Grete – Besuch bei einer Kranken

 

Erzählung
von

Herbert Henck

 

 

 

So fuhren wir nun auch an Wochenenden öfters zu Grete hinaus, um sie gleich hinter einer alten Mühle am Stadtrand zu besuchen. Nachdem sie aber zwischen Stadt und Land in ein Sanatorium gezogen war, fuhren wir auch dorthin, um zu sehen, wie es ihr gehe und ob sie sich tatsächlich gut erhole. Wir beschlossen, sie an einem Sonntag-Nachmittag nach ihrem Umzug aufzusuchen, um dann zugleich ihre neue Umgebung kennenzulernen. Der Weg war nur wenig weiter als der frühere, und wir trafen sie, wie erwartet, etwa gegen halb drei Uhr an. Sie hatte mit uns nicht gerechnet, freute sich aber, uns zu sehen, und sagte freundliche und schöne Dinge über Blumen und Obst, die wir ihr in guter Verpackung als kleines Geschenk aus unserem Garten mitgebracht hatten. Es war mühsam, sich hier auf anderes zu besinnen als auf Krankheit und Not, Alt-, Arm- und Alleinsein, denn wohin man sich auch wendete und ging, stets wurde alles hiervon bestimmt und beeinträchtigt.

Gemeinsam mit Grete machten wir nun einen Ausflug von höchstens einer halben Stunde, da sich die Sonne allmählich schon zurückzog und es dann bitterkalt wurde, was wir von früheren Besuchen dieser Gegend her wussten. Von „Umgebung kennenlernen“ sprach angesichts der Witterung dann niemand mehr. Doch auch sonst wurde nicht viel gesprochen.

Als wir wieder zurückkamen, war es fast dunkel geworden. Der Sturm warf uns manchmal beinahe um, wenn eine Bö anders als erwartet kam, so dass wir im Scherz gar mit ihm redeten und ihn auch ermahnten, es nicht zu toll mit uns zu treiben. Selbst wenn es nicht regnete, schnitt uns der Wind doch kalt in Hände und Gesichter. Wir froren nach und nach, bedauerten, keine Handschuhe oder Mützen mitgebracht zu haben, und waren froh, bald wieder in den Schutz eines warmen Hauses zu kommen.

Nachdem wir uns gleich hinter der Küchentür an einen Tisch gesetzt und heißen Kaffee getrunken hatten, erhob sich Grete bald wieder und ging zur Tür zurück. Als sie eine Viertelstunde später erneut hereinkam, stellte sie sich an eine Art von Tresen. Dort stand sie mit einem Fuß auf einer Stütze, und strich sich mit der flachen Hand über Kopf und Haar; dann trank sie gelegentlich einen Schluck Jasmintee aus einem einfachen, bunt bemalten Becher, den sie zum Erwärmen auf eine der großen Herdplatten gestellt hatte. Sie hatte sich umgezogen und trug jetzt einen langen dunkelblauen Rock, der sie fast wie ein Mantel umhüllte, einen braunkarierten Schal mit englischem Muster sowie einen zu weiten, aber dicken hellblauen Pullover. Mehrere Male wendete sie sich von uns Sitzenden ab und drehte sich plötzlich nach hinten um, dennoch langsam gestikulierend, als erkläre sie dort etwas oder rede mit einem Geist, denn es gab hier niemanden zu sehen, mit dem sie hätte sprechen können. Bisweilen beschäftigte sie sich mit den Gegenständen auf dem Tresen, hielt sie kurz in der Hand, wog sie vergleichend und legte sie wieder zurück. Oder sie tauchte etwas mit beiden Händen unter Wasser, wie ein Wäschestück, das man einweicht und waschen will. Darauf bedachte sie sich sehr lange und legte schließlich auch das Stück Wäsche wieder beiseite. Gedankenverloren zupfte sie an einem Kissen, langsam und bekümmert, doch auch lange, als bedaure, ja bereue sie etwas. Eine lückenlos sinnvolle Folge ergab sich jedoch auch hier nicht.

Sie schien in der rechten Hand etwas zu zerkrümeln, doch konnte ich nicht sehen, was es war; es war zu klein. Vielleicht war es ein Stückchen Kuchen oder ein Plätzchen, das ihr nicht so recht schmeckte und mit dem sie den Hund, der sich dies gern gefallen ließ, unauffällig unter dem Tisch fütterte, was ihr als Kind oft verboten worden war, da es das Tier nur verwöhne. Vielleicht war es aber auch etwas ganz anderes. Dennoch war stets etwas Unruhiges in dem, was sie tat, etwas Sprunghaftes und Unberechenbares, das eine große innere Anspannung, Unkonzentriertes, ja etwas Mechanisches, gar Manisches zeigte, das mich aber nicht gleichgültig ließ, sondern allmählich auf mich um so mehr übergriff und ansteckte, je länger ich ihm zusah. Zunächst war es Ungewissheit, Abwarten, was sich noch alles ereigne, später dann mehr eine Mischung aus Furcht, Erschrecken und Angst, die daraus hervorging und weit größer wurde, als ich es je vermutet hatte. Vielleicht waren es die Aufgaben des Gastgebers, denen sie nicht mehr wie in früherer Zeit nachzukommen in der Lage war, ein Verlust an Wohlbefinden und die drohende Last, zugleich beobachtet zu werden, oder dass sie den Gesprächen nicht so, wie sie es sich wünschte, zu folgen vermochte. Dies alles spielten wir natürlich auf ein Mindestmaß herunter, verwarfen jede Vorsicht und jedes Gefühl der Minderwertigkeit und taten letztlich, als sei ein künstliches, unwirkliches Verhalten ganz fehl am Platz, Einwände, auf die sie freilich nie etwas entgegnete und die daher auch nicht zutreffend sein mochten.

Von der Decke drang zeitweilig eine hellere Stelle herunter, als werde Grete von dort aus beschienen, doch ich hatte mich vielleicht in dem trüben Licht der Dämmerung getäuscht, und alles war in Wirklichkeit von einem einheitlichen Schleier aus tiefem unbestimmbaren Graublau umgeben, der nur manchmal von Spiegelndem oder Glänzendem erhellt wurde. Ich wusste indes nicht, was dieses Spiegelnde eigentlich war, und konnte auch nicht erkennen, aus welcher Richtung es kam. Die Scheiben der Fenster schienen inzwischen alle schwarz zu sein, und ein Blick konnte nicht mehr ins Freie hinausdringen, denn es war zu dunkel geworden.

Auch stand Grete oft aufrecht und hielt dann eine aufgeschlagene Schrift vor sich an der Brust, die manchmal auch einen schwachen Lichtreflex in den schattigeren Teil des Raumes warf, der jedoch zu gering war, um den oben beschriebenen Reflex zu auszulösen. Anscheinend hatte sie noch einen Finger als Lesezeichen in dieser Schrift, als habe sie noch vor kurzem darin gelesen und sei unterbrochen worden. Was es mit dieser Schrift auf sich habe, fragte niemand, auch wenn es ein recht guter Anknüpfungspunkt einer höflich zurückhaltenden Frage oder der Ausgangspunkt eines Gespräches hätte sein können.

Dann wieder tat Grete alles völlig lautlos, als habe sie die Dinge, die sie tat, unter diesem Gesichtspunkt zusammengestellt. Sie ging langsam und stumm im Zimmer umher, fuhr sich durchs Haar, rieb sich kurz die Nase, fuhr sich erneut durchs Haar und legte eine Locke bedächtig, jedoch keineswegs ganz ruhig hinter eines ihrer Ohren. Darauf hustete sie leicht und zog ihr Taschentuch hervor. Doch man hörte keinen Laut mehr, als verschlucke sie sofort jedes Geräusch und behalte es für sich.

Und ein alter, sehr schmutziger Lappen hing von der Decke herab, doch war nicht zu erkennen, ob er je eine Aufgabe gehabt habe. Um den Appetit zu bremsen, hätte sich in einer Küche aber schwerlich ein besseres Mittel finden lassen.

An einem anderen Platz des Zimmers, zu dem sie hinüberging, stellte sich Grete mit dem Rücken an die Wand, wartete eine Weile und griff dann, mit den Armen leicht schlenkernd, vor sich, wen oder was immer sie dort zu ergreifen hoffte. Es glich mehr einem Spiel, bei dem sie manchmal den Kopf vor und zurück beugte, manchmal auch vor sich hinblickte und lustlos nachsann.

Unsere Mienen drückten dagegen Optimismus aus und schienen so übertreibend wie aufmunternd zu sagen: „Kopf hoch, altes Mädchen, auch wenn der Kragen dreckig ist!“, womit wohl so etwas wie das Durchstehen eines längeren Wartens angezeigt werden sollte, das einer jeden Heilung vorangeht. „Geduld“ hieß unsere Parole. Es war dieselbe Grete, die wir gekannt hatten, und doch ganz anders als seinerzeit; weniger lebensfreudig und oftmals von bedrückender Langsamkeit, doch auch erfüllt von Ruhe- und Rastlosigkeit. Vielleicht hatte ihr Gehör auch gelitten.

Als wir Abschied nahmen, ereignete sich ein kleiner Zwischenfall. Grete glitt auf dem leicht rutschigen Küchenboden aus und fiel, wobei sie auch einen ungefüllten Eimer umstieß. Am meisten lärmte der Eimer. Zwar stand Grete sofort wieder auf, doch rieb sie sich in der Folge manchmal das linke Knie, so dass wir vermuteten, sie habe sich doch stärker verletzt, als sie vielleicht zeigen wollte. Dieses verstohlene Reiben ihres Knies hielt jedenfalls an bis zu unserer Rückfahrt, doch ihr Gesicht schien nie wieder so froh zu werden wie anfangs, als wir eintrafen, so dass wir in dem Brief, den wir ihr am Tag darauf schrieben, noch einmal nebenbei auf diesen Sturz zurückkamen, uns besorgt nach ihrem Befinden erkundigten und ihr „Gute Besserung“ wünschten. In ihrem Antwortschreiben, das sie, ordentlich, wie sie war, einige Tage später schickte, kam sie aber nicht mehr darauf zu sprechen, und in der späteren Zeit erwähnte sie dieses Missgeschick kein einziges Mal mehr.

 

 

Mitte Dezember 2016

Erste Eingabe ins Internet: Mitte Dezember 2016
Letzte Änderung: Montag, 9. Januar 2017

© 2016-17 by Herbert Henck, Deinstedt, Germany