf den Tisch hinunterhing.

Wahrscheinlich malte Fritz dieses Bild ohne jede Vorbereitung, als er uns in Treysa einmal besuchte, wobei er sich dann meine Buntstifte auslieh. Er wĂ€hlte ein Sujet, das ihm vertraut war und schnell von der Hand ging, nĂ€mlich jene Landstraße in der Bildmitte, die immer schmaler wurde und auf der linken Seite von einer Reihe perspektivisch immer kleiner werdender Birken gesĂ€umt war. Insgesamt war die Landschaft etwas hĂŒgelig, nicht unĂ€hnlich jener, der man in der Schwalm begegnete. Um das Ganze herum zeichnete er einen schwarzen Rand, um einen Bilderrahmen anzudeuten, und es ist vorstellbar, dass er sich mit Skizzen dieser Art den Aufbau und die Wirkung seiner spĂ€ter in Öl ausgefĂŒhrten Bilder klar machen wollte.

*

Dienstag, 28.9.2004. – Durch den Fund des Bildchens angeregt bin ich nun doch weiteren Spuren von Fritz nachgegangen und habe mit dem Friedhofsamt in Wedel telefoniert. Ich erhielt von einer Dame die Auskunft, dass sich tatsĂ€chlich das Grab von Fritz auf dem Wedeler Friedhof befinde. Dass es trotz der bereits abgelaufenen Ruhezeit noch nicht eingeebnet sei, habe sich dem Umstand zu danken, dass etwa noch zehn weitere Familienmitglieder in dieser GrabstĂ€tte beigesetzt seien, wodurch sich die Liegezeit, die von dem zuletzt Bestatteten an gerechnet werde, verlĂ€ngert habe. Ich war etwas ĂŒberrascht, und auf meine Nachfrage, wer denn da noch alles liege, nannte die Dame etwas zögerlich noch eine Helene Henck, die 1972 verstorben sei, bat dann aber, leicht gereizt ob meiner zahlreichen Fragen und unter Verweis auf ihr öffentliches BĂŒro, in dem bereits mehrere Besucher auf sie warteten, um einige Zeilen Schriftliches und versprach, jemanden zu finden, der die zum Teil noch in deutscher Schrift abgefassten Aufzeichnungen besser lesen könne. Nach der letzten Wohnung von Fritz befragt, nannte ich die Austraße 5, eine Adresse, die der Beamtin als Sitz eines Altersheims bekannt war. Man werde mir schriftlich Auskunft geben. So schickte ich nach dem Telefonat gleich ein Fax mit meinen Fragen und werde vielleicht bald Genaueres erfahren.

Bei der 1972 verstorbenen Helene Henck könnte es sich um die letzte Ehefrau von Fritz handeln, die er bereits im Altersheim geheiratet hatte. Im Internet finde ich nach einigem Suchen in Wedel das „Johanniter Heinrich-Gau-Heim“, ein „Alten- und Pflegeheim“ in der Austraße 5, doch da anderswo eine abweichende Adresse angegeben ist, ist die Anschrift vielleicht veraltet.

 

* * *

 

Nachtrag 24.4.2006. – Ich breche an dieser Stelle meinen Bericht ab. Viele Spuren blieben unverfolgt, aus den unterschiedlichsten GrĂŒnden, und manche Dinge, die ich erfahren und erlebt habe, gehören meiner Ansicht nach nicht in die Öffentlichkeit, sondern sind privater, persönlicher Natur. Manches, das ich bereits hier stehen hatte, habe ich wieder entfernt, da ich mir nicht sicher war, ob ich es mitteilen sollte oder nicht, doch ließ ich den Zweifel genĂŒgen, vorerst Abstand davon zu nehmen. Ich bin mir ohnehin bewusst, dass dieser Bericht die meisten Leser nicht interessieren wird und es nur wenige gibt, die Anteil daran nehmen oder irgend eine Art von Nutzen daraus zu ziehen imstande sind. Da ich aber von anderen Forschungen weiß, dass ich nach Jahr und Tag einen fallen gelassenen Faden mitunter wieder aufnehme und mich den ungelösten Problemen und unbeantworteten Fragen erneut zuwende, möchte ich die Möglichkeit nicht von der Hand weisen, dass sich auch diesem Kapitel unter anderen und besseren Voraussetzungen einmal ein weiterer Abschnitt anschließen wird.

 

 

 

Erste Eingabe der ĂŒberarbeiteten Fassung ins Internet:  April 2006
Letzte Änderung: Samstag, 30. April 2016

© 2006–2016 by Herbert Henck